Eine Erzieherin hockt mit Handpuppen am Boden. Hinter ihr kippen riesige Spielsachen in einem Dominoeffekt um.
Immer häufiger fällt Personal in Sachsen-Anhalts Kitas aus. Die Folgen: verkürzte Öffnungszeiten und geschlossene Einrichtungen. Bildrechte: MDR/MDR Data

Personalmangel in Kitas Kitas in Sachsen-Anhalt müssen wegen Personalengpässen immer häufiger schließen

26. Januar 2024, 15:32 Uhr

Abholen vor dem Mittagsschlaf oder eine halbe Woche Kita-Schließung: Mit diesen Einschränkungen waren Ende des vergangenen Jahres viele Eltern von Kita-Kindern in Sachsen-Anhalt konfrontiert. Der Grund: akuter Personalmangel. Und dieser nimmt immer weiter zu.

Im Dezember 2023 konnte rund jede sechste Kindertagesstätte in Sachsen-Anhalt ihren Betrieb nicht regulär aufrechterhalten. Das geht aus neuen Daten des Landesverwaltungsamts (LVWA) hervor, die MDR SACHSEN-ANHALT vorliegen. Demnach konnten mindestens 280 der rund 1.800 Krippen, Kindergärten und Horte im Land aufgrund von akutem Personalmangel ihre normalen Betreuungszeiten nicht einhalten.

In den meisten Fällen griffen die Einrichtungen bei Personalengpässen auf das Kürzen der Öffnungszeiten als Maßnahme zurück. Im Dezember 2023 mussten jedoch in über 50 Fällen Einrichtungen tageweise zum Teil oder ganz schließen. Für berufstätige Eltern eine enorme Herausforderung, da häufig spontan ein Ersatz für die Kinderbetreuung organisiert werden musste oder aber die eigenen Arbeitszeiten nicht mehr im vollen Umfang eingehalten werden konnten.

Da laut LVWA das Meldeverhalten der Kitas gegenüber den jeweils zuständigen Jugendämtern "sehr unterschiedlich" ist und die gesetzliche Meldepflicht unterschiedlich ausgelegt wird, handelt es sich bei den Daten zu Kitaschließungen um Mindestangaben.

Personalmangel in Kitas ist ein deutschlandweites Problem

Bereits im November 2023 hatte das Recherchenetzwerk Correctiv über den deutschlandweiten "Kitanotstand" berichtet. Demnach gingen binnen eines Kitajahres bundesweit über 26.000 Meldungen bei den zuständigen Behörden ein, dass Kitas aufgrund von Personalmangel die vereinbarte Betreuung nicht mehr sicherstellen konnten. Im Zuge dieser Recherche hatten sich auch rund 2.000 Kita-Mitarbeitende an einer nicht repräsentativen Umfrage zu den Folgen des Personalmangels beteiligt. Ergebnis:

  • 60 Prozent der Befragten berichten von Stress, Druck und Überlastung.
  • Eine von fünf Personen gibt an, dass die erhöhte Arbeitsbelastung für sie gesundheitliche Folgen wie ein Burnout hat.
  • Jede zehnte Person denkt über den Ausstieg aus dem Beruf nach – oder hat schon gekündigt.

Laut Correctiv bedeutet der Personalmangel für die zu betreuenden Kinder unter anderem auch, dass die Zeit in der Kita zur reinen "Aufbewahrungszeit" wird. Die Arbeit des Personals dreht sich nur noch um die Grundbedürfnisse "satt, sauber, sicher". Individuelle frühkindliche Förderung und Bildung sind nicht mehr möglich. Eine Erzieherin aus Sachsen-Anhalt äußerte sich in der Correctiv-Umfrage wie folgt:

Es muss unbedingt etwas passieren. Die Arbeitsbedingungen werden immer schlechter. Die hohe Belastung führt zu einem hohen Krankenstand. Kollegen suchen sich andere Bereiche, in denen es ruhiger ist oder geben den Beruf ganz auf. Die Kinder werden immer auffälliger. Durch das wenige Personal kann man auf die Kinder nicht so eingehen, wie man es möchte.

Erzieherin, arbeitet mit Kindern unter und ab drei Jahren.

Kitas in Sachsen-Anhalt Laut Statistischem Landesamt gab es in Sachsen-Anhalt zum Stichtag 01.03.2023 insgesamt 1.816 Tageseinrichtungen für Kinder, darunter knapp 400 Horte nur für Schulkinder. Knapp 20.000 Frauen und Männer des pädagogischen Leitungs- und Verwaltungspersonals kümmern sich dabei landesweit um rund 155.000 Kinder.

Starker Anstieg von Personalausfällen und deren Folgen

Dass Personalausfälle in Sachsen-Anhalts Kitas bereits seit geraumer Zeit ein zunehmendes Problem darstellen, geht aus einem Mitte Januar 2024 veröffentlichten Bericht des Bundesfamilienministeriums hervor. So mussten Kitas hierzulande im Jahr 2022 deutlich häufiger Maßnahmen wie das Kürzen der Öffnungszeiten oder vorübergehende Schließungen ergreifen als noch im Jahr 2020. Die Landtagsabgeordnete Nicole Anger (Die Linke) forderte angesichts der im Bericht genannten Zahlen mehr pädagogische Fachkräfte in Kitas.

Sachsen-Anhalt hat noch immer einen der bundesweit schlechtesten Personalschlüssel in den Kitas. Für mittelbare pädagogische Aufgaben, neben der direkten Betreuung der Kinder, wie beispielsweise Elterngespräche führen, steht keine Zeit zur Verfügung.

Nicole Anger, kinder- und jugendpolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke

Laut Bundesfamilienministerium ist der Personal-Kind-Schlüssel – also wie viele Kinder rechnerisch auf eine pädagogisch tätige Person kommen – in Sachsen-Anhalt deutlich schlechter als der deutschlandweite Durchschnitt. Diese nachteiligen Rahmenbedingungen für pädagogische Fachkräfte führen laut Anger zu steigenden Arbeitsbelastungen, die Personalausfälle, Zusammenlegung von Gruppen, verkürzte Öffnungszeiten und zahlreiche Überstunden zur Folge hätten.

Beim Personal-Kind-Schlüssel ist zudem zu beachten, dass es sich um einen theoretischen Wert handelt. Unberücksichtigt sind darin Personal-Ausfallzeiten wie Krankheit oder Urlaub sowie Teamsitzungen oder Elterngespräche. All dies geschieht während der Arbeitszeit des pädagogischen Personals, ist jedoch keine unmittelbare pädagogische Arbeit am Kind.

Bund unterstützt Sachsen-Anhalt bei den Kitas

Im Rahmen des sogenannten KiTa-Qualitätsgesetzes unterstützt der Bund die Länder in den Jahren 2023 und 2024 mit insgesamt rund vier Milliarden Euro bei Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Verbesserung der Teilhabe in der Kindertagesbetreuung. Mit den rund 100 Millionen Euro, die Sachsen-Anhalt zustehen, setzt das zuständige Sozialministerium laut eigener Aussage "auf einen Fachkräfte-​Pakt für Ausbildung und Qualifizierung, auf mehr pädagogische Fachkräfte für Kitas mit besonderen Bedarfen und auf Elternentlastung."

Bezogen auf die personelle Situation in den Kitas wurden dabei unter anderem ein Quereinsteigerprogramm, eine Fachkräfteoffensive und eine Schulgeldfreiheit für die Ausbildung in erzieherischen Berufen finanziell unterstützt.

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MDR (Manuel Mohr)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 26. Januar 2024 | 09:00 Uhr

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