Das Altpapier am 30. April 2020 Markus Lanz im Blutrausch

Boris Palmers "schiefes und dunkles Gedankengebäude" verstört weiterhin die Vernünftigen, sogar einen sonst geduldigen Moderator. Außerdem: Sind wir in der Pandemie-Debatte "jetzt in den Zustand kollektiver Verdrängung eingetreten"? Bekommen die Wissenschaftsfeinde zu viel Aufmerksamkeit? Sind linke Nischenmedien neuerdings "Diskurswächter"? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 30. April 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Droht mal wieder eine "False Balance"?

Man kann sich gut vorstellen, dass beim Spiegel einige Redakteure auf Zinne waren wegen all der Lockdown-Skeptiker, die dort in den vergangenen Tagen in Gastbeiträgen und Interviews performen durften. Das klang ja bereits im Altpapier von Montag kurz an.

Spiegel-Wissenschafts-Redakteurin Nina Weber schreibt nun:

"Die Wissenslücken und Unsicherheiten, die sich in Bezug auf die meisten Fragestellungen zu Covid-19 auftun, sind frustrierend. Umso frustrierender, weil die Antworten, um die die Forschung gerade ringt, aktuell einen gewaltigen Einfluss auf unser Leben nehmen. Auch in Artikeln im Spiegel schimmert dieser Frust zunehmend durch. ‚Das Kapital der Experten ist aufgebraucht, das Image der Virologen angekratzt‘, steht in einem Gastbeitrag - und das klingt so, als hätten sich die Virologen einmal zu oft verschätzt und müssten nun beim nächsten Fehler abtreten. Gleichzeitig lässt es die Frage offen, wer denn an ihre Stelle treten sollte, wenn es darum geht, ein Virus zu verstehen, das erst vor wenigen Monaten entdeckt wurde. Ökonomen? Physikerinnen? Interessierte Laien?"

Wobei sich aus dem genannten Gastbeitrag von René Schlott mir ja eher der "Drama, Baby!"-Sound folgender Passage eingeprägt hat:

"Keines der gesellschaftlichen Funktionssysteme, um mit dem Systemtheoretiker Niklas Luhmann zu sprechen, ist noch intakt: weder die Politik, noch die Wirtschaft, weder die Medien, noch die Kunst, weder die Kultur, noch die Wissenschaft, weder die Bildung, noch die Religion. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen."

Und dann war da ja noch Frank Castorf (Altpapier von Mittwoch). Über ihn schreibt Weber:

"Der Theaterregisseur (…) spricht von 'Dekreten von Virologieprofessoren'. 'Für mich entsteht Erkenntnis aber nicht aus dem Dekret, sondern aus dem Disput, aus der Auseinandersetzung von These und Antithese', sagt Castorf. Unter den vielen nur schwer zu ertragenden Aussagen in seinem Spiegel-Interview verdient dieser eine Satz einen kurzen Applaus, denn er beschreibt ja, wie Wissenschaft im Wesentlichen funktioniert."

Es gelte, "interessiert zur Kenntnis zu nehmen, dass es (…) Menschen gibt, für die jede verordnete Einschränkung oder sogar nur Ratschläge zu Wut führen", schreibt Mely Kiyak in ihrer Zeit-Online-Kolumne, und gemeint ist damit Castorf. Der direkt daran anschließende Satz lautet:

"Dass sie nun alle in einem Topf landen, Wolfgang Schäuble, Juli Zeh, Boris Palmer, hat auch mit der Unfähigkeit der Öffentlichkeit zu tun, zu sortieren und, wo nötig, zu ignorieren, statt sich bis zur totalen Erschöpfung zu echauffieren. Das hat schon etwas Obsessives und nahezu Wahnsinniges, sich immer mit den extremsten Rändern zu konfrontieren – es führt wie immer zu nichts."

