Einschätzung zur Impfaffäre Warum Halles Oberbürgermeister Wiegand einen Mediator braucht

In Halle schlägt sich Oberbürgermeister Bernd Wiegand mit der Impfaffäre herum. Er äußerte sich beleidigt gegenüber Journalisten und sagte nun die täglichen Pressekonferenz ab. Es bleiben viele offene Fragen, auch zum Führungsstil des Oberbürgermeisters. Die Situation ist so vertrackt, dass eigentlich nur noch ein Mediator helfen könnte. Eine Einschätzung von MDR-SACHSEN-ANHALT-Redakteurin Kathrin Köcher.

Halle: OB Bernd Wiegand Stadtrat
Halles Oberbürgermeister Wiegand hat in den vergangenen Tagen öffentlich wenig Transparenz und Einsicht gezeigt. Bildrechte: imago images/Steffen Schellhorn

Wirklichkeit wird konstruiert, schreiben Psychologen. Jeder quatscht sich sein Leben schön, formuliert salopp der Hobby-Psychologe. Die Kalendersprüche passen so wunderbar zu den Geschehnissen rund um das Thema vorgezogene Impfung von Halles Oberbürgermeister Bernd Wiegand. Und die Wirklichkeit des halleschen Oberbürgermeisters ist eine, sagen wir mal, sehr spezielle.

Wiegand sieht sich als Opfer einer "Hexenjagd"

"Hexenjagd" – so bezeichnete Wiegand die Berichterstattung und die Fragen zu seiner Impfung in der täglichen Pressekonferenz der Stadt Halle. Diese gibt es seit Mitte März 2020. Damals hatte Halle 13 Corona-Infizierte. Dann kam die Sommerpause und seit September lud die Stadt dann wieder regelmäßig zur Pressekonferenz. Seit Mitte Oktober war Bernd Wiegand mit seinem Team wieder täglich am Start. Die Zahlen waren alarmierend, Halle hatte 110 Corona-Infizierte und eine 7-Tage-Inzidenz von 27. Grund genug, wieder in die tägliche Variante zu wechseln.

Doch jetzt bleibt der Youtube-Kanal der Saalestadt mittags still. Und das bei 536 Infizierten und einer Inzidenz von 85. Medienvertreter werden per Mail ausgeladen mit der Begründung, das Infektionsgeschehen habe sich seit Anfang Februar "deutlich entspannt" und es gebe nur noch geringes Interesse am Infektions-, Test- und Impfgeschehen.

Hier können Sie die letzte regelmäßige Corona-Pressekonferenz der Stadt Halle vom 15. Februar 2021 ansehen:

Bis zu 6.000 Menschen haben zuletzt die Pressekonferenz verfolgt. Schaut man sich die Abrufzahlen der Pressekonferenzen an, dann zeigt sich, dass die Begründung von Bernd Wiegand nicht stimmt. Das Interesse ist weiterhin sehr hoch. Das belegen die täglichen Abrufzahlen zwischen 2.000 und 6.000. Außerdem: Jeden Tag schalten sich bis zu zehn Medienvertreter zu und berichten bundesweit darüber – sogar in der Schweiz ist Bernd Wiegand mit seiner Impfung Thema in den Medien. Wann hat es zum letzten Mal ein Kommunalpolitiker aus Sachsen-Anhalt in die überregionalen Medien geschafft?

Wiegand scheinen eher die Fragen zu nerven. Immer und immer geht es seit gut einer Woche um Wiegands Vordrängelei beim Impfen. Auch hier hat der Oberbürgermeister übrigens eine andere Wahrnehmung: Für ihn war es kein Vordrängeln, sondern ein Retten der übriggebliebenen Impfdosis vor der Mülltonne. Es schwingt ein wenig Heldentum mit, wenn er das immer wieder in der Pressekonferenz betont.

Journalisten werden wie Schulbuben zurechtgewiesen

Was braucht ein guter Krisenmanager? Unter anderem Gelassenheit und eine sehr gute Kommunikationsfähigkeit. Doch beides scheint dem Oberbürgermeister abhandengekommen zu sein. Zumindest zeitweise. Vergangene Woche ermahnte Wiegand mit erhobener Stimme die Journalisten. "Nicht in diesem Ton", ruft er nach sachlichen Fragen. Journalisten werden wie Schulbuben behandelt. Auf der vorerst letzten täglichen Presskonferenz am 15. Februar will der Oberbürgermeister schon nicht mehr auf Fragen zum vorgezogenen Impfen eingehen. Die Situation eskaliert, man drehe sich im Kreis und man solle die Antworten jetzt einfach mal so hinnehmen, heißt es vonseiten der Stadt.

Ein Mediator könnte jetzt helfen

Nun also das Aus für die tägliche Pressekonferenz. Warum gerade jetzt? Ein guter Krisenmanager hätte die direkte Kommunikation gewählt , vor allem als ausgebildeter Mediator, wie Bernd Wiegand es ist. Ein professioneller Konfliktbegleiter regt zum Perspektivwechsel und empathischen Verstehen an. Die Methoden dafür hat der Oberbürgermeister in seiner Ausbildung gelernt. Jetzt bitte anwenden, Herr Wiegand.

MDR/Luise Kotulla

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 17. Februar 2021 | 07:40 Uhr

22 Kommentare

lk2001 vor 35 Wochen

Das einzige was dieser Mensch braucht ist ein Rücktritt. Und ich hoffe das die "Hexenjagd" bis dahin andauert. Bürgermeister sollten Vorbild für ihre Bürger sein und nicht die Spitze des Korruptionsberges.

MiSt vor 35 Wochen

Fortsetzung

Zu einer solchen Ellenbogenmentalität passt auch prima die Gleichgültigkeit gegenüber dem geschossenen Bock, solange er nur schöngeredet werden kann. Ein bezeichnendes Beispiel für eine solche „glattgestrichene“ Kommunikation erleben wir gerade im Erzgebirgskreis. Zwischen dem impfdrängelnden Landrat und dem DRK wird derzeit auch die Wahrheit über das Zustandekommen der unberechtigten Impfung „harmonisiert“. Schön einlullend für die schläfrigen Gemüter.
P.S. aktuell hinzugekommen: Der Zufallsgenerator war gar keiner. Na sowas?

MiSt vor 35 Wochen

Wen interessiert schon, was die Stadt Halle oder deren Katastrophenschutzstab an redigierten Texten zum Gebaren ihres Prinzipals vermeldet?

Es war ein klarer und gewollter Regelverstoß zu Lasten der Schwächsten. Ohne Unrechtsbewusstsein oder moralische Skrupel verteidigt OB Wiegand trotzig sein Handeln, in automatisierter Weise „argumentierend“ wie all die anderen ertappten Impfdrängler – ‚Ich bin wichtig, mir muss man das zugestehen!‘

Dieses überhöhende Verhalten zu bejubeln oder zumindest zu relativieren erinnert an die Arroganz eines Boris Palmer in seiner ablehnenden Haltung zum Schutz der besonders gefährdeten Alten in unserer Gesellschaft. Beschämend und ohne Ehrerbietung für die, denen wir alles verdanken.



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