Ein Mann und eine Frau posieren mit ihrem Säugling für ein Selfie. 7 min
Bevor Kinder fünf Jahre alt sind, sind bereits durchschnittlich 1500 Bilder von ihnen im Netz, so eine Studie. Und einmal online, haben die Eltern keine Kontrolle mehr darüber, wie die Bilder verwendet werden. Bildrechte: MDR MEDIEN360G | Panthermedia

Kleine "Stars" im Internet? Sharenting – Wenn Eltern sorglos Bilder ihrer Kinder teilen

01. März 2024, 00:01 Uhr

Viele Eltern bieten auf Social Media nur allzu gern private Einblicke in ihr Leben – auch in das ihres süßen Nachwuchses. Dabei warnen Experten immer wieder eindringlich vor dem Teilen von Kinderfotos im Netz. Schließlich landen die Bilder der eigenen Kinder im World Wide Web – für jeden jederzeit abrufbar.

Zu jung für eine digitale Präsenz

Nicht nur Promi-Kinder erleben, dass Mama und Papa Bilder von ihnen ins Netz stellen. Immerhin teilen 41,4 Prozent der Eltern regelmäßig Fotos und Videos ihrer Kinder auf Social Media. Es gibt Studien wie die von ESET, einem Unternehmen für Sicherheits-Software, die besagen, dass von Kindern bis zu ihrem 5. Lebensjahr bereits durchschnittlich 1.500 Bilder online sind – hochgeladen von den Menschen, denen sie am meisten vertrauen: ihren Eltern.

Längst hat dieses Phänomen auch einen Namen: Sharenting.

Was ist Sharenting?
Der englisch geprägte Begriff "Sharenting" ist ein Kunstwort aus "Sharing" (zu Deutsch: Teilen) und "Parenting" (übersetzt: Elternschaft bzw. Erziehung). Es beschreibt den Trend, bei dem Eltern eine große Menge potenziell sensibler Inhalte wie Fotos, Videos und Informationen über ihre Kinder auf Internetplattformen veröffentlichen. 

Wir halten fest: Obwohl viele der Allerjüngsten selbst noch keine eigenen Accounts in den sozialen Netzwerken besitzen, sind sie hier aber mitunter schon mächtig präsent: Allen voran sind WhatsApp, Facebook, Instagram und TikTok, neben Elternblogs, Foto-Communitys und Co – ein wahrer Tummelplatz für Kinderbilder, ganz abgesehen von den Accounts sogenannter Momfluencer, die die ganze Welt an ihrem Familienalltag teilhaben lassen. Doch was vielleicht mit Stolz und vermeintlich reinem Gewissen sorglos von Eltern gepostet wird, kann unliebsame Folgen für ihre Söhne und Töchter haben. Und zwar nicht nur, weil sich das eigene Kind vielleicht irgendwann einmal für das ein oder andere Foto schämen könnte.

Keine Kontrolle

"Wenn die Instagram- und Facebook-Accounts öffentlich sind, kann eigentlich jeder so ein Foto einfach runterladen. Das ist problematisch, weil ist das Bild einmal im Netz, dann kannst du nicht mehr kontrollieren, was damit passiert", gibt Ildikó Bruhns, Projektleiterin von Safer Kids Online, einen ersten Einblick in die Problematik des Sharentings.

Durch das unbedachte Teilen von Fotos ihrer Kinder im Internet, riskierten Eltern deren Missbrauch – etwa durch Datenhändler, Cyberkriminelle oder pädophile Gruppen. Und auch wenn es vielleicht "nur" das Teilen in der Whats-App-Gruppe oder mit den Freunden auf Facebook ist: Wahrscheinlich hat jeder von uns Follower in den sozialen Netzwerken, die wir nicht wirklich gut oder auch gar nicht kennen – und mitunter auch "weniger bekannte" Personen in den von uns frequentierten WhatsApp-Gruppen und Co.

Sandra Frankenhäuser, Pressesprecherin des Landeskriminalamtes Thüringen, empfiehlt: "Bei WhatsApp gibt es diese Privatsphäre-Einstellungen, die sollte man auch tatsächlich nutzen. Selbst ich erlebe es immer wieder, wenn mir Bekannte im großen Bekanntenkreis ihre Nummer geben, dass ich dann auf einmal den Status dieser Menschen sehe, obwohl ich mit denen nur ganz kurzen Kontakt hatte. Da sind teilweise sehr detaillierte, intime Bilder dabei. Wo ich sage, das kann man so nicht machen. Da sollte man intensiv drüber nachdenken, sowas einzustellen."

