Deutsch-Polnische Beziehungen Das Klischee des kriminellen, unordentlichen Polen hat ausgedient

Polen fällt zu Deutschland als erstes "Krieg" ein, die Deutschen wiederum denken vor allem an "Tourismus" und "Kultur". Die Ergebnisse zum "Deutsch-Polnischen Barometer" wurden heute veröffentlicht und stellen fest, wo es im deutsch-polnischen Kontext am meisten hakt und wie man das leicht ändern könnte.

Ein Mann fotografiert deutsche und polnische Grenzpfähle auf der Insel Usedom.
Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Polen denken? Bildrechte: dpa

Einmal im Jahr versucht das "Deutsch-polnische Barometer" zu ergründen, wie es um die Nachbarschaftsbeziehungen bestellt ist - und das bereits seit 20 Jahren. Auffällig im Barometer 2020: Jeder dritte Pole denkt an "Krieg" sobald er an Deutschland denkt. "Auf polnischer Seite gibt es eine deutliche Zunahme emotionaler Assoziationen, die mit dem schwierigsten Kapitel unserer gemeinsamen Geschichte verbunden sind", sagt Agnieszka Łada, die die Studie für das Deutsche Polen-Institut geleitet hat. Seit 2016 ist der Anteil dieser Assoziationen von 21 Prozent auf 30 Prozent gestiegen.

Portrait Agnieszka Lada
Agnieszka Łada ist stellvertretende Leiterin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt. Bildrechte: Aleksandra Szewczul/Agnieszka Łada

Die meisten Deutschen verbinden das Nachbarland mit Sprache, Kultur oder Tourismus, so ein zentrales Ergebnis des Barometers. Das Klischee vom unordentlichen Polen, auch als "Polnische Wirtschaft" bekannt, spielt laut Studie in deutschen Köpfen kaum noch eine Rolle. Nur noch vier Prozent der befragten Deutschen assoziieren Polen mit Unordnung und Kriminalität.

Erstmals: Deutsche zeigen mehr Sympathie als Polen

Einige Ergebnisse der Befragung deuten auf ein zunehmendes Interesse der Deutschen an Polen hin: Erstmals seit Erscheinen des Barometers im Jahr 2000 zeigen mehr Deutsche Sympathie für die Polen, nämliche 55 Prozent der Befragten. Umgekehrt sind es nur 42 Prozent der befragten Polen. Dass bedeute jedoch nicht, dass die Polen die Deutschen ablehnen, betonen die Macher des Barometers. Vielmehr tendieren die polnischen Befragten dazu, alle abgefragten Länder neutraler zu bewerten.

Viele Deutsche auch ohne Meinung

Trotz überwiegender Sympathie der Deutschen gegenüber ihren Nachbarn, haben immer noch viele von ihnen eine ambivalente bis keine Meinung zu Polen. So antworten sie etwa auf Fragen zum demokratischen Regierungssystem, zu freien Medien, Korruption oder Bürokratie mit "weder ja noch nein". Die Einschätzungen zum eigenen Land hingegen fallen auf Seiten der Deutschen überwiegend positiv aus.

Polen ist politisch gespalten

Dabei lassen sich laut Studienmachern keine Rückschlüsse auf politischen Präferenzen bei den deutschen Befragten ziehen. Ganz anders sieht es da bei den Polen aus: Bewertungen von Anhängern der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) unterscheiden sich deutlich von Einschätzungen von Anhängern des Oppositionslagers, vor allem solchen der Bürgerkoalition (Koalicja Obywatelska). PiS-Anhänger haben zu Deutschland und dessen Politik eine generell negativere Einstellung und meinen, man sollte in den gemeinsamen Beziehungen vor allem die Vergangenheit und nicht die Zukunft in den Fokus rücken.

Die häufigsten genannten Probleme in den deutsch-polnischen Beziehungen - die Frage der Zahlung von Reparationen durch Deutschland an Polen
- die Gaspipeline Nord Stream II
- die Forderungen nach Entschädigung bzw. Rückübertragung von Vermögenswerten
durch einige deutsche Vertriebene
- Flüchtlingsfrage

"Wir verstehen uns oft nicht, aber viel verbindet uns auch. Diese Ergebnisse zeigen auch, dass sie nicht so fatal sind, wie sie auf den ersten Blick wirken", sagt Łada. 55 Prozent der Deutschen und 72 Prozent der Polen erachten laut Befragung die deutsch-polnischen Beziehungen als gut, 25 Prozent beziehungsweise 14 Prozent hingegen als schlecht.

Positiver Einfluss durch persönlichem Kontakt

"Nach wie vor zeigt die Barometer-Studie, was für eine große Bedeutung die Tatsache hat, dass man schon im Nachbarland war", meint Łada. "Personen, die einmal das jeweils andere Land besucht haben, haben für gewöhnlich eine bessere Meinung davon, als solche, die es nicht getan haben. Das gilt viel stärker für die deutschen Befragten." Um die gegenseitige Wahrnehmung zu verbessern, würde es sich also lohnen, sich gegenseitig zu besuchen, so die Autoren der Studie.

Das Deutsch-Polnische Barometer ist ein Projekt, das die gegenseitige Wahrnehmung von Polen und Deutschen untersucht. Die Untersuchungen werden seit dem Jahr 2000 durchgeführt. In diesem Jahr wurde die Studie gemeinschaftlich vom Institut für Öffentliche Angelegenheiten, dem Deutschen Polen-Institut, der Konrad- Adenauer- Stiftung in Polen und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit erarbeitet. In Polen wurde eine repräsentative Gruppe von 1000 erwachsenen Einwohnern älter als 15 Jahre in der Zeit zwischen dem 21. und 26. Februar 2020 befragt; in Deutschland umfasste die repräsentative Stichprobe 1000 erwachsene Einwohner älter als 14 Jahre, die zwischen dem 17. und 23. Februar 2020 befragt wurden.

(adg)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Juni 2020 | 07:40 Uhr