Geldautomatensprengungen Gesprengte Geldautomaten: Die große Gefahr für die Anwohner

17. Februar 2023, 15:16 Uhr

In Deutschland werden immer mehr Geldautomaten gesprengt. Häufig stehen diese in Wohngebäuden und so werden dabei auch Menschenleben gefährdet. Die Täter gehören laut Polizei zum organisierten Verbrechen und agieren vor allem aus den Niederlanden. Genau dort gibt es auch bereits Lösungen – nur werden diese in Deutschland bislang kaum umgesetzt.

Als es laut knallt, ist es mitten in der Nacht. Die Wände des Wohngebäudes wackeln. Einige Anwohner schreien aus den Fenstern auf die Täter ein. Doch die Maskierten sprengen Mitte Januar in Worbis einfach weiter. Nach fünf Minuten ist der Krach vorbei und die Diebe flüchten. Doch es ist mehr als Geld verloren gegangen.

Lydia Rohrberg steht am nächsten Tag in den Trümmern ihrer Boutique – fegt Scherben auf, saugt Staub und räumt Wandteile weg. Der Geldautomat stand direkt neben ihrem Laden und  wurde schon mehrfach durch Sprengungen beschädigt. "Das war das vierte Mal und tatsächlich das schlimmste Mal." 40.000 Euro beträgt diesmal der geschätzte Schaden für Lydia Rohrberg.

Leinefelde-Worbis in Thüringen im Landkreis Eichsfeld liegt nah an der Autobahn 38 – genau das macht den Geldautomaten vermutlich zum beliebten Ziel. Den ersten Anschlag gab es 2019. Es folgen weitere in 2020 und 2021. Erst zwei Wochen vor dem jüngsten Anschlag sei der Geldautomat wieder von der Deutschen Bank in Betrieb genommen worden. "Wir möchten diesen Bankautomaten auf jeden Fall hier raushaben – auch für die Anwohner, für die Kinder, die hier alle wohnen ist es wichtig", sagt Lydia Rohrberg. Es solle niemand mehr Angst mehr haben müssen, dass es wieder passiert.

Das Bett flog hoch: Die Angst vor einer weiteren Detonation

Diese Angst vor einer weiteren Detonation verfolgt auch Corinne Schmidt aus Bad Liebenstein. Dort ist nur eine Nacht zuvor ein Geldautomat gesprengt worden. Die Wucht der Explosion war so stark, dass Fenster und Türen zersplitterten und der gesamte Vorraum der Volks- und Raiffeisenbank zerstört wurde. Corinne Schmidt sagt, dass sie nicht mehr ins Schlafzimmer geht. "Weil da ist das Bett mit mir hochgeflogen."

Familie Schmidt wohnt direkt über der Bankfiliale. Der Schock sitzt tief. "Schlafen tun wir jetzt noch in der Stube", sagt sie knapp einen Monat danach und guckt auf ihren Sohn. "Weil er auch Angst hat alleine zu schlafen." Die Explosion hat auch an diesem Gebäude erheblichen Schaden angerichtet, doch immerhin: Darum wolle sich die Bank kümmern.

Schlafen tun wir jetzt noch in der Stube.

Corinne Schmidt

Videos auf TikTok: Wie die Täter vorgehen

Auf der Videoplattform TikTok gibt es zahlreiche Aufnahmen, die Sprengungen von Geldautomaten zeigen. Diese laufen oft nach dem gleichen Schema ab. Zwei bis drei Täter sprengen die Automaten nachts zwischen zwei und vier Uhr. Immer öfter setzen sie Festsprengstoff ein – dieser kann weitaus mehr Schaden verursachen als das früher oft verwendete Gasgemisch. So gefährden die Täter dabei auch Menschenleben.

Laut Informationen des Bundeskriminalamtes gab es vergangenes Jahr in Deutschland so viele Geldautomatensprengungen wie nie zuvor. Offiziell gibt es noch keine genauen Zahlen. MDR-exakt liegen aber exklusive Daten eines Sicherheitsunternehmens vor.

So nahmen die versuchten und vollendeten Sprengungen in Deutschland um etwa 30 Prozent zum Vorjahr auf 515 zu. Neun Sprengungen gab es in Thüringen. In Sachsen waren es zehn und in Sachsen-Anhalt ebenfalls neun. Die durchschnittliche Beute lag dabei etwa in Thüringen im vergangenen Jahr laut Landeskriminalamt bei 85.000 Euro.

