Ewiger Exot Metropolitan-Zug: Ein Dessauer Original fährt auf das Abstellgleis

Ein Mann in blauem T-Shirt hält einen Stapel Papier im Arm
Bildrechte: MDR/Antonia Kaloff

Maximaler Reisekomfort ohne Aufpreis: Ein Reisezug aus Sachsen-Anhalt hat genau das möglich gemacht. Als die neu entwickelten Wagen vor 22 Jahren die Hallen der Fahrzeugtechnik Dessau verließen, war das Konzept jedoch noch ein anderes. Und die Reise des "Metropolitan" genannten Zuges blieb über Jahre abseits der Erfolgsspur. Zu einer Serienproduktion kam es nie. Dennoch haben Reisende und Branche dem Dessauer Zug viel zu verdanken. Eine Würdigung.

In der Produktionshalle der Fahrzeugtechnik Dessau GmbH stehen zwei der sogenannten Metropolitan-Züge
Es blieb bei zwei Metropolitan-Zügen, entwickelt und gebaut bei der Dessauer Fahrzeugtechnik. Bildrechte: dpa
Joachim Pfannmüller
Joachim Pfannmüller Bildrechte: dpa

Am 16. April 1999 beginnt die Geschichte der Metropolitan-Züge. Da verlässt der erste silbergraue Neubau die Werkshallen der Dessauer Fahrzeugtechnik. Jeder Wagen sei ein Original, wird der damalige Vorstand Joachim Pfannmüller zitiert. Der Zug mit Lok und sieben Wagen ist in der Bauhausstadt neu entwickelt, konstruiert und anschließend gefertigt worden.

Am Ende entstehen zwei Garnituren. Und die in die neuen Züge gesteckten Ziele sind groß: Ab August 1999 sollen sie weit abseits ihrer Heimat Sachsen-Anhalt dem Flugzeug Konkurrenz machen – auf der Strecke Köln-Hamburg.

Bahnexperte erinnert sich an fürsorgliches Personal

Der Hamburger Bahnexperte Marcus Grahnert, der eine private Fahrplandatenbank pflegt, gehörte zu den Fahrgästen im Premierenzug. Ihm ist die besondere Einrichtung der Wagen noch in Erinnerung, das Personal sei "besonders fürsorglich" gewesen, erzählt Grahnert im Gespräch. Als Premieren-Geschenk gab es einen Cocktailshaker.

Metropolitan 2004 vor dem Kölner Dom
Von 1999 bis 2004 waren die Züge als "Metropolitan" ausschließlich zwischen Hamburg und Köln unterwegs. Bildrechte: dpa

Der Metropolitan: Große Erwartungen an Luxus-Zug

Die Deutsche Bahn setzt, neben dem neuen Namen, beim Metropolitan (MET) auch auf ein neues, überwiegend luxuriöses Konzept. Es wird nicht mehr nach Klassen unterschieden, sondern nach dreierlei Premiumbereichen: "Club" für Unterhaltung, "Silence" für Ruhe und "Office" für mobiles Arbeiten. Die Wagen sind geräumig, die Gepäckablagen auch für große Koffer geeignet, optisch bestimmen helles Holz, Edelstahl und Ledersitze das Gesamtbild. Steckdosen an allen Plätzen, zwei Bars und selbst ein Faxservice gehörten zum Angebot. Reisende müssen im Vergleich zu anderen Zügen aber mehr zahlen: Eine Fahrt kostet 180 D-Mark – inklusive Reservierung, Zeitung, Imbiss und Getränken.

In den Trittstufen des Metropolitan-Zuges erinnert ein Schild an die Fahrzeugtechnik Dessau
Die MET-Züge sind mit weniger Türen als normale Fernzüge ausgestattet – aber in jedem Einstiegsbereich hängt ein Schild aus dem Dessauer Werk. Bildrechte: MDR/André Plaul

Für die Dessauer Fahrzeugbauer beginnt eine spannende Zeit. Denn der Vertrag mit der Deutschen Bahn AG sieht eine Option auf weitere zwei Züge vor. Bedingung ist jedoch, dass das Prestige-Produkt eine Auslastung von 50 Prozent erreicht. Die Träume platzen, denn es werden nur 40 Prozent geschafft. Auf höchstem Niveau sind somit am Ende auch die Verluste.

Nach fünf Jahren zieht die Bahn die Notbremse, stellt den Metropolitan ein. Bei der Fahrzeugtechnik Dessau erlischt die Hoffnung. Es folgen Krisenjahre mit gleich mehreren Insolvenzen der Firma.

