Lehrermangel in Sachsen-Anhalt Unterrichtsausfall nimmt weiter zu

In Sachsen-Anhalt fällt immer mehr Unterricht aus. Nur noch 93,5 Prozent der Unterrichtsversorgung sind sicher abgedeckt. Bildungsexperten kritisieren das. Bildungsministerin Eva Feußner wehrt sich und greift im Bildungsausschuss eine Elterninitiative und den Landkreis Harz an.

Ein Schild "Der Unterricht fällt heute aus!" wird in Osnabrück im Klassenraum einer Grundschule von einer Schülerin gehalten.
In Sachsen-Anhalt liegt die sichere Unterrichtsversorgung nur noch bei 93,5 Prozent (Symbolbild). Bildrechte: dpa

Sachsen-Anhalts Unterrichtsversorgung rutscht weiter ab. Nach aktuellen Zahlen des Bildungsministeriums, die am Donnerstag im Bildungsausschuss des Landtages präsentiert wurden, ist die Unterrichtsversorgung nur noch bei 93,5 Prozent. Damit ergibt sich erneut eine Verschlechterung. Zwar sank die Unterrichtsversorgung im Landesschnitt nur um 0,5 Prozent, jedoch liegt sie in einigen Schulformen nun unter 90 Prozent. So fallen Sekundar- und Gemeinschaftschulen auf 88 Prozent, im letzten Jahr waren es dort noch 91,5 Prozent.

Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) meint jedoch eine Ursache für den erneuten Abfall der Zahlen gefunden zu haben. Sie mutmaßt im Bildungsausschluss, dass sich ohne die 5.571 zusätzlichen Schüler aus der Ukraine, die mit ihren Eltern nach Sachsen-Anhalt geflüchtet sind, die Unterrichtsversorgung sogar verbessert hätte. Die Anzahl der Einstellungen an Lehrern läge zum ersten Mal über der Zahl der altersbedingten Abgänge. Das Land hat rund 1.000 neue Lehrer verpflichten können, es haben jedoch nur rund 800 den Schuldienst verlassen. Das wäre zum ersten Mal ein leichtes Plus.

Bildungsexperten bleiben skeptisch

"Die ukrainischen Kindern verschärfen das Problem natürlich, aber wir hatten auch schon ein sehr niedriges Niveau an Einzelschulen. Unakzeptabel niedrig. Und auch wenn der Rückgang diesmal nicht so dramatisch ausfällt, bleibt es weiterhin ein riesen Problem für ganz viele Schulen", sagt Bildungspolitiker Thomas Lippmann (Die Linke). Er glaubt, das Ministerium sei immer noch nicht bereit, neue Wege zu gehen. Es verwalte nur den Misstand.

Ähnlich sehen das auch Elterninitiativen. MDR SACHSEN-ANHALT hatte bereits mehrfach über eine Elterninitiative aus Blankenburg berichtet. Hier ist nach Aussage des Bildungsministeriums die Unterrichtsversorgung bei 71,5 Prozent. Aber dazu sagt die Ministerin im Ausschuss: Die Schule wäre noch nicht am schlimmsten betroffen, es gäbe Sekundarschulen in Sachsen-Anhalt, die bereits nur noch 56 Prozent Unterrichtsversorgung hätten. Trotzdem versucht die Blankenburger Initiative Fachkräfte an ihre Schule zu locken.

Bildungsministerin kritisiert offenen Brief

In einem offenen Brief hatten sich Eltern, Bürgermeister und Landrat an das Bildungsministerium gewendet. Sie wollen das Ministerium dazu bewegen, flexibler auf den Lehrernotstand zu reagieren. Katy Löwe kämpft als Elternvertreterin für eine Lösung. Ihr Mann Alexander Löwe könnte als Aushilfslehrer ausgefallenen Sportunterricht an der Schule in Blankenburg übernehmen. Jetzt wirft Bildungsministerin Feußner im Ausschuss der Mutter vor: "Die Person, die das initiiert hat, will, dass ihr Mann dort Sport unterrichtet. So lasse ich mich nicht erpressen."