Mir ist nicht vollständig klar, was Schäuble beim Thema die Alten und der Tod (siehe erneut Altpapier von Mittwoch und, mit Bezug auf Schweizer Debatten, vor allem die Republik-Kolumne des Philosophen und Mediziners Daniel Strassberg) von Palmer unterscheidet - mal abgeben davon, dass Schäuble in der Rolle des weisen Staatsmanns agiert und Palmer wie ein  Halbstarker. Außerdem: Sind die "extremsten Ränder" nicht längst in die Mitte verrutscht? Siehe Castorf und Palmer, die ja ganz gewiss keine Randfiguren sind. Außerdem schreibt Kiyak:

"Das alles muss es geben dürfen. Die ernsthaften Einwände, die unernsten, die Polemiken, die Satiren, ja, sogar die Aluminiumbürger vor und in den Theatern. So ein von oberster Hand geführter Gesellschaftsumbruch darf nicht unkommentiert bleiben, das wäre wirklich eine Katastrophe."

Dieser Relativismus irritiert mich dann doch etwas. Und die Fomulierung "darf nicht unkommentiert bleiben" fällt in die Kategorie verhängnisvolles Framing: Als ob überhaupt die Gefahr bestünde, dass irgendein Thema "unkommentiert" bleiben könnte. Ich habe eher die Befürchtung, dass in der Berichterstattung eine False Balance entstehen könnte (wie sie in vergleichbarer Form etwa schon beim Thema Klimakrise zu beobachten war), dass also Lockdown-Skeptiker und Wissenschaftsfeinde aus Reichweiten-Gründen und aufgrund eines falschen Ausgewogenheitsverständnis eine Aufmerksamkeit bekommen, die in keinem Verhältnis zu ihrer Kompetenz und Relevanz stehen.

Kurzer Exkurs: Da Mely Kiyak die Satire ins Spiel bringt: Was leistet die eigentlich aktuell? Die Titanic widmet sich La Zeh - und Der Postillon Palmer. Und beide kommen natürlich in dieser hübschen Grafik von @MdBdesGrauens vor.

"Wir sind in den Zustand kollektiver Verdrängung eingetreten"

Wie sich die Pandemie-Debatte in der jüngeren Vergangenheit grundsätzlich verändert hat, beschreibt Felix Bartels in der Jungen Welt:

"Die ersten bemühen schon wieder Grippevergleiche (…) An Stammtischen wie auf Regierungsebene kursiert die Auffassung, dass der Lockdown gar nicht nötig war (…) Wir hatten eine kurze Phase ostentativer, gewiss andere politische Widersprüche glättender, doch notwendiger Zivilcourage. Wir hatten den Coronakonsens. Jetzt sind wir in den Zustand kollektiver Verdrängung eingetreten. Wissenschaft und Humanität werden durch die Propaganda der Wirtschaftsverbände und das volkstümliche Gefühl derer, die Hegel einst als ‚Freiheitsgesindel‘ bezeichnet hat, in die Zange genommen. Diejenigen, die immer bloß sehen, was sie glauben, liefern denen, die immer bloß glauben, was sie sehen, die Argumente. Ohne Studienleiter Hendrik Streeck kein Jakob Augstein. Ohne Wirtschaftslobbyist Michael Hüther kein Armin Laschet."

Bartels’ Fazit:

"In der medialen Sphäre bildet (Christian) Drosten zur Zeit mit Karl Lauterbach, Michael Meyer-Hermann, Mai Thi Nguyen-Kim (Link von mir - RM) und wenigen anderen eine Art Kohorte der Vernunft. Sie haben die Zahlen auf ihrer Seite, die Logik allemal, und im Gegensatz zu denen, die ihnen widersprechen, stehen sie nicht im Verdacht, als Lobbyisten wirtschaftlicher Verbände in der Spur zu sein. Niemand hat einen Nutzen vom Lockdown, keine Lobbygruppe, keine Klasse oder soziale Schicht. Nur die Menschen insgesamt, denn es ist allgemein von Vorteil, nicht zu sterben."

