Heizungbauer bei der Arbeit
Heizungsbauer sind von Fachkräftemangel und Überalterung betroffen. Bildrechte: dpa

Drohender Fachkräftemangel Welche Berufe in Sachsen-Anhalt besonders von Überalterung betroffen sind

26. Dezember 2022, 16:06 Uhr

In den Berufen, in denen in Sachsen-Anhalt bereits heute ein Mangel an Fachkräften herrscht, gehen 20 bis 30 Prozent der Beschäftigten in den nächsten zehn Jahren in Rente. Besonders hoch ist die Quote bei den lehrenden und ausbildenden Berufen. Auch in den Berufen Klempnerei, Heizung, Sanitär und Klimatechnik sind 31 Prozent der Beschäftigten über 55 Jahre alt. Die Gründe für die berufsübergreifende Überalterung liegen oft in der ostdeutschen Geschichte.

In Sachsen-Anhalt sind 27 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über 55 Jahre alt. Diese Quote ist laut der Bundesagentur für Arbeit in den letzten sechs Jahren stetig gestiegen und neben Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern die höchste im bundesweiten Vergleich. Landesweit gehen also viele Beschäftigte in den nächsten zehn Jahren in Rente.

Mit 30 Prozent gibt es im Jerichower Land und im Landkreis Stendal die höchste Ü-55-Quote. Lediglich in Magdeburg und Halle liegt sie unter 25 Prozent. Das geht aus Zahlen der Bundesagentur für Arbeit hervor.

Was "sozialversicherungspflichtig beschäftigt" bedeutet

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung sind damit Beschäftigte gemeint, die entweder rentenversicherungs-, krankenversicherungs-, pflegeversicherungs-, oder arbeitslosenversicherungspflichtig sind. Dazu gehören auch Auszubildende, Praktikanten und Menschen die in Werkstätten für Menschen mit Behinderung arbeiten. Nicht dazu gehören u.a. geringfügig Beschäftigte, Beamte und Selbstständige.

Überalterung in Berufen mit Fachkräftemangel

Besonders hoch ist die Ü-55-Quote mit 42 Prozent bei lehrenden und ausbildenden Berufen, also unter anderem bei Lehrerinnen und Lehrern, sowie mit 39 Prozent bei Reinigungsberufen und mit 37 Prozent bei Berufen der Gebäude- und Versorgungstechnik. Auch in den Berufen, in denen laut Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit bereits heute ein Fachkräftemangel herrscht, ist die Quote hoch: Im Berufsfeld "Klempnerei, Heizung, Klimatechnik" sind es 30 Prozent, beim Tiefbau 27 und in der Pflege 22 Prozent. In der Lebensmittel- und Genussmittelherstellung liegt die Ü-55-Quote bei 21 Prozent.

So werden Engpässe am Arbeitsmarkt bewertet

Die Bundesagentur für Arbeit bewertet einmal jährlich die Fachkräftesituation am Arbeitsmarkt. Anhand der Indikatoren Vakanzzeit, Arbeitsuchenden-Stellen-Relation, Arbeitslosenquote, Anteil sozialversicherungspflichtig beschäftigter Ausländer, der Abgangsrate aus der Arbeitslosigkeit und der Entwicklung der mittleren Entgelte wird dabei für alle Berufsgruppen, "soweit belastbare Daten vorliegen, ein Punktwert ermittelt. Ist dieser größer gleich 2, handelt es sich um einen Engpassberuf. Liegt der Punktwert unter 1,5, ist es kein Engpassberuf. Liegt der Wert dazwischen, wird die Entwicklung des Berufs weiter beobachtet".

Doch wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft waren in den Engpassberufen im letzten Jahr bundesweit auch viele Ausbildungsstellen unbesetzt: Bei Klempnern lag die Quote demnach bei rund 39 Prozent, bei der Ausbildung zur Fachkraft im Gastronomieservice bei rund 38 Prozent und bei den Beton- und Stahlbetonbauern bei rund 34 Prozent.

Heizungsbauer werben um Nachwuchs

Auch für den Geschäftsführer eines Magdeburger Heizungs-Services, Michael Zierau, sei es jahrelang schwierig gewesen, Auszubildende zu finden. Dieses Jahr habe er das erste Mal drei Lehrlinge. "Während Corona haben die jungen Leute gesehen, wer zu Hause geblieben ist und wer trotzdem einen Job hatte: Handwerker werden immer gebraucht. Die sind zur Arbeit gegangen, trotz Lockdown," so Zierau. Er ist der Meinung, dass die Ausbildung bei ihm durch Social-Media-Präsenz, jugendliches Auftreten und moderne Ausrüstung attraktiver wurde.

