Katholische Kirche Der "Pädophilenjäger" des Papstes soll in Polen aufräumen

Die katholische Kirche in Polen kämpft mit dem größten Missbrauchsskandal ihrer Geschichte. Fast täglich melden sich neue Opfer. Das Problem wurde von vielen Bischöfen Jahrzehnte lang unter den Teppich gekehrt. Priester, die sich an Kindern und Jugendlichen vergriffen, wurden oft nur versetzt, statt bestraft zu werden. Nun reißt Papst Franziskus offenbar der Geduldsfaden. Er hat seinen Chefermittler nach Polen geschickt.

Charles Scicluna
Charles Scicluna ist der gefürchtete "Pädophilen-Jäger" von Papst Franziskus. Nun kommt er auch nach Polen, wo seit Monaten immer neue Missbrauchs- und Vertuschungsfälle ans Licht kommen. Bildrechte: imago images / Aton Chile

Der 60-jährige Charles Scicluna ist ein gefürchteter Mann. Seit 2015 ist er Erzbischof von Malta, vor allem hat er sich aber als "päpstlicher Terminator" im Kampf gegen Kindesmissbrauch einen Namen gemacht. Wo er auftaucht, lehrt er die Täter das Fürchten. Er ermittelt kompromisslos gegen Täter und knöpft sich auch deren Vorgesetze vor, wenn sie Missbrauchsfälle vertuscht haben.

"Terminator des Papstes"

Am Freitag trifft der ebenso gefürchtete wie erfolgreiche "Pädophilenjäger" auch in Polen ein. Er soll die polnischen Bischöfe im Kampf gegen Missbrauch beraten, wie es offiziell heißt. Viele Polen, die zu 90 Prozent katholisch sind, erwarten allerdings deutlich mehr – bis hin zur Absetzung einzelner Bischöfe, die pädophile Straftaten ihrer Untergebenen deckten.

Die Debatte um Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche Polens dauert seit längerem an. Den Stein ins Rollen brachte im Herbst 2018 der Spielfilm "Klerus". Darin wurden, anhand von echten Fällen, Intrigen, Gier und Pädophilie von Geistlichen angeprangert. Innerhalb der ersten sieben Wochen nach der Premiere wurde der Film von gut fünf Millionen Kinobesuchern gesehen.

Missbrauchsfälle vertuscht, Opfer eingeschüchtert

Journalisten brachten in den Folgemonaten immer mehr Fälle ans Licht, in denen Bischöfe pädophile Straftaten ihrer Priester vertuscht hatten. Oft waren die Geistlichen von einem Ort zum nächsten versetzt worden, wo sie sich weiter an Kindern und Jugendlichen vergingen. Missbrauchsopfer, die als Erwachsene über ihre Erlebnisse aus der Kindheit reden wollten, wurden von Kirchen-Anwälten eingeschüchtert und zum Schweigen genötigt. Für Empörung sorgte auch, dass Kirchenleute nicht im staatlichen Sexualtäterregister im Internet auftauchten. Die Stiftung "Fürchtet euch nicht!" stellte daher eine vielbeachtete Online-Karte mit pädophilen Priestern ins Internet.

YouTube-Doku erschüttert Polen

Filmplakat "Tylko nie mów nikomu"
Die YouTube-Doku "Sag es bloß niemandem" mit Zeugnissen von Missbrauchsopfern kam innerhalb von einem Monat auf 22 Mio. Abrufe. Bildrechte: Facebook/Sekielski

Den vorläufigen Höhepunkt in der Kette der Enthüllungen stellt die YouTube-Dokumentation "Sag es bloß niemandem" dar, die seit ihrer Premiere am 11. Mai 2019 bereits mehr als 22 Millionen Mal abgerufen wurde (Stand: 13. Juni 2019). Darin werden die geistlichen Täter mit ihren inzwischen erwachsenen Opfern konfrontiert, die auch Jahrzehnte später das Trauma nicht verarbeitet haben. Die Empörung in der polnischen Öffentlichkeit war nach der Filmpremiere so groß, dass das Parlament die Strafen für Kindesmissbrauch verschärfte.

Erfolgreicher "Pädophilen-Jäger"

Viele Polen erhoffen sich nun vom päpstlichen "Pädophilen-Jäger" ein hartes Durchgreifen. Scicluna kämpft seit Jahren gegen Kindesmissbrauch in der Kirche und kann unter den engsten Mitarbeitern von Papst Franziskus die größte Erfahrung auf diesem Gebiet vorweisen. Sein erster spektakulärer Erfolg war die Absetzung des mächtigen Ordensgründers Marcial Maciel Degollado. Der Mexikaner hatte in den 1940ern die Ordensgemeinschaft der "Legionäre Christi" gegründet. Jahrzehntelang genoss er große Anerkennung in der katholischen Kirche. Papst Johannes Paul II. stellte Degollado sogar als "Vorbild für die Jugend" dar. Dabei führte Degollado ein Doppelleben, hatte nicht nur zahlreiche Affären mit erwachsenen Frauen, sondern missbrauchte auch Kinder und Jugendliche. Entsprechende Zeugenaussagen wurden jedoch von seinen Freunden im Vatikan unterdrückt. Erst nach den Ermittlungen Sciclunas wurde Degollado 2006 von Papst Benedikt XVI. zur Verantwortung gezogen.

"Lifeline"-Kapitän Claus-Peter Reisch mit dem Erzbischof von Malta, Charles Scicluna
Eigentlich ist Charles Scicluna hauptamtlich Erzbischof von Malta. Doch in der Kirche ist er vor allem als päpstlicher Sonderermittler zum Kindesmissbrauch bekannt und gefürchtet. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Noch spektakulärer war Sciclunas Mission in Chile, die 2018 zum geschlossenen Rücktritt aller 34 Bischöfe des Landes führte. Selbst Papst Franziskus konnte zunächst nicht glauben, welche Ausmaße Kindesmissbrauch in der chilenischen Kirche angenommen hatte. Erst ein 2.300 Seiten umfassender Bericht Sciclunas öffnete dem Kirchenoberhaupt die Augen. Geistliche aus Chile hatten ein regelrechtes Netzwerk aufgebaut – nicht nur, um Kinder zu missbrauchen, sondern auch um diese Straftaten zu vertuschen, Beweise zu vernichten und die ermittelnden Juristen zu beeinflussen.

Müssen Bischöfe in Polen zurücktreten?

Einen solchen Ausgang der aktuelle Visite Sciclunas in Polen würden sich selbst manche Kirchenleute wünschen. So forderte der Dominikanerpater Paweł Gużyński noch nach der Premiere der vielbeachteten YouTube-Doku "Sag es bloß niemandem!" in einem Zeitungsinterview Rücktritte. Ohne ein Erdbeben sei das Problem nicht zu lösen. Viele Bischöfe hätten unzeitgemäße Denkmuster, die man mit einem Hammer zerschlagen müsse, sagte der Geistliche.

Der ranghöchste polnische Bischof, Primas Wojciech Polak, erwartet allerdings kein "Erdbeben". Der päpstliche Missbrauchsexperte Scicluna wolle lediglich über seine Erfahrungen im Kampf gegen Pädophilie berichten, um der Kirche in Polen beim Lösen des Problems zu helfen, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur KAI.

(baz)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 18. Mai 2019 | 07:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 05:00 Uhr

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