Der leitende Radio-Bremen-Redakteur Jochen Grabler beschreibt in einer Kolumne für butenunbinnen.de die Entwicklung der Debatte inhaltlich ähnlich wie Bartels; Form, Stil und Tonfall unterscheiden sich aber. Grabler zeichnet folgendes Bild:

"Kinder räumen gerne mal ihr Zimmer auf, indem sie das komplette Chaos kreuz und quer in einen Schrank stopfen und die Tür zudrücken. Mit dieser Haltung werden gerade ganze Talkshows bestritten: Ich blende den Teil der Wirklichkeit aus, der mir nicht passt und mach mir dabei die Welt ganz einfach. Blöd nur, wenn man was aus dem Stopfschrank dringend braucht. Und die dreckige Wäsche anfängt zu stinken. Mit anderen Worten: Wir machen uns gerade dümmer, als wir sein könnten."

Grabler nimmt sich dann die üblichen Verdächtigen vor:

"Wenn Christian Lindner oder Armin Laschet die wirtschaftlichen und sozialen Schäden beklagen und für eine breite Lockerung plädieren, dann müssen sie auch die Frage beantworten, wie sie italienische Verhältnisse und den Tod besonders gefährdeter Menschen verhindern wollen (…) Wenn die Schriftstellerin Juli Zeh wie viele andere Intellektuelle die Beschneidung elementarer Freiheiten beklagt, dann sollte sie sich doch wenigstens ansatzweise der Frage nähern, wie denn sonst eine Pandemie bekämpft werden könnte. Kniffelige Frage. Gehört zur intellektuellen Redlichkeit, sich der zu stellen."

Lauterbach "zerpflückt" Palmers "Denkfehler"

Um das von Grabler erwähnte Stichwort Talkshow aufzugreifen: D.J. Frederiksson hat einen "ungewöhnlichen Talk-Abend im ZDF" erlebt, wie er in einer Rezension für die Frankfurter Rundschau schreibt. Zu Gast waren die heute bereits erwähnten Lauterbach und Palmer. Es geht vor allem um dessen

"Aussagen, (…) die Lauterbach 'unerträglich' findet und die auch Lanz sichtlich erschrecken. Entsprechend ist nicht ganz klar, was der Moderator sich von dem Tübinger Bürgermeister erhofft hatte – eine Entschuldigung, eine Erklärung? Sicher ist nur, dass er das nicht kriegt. Im Gegenteil: Palmer legt ein komplettes Gedankengebäude frei, voller schiefer Kanten und dunkler Ecken. Leider entpuppt es sich als genau der Plan, den Großbritannien im März propagiert hat, bevor die Regierung nach zwei Wochen vehementer Proteste der Wissenschaften eilig umschwenkte und seitdem der verlorenen Zeit nachtrauert. Was die britischen Wissenschaftler bereits vor Monaten gemacht haben, macht SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nun nochmal schnell in zwanzig Minuten: Er zerpflückt die vielen, vielen Denkfehler dieser Theorie (…)."

Das war aber, zumindest unter Unterhaltungsaspekten, wohl noch nicht der Höhepunkt der Sendung, denn:

"Lanz (ist) aufgebracht, beinahe cholerisch, als er Palmer und seine 'hanebüchen vorgetragene Idee', die 'medizinisch vollkommen undenkbar' ist, wieder und wieder angeht. Irgendwann springen die anderen Gäste ein und versuchen, den Moderator im Blutrausch von seinem argumentativ bereits völlig zerstörten Opfer herunterzuziehen. Aber auch sie brauchen mehrere Versuche, bis Lanz sich beruhigt."

Der "Opfermythos" in Spielfilmen über die NS-Zeit

Dass Themen jenseits von Corona in dieser Kolumne derzeit unterrepräsentiert sind, ist nicht leicht vermeidbar. Dennoch sei heute der Versuch unternommen, der Entwicklung ein bisschen entgegen zu wirken. Zum Beispiel mit einem Verweis auf eine Tagesspiegel-Rezension, die Christoph David Piorkowski zu Samuel Salzborns Buch "Kollektive Unschuld: Die Abwehr der Shoah im deutschen Erinnern" geschrieben hat. "Mit dem Mythos einer schonungslosen Aufarbeitung der nationalsozialistischen Menschheitsverbrechen" sei es "nicht so weit her", meint Piorkowski. Die Kritik, die der Politikwissenschaftler Salzborn in seinem Essay formuliert, richtet sich auch an ARD und ZDF. Piorkowski fasst sie folgendermaßen zusammen:

"In den oft jeden historischen Kontext verleugnenden Debatten um deutsche Flüchtlinge oder Bombenopfer in Dresden und in Filmen wie ‚Die Gustloff‘ und ‚Der Untergang’ sieht Salzborn den Opfermythos nach wie vor am Werk. Dass etwa die späteren Flüchtlinge an der völkischen Germanisierungspolitik einen gehörigen Anteil hatten, und demnach nicht von ungefähr vertrieben wurden, werde häufig verleugnet. Die Shoah erscheine dabei im postmodernen Nebel einer allgemeinen Gewaltkritik als eine Katastrophe unter vielen."

In diesem Zusammenhang sei auch noch einmal an den Historiker Hannes Heer erinnert, der im vergangenen Herbst sagte, dass "der Geschichtsrevisionismus der AfD" an Filme wie "Der Untergang" und "Unsere Mütter, unsere Väter" anknüpfe (Altpapier).

Wenn die Justiz lahmt

Die Linken-Politikerin Martina Renner bringt uns auf ihrer Website auf den aktuellen Stand in einer Sache, die wir hier im Altpapier regelmäßig im Blick hatten. Es geht um einen neonazistischen Angriff auf zwei Journalisten im thüringischen Fretterode, der für die Opfer beinahe tödlich geendet wäre. Renners Beitrag ist ein Jahrestags-Text: Am gestrigen Mittwoch jährte sich der Angriff zum zweiten Mal.

Dieses Altpapier war das erste zum Thema, in unter anderem diesem geht es ebenfalls ausführlich um den Fall. Renner rekapituliert:

"Ausgehend vom Grundstück des Neonazis und NPD-Funktionärs Thorsten Heise in Fretterode hatten (die Beschuldigten) die Journalisten mit dem Auto verfolgt und sie u.a. mit einem Messer und einem etwa 40 Zentimeter langen Schraubenschlüssel attackiert."

Die Angreifer sind zwar auf Fotos zu identifizieren, aber passiert ist auf juristischer Ebene recht wenig:

"Nach dem Abschluss der schleppenden Ermittlungen und der Anklageschrift im Februar 2019 ist es nicht einzusehen, dass das zuständige Landgericht immer noch keine Entscheidung über die Zulassung der Anklage getroffen hat."

Renner weist auch darauf hin, dass der eine Beschuldigte unbehelligt in die Schweiz rübermachen und dort "eine Ausbildung (…) beginnen konnte" und der andere "bei Neonazi-Aufmärschen (…) absurderweise Ansprechpartner für Medien" war. Wie genau gelangte der braune Heizungsinstallateur-Azubi an seinen Job? Siehe dazu einen Beitrag in "Report München" im vergangenen Sommer. Den wohl besten Überblick über den Fall liefert der neue Blog tatort-fretterode.de.

Ein Magazin als "Bühne für die Engagierten"

Ist Dresden als Medienmetropole möglicherweise ein bisschen unterschätzt? Jedenfalls hat hier eine neue Zeitschrift ihren Sitz, die in dieser Woche in gedruckter Form an den Start gegangen ist: Das Magazin Veto will "eine Bühne für die Engagierten im Land" sein bzw. sich "den vielen mutigen Menschen, ihren Ideen, Idealen und Initiativen (…) widmen".

Einer der Beiträge in der ersten Nummer: ein Doppel-Interview mit Anja Reschke, Leiterin des Programmbereichs Kultur und Dokumentation beim NDR, und der Medienforscherin Wiebke Loosen. Interviewerin Susanne Kailitz fragt Reschke unter anderem:

"Sie gelten als Journalistin mit Haltung - und erleben viel Hass."

Die "Panorama"-Moderatorin sagt dazu:

"Ich habe über diese Zuschreibung viel nachgedacht und darüber, warum sie mich stört. Ja, ich habe eine Haltung und ich bin ganz sicher in der Lage, Dinge pointiert zu formulieren, deshalb entfaltet so ein Tagesthemen-Kommentar von mir so eine Wirkung. Aber die Haltung dahinter, dass ich gegen die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion oder sonstiges bin, ist nicht wahnsinnig herausragend. Das ist Teil unsere Grundgesetzes."

