Ein junger Mann lehnt nachdenklich an einer Glaswand
Bildrechte: picture alliance / dpa-tmn | Zacharie Scheurer

Häusliche Gewalt Sachsen ist Vorreiter beim Männerschutz

04. November 2023, 05:00 Uhr

Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt werden – ein Tabuthema und gleichzeitig traurige Realität. Auch wenn häusliche Gewalt meist Frauen betrifft, die Zahl der männlichen Opfer liegt nicht bei Null. Und die Nachfrage zu Beratungsangeboten und Schutzwohnungen für Männer steigt. Dabei kämpfen Betroffene immer noch mit Scham und der Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird. Und vielen Schutzsuchenden kann nicht geholfen werden, weil es in ihrer Nähe keine Angebote für Männer gibt.

Drei der elf Männerschutzeinrichtungen in Deutschland befinden sich in Sachsen. Damit ist der Freistaat Vorreiter beim Thema Prävention, Beratung und Schutz für Männer und Jungen. Doch die jeweiligen Vereine und Interventionsstellen geraten landesweit an ihre Grenzen.

Diese Wahrnehmung wird auch durch offizielle Zahlen gestützt. Die Bundesfach- und Koordinierungsstelle Männergewaltschutz (BFKM) hat am Freitag eine Statistik dazu veröffentlicht, wie Schutzeinrichtungen von Männern genutzt werden. Demnach sind im vergangenen Jahr die Hilfeanfragen in Männerschutzeinrichtungen um etwa zwei Drittel von 251 im Jahr 2021 auf 421 gestiegen.

Von einer ähnlichen Entwicklung kann auch der Weissenberg e.V. in Plauen berichten. Gründer und Namensgeber Tami Weissenberg hatte den Verein, dessen Hilfe allen Menschen offensteht, nach einer eigenen Gewalterfahrung gegründet, wie er MDR AKTUELL erzählte. 

Der allergrößte Hemmschuh in der Männerwelt ist Scham.

Tami Weissenberg Gründer Weissenberg e.V. Plauen
Tami Weissenberg
Tami Weissenberg hat selbst häusliche Gewalt erfahren. Bildrechte: picture alliance/dpa | Jörg Carstensen

Weissenberg zufolge gab und gibt es auch immer noch besonders für Männer Hürden, um Hilfe zu bitten. Zum einen sei da die Scham und die Schwierigkeit, Gewalt überhaupt als solche zu erkennen. Zum anderen bleibe Männern oft nur die Möglichkeit, in Obdachlosenunterkünfte zu gehen, in die sie etwa Kinder nicht mitnehmen können, oder in Einrichtungen der Wohnhilfe. Dabei gibt er jedoch zu bedenken: "Die dort herrschenden sozialen Spannungsfelder sind bei Gewalterfahrung leider absolut kontraproduktiv." 

97 Prozent der Männer berichten der BFKM zufolge von psychischer Gewalt wie Beschimpfungen, Stalking, Streit oder Grenzüberschreitungen. Fast drei Viertel von ihnen waren auch von körperlicher Gewalt betroffen. 

In den meisten Fällen waren Partnerinnen oder Partner für die Gewalt verantwortlich. Aber auch Eltern, Geschwister oder Menschen aus der Nachbarschaft können Täterinnen oder Täter sein.

Häusliche Gewalt: Sachsen schützt seine Männer am besten

Als Opfer häuslicher Gewalt wollte sich auch Tami Weissenberg Hilfe suchen – vergeblich. Daraufhin gründete er eine Selbsthilfegruppe für betroffene Männer und merkte schnell: "Wenn da ein großer Haufen betroffener Männer zusammenkommt und das unmoderiert bleibt, wird das ganz großer Mist." Also baute Weissenberg den gleichnamigen Verein in Plauen auf, um auf dem Gebiet ein professionelles Angebot zu schaffen.

Den Startschuss dafür beschreibt der gebürtige Thüringer als eine "glückliche Fügung". Im Rahmen der Bundestagswahl 2017 hatte sich die sächsische SPD des Themas Gewaltschutz für Männer und Jungen angenommen. Zum damaligen Zeitpunkt hatte es Weissenberg zufolge weder in Sachsen noch in irgendeinem anderen Bundesland Anlaufstellen gegeben, die mit den heutigen Beratungsangeboten vergleichbar wären. Das erkannte auch Sozialministerin Petra Köpping. 

Durch die Überarbeitung der "Richtlinie zur Förderung der Chancengleichheit" wurde die Förderung der Schutzangebote für Männer 2021 in der sächsischen Gesetzgebung verankert. So konnten die Projekte in Leipzig, Dresden und Plauen staatliche Förderung erhalten. Für Weissenberg ergab sich damit die Möglichkeit, Sozialarbeiter in Voll- und Teilzeit einzustellen und seine Hilfsangebote so zu professionalisieren. 

Schutzeinrichtungen in Thüringen und Sachsen-Anhalt

In Thüringen steht dieser Schritt noch bevor. Ein Gesetzentwurf von LINKE, SPD und Grünen sieht vor, im Freistaat künftig mehr Beratung und ein dichteres Netz an Schutzhausplätzen anbieten zu können. Tritt das Gesetz in Kraft, müsste ab 2026 jeder Landkreis und jede kreisfreie Stadt in Thüringen eine Schutzwohnung für Männer und nicht weibliche Personen anbieten – zusätzlich zu fünf Schutzeinrichtungen für Frauen.

Auch wenn Vereine und Projekte wie das "Männerschutzprojekt A4" in Jena bereits fachliche Beratungen anbieten, gibt es derzeit noch keine Schutzwohnungen für Männer in Thüringen. Zusätzlich erschwert wird die Lage wohl auch dadurch, dass es – unabhängig von der Statistik zur Nutzung der Schutzeinrichtungen – keine umfänglichen Daten dazu gibt, wie sehr Männer überhaupt von häuslicher Gewalt betroffen sind. Deshalb brauche es unbedingt das Gesetz, sagte die gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Laura Wahl, MDR AKTUELL. 

In Sachsen-Anhalt ist die Angebotslandschaft zu Männerschutzarbeit ähnlich wie in den meisten anderen Bundesländern noch sehr dünn. Zwar gibt es im Land vier Interventionsstellen, die Beratung für Opfer anbieten, das Angebot geht jedoch nicht darüber hinaus. Außerdem gebe es nur weibliche Beraterinnen – ein Umstand, der für betroffene Männer, denen es schwerfällt, sich Frauen zu öffnen, schwierig ist.

Suchen Männer und Jungen Schutzräume, würden sie an Sachsen oder andere Bundesländer weitergeleitet, sagt die Leiterin der Interventionsstelle in Halle, Silke Voß. Das bestätigte auch Sachsen-Anhalts Sozialministerium auf Anfrage von MDR AKTUELL: "In Sachsen-Anhalt werden keine Schutzeinrichtungen, die speziell für die von häuslicher Gewalt betroffenen Männer tätig werden, mit Landesmitteln gefördert."

Drei bis fünf Schutzwohnungen pro Bundesland gefordert

Ein Zustand, der von der Bundesfachstelle BFKM, die in Dresden sitzt, kritisch betrachtet wird. Deren Referent Enrico Damme sagte der Katholischen Nachrichtenagentur, man gehe davon aus, dass es mindestens drei bis fünf Männerschutzeinrichtungen pro Bundesland – je nach Größe und Einwohnerzahl – geben müsse. "Das wäre noch keine gute, aber so etwas wie eine Mindest-Flächendeckung." 

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 03. November 2023 | 12:00 Uhr

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