"Wir haben jetzt einen eigenen Transporter für die Lehrlinge, da steht hinten drauf: Wir fluten Ihren Keller. So viel Courage muss man erst mal haben. Wir haben coole Arbeitsmaterialien, wir arbeiten digital, wir haben tolle Technik," erzählt Zierau. Er ist der Ansicht, dass das Ausbildungssystem neu gedacht werden müsse: "Die haben jetzt in der Berufsschule Deutsch-, Sport- und Ethikunterricht. Wozu? Man sollte stattdessen lieber fachlich ausbilden", so Zierau. Außerdem müsse man die Ausbildung verkürzen und den jungen Leuten zeigen, dass man im Handwerk schneller Geld verdienen könne als mit einem akademischen Beruf.

Hohe Abbrecherquote bei Ausbildungen im Bau

Die zweithöchste Ü-55-Quote bei den Berufen mit Fachkräftemangel gibt es mit 27 Prozent im Tiefbau. Alexandra Werner, die gerade eine alte Fachwerkscheune in Oschersleben ausbaut, hat den Fachkräftemangel in der Baubranche deutlich gemerkt: "Wir warten jetzt auf den Trockenbauer, weil der keine externen Leute mehr bekommt. Fliesenleger zu finden war schwierig, weil das keiner mehr machen will. Im Elektro- oder Technik-Bereich gibt es ganz viele, aber richtige Handwerker, die Knochenarbeit machen, da sieht es schlecht aus in Zukunft. Da gibt es keinen Nachwuchs. Unser Maurer war zum Beispiel krank, und wir haben keinen Ersatz gefunden und mussten zwei Monate warten, bis er wieder arbeiten konnte," so Werner.

Richtige Handwerker, die Knochenarbeit machen, da sieht es schlecht aus in Zukunft. Da gibt es keinen Nachwuchs.

Alexandra Werner

Laut der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt liegt ein Grund für den Fachkräftemangel und die hohe Ü-55-Quote unter anderem in der Ausbildung: "Die Abbrecherquote ist nach der Ausbildung extrem hoch, ich spreche hier von über 50 Prozent. Das liegt an Problemen in der Ausbildungsqualität. Junge Menschen brauchen gerade bei wechselnden Baustellen eine engere Betreuung als bei stationären Betrieben, die ist oft nicht gegeben", erklärte der Regionalleiter des Bezirksverbands Sachsen-Anhalt Süd, Sascha Wollert, gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT.

Zwar gebe es eine gute Ausbildungsvergütung, allerdings werden beim Berufseinstieg "viele nicht nach Tarif bezahlt, sondern kriegen Mindestlohn und vielleicht noch einen Euro drauf," erklärt Wollert. Laut ihm haben es die Unternehmen in der Hand, bessere Ausbildungsbedingungen zu schaffen und eine bessere Vergütung nach der Ausbildung zu zahlen. Die Politik könne aber helfen, beispielsweise mit einem Tariftreuegesetz, das sicherstellt, dass öffentliche Aufträge nur an Unternehmen vergeben werden, die nach Tarif bezahlen. "Die öffentliche Hand ist der größte Auftraggeber", so Wollert. Ein solches Gesetz könnte dazu führen, dass "die Unternehmen wissen: Wettbewerb findet nicht über die Lohnkosten statt, sondern über Qualität".

Lehrermangel noch längst nicht zu Ende

Besonders hoch ist die Ü-55-Quote mit 42 Prozent unter lehrenden und ausbildenden Berufen, also unter anderem bei Lehrerinnen und Lehrern. Da viele von ihnen verbeamtet sind, tauchen sie in der Engpassanalyse der Arbeitsagentur nicht auf. Der Fachkräftemangel ist aber auch hier deutlich zu erkennen: Laut Bildungsministerium liegt die Unterrichtsversorgung über alle Schulformen hinweg bei 93,5 Prozent, bei Gesamt- und Gemeinschaftsschulen nur bei 88 Prozent.

Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) zufolge gibt es 600 bis 800 Lehrkräfte im Land, die zwischen 55 und 56 Jahre alt sind. "Diese werden den Schuldienst in den nächsten 10 Jahren verlassen. Die Zahl der Lehrkräfte in den jüngeren Jahrgängen liegt weit darunter, zwischen 100 und 300 Lehrkräfte pro Jahrgang. Insofern ist der Mangel noch längst nicht zu Ende", erklärte die GEW-Landesvorsitzende Eva Gerth MDR SACHSEN-ANHALT.

Um dem Personalmangel zu begegnen, müsse man in Zukunft kontinuierlich einstellen und mehr Lehramtsstudierende ausbilden, so Gerth. Im letzten Wintersemester gab es 4.121 Lehramtsstudierende in Sachsen-Anhalt. Gerth zufolge muss es mindestens 1400 weitere geben. Als Reaktion auf die Kritik wegen des teils massiven Unterrichtsausfalls an Sachsen-Anhalts Schulen will Ministerpräsident Reiner Haseloff im Januar zu einem Schulgipfel einladen.