"Wahnsinnig herausragend" ist die Haltung möglicherweise nicht, aber sie fällt deshalb auf, weil in Beiträgen von immer mehr etablierten Journalisten die Gegenhaltung deutlich wird oder zumindest durchschimmert. Reschke sagt des weiteren:

"Mich ärgert (die) Behauptung immer, dass ich Gegenwind bekäme, weil ich Haltung zeige. Nach dem Motto: Wenn sie ihren Mund nicht so weit aufgerissen hätte, würde sie nicht solche Kommentare bekommen. Das ist Unfug."

Das Interview dürfte lange vor der Pandemie entstanden sein, aber sich gegen die "Abwertung von Menschen" stark zu machen - das ist eine sehr aktuelle journalistische Aufgabe angesichts des medialen Wirkens des grünen Menschenabwerters aus Tübingen.

Breaking: FAZ entdeckt neue "Diskurswächter"!

Anfang Oktober bin ich an dieser Stelle eher en passant auf eine in der Zeitschrift konkret erschienene "sehr kritische Betrachtung eines von Journalisten und Juroren ansonsten heftigst gefeierten Buchs der Soziologin Cornelia Koppetsch" eingegangen. Der Verfasser des zitierten Textes: Tom Uhlig. Er schrieb noch zwei weitere Texte zu Koppetsch für die Jungle World.

Am Mittwoch ist in nun im Geisteswissenschafts-Ressort der FAZ eine Replik erschienen. Es ist hier nicht unbedingt der geeignete Platz für eine Auseinandersetzung mit der inhaltlichen Argumentation, aber auf zwei offenkundige Absurditäten kann man eingehen. Die Autorin Sara Rukaj wirft Uhlig vor, er verbreite "Phantasien darüber, ob Koppetschs Mitarbeiter und Freunde der Wählerklientel der AfD angehörten". Tatsächlich hatte Uhlig aus Koppetschs Danksagung zitiert: "Schließlich bedanke ich mich … bei meinen Bekannten aus der AfD, die mir in vielen Diskussionen ihre gesellschaftlichen Sichtweisen dargelegt haben."

Uhlig, so Rukaj weiter, komme aus einem Milieu, das geprägt sei von "einer scheinbaren Toleranz, die bei ausbleibendem Konsens sofort in Denunziation umschlagen kann – ein Verhalten, das Kritiker wie Uhlig aus der Perspektive des zivilgesellschaftlichen Oberaufsehers an Koppetsch selbst exekutieren".

Man kennt das ja von konservativen Journalisten, dass sie sich lustvoll laben an der vermeintlichen Gefahr, die von links für den freien Diskurs ausgeht. Aber dass die FAZ einen Autor, der für Nischenblätter wie konkret und Jungle World arbeitet (Disclosure: Ich schreibe sporadisch für konkret, sehr selten für die Jungle World), zu einem "zivilgesellschaftlichen Oberaufseher" bzw. die genannten Medien zu "Diskurswächtern" (siehe Überschrift) hochstilisiert - das hat dann schon noch eine neue Qualität.

Auch der Soziologe Floris Biskamp, der in dem FAZ-Text ebenfalls erwähnt wird, amüsiert sich bei Facebook darüber, welche Macht die FAZ hier ehrenwerten kleinauflagigen Medien zuschreibt. Und Uhlig hat die Formulierung "zivilgesellschaftlicher Oberaufseher" dann gleich mal in seine Twitter-Bio eingebaut.


