Geplante Kindergrundsicherung Sozialpädagogin bei Familien in Armut: "Viele Chancen, die nicht genutzt werden"

16. Juli 2023, 12:14 Uhr

Um Kinder und Familien in Armut zu unterstützen, ist Sozialpädagogin Petra Schäfer täglich in Halle im Einsatz. Sie hilft etwa bei der Kommunikation mit Behörden, bei Erziehungsproblemen oder klärt über Sozialleistungen auf. Die geplante Kindergrundsicherung begrüßt sie – hat aber Zweifel daran, ob sich die Situation dadurch nachhaltig verbessern wird.

MDR AKTUELL Mitarbeiter Felix Fahnert
Bildrechte: MDR/punctum.Fotografie/Alexander Schmidt

Dass es am Geld fehlt, das bekommt Petra Schäfer bei ihren Besuchen jeden Tag aufs Neue mit. "Es sind vorrangig Familien, die über Generationen in Armut gelebt haben", erzählt die Sozialpädagogin aus Halle im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT. In vielen Fällen habe ihr Team schon die Mütter betreut – "jetzt betreuen wir die Kinder, die auch wieder Kinder haben".

Betreuung oft über zwei Jahre

Seit 22 Jahren ist Schäfer in der Einzel- und Familienhilfe im Einsatz, oft im Stadtteil Silberhöhe in Halles Süden. Dort hilft sie Müttern, Vätern, Kindern und Jugendlichen im Kampf gegen Armut, gegen die täglichen Probleme und für etwas mehr Teilhabe am Leben. "Die Familien sind meist hochverschuldet", sagt Schäfer. Teure Handyverträge oder Online-Einkäufe etwa über Ratenzahlung führen zu Geldnot und zu Mietschulden.

Halle Saale Silberhöhe
Der Stadtteil Silberhöhe in Halles Süden Bildrechte: IMAGO / Steffen Schellhorn

Die Sozialpädagogin vermittelt Schuldnerberater, unterstützt die Menschen aber etwa auch bei der Kommunikation mit Behörden, bei Anträgen für Sozialleistungen, bei Problemen im Zusammenleben und in der Erziehung. Braucht das Kind einen Kita-Platz, einen Termin beim Arzt, einen Sportverein zur Freizeitbeschäftigung? Schäfer kümmert sich, besucht die Familien zweimal pro Woche. Acht bis neun Haushalte betreut sie parallel, meist über etwa zwei Jahre. Im Einsatz ist sie für das Jugend- und Familienzentrum Sankt Georgen, die Aufträge kommen vom Jugendamt.

Ich kenne tatsächlich keine Familie aus diesem Milieu, die jemals Urlaub gemacht hat.

Petra Schäfer | Sozialpädagogin in der Familienhilfe

Was fast alle Fälle verbindet: die finanzielle Notlage der Familien. Sie führt dazu, dass die Menschen de facto ausgeschlossen sind, kaum herauskommen aus dem eigenen Stadtteil und der täglichen Armut. Ein paar Tage Erholung am Meer? Für die meisten Betroffenen ist das unvorstellbar. "Ich kenne tatsächlich keine Familie aus diesem Milieu, die jemals Urlaub gemacht hat", sagt Schäfer nach gut 20 Jahren im Job.

Viele wissen nicht, welche Leistungen ihnen zustehen

Selbst ein Tagesausflug in den Zoo hätten einige Kinder noch nie unternommen – sie seien dann "hellauf begeistert", wenn es in den Ferien doch mal dazu kommt, erzählt die Sozialpädagogin. Laut Statistik sind in Deutschland mehr als 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen armutsgefährdet – in Stadtteilen wie der Silberhöhe dürfte die Quote noch höher liegen.

Die von der Bundesregierung geplante Kindergrundsicherung stößt bei Schäfer daher grundsätzlich auf Zustimmung: Es wäre "schon ein großer Vorteil", wenn nicht mehr jede Sozialleistung für Kinder einzeln betragt werden müsste, sagt sie. Durch die Pläne der Ampel-Koalition sollen unter anderem Kindergeld, Kinderzuschlag oder das Geld aus dem Bildungs- und Teilhabepaket zur neuen Kindergrundsicherung zusammengefasst werden.

Hintergrund ist, dass viele Leistungen von Betroffenen offenbar gar nicht abgerufen werden. Das bestätigt auch Petra Schäfer aus ihrer Arbeit mit den Menschen vor Ort. "Es gibt einige, die nicht wissen, welche Sozialleistungen ihnen zustehen", sagt Schäfer. Ein einfacher und einheitlicher Antrag für alle Leistungen würde da zweifellos helfen.

