Das Altpapier am 18. November 2022 Medialer Probealarm

Die Medienkritik zum Raketeneinschlag in Polen geht weiter – obwohl die Berichterstattung sich auch als gelungene Generalprobe lesen lässt. Berichte vom Klimagipfel haben es währenddessen schwer. Ein Altpapier von Annika Schneider.

Das Altpapier am 18. November 2022: Porträt der Altpapier-Autorin Annika Schneider
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Und wieder grüßt die Klimakonferenz

"Lirum Larum Löffelstiel, bei der Klimakonferenz passiert nicht viel."

So lautet das Fazit, dass die Satiriker von der NDR-Sendung "extra 3" schon einmal zum Klimagipfel in Scharm el-Scheich ziehen, bevor er in Kürze zu Ende geht. Das Video, in dem ein frustrierter Reporter die immer gleichen Bilder und Statements der Gipfel kommentiert, ist nicht nur ziemlich lustig, sondern bringt auch gut auf den Punkt, warum die Klimakrise es in den Medien weiterhin so schwer hat.

  1. Die grundlegende Botschaft bleibt immer die gleiche, daran ändert auch der neue Anlass (wieder eine Konferenz) nichts.
  2. Die Horrorszenarien, die drohen, haben sich inzwischen abgenutzt. Kaum jemand zuckt noch vor dem Fernseher zusammen, wenn vor den Folgen von zwei Grad Klimaerwärmung gewarnt wird.

Trotzdem ist vielen Redaktionen inzwischen anzumerken, dass sie sich um mehr Klimaberichterstattung bemühen – und wir sprechen hier von fundierter Berichterstattung zum Thema selbst, nicht von Seitendiskussionen über angeblichen Terrorismus auf Autobahnen.

Sogar die ARD hat sich inzwischen dazu durchgerungen, mit "KlimaZeit" ein Format zu schaffen, dass im Wochenrhythmus Hintergründe beleuchtet (Pressemitteilung). Mit der Platzierung direkt vor der "Tagesschau" kommt der Sender damit sogar den einst abgeschmetterten Forderungen der Initiative "Klima vor acht" nahe (Altpapier und Altpapier) – allerdings nur bei tagesschau24. "Mittelfristig" sollen die Formate auch bei den produzierenden Sendern HR und SWR laufen, in der Mediathek sind sie (etwas versteckt, da bislang nicht als eigene Sendung) schon zu finden.

Dass die Initiative mit der aktuellen Berichterstattung zum Thema Klima trotzdem nicht glücklich ist, wurde diese Woche hier schon einmal erwähnt. Auch Sara Schurmann, engagierte deutsche Klimajournalistin, sagte mir diese Woche: Ja, es bewegt sich in deutschen Medien einiges in Sachen Klimaberichterstattung. Aber: Der notwendige Bewusstseinswandel läuft viel, viel zu langsam.

Die Kolleginnen und Kollegen von "Übermedien" (für die ich manchmal auch schreibe), haben das Thema Klimajournalismus ganz gut auf dem Schirm und Sara Schurmann zuletzt Anfang September Platz für Grundsätzliches geboten. Titel und Fazit des immer noch lesenswerten Stückes: "Die Klimakrise eskaliert und der Journalismus kommt nicht hinterher"

Generalprobe fürs Stillhalten

Keine Entschuldigung, aber eine Erklärung dafür bietet die aktuelle Themenkonkurrenz: Mit den jüngsten Entwicklungen in und um die Ukraine steht noch ein zweites Katastrophenszenario im Raum, das journalistisch bearbeitet werden will. Die Berichterstattung zu den Explosionen im polnischen Ort Przewodow wurde hier gestern von meinem Altpapier-Kollegen Ralf Heimann schon als "Lehrstück für guten und schlechten Journalismus" bezeichnet.

Lesen lässt sich das Ganze auch als Probealarm oder – weniger dramatisch formuliert – als Generalprobe für den Ernstfall. Auch wenn sich einige Medien (und Politiker) zu weit aus dem Fenster gelehnt haben, ist die Deeskalation im Großen und Ganzen geglückt. Die Stunden, in denen weltweit viel auf dem Spiel stand, waren für die Redaktionen eine gute Übung. Die anschließende Debatte und Analyse der eigenen Fehler, die auch gestern weiterging, trägt womöglich dazu bei, dass Medien beim nächsten ähnlichen Ereignis genauso vorsichtig oder noch vorsichtiger agieren – auch dann, wenn es länger dauern sollte, bis herauskommt, dass die erste, vermeintlich offensichtliche Interpretation relativ unwahrscheinlich ist.