Und auch in Richtung des Landkreises teilt die Ministerin aus: "Wenn man sich das Schulgebäude ansieht: Grauenvoll. Ich kann mich natürlich als Landkreis über die Unterrichtsversorgung aufregen, aber wenn ich meine eigenen Hausaufgaben nicht mache und ein Schulgebäude habe, das in einem grauenvollen, grottigen Zustand ist, dann sollte man den Mund lieber zu lassen und sich um seine eigenen Aufgaben kümmern, bevor man andere an…schießt."

Ich kann mich natürlich als Landkreis über die Unterrichtsversorgung aufregen, aber wenn ich meine eigenen Hausaufgaben nicht mache [...] dann sollte man den Mund lieber zu lassen.

Bildungsministerin Eva Feußner

Elternvertreter und Landkreis reagieren entrüstet

Auf Nachfrage von MDR SACHSEN-ANHALT sagt Katy Löwe, sie verstehe die Reaktion der Ministerin nicht. "Mein Mann hat sich auf Bitten der Schulleitung beim Ministerium angeboten. Er hat eigentlich gar keine Zeit um Vollzeit-Lehrer zu sein, wollte jedoch eine Lücke bis zum Februar schließen. Die Reaktion der Ministerin enttäuscht mich."

Und auch Landrat des Landkreises Harz, Thomas Balcerowski, versteht seine Parteifreundin Feußner nicht. "Eine unsouveräne Äußerung einer Ministerin, welche eine Schlüsselaufgabe für das Land Sachsen-Anhalt mit seinen Menschen hat", kommentiert der Landrat auf Nachfrage von MDR-SACHSEN-ANHALT-Nachfrage.

Wanrstreiks in Belrin
Bildrechte: imago images / snapshot

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MDR (Lars Frohmüller, Leonard Schubert)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 01. Dezember 2022 | 18:00 Uhr

19 Kommentare

Gernot vor 8 Wochen

Bastian,jetzt vergleichen Sie Äpfel mit sauren Gurken. Klar ,waren wir glücklich,gab es einmal Ausfall. ( Zumeist wurde Ausfall "vertreten ") Aber, allein Umfang und Pensum von einst und heute verbieten diesen Vergleich. Unsere Generation hatte an 6 Tagen,a 6 Stunden, Unterricht.Es gab von Beginn an sogar Noten.Zusätzlich fakultativ,zweite Fremdsprache, am Nachmittag. Dazu noch AG und Pflichtveranstaltung "Jugendverband." Dreimal in der Woche bin ich wegen TZ Training erst am Abend im Heimatdorf angekommen. Zudem gab es weder Eltern noch Großeltern,welche uns bis vor die Schultür fuhren. Der Schulbus war aber meist pünktlich. Auf gut deutsch, Zustände und Bedingungen, welche heutzutage unvorstellbar wären und wahrscheinlich Amnesty Deutschland auf den Plan rufen würde. Also, mit den heutigen Gegebenheiten und traurigen Zuständen nicht zu vergleichen. Und, wir waren gesundheitlich um einiges robuster-die viele frische Luft in der Freizeit und an Bushaltestellen tat uns echt gut.

dieja vor 8 Wochen

Zu meiner Zeit wurde das Schreiben auch ausreichend geübt. Heute erhalten Schüler häufig Lückentexte und müssen nur einzelne Worte einsetzen. Wir mussten noch den ganzen Text aus der Muttersprache abschreiben und dabei die fehlenden Worte einsetzen. Richtig schreiben lernt nur wer viel schreibt und das geschriebene auch korrigiert wird.

dieja vor 8 Wochen

Leider ist es nötig auch langweilige Sachen zu lernen. Mit der Spaßgesellschaft hätte man Deutschland als Industrieland wohl nicht aufbauen können. Welchen Beruf sollen Kinder ergreifen, die nur Schreiben, Lesen und Rechnen gelernt haben. Natürlich brauchen nicht alle Abitur. Die Stärkung der Realschulen wäre sicher gut, aber auf einem für die spätere Tätigkeit notwendigen Niveau. Wenn selbst Abiturienten nicht mehr richtig schreiben können , ist etwas fehlgelaufen.

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