Altpapierkorb (Arschloch-Bühne "Promis unter Palmen", Antisemitismus in der Sychronfassung einer pädagogischen Serie, Hannelore Kohl, Mosaik)

+++ Um mal kurz mit einem Kalauer neuen Schwung in die Bude zu bringen: Palmer bei Sat 1 - das war gestern hier ein Thema und teilweise auch heute noch weiter oben. Palmen bei Sat 1 hätten wir aber auch noch anzubieten. Beziehungsweise: Auseinandersetzungen mit der der Sat-1-Sendung "Promis unter Palmen". Anja Rützel (Spiegel) kritisiert: "Fernsehen darf Weltsichten ausstellen, die schrecklich sind und schmerzen – aber es steht dann auch in der Pflicht, diese schiefen Werte zu kommentieren, einzuordnen oder zu bewerten. Also: eine Haltung zu beziehen. Aber wenn die Off-Stimme nicht einschreitet, um Sexismen und Mobbing zu benennen, werden diese Gafflustfütterungen gefährlich - weil sie Verurteilenswertes ohne diese Einordnung eben vor allem auch reproduzieren." Für Nora Voit (Übermedien) ist die Sendung "eine Bühne für Arschlöcher, eine Spielwiese für Anti-Solidarität, ein Rückschlag für die Gleichberechtigung". Ihr Fazit: "Ein Sender, dem jedes Mittel für die gute Quote recht ist, Kandidat*innen, die Gift spucken und eine Branche, an der offensichtlich sämtliche Debatten der vergangenen Jahre vorbeigezogen sind: FürKulturpessimistenwäre "Promis unter Palmen" ein Anlass, mal wieder den Tiefpunkt der Fernsehunterhaltung auszurufen."

+++ "Wie kann es sein, dass es eine solche antisemitische Szene vor fast 35 Jahren in die deutsche Synchronisation einer Serie geschafft hat – noch dazu einer pädagogischen Serie für Kinder und Jugendliche im öffentlich-rechtlichen Fernsehen? Und wie kann es sein, dass das bis heute keinem Verantwortlichen aufgefallen ist?" Das fragt, ebenfalls bei Übermedien, Steffen Niggemeier. Es geht um "Es war einmal … das Leben", aktuell unter anderem zu sehen bei ARD alpha.

+++ Ich kenne Stefan Austs und Daniel Bäumlers ARD-Dokumentarfilm "Hannelore Kohl – Die erste Frau" nicht, aber ich bilde mir ein, ihn sehr genau vor Augen und Ohren zu haben, wenn ich in Tilmann P. Gangloffs Rezension für den Tagesspiegel lese: "Das textreiche Konzept ist ohnehin klassisch, fast schon konventionell, zumal Aust und Bäumler nebenbei noch die Weltgeschichte abhaken: Es geht derart im Eiltempo durch Kindheit und Nachkriegsjahre, als hätte das Leben von Hannelore Renner tatsächlich erst durch die Heirat mit Helmut Kohl (1960) seinen Sinn bekommen." Heribert Prantl schreibt in der SZ: "Es ist ein Film über Hannelore Kohl; aber es gibt auffallend lange, zu lange Passagen, die nur von Kohls Politik handeln und von ihrer Person ganz abgehängt sind: der Machtkampf zwischen Strauß und Kohl; Reagan; Gorbatschow, die Einheit."

+++ In seiner Mittwochskolumne für die taz formuliert MDR-Kollege Steffen Grimberg den Wunsch, Silke Burmester möge ins operative Medienkritikgeschäft zurückkehren.

+++ Zum Thema Corona-Krisenfolgen, die sonst nicht viel Beachtung finden: "Herausgeberinnen wissenschaftlicher Zeitschriften vermelden, dass Einreichungen von Männern in den vergangenen Wochen um 50 Prozent gestiegen sind, während Wissenschaftlerinnen quasi überhaupt keine Texte mehr vorlegen. Das erklärt sich wohl auch dadurch, dass letztere zu Hause mit den Kindern beschäftigt sind – egal in welchem Fach sie sich habilitiert haben. Männer denken hingegen offensichtlich eher, sie müssten anderen die Welt erklären." Das berichtet der Tagesspiegel.

+++ Halbwegs gute Nachrichten gibt es aus dem Comiczeitschriftengenre. Zumindest Mosaik, die auflagenstärkste Comiczeitschrift des Landes, ist von der Coronakrise noch nicht so stark betroffen. Das hat ebenfalls der Tagesspiegel in Erfahrung gebracht.

Neues Altpapier gibt es wieder am kommenden Montag.

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