Pandemie Corona-Impfungen in der Ukraine: 2.500 Euro auf dem Schwarzmarkt

Mann vor Flagge
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Während in Europa bereits gegen Corona geimpft wird, steht die Ukraine in dieser Beziehung vor einem echten Debakel. Die Impfstrategie des Landes droht in einer Katastrophe zu münden. Gleichzeitig machen Gerüchte von einen Impfstoff für Reiche die Runde, der ins Land geschmuggelt worden sein soll und für 2.500 Euro pro Impfung verabreicht werden soll.

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Ampulle mit der Aufschrift 'Covid-19 Vacina' und ein Coronavirus, der sich in einem Tropfen spiegelt. 11 min
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Die ukrainische Impfstrategie sieht vor, bis Ende 2022 die Hälfte der Bevölkerung gegen Corona zu impfen. Ein Impfstoff für Normalverbraucher scheint somit noch in weiter Ferne zu sein. Für wohlhabende Ukrainer dagegen soll es seit Jahresbeginn eine Möglichkeit zur Impfung geben. Dieser Schwarzmarkt für Impfstoffe soll in der Kiewer Privatklinik Mediland florieren, die ihren VIP-Kunden die BioNTech/Pfizer-Impfung zu einem Preis von 2.500 Euro für beide Impfdosen anbieten soll. Das behauptete zumindest jüngst der ukrainische Politiker und Geschäftsmann Mychajlo Brodskyj in einem Artikel auf seiner eigenen Boulevard-Seite Obozrevatel.com. Dabei betonte er sogar, dass sich selbst der Ministerpräsident Denys Schmyhal bereits habe impfen lassen.

Eine Seniorin zieht einen Einkaufswagen über einen Markt.
Während die Reichen in der Ukraine sich offenbar auf dem Schwarzmarkt mit einem Corona-Impfstoff versorgen können, muss die restliche Bevölkerung noch lange auf einen Impfstoff warten. Bildrechte: imago images / Ukrinform

Verbindungen nach Israel

Was zunächst wie ein wildes Gerücht klang, konnte inzwischen zumindest teilweise belegt werden. Den Recherchen der russlandfreundlichen, aber stets gut informierten Nachrichtenseite Strana.ua zufolge, soll der Israeli Roman Goldman, Leiter eines Medizinzentrums in Tel Aviv, hinter den illegalen Impfungen stehen. Goldman soll mit dem Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses des ukrainischen Parlaments befreundet sein und zuvor die Behandlung von bekannten Ukrainern wie Vitali Klitschko in Israel organisiert haben. Zudem gaben einige Geschäftsleute, die namentlich nicht genannt werden wollen zu, entsprechende Impfangebote erhalten zu haben. Schließlich bestätigte auch der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU den Import von Medikamenten aus Israel - allerdings soll es sich dabei um "giftige und starkwirkende Substanzen" gehandelt haben, die als Corona-Impfstoff deklariert gewesen sein sollen. Damit gibt der SBU indirekt zu, dass es einen Schmuggel gab, unterstellt den Ärzten aber, sie hätten ihren VIP-Kunden Gift gespritzt. Doch aus der Privatklinik heißt es hinter vorgehaltener Hand und höchst inoffiziell, dass es bislang keinerlei Beschwerden nach den Injektionen gegeben habe.

Wie konnte der Impfstoff in die Ukraine gelangen?

Mychajlo Brodskyj behauptet jedenfalls, dass der BioNTech/Pfizer-Impfstoff Ende Dezember mit einem Charterflug aus Israel in die Ukraine transportiert wurde. "Höchstwahrscheinlich wurde er dann ohne Zollabfertigung durch die Halle der offiziellen Delegationen am Kiewer Flughafen Boryspil befördert", schreibt er. Die Vakzine von BioNTech/Pfizer muss jedoch bei minus 70 Grad Celsius transportiert und gelagert werden, damit sie stabil bleibt. "Impfstoffe müssen tiefgefroren werden. Es ist unmöglich, dass jemand sie unbemerkt transportiert", hieß es daher aus dem israelischen Gesundheitsministerium, welches nicht vor hat, die Situation weiter zu untersuchen.

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, aufgenommen mit Mundschutz in Kiew, 24.08.2020.
Der Präsident der Ukraine, Wolodymyr Selenskyj, steht aktuell erneut stark in der Kritik, weil die Impsftoffstrategie der Regierung zu scheitern droht. Bildrechte: imago images/photothek

Dennoch scheint es höchst unwahrscheinlich, dass sich wohlhabende Ukrainer mit unbekannten Medikamenten impfen lassen würden. Wer bereit ist, für die Impfung 2500 Euro zu zahlen – der offizielle Preis einer Dosis des BioNTech/Pfizer-Impfstoffs wird mit 16,50 Euro angegeben – der wird vermutlich auch eine Garantie haben wollen, dass er sich kein Gift spritzen lässt. Und wenn nicht BioNTech/Pfizer, dann wird es eben ein anderer Impfstoff sein.

