Kleingeld auf der Hand einer älteren Person
Immer mehr Rentnerinnen und Rentner in Sachsen-Anhalt arbeiten, zeigt eine Recherche von MDR Data. Nicht immer ist akute Armut der Grund dafür. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance/dpa/MDR

Vor allem in Minijobs Warum immer mehr Menschen im Rentenalter arbeiten

23. März 2024, 16:24 Uhr

Die Zahl der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nimmt in Sachsen-Anhalt seit Jahren zu. Wo es wenig Rente gibt, arbeiten häufig viele auch im Alter. Doch nicht immer ist Armut der Grund.

Volontär Duc Hai Le
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  • Immer mehr Menschen arbeiten im Rentenalter, obwohl es insgesamt weniger Erwerbstätige gibt.
  • Die Gründe sind vielschichtig und nicht immer armutsbezogen.
  • Bundesweit ist der Anteil von Erwerbstätigen im Rentenalter höher als in Sachsen-Anhalt.

In Sachsen-Anhalt haben im Juni 2023 fast 28.000 Menschen im rentenfähigen Alter noch gearbeitet. Das geht aus aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor, die MDR Data ausgewertet hat. Die Zahl wächst, obwohl die der Erwerbstätigen insgesamt schrumpft. Rund 867.000 Erwerbstätige gab es 2023. Das sind etwa 3.000 weniger als noch im Jahr davor.

Über die Zahlen

Die Angaben zu den Erwerbstätigen insgesamt beziehen sich auf die sozialversicherungspflichtig und ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigte. Kurzfristig Beschäftigte sind in den Berechnungen nicht enthalten.

Zahl der Erwerbstätigen im Rentenalter wächst

In den vergangenen Jahren stieg die Zahl von Arbeitenden im hohen Alter an. Mit Ausnahme des Corona-Jahres 2020 setzt sich der Trend seit Jahren fort. Dabei sind Menschen im Rentenalter vor allem in Minijobs beschäftigt. Die Verdienstgrenze dafür liegt seit 2024 bei 538 Euro im Monat.

Doch die Art der Beschäftigung verändert sich langsam. Immer mehr ältere Menschen sind der Recherche zufolge sozialversicherungspflichtig beschäftigt. 2019 haben 21 Prozent der Beschäftigten im Rentenalter sozialversicherungspflichtig gearbeitet. Vier Jahre später lag ihr Anteil schon bei einem Viertel.

Niedrige Renten können Arbeit begünstigen

Innerhalb Sachsen-Anhalts unterscheiden sich die Zahlen je nach Region noch einmal. Es gibt einen leichten Zusammenhang zwischen Kreisen mit durchschnittlich niedrigen Renten und einem höheren Anteil an Erwerbstätigen im Alter.

Die durchschnittliche Netto-Höhe von Altersrenten betrug rund 1.227 Euro zum Jahresende 2022. In größeren Städten wie Halle, Magdeburg und Dessau bekommen die Menschen eine höhere Rente. Hier arbeiten weniger im hohen Alter.

Dagegen fällt die Rente in dünner besiedelten Landkreisen wie dem Harz oder Stendal niedriger aus. Hier arbeiten mehr Menschen im Rentenalter.

Für Details zum Rentenniveau und der Zahl der Erwerbstätigen den entsprechenden Landkreis auswählen.

Ein anderes Bild zeigt sich beispielsweise im Salzlandkreis: Hier ist die durchschnittliche Rente mit rund 1.190 Euro am niedrigsten. Dennoch arbeiten hier vergleichsweise wenige Menschen im Rentenalter weiter.

Armut ist nicht einziger Grund für Arbeit im Rentenalter

Nach den Daten des Statistischen Bundesamtes sind 2022 in Deutschland mehr als 18 Prozent der über 65-Jährigen von Armut gefährdet. Das ist mehr als im Bundesdurchschnitt. Menschen im hohen Alter sind also übermäßig von Armut betroffen.

Dennoch ist Armut nicht zwingend der Grund, im Rentenalter zu arbeiten. Das sagt der Rentenforscher Johannes Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Zwar sei die Erwerbsquote bei niedrigem Haushaltseinkommen höher, das gelte aber auch für Menschen mit hoher Bildung.

Dr. Johannes Geyer
Dr. Johannes Geyer ist als Rentenforscher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung aktiv. Bildrechte: Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Der Experte schätzt, dass für rund 40 Prozent der Erwerbstätigen im Rentenalter Geld ein wichtiger Anreiz ist. Allerdings seien viele von ihnen nicht unbedingt akut armutsgefährdet. Vielmehr gehe es darum, den gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten.

Selbstständigkeit und Sinnhaftigkeit als Antrieb zur Arbeit

Selbständige seien zudem im Alter häufiger erwerbstätig. Vor allem diese Gruppe führe dazu, dass immer mehr Ältere sozialversicherungspflichtig arbeiteten – auch weil die Regelaltersgrenze für Selbstständige nicht relevant sei. Unter der Regelaltersgrenze versteht man das Alter, ab dem man ohne Abschläge in Rente gehen kann.

Abseits des Geldes sind laut Geyer vor allem zwei Faktoren wichtig: "Fragt man nach den Motiven, so spielen bei den Erwerbstätigen häufig nichtmonetäre Gründe eine wichtige Rolle, also das Bedürfnis nach Kontakten, nach einer sinnvollen Tätigkeit."

