Nach der Bundestagswahl Warum sich die Menschen in Annaburg von der Bundespolitik vergessen fühlen

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Besonders in ländlichen Regionen hat die AfD bei der Bundestagswahl in Sachsen-Anhalt viele Stimmen geholt. So auch in Annaburg im äußersten Osten des Landes, wo sich viele Menschen von der Bundespolitik vergessen fühlen. Ein Ortsbesuch.

Annaburg Ortseingangsschild
In Annaburg leben 6500 Menschen, bei der Bundestagswahl bekam die AfD die meisten Stimmen. Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Rund 6500 Menschen leben in Annaburg im äußersten Osten Sachsen-Anhalts. Doch wer an einem verregneten Wochentag durch die kleine Stadt spaziert, bekommt den Eindruck, als wären es deutlich weniger. Die Straßen sind menschenleer, in den wenigen geöffneten Läden langweilt sich das Personal. Ab und an biegt ein einzelnes Auto um die Kurve, in einem Hinterhof kräht ein Hahn. Manche Schaufenster sind längst zugemauert, verblasste Schilder erinnern noch daran, was hier einst verkauft wurde.

Die Landesgrenzen zu Sachsen und Brandenburg sind nur ein paar Kilometer entfernt. Bis in die nächsten beiden größeren Städte, Torgau und Wittenberg, dauert es mit dem Auto eine halbe Stunde. "Zentrale Randlage" nennen das die Annaburgerinnen und Annaburger. Die AfD holte hier bei der Bundestagswahl knapp 27 Prozent der Zweitstimmen und wurde stärkste Kraft. Was sind die Gründe dafür – und welche Rolle spielt die Bundespolitik in einer Kleinstadt fernab der Metropolen?

Die Selbständige: "Keiner lässt sich hier blicken"

Britta Tobey steht hinter dem Tresen ihres Eiscafés unweit des Annaburger Marktplatzes. Die Eisbehälter in der Auslage – Stracciatella, Schokolade, Sahne-Grieß und einige mehr – sind unberührt. Sie interessiere sich zwar für die Bundespolitik, erzählt Tobey, aber sie glaube nicht, dass sich durch die neue Bundesregierung irgendwas in Annaburg ändern werde. "Annaburg ist tot, das ist traurig aber wahr", sagt Tobey. Sie führt das Eiscafé in der dritten Generation, und sie wird den Laden eines Tages für immer abschließen.

Ihr Sohn sei wie viele junge Leute weggezogen und habe kein Interesse daran, zurückzukehren. Es gebe kaum Geschäfte, wenig kulturelles Leben, nichts, was junge Menschen halten würde. Von der Bundespolitik fühlt sich Britta Tobey vergessen. "Von den Leuten aus Berlin hat sich hier noch niemand blicken lassen", sagt sie. Wie sie es finde, dass die AfD in Annaburg so viele Stimmen geholt hat? "Dazu möchte ich mich nicht äußern", sagt Tobey.

Die Angestellte: "Spritpreise steigen und wir leiden darunter besonders"

Ein paar Hundert Meter weiter arrangiert Katharina Schulze im Porzellaneum Tassen und Teller. In dem roten Klinkerbau befand sich zu DDR-Zeiten ein Porzellanwerk, in dem 600 Menschen arbeiteten. Im Jahr 2015 ging das Nachfolgeunternehmen insolvent, die Räume werden seitdem als Museum, Café und Porzellangeschäft genutzt. Katharina Schulze und eine Kollegin sind die einzigen verbliebenen Mitarbeiterinnen.

Schulze pendelt aus dem benachbarten Sachsen nach Annaburg, mit dem eigenen Auto. "Ich habe nur zehn Kilometer Weg zur Arbeit, aber es gibt keinen Bus und keine Straßenbahn, also muss ich selbst fahren", sagt sie. Es ärgert sie, dass die Spritpreise steigen und Menschen auf dem Land besonders darunter leiden, gerade weil das Lohnniveau in Annaburg und Umgebung niedrig sei. "Das ist sicherlich ein Grund, warum die AfD hier so gut abgeschnitten hat", sagt sie.

