Mitteldeutschland Mehr ukrainische Schüler im neuen Schuljahr – Lehrermangel verfestigt sich

25. August 2022, 05:00 Uhr

Ein Ende des russischen Kriegs gegen die Ukraine ist nicht in Sicht. Auch wenn die Flüchtlingswelle abebbt, die Zahl ukrainischer Kinder und Jugendlicher an deutschen Schulen steigt. Angesichts des ohnehin schon vorhandenen Lehrermangels ist in den zuständigen Ministerien von einer herausfordernden Situation die Rede. MDR AKTUELL hat vor dem neuen Schuljahr in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nachgefragt.

Sachsen: Wie viele Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine gibt es?

Das Kultusministerium in Sachsen rechnet Ende August mit etwa 500 Neueinschulungen ukrainischer Schülerinnen und Schüler im Freistaat. Im Juli waren nach offiziellen Angaben bereits gut 8.600 ukrainische Kinder an Schulen in Sachsen erfasst. Zwischenzeitlich war sogar von 10.000 die Rede.

Ukrainische Schulanfänger werden in Sachsen demnach zunächst in Vorbereitungsklassen an die deutsche Sprache herangeführt. Nach Möglichkeit sollen sie jedoch künftig verstärkt von Beginn an in Regelklassen an Grundschulen integriert werden. Denn je jünger die Kinder sind, umso schneller erlernen sie die deutsche Sprache, so das Kalkül. Auf MDR-Anfrage heißt es zudem, nach der akuten Aufnahmephase im Frühjahr steht das Schuljahr 2022/23 für Kinder und Jugendliche aus der Ukraine nun im Zeichen des Erwerbs von Deutsch als Zweitsprache.

Unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass ukrainische Kinder und Jugendliche gern und schnell lernen.

Kultusministerium Sachsen

Ukrainische Kinder wurden laut Ministerium vor allem an Grund- und Oberschulen angemeldet, danach folgen Gymnasien, Berufsbildende Schulen und Förderschulen. "Unsere ersten Erfahrungen zeigen, dass ukrainische Kinder und Jugendliche gern und schnell lernen", so die Einschätzung. Mehr zur Beschulung hier.

Die Lage bei ukrainischen Lehrkräften in Sachsen

Für das neue Schuljahr wurden laut sächsischem Kultusministerium bis Mitte August 338 Lehrkräfte und 78 Schulassistentinnen und -assistenten eingestellt - drei Viertel davon mit ukrainischer Herkunft. Im abgelaufenen Schuljahr waren 462 zusätzliche Lehr- und Assistenzkräfte befristet bis Schuljahresende eingestellt worden. Sofern die Bereitschaft und Eignung besteht, können sie weiter beschäftigt werden. Das Einstellungsverfahren laufe noch.

Ukrainische Lehr- und Assistenzkräfte werden den Angaben zufolge in der Regel nach Tarifentgelt für Lehrer in Sachsen bezahlt, nach Beschäftigungsumfang, Ausbildungsabschlüssen sowie einschlägiger Berufserfahrung. Bewerben können sich neben regulären Lehrkräften auch altersbedingt ausgeschiedene oder beurlaubte Lehrkräfte sowie Absolventen von Lehramtsstudiengängen. Mit einem anderen pädagogischen Abschluss oder einem allgemeinen Hochschulabschluss ist auch ohne Lehramtsbefähigung eine Anstellung möglich. Mehr dazu.

Insgesamt blickt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mit großer Sorge auf das neue Schuljahr in Sachsen. Nach Ansicht der GEW fehlen im Freistaat mindestens 3.000 Lehrer.

Sachsen-Anhalt: Wie viele Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine gibt es?

Das Landesschulamt Sachsen-Anhalt erwartet im Schuljahr 2022/23 an den Schulen einen deutlichen Anstieg der Zahl ukrainischer Kinder und Jugendlicher. Neben dem weiteren Zuzug Geflüchteter liege das auch daran, dass viele Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine im vergangenen Schuljahr noch die Online-Beschulung aus der Ukraine nutzten und ihr Schuljahr beendeten. Diese Kinder strömten nun an die Schulen im Land.

