Vier Stühle stehen an einem reichhaltig gedeckten Tisch. Etwas abseits steht ein einsamer Gartenstuhl. Auf ihm ein Brötchen und ein Apfel.
Im Vergleich zu anderen Bundesländern sind in Sachsen-Anhat viele Menschen von Armut bedroht. Bildrechte: MDR/MDR Data

Tag zur Beseitigung von Armut Fast jeder Fünfte in Sachsen-Anhalt von Armut bedroht

17. Oktober 2023, 05:00 Uhr

Am 17. Oktober ist Internationaler Tag zur Beseitigung von Armut. Misst man Armut am Verhältnis zum Wohlstand eines Landes, schneidet Sachsen-Anhalt im Deutschland-Vergleich schlecht ab. Besonders gefährdet sind vor allem zwei Gruppen.

Katharina Forstmair
Bildrechte: Katharina Forstmair

Fast jeder fünfte Mensch in Sachsen-Anhalt (19,3 Prozent) gilt als armutsgefährdet. Damit liegt Sachsen-Anhalt im bundesweiten Vergleich auf Platz 4 hinter Bremen, Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Das geht aus den Zahlen des Statistik-Portals des Bundes und der Länder hervor. Im Vergleich zum Vorjahr hat sich die Lage minimal verschlechtert. 2021 lag der Anteil der Menschen, die in Sachsen-Anhalt von Armut bedroht sind, noch bei 19,2 Prozent.

Wie wird die Armutsgefährdungs-Quote berechnet?

Zur Berechnung der Armutsgefährdungs-Quote wird das Netto-Einkommen aller Haushalts­Mitglieder zu einem Haushalts-Netto-Einkommen addiert. Zum Netto-Einkommen zählen auch Sozialhilfen. Dieses Haushalts-Netto-Einkommen wird anhand verschiedener Faktoren auf die Personen des Haushalts verteilt. Dabei werden Haushalts-Strukturen und Ersparnisse berücksichtigt, die durch das Zusammenleben entstehen. Ergebnis dieser Rechnung ist das Netto-Äquivalenzeinkommen einer Person. Menschen gelten als armutsgefährdet, wenn ihr Netto­Äquivalenzeinkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens (Median) der gesamten Bevölkerung beträgt. 2022 lag dieser Bundesmedian bei 1982 Euro.

Bundesmedian vs. Landesmedian

Verwendet man zur Berechnung von Armutsgefährdung den Bundesmedian, wird das Einkommen einer Person mit dem mittleren Einkommen (Median) im gesamten Bundesgebiet verglichen. Verwendet man den Landesmedian, wie etwa das Statistische Landesamt in Halle, wird das Einkommen mit dem mittleren Einkommen des jeweiligen Bundeslandes verglichen, in dem die Person lebt. MDR SACHSEN-ANHALT verwendet die Armutsgefährdungs-Quote gemessen am Bundesmedian, um die Zahlen deutschlandweit vergleichen zu können.

In Deutschland leidet kaum jemand an extremer Armut, anders als rund 670 Millionen Menschen weltweit. In der Bundesrepublik wird Armut stattdessen im Verhältnis zum Wohlstands-Niveau des Landes gemessen. Menschen gelten hier als arm, wenn ihr Einkommen deutlich unter dem Durchschnitts-Einkommen der gesamten Bevölkerung liegt.

Eine allein lebende Person ohne Kinder beispielsweise gilt in Deutschland als armutsgefährdet, wenn ihr Nettoeinkommen weniger als 1.189 Euro beträgt. Ein Haushalt mit zwei Erwachsenen und einem Kind ist armutsgefährdet, wenn insgesamt weniger als 2.141 Euro netto pro Monat zur Verfügung stehen. Bei zwei Kindern liegt die Grenze bei 2.498 Euro.

Diese sogenannte relative Armut kann dazu führen, dass Menschen nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Menschen, die relativ arm sind, haben oft schlechtere Bildungs-Chancen, weniger soziale Kontakte und Schwierigkeiten, beruflich aufzusteigen. Ausflüge und Urlaub sind für sie meistens undenkbar.

Alleinerziehende und junge Menschen besonders betroffen

Besonders von Armut bedroht sind in Sachsen-Anhalt Alleinzerziehende, in Zahlen: Es ist die Hälfte aller Frauen und Männer, die in Sachsen-Anhalt Kinder allein groß ziehen (51,9 Prozent). Der Anteil ist damit in Sachsen-Anhalt noch höher als in Deutschland insgesamt (42,9 Prozent).

Kerstin Bruère beschäftigt sich im Sozialministerium von Sachsen-Anhalt unter anderem mit Armuts- und Reichtums-Fragen. Sie stellt die schwierige Situation von Alleinerziehenden heraus, die mit ihrem Einkommen nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Kinder versorgen müssen.

Gleichzeitig haben Alleinerziehende weniger Flexibilität und eine Doppelbelastung durch Beruf und Kinderbetreuung, erklärt Bruère. Dies führe dazu, dass oft schlecht bezahlte Jobs ausgeübt werden. Noch schwieriger sei es, wenn der Partner oder die Partnerin keinen oder zu wenig Unterhalt zahlt.

Junge Menschen sind stark von der Situation ihres Elternhauses abhängig.

Kerstin Bruère Sozialministerium Sachsen-Anhalt

Unterscheidet man nach Altersgruppen, sind in Sachsen-Anhalt besonders junge Menschen von Armut betroffen. Bei Menschen unter 18 Jahren beträgt der Anteil armutsgefährdeter Personen 26,2 Prozent, bei 18- bis 25-Jährigen sogar 34,2 Prozent. Beide Werte liegen deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt.

