Kritik am Land Lehrermangel: Dramatischer Appell Thema im Stadtrat Magdeburg

In Sachsen-Anhalt fällt immer mehr Unterricht aus. Aktuell gelten nur noch 93,5 Prozent der Unterrichtsversorgung als abgedeckt. In der Kommunalpolitik wird die Kritik an der Landesregierung deshalb lauter. In Magdeburg hat der Stadtrat nun einen Brandbrief verabschiedet, der im Vorfeld von vielen Beteiligten unterzeichnet wurde.

Stühle stehen im Klassenraum einer Grundschule auf den Tischen
Weil in Sachsen-Anhalt die Unterrichtsversorgung erneut gesunken ist, wurde in Magdeburgs Stadtrat über einen Brandbrief an das Bildungsministerium diskutiert. Bildrechte: dpa

In Magdeburg hat der Stadtrat am Donnerstag einen Brandbrief beschlossen. Hintergrund ist die sinkende Unterrichtsversorgung in Schulen. Erst vorige Woche wurde bekannt, dass der Wert im Land weiter abgerutscht ist. Nach aktuellen Zahlen des Bildungsministeriums liegt die Unterrichtsversorgung nun nur noch bei 93,5 Prozent.

Die sogenannte "Magdeburger Erklärung" umfasst insgesamt zehn Forderungen, gerichtet an die Landesregierung. Es heißt: "Mit dieser Erklärung fordern Kommunalpolitiker und Elternvertreter sowie die Wirtschaft der Stadt Magdeburg eine zügige und lösungsorientierte Auseinandersetzung mit den akuten Problemen in der Unterrichtsversorgung".

Die Magdeburger Industrie- und Handelskammer, die Magdeburger Handwerkskammer, die Otto-von-Guericke-Universität und der Stadtelternrat haben das Schreiben bereits unterzeichnet.

Digitale Angebote ausbauen

Da sich der Lehrermangel und damit einhergehend auch die Unterrichtsversorgung in den kommenden Jahren durch eine Vielzahl von Renteneintritten zu verschlimmern droht, besteht laut Erklärung sofortiger Druck zu handeln. Darin werden deshalb unter anderem digitale Lernangebote angesprochen.

Das bedeutet Unterrichtsversorgung Die Unterrichtsversorgung in Sachsen-Anhalt liegt bei 93,5 Prozent. 100 Prozent würde heißen, dass es ausreichend Lehrkräfte gibt, um alle Inhalte des Lehrplans umzusetzen. Die Landesregierung plant mit noch mehr: Eine Unterrichtsversorgung von 103 Prozent. Die drei Prozent sind ein Puffer. Er soll dafür sorgen, dass auch bei Wegfall einer Lehrkraft wegen Krankheit oder Elternzeit, genügend andere Lehrer zu Verfügung stehen, damit der Unterricht nicht ausfallen muss.

Der Bildungsserver des Landes soll "schnellstmöglich um pädagogisch und didaktisch fachkompetent erstellte, digitale Bildungsinhalte erweitert werden", heißt es in dem Papier. Die Angebote sollten strukturierter und um Kontrollmechanismen erweitert werden.

Auch die Einrichtung, Wartung und der Zugriff auf die digitalen Lernangebote soll den Autoren zufolge stärker von externen Kräften unterstützt werden. Sogenannte Digitalassistenten sollten für jede Schule zur Verfügung stehen, um Lehrer zu entlasten.

Schulsozialarbeiter und Mentorenprogramm

Ähnlich gelagert ist die Forderung nach einer Verstetigung der Schulsozialarbeit. Jeder Schule solle demnach mindestens ein Schulsozialarbeiter zur Verfügung stehen.

Um dem Lehrermangel mittelfristig entgegenzuwirken, fordert die "Magdeburger Erklärung" zudem ein Mentorenprogramm und zunächst weniger Unterrichsstunden für Seiteneinsteiger im Lehrerberuf. So soll der hohen Abbrecherquote entgegengewirkt werden. Der Seiteneinstieg soll zudem stärker beworben werden.

In der Erklärung werden auch konkrete Pläne zur besseren Bezahlung von Grundschullehrern und eine wissenschaftliche Analyse zum zukünftigen Lehrerbedarf sowie der prognostizierten Schülerzahl gefordert. Mehr Lehrer sollen zudem wieder in Sachsen-Anhalt ausgebildet werden. Die Otto-von-Guericke-Universität sieht laut der Erklärung noch Potenzial und fordert mehr Geld dafür.