Das Landeschulamt teilte dem MDR mit, Ende des vergangenen Schuljahres seien knapp 3.300 Kinder und Jugendliche in den öffentlichen Schulen des Landes aufgenommen worden sowie eine geringe Zahl an freien Schulen. Im neuen Schuljahr geht Bildungsministerin Eva Feußner von einer Verdopplung dieser Zahlen aus. Sie sprach am Dienstag von 6.700 Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine, die integriert werden müssen.

Lehrermangel im Land verschärft sich

In Sachsen-Anhalt sind bislang gut 170 zusätzliche Lehrkräfte für ukrainische Schülerinnen und Schüler eingestellt worden. Nach Aussage des Bildungsministeriums wird diese Zahl noch anwachsen. Das Bewerbungsverfahren dauere an. Gesucht werden demnach auch noch Fachkräfte, die den Kindern Deutsch als Zweitsprache beibringen. Bislang seien in diesem Bereich 43 Personen eingestellt worden. 150 Stellen könnten besetzt werden.        

Das Bildungsministerium befürchtet indes, dass im neuen Schuljahr so viel Unterricht ausfallen wird wie nie zuvor. Feußner erklärte, wegen des Lehrermangels sinke die Unterrichtsversorgung landesweit auf 92 Prozent - das sei der niedrigste Wert in der Geschichte des Landes. In vielen Schulen liege die Abdeckung sogar unter 90 Prozent. Besonders betroffen seien Sekundarschulen sowie Förder- und Gemeinschaftsschulen.

Thüringen: Wie viele Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine gibt es?

In Thüringen besuchten zum Stichtag 18. Juli 2.609 geflohene ukrainische Schülerinnen und Schüler eine Schule im Freistaat. Zu Einschulungen und der Gesamtzahl im neuen Schuljahr gibt es noch keine verlässlichen Daten, weil viele Geflüchtete ohne Registrierung einreisten und keine Anmeldung erfolgte. Erste Zahlen erwartet das Kultusministerium zur Schuljahresauftakt-Pressekonferenz am 25. August. Die Lage sei "herausfordernd und dynamisch".

Laut Ministerium werden neu einzuschulende Kinder der verschiedenen Klassenstufen in reguläre Klassen aufgenommen. Da zur Beschulung und Integration gute Deutschkenntnisse nötig seien, gebe es begleitend zum Fachunterricht Förderunterricht in Deutsch - entsprechend Vorkenntnissen in Vor-, Grund- und Aufbaukursen. Die meisten ukrainischen Kinder wurden in Thüringer Grundschulen eingeschult, gefolgt von den Regelschulen. Zuständig ist im Normalfall die Schule am Wohnsitz oder das regionale Schulamt. Rechtsgrundlage hierfür ist Paragraf 15 im Landesschulgesetz.

Die Lage bei ukrainischen Lehrkräften in Thüringen

Die Anzahl der ukrainischen Lehrerinnen und Lehrer im neuen Schuljahr an Thüringer Schulen ist noch ungewiss. Mit Stand 1. Juli 2022 waren 15 ukrainische Lehrkräfte im Thüringer Schuldienst tätig, weitere 27 befanden sich im Prüfverfahren zur Einstellung.

Ukrainische Lehrkräfte erhalten laut Ministerium befristete Arbeitsverträge nach Tarif und werden nach Qualifikation, Arbeitsgebiet und -zeiten bezahlt. Der Freistaat wirbt nach eigenen Angaben aktiv um ukrainische Pädagoginnen und Pädagogen und will die Hürden für eine Beschäftigung möglichst gering halten. Bei fehlenden Dokumenten und Qualifikationsnachweisen werden auch glaubhafte schriftliche Erklärungen akzeptiert.

Angesichts des bereits bestehenden Lehrermangels blickt der Thüringer Lehrerverband mit Sorge auf das neue Schuljahr. Nach einer Verbandsumfrage fehlen im Schnitt zwei Lehrer an jeder Schule im Freistaat. Durch die Aufnahme von etwa 1.300 Schülern aus der Ukraine habe sich die Situation noch einmal verschärft.

MDR (ans)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 23. August 2022 | 19:00 Uhr

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