Kiew droht ein Impf-Debakel

Die Resonanz zu dieser Impfaffäre war in der Ukraine jedenfalls so groß, dass sich der Präsident, Wolodymyr Selenskyj, persönlich einmischen musste. "Wenn jemand wirklich heimlich den Impfstoff importierte, um diesen dann zu verkaufen, muss die Reaktion so hart wie möglich ausfallen", sagte er. Als Antwort darauf gab es eine Welle der Kritik gegen das Staatsoberhaupt in den sozialen Netzwerken. Dass es einen Schwarzmarkt für Impfstoffe geben könnte, wunderte die Menschen dabei nicht. Schließlich gehören Schmuggel und Korruption nach wie vor zum Alltag im Land. Es ging vielmehr darum, dass die Regierung in Kiew nicht in der Lage zu sein scheint, die ukrainische Bevölkerung auf offiziellem Weg mit einem Impfstoff zu versorgen. Die nationale Impfstrategie droht, sich zu einer Katastrophe zu entwickeln.

Eine Frau zeigt einen COVID-19-Impfstoffkandidaten am Messestand der Firma Sinovac Biotech Ltd
Im Rahmen der nationalen Impfstoffbeschaffung konnte sich die Ukraine bislang lediglich 1,9 Millionen Dosen des chinesischen Unternehmens Sinovac Biotech sichern. Benötigt werden jedoch rund 40 Millionen Dosen, um die Hälfte der Bevölkerung impfen zu können. Bildrechte: imago images / ZUMA Wire

Dabei wären, der Umfrage der unabhängigen Rating Group zufolge, 55 Prozent der Ukrainer bereit, sich kostenlos gegen Covid19 impfen zu lassen. 35 Prozent würden auch dafür zahlen. Doch wann die Ukraine einen Impfstoff bekommt, steht bislang in den Sternen. Der einzige Vertrag, den Kiew im Moment in der Tasche hat, wurde mit Sinovac Biotech abgeschlossen, einem chinesischen Impfstoffproduzenten. Danach soll die Ukraine 1,9 Millionen Dosen bekommen. Weitere fünf Millionen Dosen hat sich zudem eine Privatfirma gesichert. Doch die letzten Tests der Sinovac-Vakzine zeigten eine Effektivität von knapp über 50 Prozent. Der Gesundheitsminister Maxym Stepanow kündigte nun an, den Impfstoff bei einer Effektivität von weniger als 70 Prozent nicht kaufen zu wollen.

Russischer Impfstoff ist eine politische Angelegenheit

Außerdem kann die Ukraine im Rahmen der Initiative COVAX für einen weltweit fairen Zugang zu einem bezahlbaren Impfstoff mit weiteren acht Millionen Dosen rechnen. Darüber hinaus kann Kiew jedoch nichts vorweisen. Wann das Land mit der Impfung anfangen kann, ist also noch völlig unklar. Dabei wären rund 40 Millionen Dosen nötig, um bis Ende 2022 tatsächlich die Hälfte der Bevölkerung zu impfen. Große Hoffnungen wurden deswegen auch in den eigenen Impfstoff gelegt, den Präsident Selenskyj im Herbst als "einzigartig" bezeichnete. Ob es bei dessen Entwicklung jedoch irgendwelche Fortschritte gibt, ist gänzlich unbekannt. Fest steht aber, dass sich einer der Hauptentwickler dieses Impfstoffs bereits in den USA mit der dortigen Moderna-Vakzine hat impfen lassen.

Umso mehr wirbt Russland in dieser Situation für den Export seines Impfstoffs Sputnik V in die Ukraine. Ein Charkiwer Unternehmen will die russische Vakzine registrieren lassen und hat bereits die benötigten Dokumente eingereicht. Doch für Kiew ist die Zulassung aufgrund des langjährigen Konflikts mit Moskau auch eine politische Angelegenheit, daher ist sie eher unwahrscheinlich. "Als Regierungsmitglied bin ich gegen den Einsatz des russischen Impfstoffs, auch wenn dieser sich als effektiv erweist", betonte neulich der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba. "Mit der Lieferung des Impfstoffs kümmert sich Russland nicht um die Gesundheit der Ukrainer, sondern um die Verbreitung seiner Propaganda-Klischees." Dennoch: Anbetracht der Tatsache, dass die Ukraine kaum Auswahl hat, wird die Debatte wohl weitergehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Januar 2021 | 07:16 Uhr