Der Rektor der Magdeburger Uni, Jens Strackeljan, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, junge Leute wendeten sich bundesweit derzeit stark von Studiengängen ab, die das Profil der Magdeburger Uni ausmachten. "Die Ingenieursdisziplinen gehen sehr stark zurück. Da müssen wir uns Gedanken darüber machen: Was kann denn in der Schule Interesse wecken?" Wenn der Unterricht in den Fächern Mathematik, Physik oder Chemie nicht stattfinde, sei das nicht förderlich, so Strackeljan. "Im Gegenteil – da muss etwas passieren", sagte Strackeljan.

IHK: Kinder und Jugendliche müssen besser vorbereitet werden

Auch der Hauptgeschäftsführer der Magdeburger Industrie und Handelskammer André Rummel hat den Brandbrief unterzeichnet. Er begründet das mit dem Arbeits- und Fachkräftemangel. Rummel sagte MDR SACHSEN-ANHALT: "Mit Blick auf den Lehrermangel ist die Ausbildungsreife in der Breite nicht mehr gegeben." Deshalb müssten in der Schule die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass Kinder und Jugendlichen für eine Berufsausbildung oder ein Studium vorbereitet werden könnten.

Burghard Grupe, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Magdeburg, sagte: "Wir haben eine der höchsten Schulabbrecherquoten bundesweit und von den Schülern mit Abschluss bringen immer weniger die Fähigkeiten für eine Ausbildung mit. Das können wir uns in Zeiten, in denen die Babyboomer massenweise in Rente gehen, nicht länger leisten. Hier müssen wir massiv gegensteuern."

Blankenburger Eltern fordern ebenfalls Verbesserungen

Ganz neu sind die Vorschläge aus Magdeburg allerdings nicht. Erst kürzlich hatten sich Eltern aus Blankenburg, sowie Harzer Wirtschaft und Kommunalpolitiker mit ähnlichen Forderungen an die Landesregierung gewandt.

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MDR (Thomas Tasler, Max Hensch)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 08. Dezember 2022 | 06:30 Uhr

4 Kommentare

Agnostiker vor 8 Wochen

Solange man nur darüber diskutiert die Gehälter in den Grundschulen anzupassen, solange kann der Leidensdruck scheinbar nicht hoch genug sein. Es müsste mal gehandelt und nicht nur ewig diskutiert werden. In der freien Wirtschaft würde man massiv an der Gehaltsschraube drehen. Da können sich einige noch so sehr darüber aufregen, dass Lehrer schon zuviel bekommen. Da gilt das Prinzip Angebot und Nachfrage.

Cooper2023 vor 8 Wochen

„Mentorenprogramm und zunächst weniger Unterrichsstunden für Seiteneinsteiger im Lehrerberuf. So soll der hohen Abbrecherquote entgegengewirkt werden“ - Macht mehr als Sinn, gerade neue Lehrkräfte werden mit Vollzeit=25 Wochenunterrichtsstunden ohne Mentor und vor allem an Brennpunktschulen bewusst gegen die Wand gefahren, wenn dann noch Gewalt seitens der Schüler gegen die Lehrkräfte und z.B. Rassistische Beleidigungen hinzukommen, ist es nur eine Frage der Zeit bis selbst erfahrene Lehrkräfte aus dem Ausland wieder hinschmeißen. Von seitens des Landesschulamtes heißt es dann auch nur, ja damit müssen sie als Pädagoge schon zurechtkommen, eine Versetzung macht da keinen Sinn. Wer möchte so eine Situation denn bitte auf Dauer und Perspektive für sein berufliches Leben? Die Probleme sind also durchaus vielschichtiger und werden mit den Nachführen von Mehr Personal nicht gelöst, dies kann also nur ein Baustein unter vielen anderen sein.

wolter109 vor 8 Wochen

...leider wurde der Brandbrief nicht überall publik gemacht, sonst wäre die Resonanz noch viel höher...Richtig so, macht dem Bildungsministerium Feuer unterm A...Mein KInd hatte diese Woche 6 Stunden Ausfall, Stand Donnerstag 08:00 Uhr...tuen sie endlich mal was Bildungsministerin Eva Feußner !!!!

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