Sabine Rennefanz stellt den deutschen Medien trotzdem kein gutes Zeugnis aus. Ihr Urteil ist ziemlich pauschal, wenn sie schreibt:

"Die Ereignisse vom Dienstagabend bestätigen mich darin, dass es sinnvoll ist, sich nicht nur in deutschen Medien über den Krieg zu informieren, und schon gar nicht auf Twitter. Englischsprachige Nachrichtenseiten wie die BBC oder Reuters oder die 'New York Times' berichten oft vorsichtiger, distanzierter, oft genauer. Woran liegt das? Sicher an der personellen Ausstattung, der größeren Erfahrung mit Kriegsberichterstattung. Aber vielleicht gibt es noch andere Gründe. Vielleicht ist es die in Deutschland noch mal stärkere Angst davor, dass der Worst Case (der Angriff der Russen) eingetreten ist. Vielleicht ist es aber auch ein Mangel an Neugier, an Erkenntnisinteresse, weil man das Gefühl hat, schon alles über diesen Krieg zu wissen."

Das lässt außer Acht, dass die öffentlich-rechtlichen Sender und private Qualitätsmedien in Deutschland durchaus vorsichtig und distanziert berichtet haben – und dass die ursprüngliche Meldung, russische Raketen hätten Polen angegriffen, von der US-amerikanischen Nachrichtenagentur AP stammte.

Als Paradebeispiel für voreilige Berichterstattung führt Sabine Rennefanz lediglich die "Bild" an, die zwar für ihre Ukraine-Berichterstattung viel gelobt wurde, allerdings erst gestern in anderem Kontext gezeigt hat, dass sie presseethische Grundsätze bei Bedarf gerne links liegen lässt und somit nie ein gutes Beispiel für "die deutschen Medien" ist. (Auf der Titelseite prangte die presseratsbeschwerdentaugliche Schlagzeile: "1,8 Mio. Ausländer bekommen Stütze: Hier, für Hartz IV!")

Weitere Beispiele für verantwortungslose Raketeneinschlagsmeldungen führt Sebastian Köhler bei "Telepolis" ins Feld. Er zeigt Screenshots von ntv und "Focus", in denen "russische Raketen" erwähnt werden, außerdem eine Schlagzeile von "tagesschau.de", die da lautet "Polen bestätigt Einschlag russischer Rakete" und um zwei Uhr nachts nach dem Vorfall veröffentlicht wurde.

Die Medien seien in ihrer Analyse sehr schnell, im Zurückrudern aber wesentlich langsamer gewesen, konstatiert Köhler. Die Möglichkeit, dass eine ukrainische (Flugabwehr-)Rakete die Explosion verursacht haben könnte, habe sich medial nur langsam durchgesetzt:

"Dass und warum diese alternative Version relativ langsam 'ausgespielt' wurde, lässt sich am ehesten erklären mit der Einseitigkeit des hierzulande herrschenden Narrativs: Die Ukraine und der mit ihr verbündete Westen kämpften (als 'die Guten') gegen Russland (und China als 'die Bösen'). Einzelne Ereignisse, wie wichtig und einschneidend sie auch sein mögen, die jener umfassenden Rahmen-Erzählung nicht komplett entsprechen oder sogar widersprechen, haben es schwerer, massenmedial thematisiert und vermittelt zu werden."

Denkt man Köhlers Kritik weiter, dann wünscht er sich mehr Aufmerksamkeit für die Möglichkeit, dass die Ukraine (mit Absicht?) eine Rakete ins polnische Grenzland geschossen haben könnte. Er nennt das:

"Bad News von der anderen Seite – der Partner des Westens, die Ukraine, scheint (mit oder ohne Absicht) eine Rakete auf das Nato-Land Polen gefeuert zu haben, wobei es Tote gab."

Dass diese Variante es medial schwer hatte, liegt aber wohl weniger an einem "herrschenden Narrativ" als an dem Vorwissen der Nachrichtenredaktionen. Warum sollte die Ukraine auf einen Nato-Staat schießen?

Richtig ist sicherlich die Beobachtung, dass die Redaktionen generell vorsichtig sein müssen, Kriegsmeldungen nicht vorschnell in einen vorhandenen Rahmen einzuordnen. Ich stimme Sabine Rennefanz auch zu, wenn sie beschreibt, dass die Aufmerksamkeitsökonomie der sozialen Medien längst in klassische Medien hineinwirkt – dass also Abwarten und Zweifeln weniger gut ankommen, als klare Schlagzeilen.

Den Vorfall in Polen halte ich aber auch für ein gutes Beispiel, wie es besser geht. Philipp Bovermann kommt in seinem gestern hier schon erwähnten Text für die "Süddeutsche Zeitung" ebenfalls zu dem Schluss:

"Während der Nationale Sicherheitsrat in Polen tagte, bat er die Journalisten vor Ort, auf gesicherte Informationen zu warten und keine Spekulationen zu verbreiten. Das taten sie auch – die öffentlich-rechtlichen Sender verbreiteten im Verlauf des Abends und des Morgens Einschätzungen von Korrespondenten, die Gelassenheit empfahlen, während nach und nach neue Erkenntnisse auftauchten. In der Zwischenzeit aber, während die Öffentlichkeit wartete, sog sich Twitter voll mit Angst, Vorwürfen und Forderungen. Auch weil etwa die Tagesschau weder verlässliche Informationen lieferte (wofür sie nichts konnte, denn es gab es ja keine Informationen), noch dieses Unwissen deutlich markierte (was man ihr sehr wohl vorwerfen kann)."