Daher seien es häufig "Selbständige und Menschen in Berufen, die nicht so belastend sind oder bei denen die Menschen einfach motiviert sind, diese weiter auszuüben." Abgesehen davon sei es eher eine Ausnahme, dass Menschen ihren Renteneintritt hinauszögerten.

In Zukunft mehr Erwerbstätige im Alter möglich

In Zukunft könnten immer mehr Menschen bis ins hohe Alter arbeiten. Das liegt an den Rentenreformen der vergangenen Jahre. Beispielsweise entfällt seit dem 1. Januar 2023 die bisherige Hinzuverdienstgrenze für vorgezogene Altersrenten. Seitdem können Menschen zu ihrer Altersrente beliebig viel hinzuverdienen, ohne dass die Rente gekürzt wird.

Laut Johannes Geyer kann das dazu führen, dass die Menschen länger im Arbeitsmarkt bleiben und sich nebenbei etwas zu ihrer Rente hinzuverdienen. Die Angleichung des Rentenniveaus zwischen Ost und West hat dagegen kaum Einfluss auf das Arbeiten im hohen Alter.

Bundesweit mehr Erwerbstätigkeit im Rentenalter

Insgesamt zeigt die Recherche, dass in Sachsen-Anhalt weniger Menschen im Rentenalter erwerbstätig sind als im Bundesdurchschnitt: Im Juni 2023 waren es deutschlandweit knapp 3,6 Prozent aller Erwerbstätigen. In Sachsen-Anhalt waren es 3,2 Prozent.

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MDR SACHSEN - Das Sachsenradio Di 27.02.2024 12:00Uhr 29:03 min

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Doch auch hier nimmt der Anteil der Erwerbstätigen im Rentenalter zu. Auf diesem Weg könnte Sachsen-Anhalt einen Teil der demografischen Lücke kompensieren, sagt Geyer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Für den gesamten Arbeitsmarkt sei der Beitrag jedoch von geringer Bedeutung: "Die Änderungen, über die wir hier sprechen, sind quantitativ relativ klein und auch der Umfang der Erwerbstätigkeit bleibt überschaubar". Viele Menschen könnten oder wollten im Alter nicht mehr arbeiten.

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MDR (Duc Hai Le)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. März 2024 | 11:00 Uhr

7 Kommentare

B.B. vor 5 Wochen

Wenn man jung ist träumt man von der Rente. Ist es aber so weit merkt man schnell, dass man zur Selbstbestätigung etwas benötigt. Das kann für andere völlig belanglos sein, aber es tut wohl. Ich habe das Ehrenamt für mich gefunden. Unsere Arbeit beschäftigt sich mit dem Zusammenleben der Generationen. Gerade die vom Kleinfronkämpfer genannte Altersgruppe fragt bei uns um Hilfe nach. Aber nicht jeder fühlt sich im Ehrenamt wohl. Deshalb geht meine Frau (70) noch arbeiten und ich muss das ganze Geld ausgeben (Spaß). Ihr macht jedenfalls die Anerkennung vom Chef und ihren Kunden Freude.

THOMAS H vor 5 Wochen

"Oder um ... 500€ mehr haben."

Nachdem ich diesen Absatz von Ihnen, @Shantuma, gelesen hatte, stelle ich die Frage:

Warum gibt es noch Menschen, die sich wundern, daß es andere Menschen gibt, die der Meinung sind, daß sich das Arbeiten für den Mindestlohn nicht lohnt?

Das große Problem in Deutschland ist die zu späte (2015) und zu geringe Mindestlohneinführung.
Das Arbeiten zum Mindestlohn wird immer in die Altersarmut führen.

Ich habe es schon oft geschrieben:
Z. Zt. müsste ein Bruttojahresdurchschnittseinkommen in Höhe von 34.142 € (3.595,16 €/Monat) für einen Entgeltpunkt auf dem Jahreslohnzettel stehen.

Wird der derzeitige Mindestlohn von 12,41 €/Std. für 170 Std./Monat genommen, kommt ein monatliches Bruttoeinkommen in Höhe von 2.109,70 € heraus. Dies ergibt ein Jahreseinkommen in Höhe von 25.316,40 €, was dann 0,58 Entgeltpunkten entspricht.

Für die Menschen, die in den nächsten Jahren in Rente gehen, wird es, gerade aus dem Niedriglohnsektor, in die Altersarmut führen.

Arbeitende Rentnerin vor 5 Wochen

Die Tatsache ist doch bekannt, aber immer wieder wird gejammert, dass die Alten für die Jungen zu teuer sind. Dass wir (fast) alle Jahrzehnte eingezahlt haben, interessiert niemanden, die Massenarbeitslosigkeit hat uns doch dazu gezwungen, jeden noch so unmöglichen Billigjob anzunehmen, die meisten unserer Jahrgänge wollten auch nicht zu Hause sitzen, das scheint jetzt anders zu sein, man holt jede Menge Leute rein, die auch nur profitieren wollen, die scheinen aber nicht zu teuer zu sein, diejenigen ,die jetzt noch fleißig sind, müssen sich ja irgendwie verklappst vorkommen, den Unmut kann ich ja verstehen, aber bitte nicht gegen uns Alten.

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