Das Altpapier am 1. Februar 2021 Schluss mit dem Herunterbrechen!

Die WDR-Pläne, im Hörfunk Literaturrezensionen zu streichen, zeigen mal wieder die "Verachtung, die manche Medienmacher offenbar ihrem Publikum entgegenbringen". Auch mit einer dieternuhresken TV-Talkshow ist der WDR gerade negativ im Gespräch. Außerdem: Inwiefern ist es mit den hehren Programmkonzepten von One und ZDFneo vereinbar, dass beide Angebote bloß lineare Mediatheken sind? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 1. Februar 2021: Porträt Autor René Martens
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Geldnot, Quotendruck, Mutlosigkeit

Wenn öffentlich-rechtliche Radiosender Teile ihrer Kulturberichterstattung abschaffen, kürzen oder mit Hilfe von reichlich Wortgeklingel eine "Modernisierung" ankündigen bzw. androhen, scheint das stets ein guter Ausgangspunkt zu sein, um umfänglicher Grundsatzkritik an den Öffentlich-Rechtlichen Raum zu geben. So war es im Sommer 2019, als die FAZ anlässlich von Reformankündigungen für HR2 für Statements aus dem Kulturbetrieb teilweise ihre gesamte Medienseite frei räumte (Altpapier), so ist es nun bei den Plänen des WDR, in der WDR3-Sendung "Mosaik" die tägliche Literaturrezension abzuschaffen (Altpapier).

Die FAZ war in dieser Sache in der abgelaufenen Woche gleich mit zwei Kommentaren am Start, beide Autoren - Jan Wiele und Michael Hanfeld - äußerten sich dabei süffisant zur Rhetorik des WDR-Halbgotts Matthias Kremin (Altpapier). Hanfeld etwa so:

"Was aus den Offizialetagen des WDR verlautet, erinnert (…) sehr an den Nebelkerzenweitwurfmarathon, mit dem der Hessische Rundfunk den Umbau der Kulturwelle HR2 begleitet hat."

Der "Nebelkerzenweitwurfmarathon" dürfte in den Trainingscamps für Führungskräfte der Öffentlich-Rechtlichen tatsächlich zu den wichtigsten Weiterbildungseinheiten gehören.

Den richtig großen Aufschlag in Sachen Literaturkritikkürzungen macht aktuell die SZ, sie hat in ihrer Samstagsausgabe auf einer Seite im Feuilleton Statements von elf Verlegerinnen und Verlegern versammelt (79 Cent bei Blendle). Die Kritik reicht vom Speziellen ins Allgemeine, das heißt unter anderem, die Kritik an den Verantwortlichen des öffentlich-rechtlichen Radios mündet in eine weiter ausholende Medienkritik, etwa bei Suhrkamp-Verleger Jonathan Landgrebe:

"In Deutschland (…) wird der Raum, der der Literaturkritik eingeräumt wird, kleiner und kleiner - ob im Fernsehen, Hörfunk oder in den Zeitungen, es scheint vor allem die klassische Rezension zu sein, die dem Mix aus Geldnot, Quotendruck und Mutlosigkeit zum Opfer fällt."

Susanne Schüssler (Wagenbach) geht an einer Stelle noch über Medienkritik hinaus:

"Heute sind Schule, Printmedien und die Öffentlich-Rechtlichen getrieben vom Wunsch, niederschwellig zu sein. Jeder soll alles verstehen, alles muss 'heruntergebrochen' werden. Sie erziehen zu Konsumenten, die sich abschotten gegen Komplexität, und schüren nicht das Gefühl: Verdammt, warum weiß ich das nicht? Literaturkritik ist Gesellschaftskritik, und wir brauchen Sendungen, die uns das Komplexe, Schwierige, Neue, Andere zeigen, das in Büchern verhandelt wird."

Bratkartoffeln mit Elke Heidenreich

Etwas konkreter auf den Umgang mit Literatur im Radio kommt Kletta-Cotta-Verleger Tom Kraushaar zu sprechen:

"(Es) werden Literatursendungen gestrichen, gekürzt, immer weiter in die Nacht geschoben. Oder die Literaturkritik wird in den dahinfließenden Brei aus wahlweise verschmunzeltem oder überdrehtem Debattenthemenjournalismus eingespeist. Alles daran ist falsch. Es ist verantwortungslos, fahrlässig und langweilig, und es offenbart die Verachtung, die manche Medienmacher offenbar ihrem Publikum entgegenbringen."

Landgrebe schreibt zu diesem Aspekt.