"Junge Menschen sind in der Regel besonders von Armut betroffen, weil sie noch nicht über ein eigenes Einkommen bzw. Vermögen verfügen und somit stark von der Situation ihres Elternhauses abhängig sind", sagt Kerstin Bruère.

Immer weniger Menschen auf Sozialhilfe angewiesen

Neben der relativen Einkommens-Armut gibt es noch eine weitere Definition: die sozialstaatlich definierte Armut. Menschen, die nicht von ihrem Einkommen oder Vermögen leben können, erhalten Sozialhilfe vom Staat. Deshalb kann man auch am Anteil der Menschen, die eine Art von Mindestsicherung beziehen, ablesen, wie viele Menschen von Armut bedroht sind.

Vergleicht man den Anteil der Menschen pro Bundesland, die auf Mindestsicherung angewiesen sind, lag Sachsen-Anhalt 2021 auf Platz sechs. Neun Prozent der Menschen haben Sozialhilfe erhalten. Seit 2006 ist der Anteil in Sachsen-Anhalt deutlich kleiner geworden. Einen stärkeren Rückgang gab es nur in Mecklenburg-Vorpommern.

Insgesamt gleicht sich die Quote in den alten und den neuen Bundesländern immer weiter an. 2006 waren in den ostdeutschen Bundesländern noch 15,6 Prozent der Menschen auf Mindestsicherung angewiesen, in den westdeutschen Bundesländern nur 8,3 Prozent. 2021 dagegen lag der Anteil in den neuen Bundesländern bei 9,2 Prozent, in den alten Bundesländern bei 7,7 Prozent.

Was ist Mindestsicherung?

Unter Mindestsicherung werden folgende Hilfen zusammengefasst:

  • Gesamtregelleistung (ALG II/Sozialgeld) nach dem Zweiten Buch Sozialgesetzbuch (SGB II "Grundsicherung für Arbeitsuchende"),
  • Hilfe zum Lebensunterhalt außerhalb von Einrichtungen nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII "Sozialhilfe"),
  • Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem Zwölften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XII "Sozialhilfe"),
  • Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG).

Viele Menschen, die wegen ihres Einkommens als armutsgefährdet gelten, beantragen aus Scham oder Unkenntnis jedoch keine staatlichen Hilfen, heißt es in einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zu Kinder- und Jugendarmut. Vermutlich liegt deshalb die Mindestsicherungs-Quote immer unter der Armutsgefährdungs-Quote.

Landesregierung unterstützt vor allem Familien in Not

Kerstin Bruère führt den Positiv-Trend in der Mindestsicherungs-Quote auf den Rückgang der Arbeitslosigkeit und die Erhöhung des Mindestlohns zurück. Diese habe in Sachsen-Anhalt besonders große Auswirkungen, da besonders viele Menschen im Niedriglohn-Sektor arbeiten.

Die Bekämpfung von Armut sei primär Aufgabe des Bundes. Der Bund verantwortet unter anderem die Festlegung des Mindestlohns und soziale Leistungen, wie Arbeitslosengeld, Bürgergeld, Sozialhilfe, Wohngeld und Kindergeld. Die Landesregierung sorge dann dafür, dass die Maßnahmen des Bundes reibungslos umgesetzt werden können, erklärt Bruère.

Weil Kinder- und Jugendarmut immer aus der finanziellen Situation der Eltern entsteht, versuche die Landesregierung vor allem, Familien zu unterstützen - zum Beispiel in der Kinderbetreuung, durch die finanzielle Entlastung von Familien mit mehreren Kindern und durch Angebote der Jugendarbeit. Außerdem unterstütze das Land Jugendliche beim Übergang von der Schule in die Ausbildung und biete bei Bedarf Unterstützung während der Ausbildung.

Als konkretes Projekt nennt die Sprecherin des Sozialministeriums den Förder-Bereich „Familien stärken – Perspektiven eröffnen“. Dabei werden Familien-Integrations-Coaches gefördert, die arbeitslose Menschen mit Kindern unterstützen sollen. Die Coaches betreuen und beraten die Familienmitglieder und helfen Elternteilen, einen Job oder eine Ausbildung zu finden.

“Maßnahmen wie diese gewährleisten Kindern einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung, entlasten Eltern sowohl strukturell als auch finanziell und tragen damit zum Ausgleich von Benachteiligungen und zur Verbesserung der Chancengleichheit bei”, so Bruère.

MDR (Katharina Forstmair)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 17. Oktober 2023 | 19:00 Uhr

45 Kommentare

Erichs Rache vor 19 Wochen

@Mitteldeutsch


Ja, ja... aus der Bibel lernen, heißt siegen lernen.

Ich habe keine Ahnung aus welchem Märchenbuch Sie Ihre Informationen beziehen, aber es muss es ein Älteres sein aus dem Sie zitieren.
Vielleicht ist der Stammtisch auch nicht mehr der Jüngste.

Erichs Rache vor 19 Wochen

@Rychlik

Ihe Aussage "Indien erhielt im Jahr 2021 von den Geberländern (DAC-Länder) insgesamt rund 5,24 Milliarden US-Dollar Entwicklungshilfe."


hat aber einen ganz ANDEREN Inhalt als die Behauptung:

"Wenn die Regierung handeln würde wie die eigentlich sollte, dann würde nicht zB die Atombombenmacht Indien mit 10 Mrd € unterstützt, sondern dieses Geld im inland für das deutsche Volk genutzt."


Danke für die Fakten.

goffman vor 19 Wochen

Habe ich gesagt, es seien wenige, die als arm gelten? Habe ich Armut relativiert? Nein.

Nur habe ich weder während der Ausbildung noch im Studium genug verdient, um davon Einkommenssteuer zu zahlen und ich gehe davon aus, das betrifft die meisten unter 25-Jährigen, die unter der Armutsgrenze leben.

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