Paritätischer Wohlfahrtsverband Armut durch Pandemie auf neuem Höchststand

Die Corona-Pandemie hat die Armut auf einen neuen Höchststand getrieben. 2021 hatten knapp 14 Millionen Menschen in Deutschland kein ausreichendes Auskommen, um am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Dem Paritätischen Gesamtverband zufolge ist die Armutsquote von 2020 auf 2021 von 16,1 auf 16,6 Prozent geklettert.

Lebensmittelausgabe bei einer Tafel
Immer mehr Menschen können sich auch Lebensmittel nicht mehr leisten. Die Tafeln verzeichnen großen Zulauf. Bildrechte: IMAGO / Michael Schick

Die Zahl der von Armut bedrohten Menschen ist während der Corona-Pandemie in Deutschland auf einem neuen Höchststand gestiegen. Darauf weist der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem jährlichen "Armutsbericht" hin, der am Mittwoch in Berlin veröffentlicht wurde. Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider äußerte sein Unverständnis darüber, dass "die Bundesregierung wie mit der Gießkanne übers Land zieht, Unterstützung dort leistet, wo sie überhaupt nicht gebraucht wird, und Hilfe dort nur völlig unzulänglich gestaltet, wo sie dringend erforderlich wäre".

In dem Bericht analysiert der Verband die Daten des Statistischen Bundesamtes zur sogenannten Armutsgefährdungsquote, oft auch einfach Armutsquote genannt. Diese war im vergangenen Jahr auf 16,6 Prozent gestiegen. Demnach leben 13,8 Millionen Menschen in Deutschland unterhalb der entsprechenden Grenze - und damit 600.000 mehr als vor der Pandemie.

Armutsquote Armut wird in wohlhabenden Ländern wie Deutschland nicht über direkte Not wie Hunger oder Obdachlosigkeit definiert. Im Zentrum steht vielmehr die Frage, ob das Haushaltseinkommen für gesellschaftliche Teilhabe reicht. Die Armutsgefährdungsquote gibt dabei den Anteil der Bevölkerung an, der mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss.

Viele arme Menschen in Sachsen-Anhalt und Thüringen

Angesichts der aktuell hohen Inflationsrate rechnet der Verband mit einer weiteren Verschärfung der Lage. "Die Befunde sind erschütternd, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie schlagen inzwischen voll durch", sagte Schneider. Noch nie habe sich die Armut in jüngerer Zeit so rasant ausgebreitet wie in der Pandemie.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband zeigte auch die sehr unterschiedliche Verteilung der Armutsgefährdung in Deutschlands Regionen auf. Demnach lag die Quote je nach Bundesland zwischen 12,6 und 28 Prozent. Die höchsten Quoten hatten Sachsen-Anhalt (19,5 Prozent), Berlin (19,6 Prozent) und Schlusslicht Bremen (28 Prozent). Die Bundesländer mit den niedrigsten Quoten waren Bayern (12,6 Prozent), Baden-Württemberg (13,9 Prozent) und Brandenburg (14,5 Prozent). Thüringen hat eine Quote von 18,9 Prozent, in Sachsen liegt sie bei 17,1 Prozent.

Weitere Entlastungen für Arme gefordert

Die jüngsten Entlastungspakete der Bundesregierung bezeichnete der Verband als ungerecht und unzureichend. "Pandemie und Inflation treffen eben nicht alle gleich", sagte Schneider. Von dem 29 Milliarden Euro schweren Entlastungspaket seien nur 2 Milliarden Euro als gezielte Hilfen an einkommensarmen Menschen gegangen.

Der Verband forderte deshalb ein neues Maßnahmenpaket, das zielgerichtet, wirksam und nachhaltig sein müsse. "Grundsicherung, Wohngeld und Bafög sind nach unserer Auffassung die wirksamsten Hebel, um schnell zu einer Entlastung unterer Einkommen zu gelangen", erklärte Schneider.

Derzeit wird in der Bundesregierung heftig über weitere Entlastungsschritte debattiert. So plant Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) als Ausgleich für stark steigende Preise die Möglichkeit einer steuerfreien Einmalzahlung durch die Arbeitgeber. Im Gegenzug sollen die Gewerkschaften bei Tarifrunden auf einen Teil der Lohnsteigerungen verzichten, um so die Inflation nicht weiter anzuheizen.

Dieser und andere Vorschläge sollen ab Montag kommender Woche bei einem Dialog der Regierung mit den Sozialpartnern und der Bundesbank auf den Tisch kommen.

Linken-Chefin: Bisherige Hilfen planlos

Linke-Chefin Janine Wissler kritisierte die Hilfen der Regierung als "planlos, zu wenig und zu wenig effektiv". Statt der Lohnabhängigen müssten endlich die Reichen und vor allem die "Krisengewinnler" stärker besteuert werden.