"Die Auseinandersetzung mit Büchern wird weder besser noch lesenswerter oder günstiger, wenn sie - vermeintlich - 'zeitgemäßer' wird, sich in neuen Formaten auflöst und in sich ähnelnden Porträts und Interviews mündet."

Als Kraushaar an "Verschmunzeltes" und Landgrebe an "vermeintlich 'Zeitgemäßes'" dachten, hatten sie womöglich den NDR-Podcast "eat.READ.sleep" im Kopf, den Gottseibeiuns unter den Literaturkritik-Formaten. Im November trug eine Folge den Titel "Bratkartoffeln mit Elke Heidenreich", und die Ankündigung verdient es, zitiert zu werden:

"Warmes Wohlfühlessen für Novembertage: Daniel und Jan machen sich auf die Suche nach den besten Bratkartoffeln. Elke Heidenreich gibt Einblicke in ihren Kleiderschrank und rät zu mehr Mut zum Samtjackett. Dazu gibt es eine leidenschaftliche Tausend-Seiten-Empfehlung von Daniel, ein Tipp für Schullektüre von Jan und eine - nur vermeintlich - leichte Frage: Wie hieß eigentlich Robinson Crusoe?"

Warum nicht einmal in der Woche "Klima vor 8"?

Nach diesem Ausflug ins Heitere als Kontrast nun ein eher staatstragendeses Zitat aus den Statements der Verleger. Kerstin Gleba (Kiepenheuer & Witsch) sagt zum Beispiel:

"Wenn die Öffentlich-Rechtlichen nicht zum Totengräber des offenen demokratischen Diskurses werden wollen, sollten sie ihren Kulturauftrag ernst nehmen."

Ein ähnlich großes Fass macht der frühere HR-Justiziar Jürgen Betz an einer Stelle seines sehr langen, derzeit nicht online stehenden epd-medien-Leitartikels zur Reform des öffentlich-rechtlichen Auftrags auf. Er zitiert Martin Stock, den ersten hessischen Ministerpräsidenten, der 1948, bei der Gründung des Hessischen Rundfunks, an den damaligen Intendanten und die Journalisten des Senders appellierte:

"Hüten Sie (…) den Äther, eines der heiligsten Güter eines Volkes; vor allem die Freiheit, unter der Sie selbst arbeiten können! Schenken Sie dem Geist der Freiheit und Demokratie Gehör. Wenn Sie einem Geist Gehör schenken, der Freiheit und Demokratie töten will, müssen Sie wissen, dass Sie sich und Ihrem Volke damit den Untergang bereiten. Sie dienen keiner Partei, Sie dienen keiner Sekte, Sie dienen keiner Gruppe von Parteien, Sie dienen dem ganzen Volke. Ihr schärfster Kampf muss daher denen gelten, die die demokratische Freiheit und den Frieden der Welt zu stören versuchen."

Mit solchen Appellen ist heute nicht mehr zu rechnen, weil Ministerpräsidenten auch von den Feinden der "demokratischen Freiheit" gewählt werden wollen - und eine Umsetzung wäre unrealistisch, weil die Sender von jenen gemocht werden wollen.

Darüber hinaus - jetzt kommen wir erst einmal zu eher kleineren Fässern - macht Betz zahlreichen konkrete Programmveränderungsvorschläge. Zum Beispiel:

"Auf einen der vielen oft nervigen Trailer für Krimis zu verzichten, wäre ein Gewinn. ARD-alpha strahlt seit November 2020 Sendungen zum Thema Demokratie aus. Nur: Wer kennt ARD-alpha? Und bewirbt die ARD diesen Kanal oder wenigstens diese Sendungen? Nein!"

Ein weiterer Vorschlag: Dass die Öffentlich-Rechtlichen in ihren linearen Hauptprogramme stärker darauf zurückgreifen, was der "Faktenfinder" der ARD und vergleichbare Teams online leisten. "Einmal wöchentlich oder zumindest einmal monatlich" könne man doch im "Heute-Journal" oder in den "Tagesthemen" etwas Besonderes herausgreifen, meint Betz.

Eine Intervention in eine bereits laufende Debatte ist in folgender Passage zu finden:

"Wäre es nicht sinnvoll, wenn die ARD im Ersten zwischen 19.40 und 20 Uhr eine Reihe kurzer Beiträge einführen würde, die sich mit dem Thema Klima- und Umweltschutz befassen, aufklären und Tipps geben, was jeder Einzelne für unsere Umwelt und unser Klima tun kann? Es gibt eine Initiative 'Klima vor 8', die eine solche Sendung fordert, durchaus zu Recht. Vor 20 Uhr gibt es bereits kleinere Sendungen wie 'Wissen vor 8', 'Wetter vor 8' oder 'Börse vor 8'. Warum nicht auch 'Klima vor 8', wenigstens einmal in der Woche?"