Der Bürgermeister: "Keiner hat die Menschen begeistert"

Stefan Schmidt empfängt Besucherinnen und Besucher in einem großzügigen Neorenaissance-Bau an der Torgauer Straße in Annaburg. Einst gehörte die Villa zu den benachbarten Porzellanwerken, heute dient sie als Annaburger Rathaus. Der parteilose Schmidt ist erst vor einigen Wochen in sein neues Büro im ersten Obergeschoss eingezogen, nachdem er im Sommer die Bürgermeisterwahl gewann.

Nun ist Schmidt hauptamtlicher Bürgermeister für die insgesamt 15 Annaburger Ortsteile, die sich über mehr als 220 Quadratkilometer erstrecken. Und er kämpft gegen die Probleme, die auch viele andere Kleinstadtbürgermeister in Sachsen-Anhalt haben: Leerstand, mangelnder Breitbandausbau, fehlende Ärzte, knappe Kassen.

Wunsch nach mehr Selbstbestimmung

Schmidt setzt dabei durchaus Hoffnungen in die künftige Bundesregierung. "Die Finanzierung der Kommunen muss geändert werden", sagt Annaburgs Bürgermeister. "Wir würden als Gemeinde gerne selbst entscheiden, in welche Richtung wir uns entwickeln und welche Projekte wir umsetzen wollen. Das können wir momentan nicht, weil die bürokratischen Hürden extrem hoch sind. Dabei wissen wir hier vor Ort doch am besten, was wir verbessern und ändern sollten", so Schmidt.

Beim Thema Breitbandausbau hofft Schmidt ebenfalls auf Berliner Hilfe: "Was in den letzten Jahren passiert ist, war ein Trauerspiel. Da muss jetzt mehr Unterstützung aus der Bundespolitik kommen."

Nur einer kam im Wahlkampf nach Annaburg

Allerdings hat auch Schmidt den Eindruck, dass Orte wie Annaburg nicht im Fokus der Berliner Politik stehen. So sei im Bundestagswahlkampf lediglich Sepp Müller von der CDU vor Ort in Annaburg gewesen. Schon als Schmidt bei der Bundestagswahl 2017 eine Informationsveranstaltung in Annaburg organisieren wollte, seien nicht alle Kandidatinnen und Kandidaten bereit gewesen, persönlich vorbei zu kommen.

Das gute Ergebnis der AfD in Annaburg führt Schmidt vor allem darauf zurück, dass es keiner Partei gelungen sei, die Menschen zu begeistern. Er freue sich aber, dass im Gegensatz zu früheren Wahlen so gut wie keine Wählerinnen und Wähler in Annaburg ihr Kreuzchen noch weiter rechts gesetzt hätten.

Der Musiker: "In Berlin wird Politik für die Großstädte gemacht"

Ein paar Kilometer außerhalb der Stadt Annaburg liegt der Ortsteil Kolonie, eine Siedlung aus kaum mehr als einer Handvoll alter Bauernhäuser entlang der Landstraße. Ron Winkler lebt hier seit 30 Jahren mit seiner Familie. Vor drei Jahren hat sich der Musiker mit einigen Gleichgesinnten zusammengetan und den Annaburger Kultur- und Theaterverein "AKuT" gegründet, um Theateraufführungen und Konzerte in der Stadt zu organisieren.

Ron Winkler
Ron Winkler Bildrechte: MDR/Lucas Riemer

Für ihn seien Kommunalwahlen viel wichtiger als Bundestagswahlen, sagt Winkler. Nur ein einziges Mal habe er gemerkt, dass Bundespolitik in Kolonie angekommen sei: als vor seinem Haus eine Glasfaserleitung verlegt wurde.

"Die Politik, die in Berlin gemacht wird, wird vor allem für die Großstädte gemacht", findet Winkler. E-Mobilität oder der Verzicht aufs eigene Auto seien auf dem Land, wo die Busse selten fahren, für die wenigsten Menschen eine Option. Auch Winkler, der keinen Führerschein hat, muss jedes Mal seine Frau bitten, ihn zum nächsten Bahnhof zu fahren, wenn er nach Berlin oder Dresden will.

"Früher DVU, heute AfD"

Das gute Wahlergebnis der AfD in Annaburg habe ihn nicht überrascht. "Seit hier nach der Wende alles abgebaut wurde, gibt es in der Region eine gewisse Tradition, rechts zu wählen", sagt Winkler. "Früher war es die DVU, heute ist es die AfD". Er habe bei der Bundestagswahl zum ersten Mal in seinem Leben bewusst taktisch gewählt, um mögliche Machtoptionen für die AfD zu verhindern, sagt der 53-Jährige.