Mit neuem Anstrich zurück nach Sachsen-Anhalt

Paradox: Erst mit dem Aus des Metropolitan beginnt seine eigentliche Erfolgsgeschichte. Die Züge werden flottentypisch umlackiert, aber nicht umgebaut, erhalten eine 1. und 2. Klasse und werden fortan als Intercity- oder ICE-Züge eingesetzt. Eine der ersten Fahrten führt sie zurück nach Sachsen-Anhalt: als ohnehin seltener ICE auf der Strecke Berlin-Magdeburg-Köln.

Ab Sommer 2005 sind die Ex-MET-Züge dann zwischen Halle, Köthen und Magdeburg Richtung Leipzig und Düsseldorf als IC unterwegs. In den weiteren Jahren begrüßen abwechselnd Naumburg, Bitterfeld, die Lutherstadt Wittenberg und auch Stendal die Züge aus Dessau fahrplanmäßig an ihren Bahnhöfen. Nur durch die Bauhausstadt selbst werden die Spezialanfertigungen nicht geschickt.

Reisende schätzen den Komfort der Dessauer Wagen

Bei den Reisenden sind die Ex-MET-Züge äußerst beliebt, laut Bahn ist die Kundenzufriedenheit überdurchschnittlich hoch. Kein Wunder, sucht der Reisekomfort – vor allem in der 2. Klasse – doch seinesgleichen, mit Beinfreiheit und Zweiersitzen vis-à-vis. Als Bonbon bieten die Dessauer Züge bis zum Schluss gewisse Innovationen. Hier werden Neuerungen getestet, bevor sie auf andere Züge übertragen werden.

So wurden die Ex-MET sehr zeitig mit WLAN ausgestattet, die Technik für Züge mit Waggons optimiert. In den Waschräumen versüßte Vogelgezwitscher den Aufenthalt, später Entspannungsmusik. Zum Schluss lief eine Kundenbefragung, ob dies Zukunft haben sollte.

Es war immer eine Freude, dieses etwas andere Fahrzeug nutzen zu können. Natürlich spielten Erinnerungen an den Einsatz als MET eine Rolle, aber auch der großzügige Sitzplatzbereich in den meisten Wagen des Ex-MET.

Marcus Grahnert, Eisenbahnexperte

Die Zukunft des Metropolitan-Zuges aus Dessau jedenfalls endete am 10. Dezember 2021. Als ICE 1051 führte ihn auch die letzte Reise noch einmal durch Sachsen-Anhalt, allerdings ohne Halt – über die Südumfahrung Stendals. Dabei war der Zug für die auf bis zu 250 km/h ausgebaute Trasse gar nicht ausgelegt.

Langsamster ICE-Zug oder schnellster IC-Zug

Vierersitz mit Tisch im Ex-Metropolitan Zug Dessauer Bauart
Innen: eine Mischung aus Holz, Edelstahl und Leder – selbst in der 2. Klasse. Bildrechte: MDR/André Plaul

Mit einer maximalen Reisegeschwindigkeit von 220 km/h waren die Dessauer Konstruktionen Zeit ihres Bestehens wahlweise die langsamsten ICE-Züge oder die schnellsten IC-Züge, die die Deutsche Bahn betrieben hat. Sie scheut die Kosten für eine weitere Hauptuntersuchung sowie den Betrieb der ewigen Zug-Exoten. Nun wird ein Käufer gesucht.

Ein Zug mit Fangemeinde? Das gibt es. Viele Eisenbahnfreunde habe den Ex-Metropolitan aus Dessau in den vergangenen Jahren gezielt gebucht, seinen Extra-Komfort genossen. "Es ist schade, diesen besonderen Zug nicht mehr am Bahnsteig zu sehen", bekennt Bahnkenner Grahnert – auch, wenn die Garnitur im Vergleich zu anderen Zügen weniger Sitzplätze bot.

Der Metropolitan: Mut zu einem außergewöhnlichen Projekt

Rückblickend war der Metropolitan aus Dessau wie gemacht für Sachsen-Anhalt: nicht auf Hochgeschwindigkeit und Massentransport getrimmt. Grahnert: "Die DB hatte damals den Mut zu einem außergewöhnlichen Projekt. Genau diesen wünsche ich ihr wieder, wenn sie im Rahmen einer möglichen Verkehrswende erneut eine Innovation auf dem Markt testen möchte." Vielleicht klingeln ja doch bald wieder bei den Dessauer Zugbauern die Telefone.

dpa, MDR (André Plaul)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 10. Dezember 2021 | 17:30 Uhr

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