Viele Redaktionen waren sich ihrer Verantwortung in der Nacht zu Mittwoch sehr bewusst (im Kontrast zu einigen vorschnellen Äußerungen aus der Politik und in sozialen Medien) und haben trotz kleinerer handwerklicher Fehler überwiegend transparent gemacht, von welcher Seite welche Vermutungen stammten. Mir macht das Hoffnung, dass beim nächsten Mal vielleicht sogar die "Bild" nicht sofort in die falsche Richtung galoppiert.

Messe ohne Presse

Ukrainekrieg und Klimakonferenz sind zwei Blockbuster-Medienthemen, mit denen sich unzählige Journalistinnen und Journalisten täglich auseinandersetzen. Das unterscheidet sie von den Themen, die zwar Millionen Menschen betreffen, aber nur von sehr wenigen Medienschaffenden konstant beobachtet werden. Ein Beispiel dafür ist die Pornobranche (siehe zum Beispiel diese Deutschlandfunk-Podcastfolge), ein anderes die Machenschaften von Überwachungsfirmen.

Netzpolitik.org ist ein Portal, dass sich dankenswerterweise mit beiden Themen regelmäßig beschäftigt. Wie mühsam das beim Thema Überwachung sein kann, schildert gerade ein sehr guter Text, der auf einem Interview von Stefanie Talaska mit Netzpolitik-Autor Andre Meister beruht. Dass alles und jeder längst überwacht werde, vom Smartphone bis zum Smart-TV, sei längst Realität, sagt Andre Meister – und erklärt auch, warum uns das unbedingt interessieren sollte:

"So ein Smartphone weiß mehr über uns, als wir das manchmal selber wissen. Das enthält nicht nur all die Dinge, die im Detail darauf gespeichert sind, sondern auch die Kameras und Mikrofone und alle die anderen Sensoren, auf die das Gerät Zugriff hat. Die ganzen Accounts, wo das Smartphone eingeloggt ist – das weiß, wo wir schlafen, das weiß, bei wem wir schlafen und mit wem wir schon mal geschlafen haben. Auch wenn wir das vielleicht selbst nicht mehr so genau wissen."

Gerade würden enorm viele Weichen für unsere Zukunft gestellt, es gebe eine immense Gefahr für Menschen- und Freiheitsrechte. Die Recherche zu Überwachung und den Firmen, die dafür das nötige Werkzeug liefern, ist allerdings kleinteilig und mühsam:

"Es gibt auch berüchtigte internationale Messen, wo diese Unternehmen ihre Produkte ausstellen und bewerben. […] Es waren mal Journalist:innen drin, aber irgendwann sind sehr viele Werbebroschüren von denen auf Wikileaks gelandet und seitdem dürfen keine Journalist:innen mehr rein. […] Es gibt viele Unternehmen in diesem Bereich, die wahrscheinlich nur einer kleinen Fachöffentlichkeit bekannt sind. Und nur sehr wenige dieser Unternehmen machen aktive Pressearbeit."

Dass das Thema Überwachung nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern gerade auch für Journalistinnen und Journalisten hoch relevant ist und dementsprechend gründlich beackert werden sollte, war diese Woche hier ja schon Thema.


Altpapierkorb

+++ Die AfD-Fraktion hat im Brandenburger Landtag einen Untersuchungsausschuss durchgesetzt, der klären soll, ob die Landesregierung in Sachen rbb ihrer Rechtsaufsicht nachgekommen ist – obwohl bisher weder Staatsanwaltschaft noch die beauftragte Anwaltskanzlei abschließend geklärt haben, was genau passiert ist. Bedrohlich liest sich die Erklärung, die die "Süddeutsche Zeitung" zitiert: "Der AfD-Abgeordnete Dennis Hohloch erklärte zur Begründung, die Kontrolle des RBB habe bislang versagt. Daher müsse der Landtag nun mehr Kompetenzen bekommen, um für umfassende Aufklärung sorgen zu können."

+++ Der Hessische Landtag zieht ebenfalls Konsequenzen aus dem rbb-Skandal: Die Aufsichtsgremien des HR, also der Rundfunkrat und der Verwaltungsrat, sollen in Zukunft von einer neuen Geschäftsstelle besser unterstützt werden, wie die "Frankfurter Neue Presse" berichtet. Zu dem Thema hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" den hessischen Staatskanzleichef Axel Wintermeyer (CDU) interviewt (€).

+++ Wie eine Realsatire liest sich die jüngste Zusammenfassung des Social Media Watchblogs zu Elon Musks absurden Machenschaften bei Twitter. Dort wurde schon erwähnt, dass Musk den Twitter-Beschäftigten ein Ultimatum gestellt hatte: härter arbeiten oder gehen. Gestern hat Twitter nun alle seine Büros geschlossen (Business Insider via turi2). Die Turbulenzen werden zunehmend zum Sicherheitsrisiko, wie Georg Schmalzried im BR berichtet.

+++ Über eine großflächige Störung im deutschen Handynetz von O2 berichtet unter anderem die "Tagesschau".

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