Tafel-Chef Steppuhn: Kindergrundsicherung ist "der richtige Schritt"

Zustimmung zu den Plänen kommt auch von Andreas Steppuhn. Der ehemalige SPD-Landtagsabgeordnete ist Chef der Tafeln in Sachsen-Anhalt und seit kurzem auch neuer Bundeschef des Tafelverbands. Im Gespräch mit MDR SACHSEN-ANHALT erklärt er, dass die geplante Kindergrundsicherung "auf jeden Fall der richtige Schritt" sei. Allerdings gehe es nicht nur um vereinfachte Abläufe, sondern am Ende auch um mehr Geld für Betroffene. "Es kommt darauf an, dass die Kindergrundsicherung richtig ausgestaltet ist", so Steppuhn.

Ähnlich sieht es auch Petra Schäfer: Zwar wüssten viele Menschen nicht über alle Leistungen Bescheid. Unabhängig davon sei es aber schlicht zu wenig Geld, dass Betroffenen zusteht. Sollte sich die Kindergrundsicherung an den jetzigen Regelsätzen orientieren, werde sich daher wohl "nicht viel ändern, außer dass es ein Paket ist", sagt Schäfer.

Profitieren könnten allerdings etwa junge Menschen, die bei ihren Eltern ausgezogen sind oder Beschäftigte mit geringem Einkommen, denen Leistungen zustehen, von denen sie bis dato nichts wussten, meint die Sozialpädagogin. Derzeit streitet die Ampel-Koalition noch über die Finanzierung der Kindergrundsicherung. Einen Gesetzentwurf will Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) nach der Sommerpause vorlegen.

Perspektivlosigkeit, Neid und Scham

Ob die Kindergrundsicherung tatsächlich die Armut in Vierteln wie der Silberhöhe bekämpfen kann, ist hingegen fraglich. Probleme bestünden hier aufgrund von Perspektivlosigkeit, Neid innerhalb der Nachbarschaft, aber auch aufgrund der Scham angesichts der finanziellen Situation, sagt Schäfer. Dadurch gebe es "viele Chancen, die nicht genutzt werden". Kinder gingen nicht selten den Weg ihrer Eltern weiter – die Armut wird quasi an die nächste Generation weitergegeben.

Petra Schäfer arbeitet derweil täglich daran, dass sich die Lage von Betroffenen verbessert. Und freut sich über jeden Erfolg, den sie gemeinsam mit den Familien erreicht – etwa, wenn sich eine Mutter nach einem halben Jahr dazu aufrafft, ihr Kind täglich in die Kita zu bringen.

Dass die Sozialpädagogin ihren Job mit viel Herzblut macht, zeigt sich auch daran, dass sie an manchen Tagen nur schwer abschalten kann. Es gebe Fälle, die trage man "schon noch mit nach Hause". Gerade wenn es um Gesundheit und Wohl von Kindern geht, arbeite es oft noch den ganzen Abend in ihr und sie suche nach Lösungen, sagt Schäfer. "Da kann man nicht abschalten, das geht nicht."

Ähnliche Themen

MDR (Felix Fahnert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Juli 2023 | 09:30 Uhr

26 Kommentare

Britta.Weber am 17.07.2023

Reuter, für die Kinder sind in erster Linie die Eltern verantwortlich und nicht die Gesellschaft oder der Staat. Warum gehen die Eltern der im Artikel genannten Kinder nun nicht arbeiten?
Tommi, es gibt viele offene Stellen und Firmen etc, die Mitarbeiter suchen. Auch solche mit geringen Qualifikationen.

Der Pegauer am 17.07.2023

Solange der Erfolg des deutschen Sozialstaates von der Politik danach beurteilt wird, dass möglichst viele Menschen im arbeitsfähigen Alter von der Arbeit der anderen leben können, wird sich nichts ändern.

Reuter4774 am 17.07.2023

Trauriges Land, wenn Kindern mal was zugute kommen soll wird heftig protestiert, wäre das Thema bei Rentnern wäre es sofort anders rum. Deutschland hat keine Zukunft verdient, wir selbst arbeiten gegen unsere Zukunft ( Kinder), wie dumm.

Mehr aus dem Raum Halle und Leipzig

Mehr aus Sachsen-Anhalt

Eine Collage aus einem abgerutschten Haus nach dem Erdrutscht am Concordiasee und dem Oberbürgermeister von Halle vor Gericht. 2 min
Bildrechte: mdr
2 min 18.07.2024 | 17:58 Uhr

Erdrutsch am Concordiasee, Halles Oberbürgermeister tritt zurück, Saale ist dicht: die drei wichtigsten Themen vom 18. Juli aus Sachsen-Anhalt kurz und knapp. Präsentiert von MDR-Redakteurin Viktoria Schackow.

MDR S-ANHALT Do 18.07.2024 18:00Uhr 02:05 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/video-nachrichten-aktuell-achtzehnter-juli-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video