Dieser Bedrohung der Privatsphäre und Sicherheit ihrer Kinder sind sich viele Eltern bei der Bilder- und Video-Veröffentlichung nicht bewusst. Dabei ist die Formel recht einfach: Je mehr und bedenkenloser im digitalen Raum gepostet wird, umso mehr Informationen können andere daraus gewinnen und für andere Zwecke nutzen. Weiterführend betrachtet gehen Experten bei diesem Punkt sogar davon aus, dass bis 2030 gut zwei Drittel aller Fälle von Identitätsdiebstahl in Verbindung mit dem sogenannten "Sharenting" stehen werden.

Hinzu käme bei all den Überlegungen, so Ildikó Bruhns, dass man mit Hilfe technischer Tools und Künstlicher Intelligenz bereits heute fast alles bearbeiten kann: "Man kann das Kind in einen peinlich, vielleicht gefährlichen, im schlimmsten Fall missbräuchlich oder pornografischen Kontext setzen und dafür braucht es nicht besonders viele Skills. Das kann eigentlich mit ein bisschen Übung jeder. Man kann geklaute Bilder so manipulieren, dass man gefälschte Ausweise oder Pässe machen kann. Man kann aus Videodateien Audiofiles rausziehen und kann die verwenden, um Deepfakes, also gefälschte Sprachnachrichten zu machen."

BTW: Mit den heutigen Möglichkeiten von KI bietet selbst die Verpixelung von Bildern keinen Schutz mehr, sie kann damit sogar schlicht rückgerechnet werden.

Ein junges Mädchen blickt auf einen Handybildschirm. Ihr Gesicht wird vom Bildschirm angeleuchtet.
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Schutz – auch für die virtuelle Privatsphäre eines Kindes

Was für Mama und Papa mit dem Sharenting heute das Familienglück zum Ausdruck bringt, kann für das Kind fatale Auswirkungen für die Zukunft haben. Darauf weist ein #sharewithcare-Spot der Deutschen Telekom hin. Dessen Botschaft: Jeder Mensch, auch ein Kind, hat das Recht, über seine digitale Identität selbst zu entscheiden.

Sind Fotos und Videos vom Nachwuchs erst einmal hochgeladen, haben selbst Erwachsene, die die Bilder eingestellt haben, nicht mehr in der Hand, was mit diesen Aufnahmen im Netz geschieht. Ildikó Bruhns hält deshalb noch einmal fest: "Wenn das Bild einmal im Netz ist hat man eigentlich fast gar keine Chance das wieder rauszukriegen. Klar, man kann das beantragen. Aber selbst, wenn das aus dem Internet gelöscht wird, aber vorher jemand einen Screenshot gemacht hat, dann taucht das immer wieder auf. Das ist ein nicht endender Prozess und den kann man wirklich nicht absehen."

Tipps für das sichere Teilen von Kinderfotos

Im Sinne des Rechts am eigenen Bild und zum Schutz der Kinder gibt es auch andere Wege, um Kinderfotos mit Freunden und Verwandten zu teilen, die zumindest oben genannte Risiken einschränken.

  • Eltern sollten ihre Kinder um Erlaubnis fragen: Sicher geht das erst ab einem bestimmten Alter. Jedoch haben auch Kinder ganz klar ein Recht darauf zu bestimmen, was mit ihren Fotos geschieht. Hier hilft es auch, sich in das Kind hinein zu versetzen und zu prüfen: Ist das Foto wirklich lustig oder eher peinlich? Im Zweifelsfall ist die Antwort immer: Nicht posten! Nacktheit, Missgeschicke, verletzliche Momente sollten immer tabu sein.

  • Fotos und Videos nicht öffentlich posten: Wenn schon online stellen, dann nicht auf einem öffentlichen Profil. Am besten hier auch die Privatsphäre-Einstellungen in den eigenen Accounts checken und das Posting auf kleine Gruppen einschränken. Dafür sichere Plattformen und Kanäle wählen: Fotos also lieber in geschlossenen Gruppen auf WhatsApp oder Signal statt auf Instagram oder Facebook teilen. Noch besser sind passwortgeschützte Online-Ordner die via Link mit ausgewählten Personen geteilt werden.

  • Bei Bild- und Videoveröffentlichungen – wenn, dann nur Ausschnitte zeigen und all das ohne personenbezogene Daten: Baby- und Familienglück lassen sich auch teilen, ohne die Kinder vollständig zu zeigen. Außerdem auch Familie und Freude darum bitten, die Privatsphäre eurer Kinder zu respektieren und keinesfalls ungefragt Bilder von euren Kindern zu posten.

  • Und im besten Fall: der Versuchung ganz widerstehen und das Familienglück lieber "analog" und in dem Rahmen genießen, wo es immer hinpasst: innerhalb eurer Familie! Die Fotos bleiben damit nur euch vorbehalten. So kann man für den geliebten Nachwuchs schließlich auch ein gutes Vorbild sein.

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