Organisiertes Verbrechen: Täter vor allem aus Niederlanden

Die Täter gehören zum organisierten Verbrechen und agieren vor allem von den Niederlanden aus, sagt der Sprecher der Thüringer Landespolizei, Patrick Martin. "Wir gehen davon aus, dass da stark arbeitsteilig gehandelt wird. Dass derjenige, der die Sprengung durchführt, ein Spezialist für dieses bestimmte Feld ist. Das kann nicht jeder." Dazu suche sich der Spezialist ein Team mit Fahrer und Hilfskräften. Das gesamte Feld aus dem dabei rekrutiert werde, könnte mehrere hundert Personen stark sein.

Immer häufiger sprengen die Gruppen hierzulande Automaten, weil Banken in den Niederlanden viele Geldautomaten abgebaut haben. Binnen sechs Jahren sank dort die Zahl laut EZB von rund 7.000 auf noch knapp über 800. In Deutschland hingegen gibt es 2021 noch rund 80.000 Automaten. Hinzu kommt: In den Niederlanden haben sich die Banken verpflichtet, Sicherheitssysteme wie zum Beispiel Farbpatronen einzusetzen, die das Geld bei einem Angriff unbrauchbar machen.

Bankautomaten in Deutschland: Selten durch Farbpatrone gesichert

Der Automat in Worbis jedoch sei trotz mehrmaligen Sprengungen nicht durch eine Farbpatrone gesichert gewesen, berichtet ein Insider gegenüber MDR-exakt. Er beschäftigt sich mit Bankensicherheit und möchte aus Sicherheitsgründen unerkannt bleiben. Ihm zufolge investieren die Banken zu wenig in Sicherheitsmaßnahmen.

"Ich weiß von Banken, die eine gesetzliche Regelung befürworten, da dann alle gleichermaßen investieren müssten", so der Insider. Denn es gebe Banken, die etwa nichts machten, weil die Konkurrenz dafür kein Geld in die Hand nehme – und deshalb einen wirtschaftlichen Nachteil an anderer Stelle befürchteten. Laut dem Insider seien nur zehn Prozent der Geldautomaten in Deutschland mit Farbpatronen ausgestattet.

Sicherheit für Anwohner: Braucht es ein Gesetz?

Aufgrund der Zunahme von Automatensprengungen hatte sich erst im November 2022 das Bundesinnenministerium mit der Deutschen Kreditwirtschaft getroffen und dabei freiwillige Sicherheitsmaßnahmen vereinbart. Eine gesetzliche Vorgabe ist bislang kein Thema. Der Thüringer Innenminister will sich aber dafür einsetzen, wenn die Sprengungen so weitergehen: "Viele dieser Täter kommen aus dem Benelux Bereich. Dort haben die Banken was gemacht, und offensichtlich hat das gewirkt", sagt der Innenminister von Thüringen, Georg Maier (SPD). Deshalb orientierten sich die Täter nun nach Deutschland.

Es braucht meines Erachtens sehr bald eine gesetzliche Regelung, wenn jetzt nicht wirklich signifikant sich was ändert.

Georg Maier Innenminister von Thüringen

"Dabei nehmen sie natürlich insbesondere den ländlichen Raum in den Blick, weil das bietet sich aus verschiedenen Gründen an", so Innenminister Georg Maier. "Und deshalb müssen wir nachziehen. Und zwar dringend, da sehe ich schon auch die Banken in der Verantwortung. Es braucht meines Erachtens sehr bald eine gesetzliche Regelung, wenn jetzt nicht wirklich signifikant sich was ändert."

Was tun die Banken?

In Worbis und Bad Liebenstein wollen sich die Geldinstitute nicht zu den Sicherheitsmaßnahmen äußern und lehnen ein Interview mit MDR-exakt ab. Jürgen Hanke vom Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen sagt zum Thema: "Die Sparkassen sind an den Themen schon sehr lange dran. Und da gehört es auch zu einer Maßnahme, dass man eine genaue Standortanalyse durchführt."

Wenn dabei herauskommt, das Gefährdungspotenzial an einem Ort sei zu groß, "dann wird man da keinen Geldautomaten hinstellen", so Jürgen Hanke, dessen Verband Banken dabei berät, sich vor Angriffen zu schützen. "Es kann aber auch sein, dass es einen Geldautomaten gibt und im Laufe der Zeit das Gefährdungsrisiko steigt. Dann kann es schlimmstenfalls dazu kommen, dass man den Geldautomaten entfernt."

In Bad Liebenstein soll der gesprengte Geldautomat nicht wieder aufgebaut werden, wie Recherchen von MDR-exakt ergeben haben. Das Gleiche gilt für den Automaten in Worbis. Dort hat auch gleich die Sparkasse ihren Automaten vorsorglich abmontiert. Denn wo kein Automat, da auch keine Sprengung.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 15. Februar 2023 | 20:15 Uhr

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