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Hyalomma-Zecke, 2018 5 min
Audio: Der Klimawandel bringt neue Zeckenarten zu uns. Bildrechte: picture alliance/dpa | Andrea Schnartendorff

Interview Neue Zeckenarten in Deutschland auf dem Vormarsch

08. April 2024, 12:30 Uhr

Mit den ersten Sonnenstrahlen zieht es viele raus in die Natur. Doch Achtung: Der Frühling ist auch die Zeit für Zecken. In diesem Jahr sollen die kleinen Blutsauger besonders aktiv sein, meinen Wissenschaftler. Das Risiko von einer Zecke gebissen zu werden, könnte daher steigen. Martin Pfeffer, Professor für Epidemiologie von der Universität Leipzig erklärt im Interview, warum das so ist und welche neuen Arten auch in Deutschland anzutreffen sind.

MDR AKTUELL: Wie aktiv sind die Zecken denn schon?

Professor Martin Pfeffer: Die sind schon die ganze Zeit aktiv. Wir haben praktisch keinen richtigen Winter gehabt. Da war mal ein kurzer Einbruch drin, aber seit Ende Januar fangen wir schon wieder aktiv Zecken.

Haben Zecken eine Art Wohlfühltemperatur oder fühlen sie sich inzwischen das ganze Jahr über pudelwohl?

Beim Gemeinen Holzbock gehen wir von ungefähr fünf bis 25 beziehungsweise 30 Grad aus. Die Auwald- oder Wiesenzecke, die wir hier in Leipzig viel haben, hat noch eine größere Spanne. Da geht es bei null Grad los bis über 30 Grad. Die sind sehr temperaturtolerant.

Wiesenzecke stark in Ostdeutschland verbreitet

Wo sind die Risikogebiete für dieses Frühjahr?

Zecken-Gebiete sind da, wo auch Schatten ist und wo sie für die Luftfeuchte tanken können. Zecken kommen in ganz Deutschland relativ gleichmäßig vor – zumindest der Gemeine Holzbock. Die Wiesenzecke ist sehr stark bei uns in Ostdeutschland verbreitetet, zieht sich aber auch immer mehr in den Westen und den Norden hoch. Bei den FSME-Risikogebieten ist es mittlerweile so, dass Bayern und Baden-Württemberg als große Flächenländer komplett Risikogebiet sind. Und jetzt mit den zwei neuen Risikogebieten Altenburger Land und Frankfurt (Oder) kommen immer mehr im Norden dazu. Das wandert immer mehr.

Sie haben den Gemeinen Holzbock angesprochen, auch die Wiesenzecke. Beobachten Sie, dass sich inzwischen auch neue Arten bei uns heimisch fühlen?

Seit ein paar Jahren, seit es bei uns so warm ist, haben wir vermehrt Einträge von Hyalomma-Arten. Das sind zwei Arten, die aus dem Balkan und aus Nordafrika kommen. Die sogenannten Jäger-Zecken haben ein ganz anderes Verhalten, sind deutlich größer. Und sie jagen in ihren Wirten, lauern also nicht im Gebüsch oder Gras und lassen sich nicht abstreifen. Wir haben dieses Jahr noch keine Einträge. Diese Zecken kommen mit den Zugvögeln. Es dauert noch ein bisschen, bis sich die Larven, die mit den Vögeln kommen, häuten und hier als adulte Tiere auffällig werden.

Das klingt schon gefährlich. Die lassen dann nicht locker und verfolgen den Wirt!?

Ja, das ist tatsächlich so. Das ist schon ein bisschen freaky, wenn man das mal erlebt hat. Die haben sehr lange Beine, sind groß. Das ist wie eine Spinne.

Sorge vor exotischen Zecken-Viren

Wie gefährlich kann denn letztlich ein Zeckenstich werden?

Wenn wir von den exotischen Hyalomma-Arten reden, sind es zwei Erreger, die uns Sorgen machen. Das eine ist eine Rickettsienart, die wir tatsächlich auch in Deutschland schon gefunden haben. Das ist aber kein schweres Krankheitsbild. Was uns mehr Sorge macht, ist das sogenannte Krim-Kongo-Hämorrhagische-Fieber-Virus, das zum Glück noch nie in einer importierten Hyalomma-Zecke gefunden wurde. Das ist ein hämorraghisches Fieber, das mit zweistelligen Todesraten einhergehen kann. Dafür gibt es keine kausale Therapie. Das ist etwas, das wir hier nicht haben wollen.

Impfungen gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis

Wie sieht dann der beste Schutz aus? Nicht in die Natur zu gehen, kann ja nicht die Lösung sein. Aber Socken, lange Hosen, ist das Pflicht?

Genau. Sonst können Sie gegen die Zecken eigentlich nichts machen. Gegen die Krankheiten, die sie übertragen, aber schon. Wir haben zumindest einen Impfstoff gegen die Frühsommer-Meningoenzephalitis. Für Kinder gibt es eine niedrige Antigen-Dosis. Es gibt auch für Leute, die sich spontan entscheiden, Schnellimpfschemata. Die jetzt sagen: "Wir besuchen die Oma in Bayern und haben nicht daran gedacht." Das geht alles. Jede Impfung ist ein Totimpfstoff. Es braucht eine Grundimmunisierung, aber jede Impfung hilft.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels war von "Riesenzecken" die Rede – dabei handelte es sich um einen Verständnisfehler der Redaktion. Herr Pfeffer hatte von Wiesenzecken gesprochen. Darüber hinaus hatten wir geschrieben, es würden "Kätzchen-Arten" übertragen, es handelt sich aber um Rickettsienarten. Wir haben beides auf Hinweis von Herrn Pfeffer korrigiert.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 03. April 2024 | 09:20 Uhr

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