Viele Betriebe der Lebensmittelindustrie ohne Tarifbindung

Auch in der Lebensmittel- und Genussmittelherstellung, also beispielsweise unter Lebensmitteltechnikerinnen und -technikern, Bäckerinnen und Bäckern oder Fleischerinnen und Fleischern ist der Fachkräftemangel präsent. In dieser Berufsgruppe sind 21 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten über 55 Jahre alt, zeigen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.

Dass in der Branche ein Arbeitskräftemangel herrsche und man bessere Arbeitsbedingungen schaffen müsse, sei immer noch zu wenigen Arbeitgebern bewusst, meint Uwe Ledwig von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. "Ich sage dann immer so ein bisschen ketzerisch: Lieber Gott, lass Hirn regnen. Wenn man nicht begriffen hat, dass man das wichtigste Gut für eine noch nicht voll automatisierte, computergesteuerte Produktion nicht hegt und pflegt, dann wird man morgen keine Leute mehr haben'', so Ledwig.

Außerdem müsse man deutlich mehr Betriebe in die Tarifbindung bekommen. Im Osten bezahlen demnach je nach Bundesland nur zwischen 20 und 30 Prozent der Gastronomiebetriebe und Betriebe in der Lebensmittelbranche nach Tarif. "Auch das schreckt, glaube ich, ein Stück weit ab", so Ledwig. Deshalb bekommen viele Betriebe keine Bewerbungen, erklärt er.

Die Ausbildung sei qualitativ lange vernachlässigt worden, meint Ledwig. Laut dem Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes, sei es wenig verwunderlich, dass Berufe in der Gastronomie und im Lebensmittelhandwerk von Besetzungsproblemen betroffen sind. Diese Ausbildungen schneiden demnach bei der Bewertung der Auszubildenden seit Jahren schlecht ab.

Gründe liegen in der Geschichte Ostdeutschlands

Ledwig zufolge liegen die Gründe für die relative Überalterung auch in der Geschichte: Ein Grund sei, dass die Babyboomer in den nächsten Jahren in Rente gehen. Einen anderen Grund sieht Ledwig in der Privatisierungspolitik der Treuhand: Viele Betriebe seien nach der Wiedervereinigung geschlossen worden. Notgedrungen seien viele junge Menschen in den Westen gegangen und überwiegend nicht zurückgekommen. "Es gab ja direkt ‘Kopfprämien’ dafür, wenn man vom Osten in den ‘prosperierenden’ Westen gezogen ist," erklärt Ledwig.

Auch in der Baubranche und unter den Lehrkräften hatte die Nachwendezeit Auswirkungen auf die Altersstruktur heute: Dem Regionalleiter der Bezirksverbands Sachsen-Anhalt Süd der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt, Sascha Wollert, zufolge gab es in den 1990er-Jahren eine sehr hohe Arbeitslosigkeit am Bau. "Es mussten im Osten mehr als 50 Prozent die Branche verlassen," so Wollert.

Es muss Schluss sein mit dem Ost-West-Unterschied!

Michael Zierau, Geschäftsführer der Heizungs-Service Michael Zierau GmbH

Ein Grund für die relative Überalterung der Lehrkräfte im Osten sei die niedrige Geburtenrate in den 1990er-Jahren, so die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Sachsen-Anhalt, Eva Gerth: Die Geburtenzahl habe sich zwischen 1990 und 1992 im Osten mehr als halbiert. "Dadurch hatte das Land gefühlt zu viele Lehrkräfte'', weshalb in diesem Zeitraum kaum Lehrerinnen und Lehrer eingestellt worden seien, erklärt Gerth.

Eine Problematik, die man Ledwig zufolge heute immer noch hat, seien die großen Unterschiede zwischen Ostdeutschland und Westdeutschland bei den Arbeitsbedingungen, den Arbeitszeiten und dem Entgelt. Fast alle ostdeutschen Bundesländer haben mehr oder minder aggressiv mit dem Billiglohnland Ostdeutschland geworben, so Ledwig.

Auch der Geschäftsführer des Magdeburger Heizungs-Service, Michael Zierau, sieht die Unterschiede beim Entgelt als Problem: "Es muss Schluss sein mit dem Ost-West-Unterschied! Wenn ich in den alten Bundesländern mehr verdiene als in den gebrauchten - ich sage gebrauchte Bundesländer, weil man immer neue sagt und das finde ich lächerlich - muss ich mich nicht wundern, wenn ich hier einen Fachkräftemangel habe."

MDR (Marie Zinkann)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Dezember 2022 | 20:00 Uhr

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