Unter anderem in einem Altpapier aus dem September standen schon mal einige Worte zur Initiative "Klima vor 8". Nicht zuletzt kritisiert Betz, dass One und ZDFneo, kurz gesagt, bloß lineare Mediatheken sind - ganz anders, als es in den "recht hehren Programmkonzepten", die die Bundesländer einst abgesegnet haben, niedergeschrieben ist.

Wer bedroht die Freiheit der Medien?

Im Leitartikel der Medienkorrespondenz, also des anderen kirchlichen Fachdienstes, macht sich Stefan Raue, der Intendant des Deutschlandradios, Sorgen um die Medienfreiheit:

"Die Ressentiments gegenüber den Medien werden immer offensiver und immer radikaler ausgelebt: immer schlechter, immer weniger, immer dünner, immer oberflächlicher, immer geschwätziger, immer elitärer, immer trivialer; es wäre eine Forschungsarbeit wert, den konkreten Bezugspunkt solcher Niedergangsorakel zu rekonstruieren. Auf welchen wohl idealen Zustand der Medien in den vergangenen Jahrzehnten beziehen sich diese Vergleiche? (…) Die Maßlosigkeit dieser Form der Medienkritik (…) korrespondiert zumindest fahrlässig auf verhängnisvolle Weise mit den Desinformationskampagnen der 'Querdenker' und ihrer politischen Verbündeten. Deren Verschwörungsnarrative, Paranoia und wüste Attacken gegen Parlamente, Politik, Wissenschaft und Medien (…)(…) zielen darauf ab, ein plurales Mediensystem nicht nur zu delegitimieren, sondern zu beseitigen."

Problematisch ist in diesem Kontext ja nun vor allem, dass solche auf den ersten Blick radikalen Positionen in der sogenannten Mitte anschlussfähig sind. Um es mit Raue zu sagen:

"Die Freiheit der Medien wird in unserem Land nicht durch Zensur, Polizei und Justiz bedroht; es ist eher der demonstrative und unverhohlen geäußerte Wille vieler Player bis hinein in die demokratischen Parteien, den Medien ihre Widerständigkeit, ihre Sprunghaftigkeit, ihre Unkalkulierbarkeit, ihre Angriffslust, ihre Widersprüche, ihr gärendes Eigenleben und letztlich ihre Unabhängigkeit zu nehmen. 'Dafür zahlen wir den Rundfunkbeitrag nicht', ist ein Lieblingssatz vieler Politiker und man ahnt, wofür sie den Beitrag gerne zahlen würden."

Die Talk-Variante einer Dieter-Nuhr-Sendung

Zu den Schwächen der nicht-maßlosen Medienkritik gehört, dass allzu viele, gelinde gesagt: problematische Sendungen, Beiträge und Formate von niemandem wahrgenommen werden - also jedenfalls nicht von halbwegs reichweitenstarken Meinungs-Influencern.

So war es bis zum Wochenende auch mit "Die letzte Instanz - Der Meinungstalk mit Steffen Hallaschka", eine Sendung, von der seit Herbst 2019 zwei Staffeln à vier Folgen im WDR Fernsehen gelaufen sind. Es handelt sich hier um eine von der Firma Ansager & Schnipselmann (einer der Geschäftsführer: Frank Plasberg) produzierte Dampfplauderer-Runde, in der die Positionen des Daswirdmandochwohlnochsagendürfismus nicht unterrepräsentiert sind. Regelmäßiger Talkgast: Karl-Heinz "Kalle" Schwensen, "Hamburgs Vorzeige-Zwielichtgestalt" (Spiegel). Manche Leser aus Hamburg werden nun vermutlich ausrufen: "Kalle" Schwensen in einem öffentlich-rechtlichen "Meinungstalk"? What the fuck! Aber beim WDR geht wirklich alles.

Aufmerksamkeit auf die Sendung lenkte nun die Comedienne Enissa Amani. Eine in der Nacht von Freitag auf Samstag gesendete Wiederholung einer Ende November erstausgestrahlten Show animierte sie zu einem 22-minütigen Wutvideo bei Instagram. Aufrufe bisher: 1.011.014 (Stand: heute, 7.51 Uhr).