Der Grünen-Fraktionsvize Andreas Audretsch zeigte sich ebenfalls besorgt: Der Armutsbericht zeige, dass sich Ungleichheit verstärkt habe. Die Regierung müsse daher insbesondere ärmere Menschen unterstützen. Hierzu brauche es unter anderem weitere Entlastungen für Menschen mit kleinen Einkommen.

FDP-Sozialexperte Pascal Kober bemängelte, dass dem Armutsbericht ein politischer Ansatz zur Bekämpfung der Ursachen von Armut fehle. Hier müsse seiner Meinung nach der sozialpolitische Schwerpunkt liegen. Gerade in dieser finanziell angespannten Situation sei es wichtig, den Menschen mehr von ihrem ehrlich verdienten Geld zu lassen.

dpa/AFP/epd/MDR (ala)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Fernsehen | 29. Juni 2022 | 21:45 Uhr

26 Kommentare

ralf meier vor 6 Wochen

@wessi, unabhängig davon, was Sie von Putin halten, haben die aktuellen Sanktionen Putin eher genützt als geschadet. So hat sich der Wert des Rubel gegenüber dem Euro mehr als verdoppelt und Rusland profitiert auch prächtig vom Dank der Sanktionen massiv gestiegenen Gas Preis. . Für uns sind die Sanktionen ein Schuss ins Knie

PS den ganze Irrsinn der aktuellen Blockade russischer Gaslieferungen durch unsere Regierung zeigt auch der folgende Artikel vom 29.04.22 aus der Wirtschaftswoche: AN GAZPROM GEBUNDEN
Wie entkommt Deutschland Gas-Knebelklauseln mit Russland?
Zitat: 'Take-or-Pay-Klauseln in langfristigen Lieferverträgen könnten deutsche Firmen auf Jahre an Russland fesseln: Wer bestimmte Mengen nicht abnimmt, muss trotzdem zahlen
Zwangsbeitragsmedien wie das ARD Magazin Monitor leugnen dieses Problem schlicht, in dem sie behaupten, die Industrie hätte sich diese Zahlen ausgedacht. Eine kühne These , wenn man bedenkt, das die Lieferverträge vertraulich sind.

Wessi vor 6 Wochen

aber @ Gohlis...sämtliche Corona-Maßnahmen waren nötig+beweisen doch die Empathie für gefährdete Menschen!Sie waren, meiner Meinung sehr weitgehend nach richtig+gut, so man das in dieser sehr neuen, pandemischen Situation überhaupt beurteilen konnte.Jede solche Maßnahme hat leider Folgen. Ihre Frage über Putin, dessen brutaler kriegsverbrecherischer Angriff auf einen unabhängigen Staat die Energiepreise in die Höhe treibt+damit Menschen in die Armut,weil die Inflation steigt,irritiert.Daß es, mangels einer Vermögenssteuer+hoher Erbschaftssteuer, schon vor der Pandemie bei uns ungerecht zuging, da bin ich mit Ihnen d'accord, aber hier geht es um erstens die Auswirkungen für Menschen durch die notwendigen Anti-Coronamaßnahmen+zweitens durch Putin.Ich stehe eben in großem Umfang hinter den demokratisch gewählten Mehrheiten+deren Maßnahmen.Dazu: Schlagworte ,wie "framing","wording"+"verheerend", etc. reichen mir als Beweis wohin ich Ihre Meinung tue!Dazu reichen mir mdrblogs!

Gohlis vor 7 Wochen

Lieber Wessi, also sorry, der oben stehende Artikel und viele andere des mdr zeigen doch, wie verheerend die Folgen sind. Oder haben Sie keine Empathie für arme Menschen und die anderen genannten Probleme (neben der psychischen Gesundheit käme noch die physische hinzu - Menschen sind aus Angst nicht zur Behandlung oder Vorsorge gegangen, wurden im Lockdown adipös usw.)? Im Gegensatz zu mir halten Sie die Maßnahmen für "extrem klug". Kein Problem, aber packen Sie doch nicht immer gleich andere Meinungen ins Feindesland. Diese Denke ist einfach totalitär. Ihr letzter Satz hätte übrigens die "bleiben Sie beim Thema"-Warnung der Redaktion bekommen müssen, was hat Putin mit der Armut in Deutschland zu tun? Und ich kenne wirklich niemanden, der den Angriff Russlands für "berechtigt" hält. Sie wittern Volksfeinde überall - genau wie einst J.W.Stalin. Leben Sie friedlicher - ist auch für Sie besser. Alles Gute, und das meine ich wirklich ehrlich.

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