Trotz aller Widrigkeiten lebe er gerne in Kolonie, sagt Ron Winkler. Wenn er in seinem Garten sitze, den Wald ein paar Meter hinter dem Grundstück sehe, die Ruhe genieße, dann entschädige ihn das für vieles.

Hoffnung für die Zukunft?

Die Vorteile, die Ron Winkler am Landleben zu schätzen weiß, könnten auch Bürgermeister Schmidt in die Karten spielen. Denn sie überzeugen inzwischen wieder mehr junge Familien, in Annaburg und Umgebung zu leben. Nachdem die Einwohnerzahl von Annaburg nach der Wende zunächst konstant sank, steigt sie seit 2019 leicht.

"Wir sehen eine Entwicklung, dass Menschen verstärkt aufs Land ziehen", sagt Bürgermeister Schmidt. Er hofft auf "eine neue Bundesregierung, die den ländlichen Raum mit auf der Agenda hat." Und mit jedem neuen Einwohner von Annaburg dürften die Chancen steigen, dass sich diese Hoffnung erfüllt.

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR/Lucas Riemer

9 Kommentare

Eulenspiegel vor 2 Wochen

Also ich frage mich was würde die AfD in Annaburg tun. Ich denke nichts. Oder hat die AfD irgendwo schon mal eine konkrete positive Veränderung erkämpft?
 "Wir würden als Gemeinde gerne selbst entscheiden, in welche Richtung wir uns entwickeln und welche Projekte wir umsetzen wollen. Das können wir momentan nicht, weil die bürokratischen Hürden extrem hoch sind.“
Und das heißt Arbeit.
Ich denke in unserem Land ist es klar geregelt wofür der Bund zuständig ist, wofür das Land zuständig ist und wofür die Kommune zuständig ist.
Also meines Wissens kann grundsätzlich jede Kommune selber entscheiden in welche Richtung sie sich entwickelt. Nur dazu muss man sich auch Sachkundig machen. Denn die Probleme die hier geschildert werde die hat ja nicht nur Annaburg. Diese Probleme haben ganz viele kleine Gemeinden in Ost und West.
Oder soll der neue Bundeskanzler persönlich die Probleme lösen.
Also so lange die Merkel auch Kanzlerin war bei mir persönlich hat sie sich nie gemeldet.

ule vor 2 Wochen

@BGM Schmidt ___"eine neue Bundesregierung, die den ländlichen Raum mit auf der Agenda hat . . ."

Das ist ja wie das Beten in der Kirche.
Wo befinden sich die Hotspots, wo das Wählerpotential, welche maßgeblich die Ausrichtung in der Gestaltungspolitik der Bundesrepbublik definieren ?

Der Tenor anstehender Politikveränderungen hat zum Inhalt, das in Paris verabschiedetete Protokoll in Deutschland umzusetzen. . . . Was nichts anderes bedeutet, dass zuerst die "Welt gerettet werden muß" und das was übrig bleibt, für die Gestaltung der Heimat dann aufgewendet werden kann.

Also Herr Schmidt, wer sich für Globalität enscheidet, hat für die Heimat wenig Sinn und das wird den Gestaltungsverlauf auch die nächsten Jahre bestimmen. . . .

mein Tip:
Warten Sie nicht auf das Wunder aus Berlin.
Nur wer sich selbst hilft, nur dem wird auch geholfen.

Burgfalke vor 2 Wochen

Ist der Wahltag nur noch einige Tage mehr vergangen, um so mehr geraten viele Dinge in Vergessenheit!

Zitat: "Wunsch nach mehr Selbstbestimmung"

Das wird ein unrealistischer Wunsch bleiben. Mit jeder Vergrößerung der Gemeinden, div. Umstrukturierungen, Zusammenschlüsse gehen Selbstbestimmungsmöglichkeiten zwangsläufig verloren! Aber träumen ...

Heute wird es als "Fortschritt" verkauft, wenn man über den Straßennamen den "passenden" Ort suchen muß/ darf, andererseits von Industrie 4.0 usw. spricht oder schreibt. Aber das wird klaglos von allen, einschließlich den Medien, hingenommen!

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