Die inkriminierte Sendung, in der auch Thomas Gottschalk mitmischte, ist kurz gesagt ein Rassismus-Relativierungsfestival, das wie die Talk-Variante einer Dieter-Nuhr-Sendung anmutet. Als die Rede auf den Zentralrat der Sinti und Roma kommt und dessen Kritik an der Verwendung des Z-Worts, sagt beispielsweise der Talkgast Janine Kunze (Ich habe nicht gegoogelt, wer das ist, aber Plasbergs Leute werden schon einen Grund gehabt haben, sie einzuladen):

"Da sitzen wahrscheinlich zwei, drei Leute – und ich will niemandem zu nahe treten –, die haben vielleicht auch nichts Besseres zu tun und fangen dann so einen Quatsch an."

Beim Spiegel ist eine kurze Zusammenfassung der Sendung und der Reaktionen zu haben, bei der Berliner Morgenpost eine längere. Hier hatte die Redaktion zunächst in kleiner Schriftgröße eine knackige Oberüberschrift mit der Frage "Ist Thomas Gottschalk ein Rassist?" im Angebot, später machte sie daraus dann aber "Warum Thomas Gottschalks Aussagen empören". Was die Kritik an Gottschalks Wortmeldungen betrifft: Um Blackfacing geht’s dabei unter anderem.

Von den zahlreichen Einschätzungen, die bei Twitter kursieren, sei die des Soziologen Floris Biskamp hervorgehoben:

"Ich glaube nicht, dass es da um eine 'zunehmende Normalisierung' von Rassismus, Sexismus usw. geht. Vielmehr kämpfen diejenigen, die berufsmäßig und lustvoll rassistisch, sexistisch usw. sprechen darum, dass das normal bleibt."

Wer ganz wenig Zeit hat, aber wissen will, was da los war: In diesen wenigen Sekunden scheint mir die Sendung recht gut zusammengefasst zu sein. Wer etwas länger Zeit hat: Dieser Ausschnitt dauert eine Minute. Wer die ganze Sendung gesehen hat und eine Programmbeschwerde verschicken möchte, aber keine Zeit hat fürs Ausformulieren, der findet - Achtung, Download! - im Netz bereits ein Fertigprodukt.

Wissenschaftsjournalismus funktioniert anders als Politikjournalismus

Dass Politikjournalisten seit Beginn der Pandemie recht oft die Arbeit von Wissenschaftsjournalisten konterkarieren - darauf hat Volker Stollorz, der Redaktionsleiter des Science Media Centers, zuletzt recht oft hingewiesen. Hier nebenan kam das unter der Zwischenüberschrift "Die Kriterien für die Expertenauswahl" vor, und im ersten Altpapier des Jahres 2021 haben wir aus einem Jahres-Rückblick von ihm zitiert, in dem er kritisierte: "Zu übermächtig waren in vielen Medien die Reflexe, jede Einschätzung aus der Wissenschaft mit einer Gegenposition zu kontrastieren", wodurch "Zweifel" an dem geweckt wurden, "was längst wissenschaftlicher Konsens war".

Silke Jäger widmet sich bei den Krautreportern nun ebenfalls diesem Aspekt:

"Seit einem Jahr streiten (…) gefühlt alle mit, was die richtige Behandlung ist (…) So wie der Onkel, der ein Wundermittel gegen Gicht kennt, das sich als nicht wirksam, dafür aber sehr teuer herausstellt. Von solchen Onkeln gab es einige in der öffentlichen Debatte. Und sie wurden gerne interviewt und in Talkshows eingeladen, weil es so aussah, als würde das dem journalistischen Prinzip dienen, beide Seiten in einer Debatte zu Wort kommen zu lassen. Konträre Meinungen wurden gern genommen, weil sie sich leicht gegenüberstellen lassen – so funktioniert politischer Journalismus, so kennt man ihn."

Man könnte natürlich einwerfen, dass politischer Journalismus, der gestrickt ist wie beschrieben, leider oft auch eher schlecht funktioniert. Aber wir können diesen Einwand im aktuellen Pandemie-Kontext erst einmal hintanstellen. Wichtig ist Folgendes:

"Wissenschaftsjournalismus ist anders. Er ist in der Pandemie zwar aufgeblüht, in großen Nachrichtenformaten und reichweitenstarken Sendungen ist aber hauptsächlich politisch diskutiert worden – selbst dann, wenn Wissenschaftler:innen zu Wort kamen. Es ist aber nicht sinnvoll, mit den Mitteln des Politikjournalismus über eine Pandemie zu berichten. Denn es ist ein großes Missverständnis, dass der wissenschaftliche Diskurs dem politischen Diskurs gleicht. Wissenschaftler:innen streiten durch ihre Forschungsarbeit. Wer nicht publiziert, redet nicht mit. Deswegen ergibt es keinen Sinn, wenn sich Wissenschaftler:innen wie Christian Drosten oder Sandra Ciesek an einen Tisch mit Sucharit Bhakdi oder Wolfgang Wodarg setzen, um das Ganze mal auszudiskutieren. Bhakdi und Wodarg wären im wissenschaftlichen Diskurs nur dann ernstzunehmende Gesprächspartner, wenn sie Forschungsarbeiten vorlegen würden. Sachbücher schreiben und Youtube-Videos drehen, reicht dafür nicht aus."

Ein recht prominentes konkretes Beispiel dafür, dass nicht-wissenschaftsjournalistischer Journalismus über Wissenschaftsthemen in die Hose gehen kann, war in den vergangenen Tagen die Berichterstattung über den Impfstoff Astra-Zeneca. Konkret: die zunächst vom Handelsblatt in die Welt gesetzte Information, dass dieser bei über 65-Jährigen kaum wirke - obwohl sich das "wegen noch fehlender Daten in dieser Altersgruppe" (Christian J. Meier/Übermedien) gar nicht sagen lässt.

Über die mindestens irreführende Informationen ereifert sich der bereits erwähnte Volker Stollorz: Was "politische Journalist*innen" in dieser Sache verbreiteten, sei "wirklich wissenschaftlicher Unsinn". Denn: "Absense of Evidence is not evidence of Absence." Sehr viel Ausführlicheres dazu findet sich in einem "Press Briefing" des Science Media Centers. Und bei Übermedien geht es um dieses Thema nicht nur in dem eben bereits kurz zitierten Artikel, sondern auch im aktuellen Podcast.


Altpapierkorb (Der Spiegel und der HSV, medienpolitikfreies Medienpolitiker-Porträt, Amthor-Memes)

+++ Was es auf sich hat mit einem mittelbar von offenbar hochrangigen Spiegel-Leuten verantworteten Weidwundschuss in einem Branchendienst und einem Offenen Brief von 136 Spiegel-Mitarbeitern, die das Opfer, die Chefredakteurin Barbara Hans, verteidigen - darauf gehe ich für die taz ein. Spoiler: Es geht darin auch um Gemeinsamkeiten zwischen dem Spiegel und dem HSV. Der Tagesspiegel widmet sich ebenfalls dem "neuen Kapitel der Spiegel-Soap".

+++ Um beim Spiegel zu bleiben: Dass der mediale Stellenwert der Medienpolitik jenseits der Berichterstattung über Beitragserhöhungs-Kipppunkte recht gering ist, zeigt ein in der aktuellen Ausgabe des Magazins erschienenes Nathanael-Liminski-Porträt (€). Liminski sei der "wichtigste Berater" Armin Laschets, heißt es in dem Text. Aber dass er als Chef der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei auch operativ zuständig ist für die Medienpolitik des Landes - dazu findet sich kein Wort. Ein kleiner Schlenker hätte ja gereicht. Zumal nicht jede im Artikel gelieferte Information unverzichtbar ist. Man erfährt zum Beispiel, Laschet und Liminski hätten "denselben Humor. Es werde viel gelacht, wenn sie zusammen sind, heißt es aus ihrem Umfeld".

+++ In ihrem Meme-Analyse-Newsletter "Phoneurie" widmet sich Berit Glanz unter anderem Philipp Amthor: "Bilder des CDU-Politikers (…) bilden regelmäßig Vorlage für Memes und er ist dadurch im politischen Diskurs präsenter, als es mit Blick auf seine konkreten Funktionen angemessen wäre. Dies liegt (unter anderem) daran, dass es zwischen Philipp Amthors Alter und seiner Selbstpräsentation eine auffallende Diskrepanz gibt: Er verhält sich regelmäßig wie der jüngste Großvater Deutschlands." Glanz erwähnt auch, dass Amthor bei seiner Arbeit "an der Selbstdarstellung als Meme  (…) auch nicht vor Abstechern in das ganz rechte Feld zurückschreckt. Zuletzt sang er auf Clubhouse das auch bei der NPD beliebte Pommernlied und lieferte damit Futter für ein neues Meme, das sich auf den singenden Amthor bezog und dabei auch auf sein gefährliches Spiel mit rechter Provokation verwies." 

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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