"Bürger-Auftrag" an die neue Landesregierung Feuerwehr-Jugendwart Fabian Vosmer aus Eutzsch: "Schnell den Ausbildungsstau auflösen"

Sachsen-Anhalt wählt in wenigen Wochen einen neuen Landtag. Vorher spricht MDR SACHSEN-ANHALT mit Menschen über ihre Wünsche an die neue Regierung. Im fünften Teil der Reihe "Bürger-Auftrag" erzählen freiwillige Feuerwehrleute aus dem Landkreis Wittenberg von ihrer Suche nach Nachwuchs – und wie Corona auch das erschwert.

Ein junger Mann steht vor einem bemalten Tor einer freiwilligen Feuerwehr und schaut in die Kamera. 5 min
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Und mit einem Schlag war alles vorbei. Als Corona kam, stand auch bei der Feuerwehr in Eutzsch im Landkreis Wittenberg plötzlich alles still. Über die Monate hat sich daran kaum etwas geändert. Als Fabian Vosmer an diesem Vormittag im April die Tür zur Kinder- und Jugendfeuerwehr aufschließt, blickt er auf eine Reihe leerer Spinde. Elias steht über einem geschrieben, Paul über einem anderen. Doch anstatt mit Elias, Paul und all den anderen über die Feuerwehr zu sprechen, steht Fabian Vosmer an diesem Dienstag allein im Raum. Wo sonst Gewusel und aufgeregte Kinderstimmen zu hören sind, passiert seit Corona kaum noch etwas.

Ein rotes Schild weist auf die Kinder- und Jugendabteilung einer freiwilligen Feuerwehr hin.
Der Stellenwert der Kinder- und Jugendarbeit ist so hoch, dass die Abteilung in einem eigenen kleinen Gerätehaus untergebracht ist. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Ein Feuerwehrmann durch und durch

Fabian Vosmer ist 32 Jahre jung und Feuerwehrmann durch und durch. Geboren und aufgewachsen ist er in Göttingen in Niedersachsen, kam später des Berufs wegen nach Sachsen-Anhalt und ist hier heimisch geworden. Fabian Vosmer ist Heizungsbauer und Brandmeister. Der Berufsfeuerwehrmann arbeitete in Berlin, in Halle, seit knapp drei Jahren in Wittenberg. Noch viel länger engagiert sich bei der freiwilligen Feuerwehr in Eutzsch. Heute ist Vosmer stellvertretender Wehrleiter. Und: Er ist Jugendwart.

Nahaufnahme eines Wappens der freiwilligen Feuerwehr der Stadt Kemberg.
Zur Einsatzabteilung der Feuerwehr in Eutzsch gehören 26 Freiwillige. Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Wenn Fabian Vosmer über die Kinder- und Jugendfeuerwehr in dem kleinen Ort spricht, tut er das nicht ohne Stolz. Und er hat ja auch allen Grund dazu: 32 Kinder und Jugendliche gehören zur Kinder- und Jugendfeuerwehr in Eutzsch. In einer Zeit, in der Feuerwehren überall um Nachwuchs kämpfen müssen, ist das eine beträchtliche Zahl. Umso größer ist die Sorge wegen Corona: Während sich die Kinder und Jugendlichen in normalen Zeiten regelmäßig treffen, passiert nun schon seit Monaten kaum etwas. "Es ist schwierig, Kinder und Jugendliche für die Feuerwehr zu gewinnen. Noch schwieriger ist, sie bei der Stange zu halten", erzählt Fabian Vosmer. "Wir stehen immer in Konkurrenz zu anderen Vereinen."

In Eutzsch haben sie Sorge davor, dass das monatelange Verbot gemeinsamer Dienste einen nachhaltigen Knacks auslösen könnte. Dass Kinder und Jugendliche in der Zwischenzeit andere Hobbys gefunden haben und der Feuerwehr verloren gehen.

Luftaufnahme des Ortes Eutzsch im Landkreis Wittenberg
Eutzsch im Landkreis Wittenberg gehört zur Stadt Kemberg. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dabei ist es für freiwillige Feuerwehren enorm wichtig, frühzeitig Nachwuchs heranzuziehen. Gerhard Sehmisch kann ein Lied davon singen. Auch den 57-Jährigen kann man getrost als Feuerwehrmann durch und durch bezeichnen. Sehmisch hat den Brandschutz zwar nicht zu seinem Beruf gemacht; und doch gehört die Feuerwehr in Eutzsch zu seinem Leben. Seit einigen Jahren ist er hier der Wehrleiter. Ein Job, den eigentlich schon abgegeben haben wollte. Doch wegen Corona konnte niemand den Lehrgang zum Gruppenführer und Wehrleiter machen.

Alle Ausbildungen fallen flach

Also ist Gerhard Sehmisch weiter Chef der Truppe, der er nun schon mehr als vier Jahrzehnte die Treue hält. Auch für seine Einsatzabteilung sind die ausbleibenden Lehrgänge ein Problem: Vor ein paar Monaten haben sie neue Funkgeräte bekommen, außerdem eine Schiebeleiter. Der Umgang damit muss geübt werden – sonst kann es im Einsatz schnell Probleme geben.

Ein Mann steht vor einem Gerätehaus einer freiwilligen Feuerwehr und schaut in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Unser Problem ist, dass wir unsere Einsätze einerseits komplett weiterfahren müssen – uns aber andererseits nicht aus- und weiterbilden dürfen.

Gerhard Sehmisch Ortswehrleiter der Feuerwehr in Eutzsch

In Eutzsch haben sie das geschafft, was nur wenige Feuerwehren in Sachsen-Anhalt schaffen. Wo die Zahl der Einsatzkräfte in dem kleinen Ort einigermaßen stabil ist und in manchen Jahren sogar wächst, geht sie anderswo seit langer Zeit zurück. Zahlen für das gesamte Land Sachsen-Anhalt zeigen, dass die freiwilligen Feuerwehren seit 2010 knapp 6.000 Mitglieder verloren haben.

Auch der Landkreis Wittenberg hat seit 2007 mehrere Hundert freiwillige Einsatzkräfte verloren. Die positive Nachricht ist: Landesweit wie auch im Landkreis Wittenberg stieg im selben Zeitraum die Zahl der Mädchen und Jungen, die sich in Kinder- und Jugendfeuerwehren engagieren.

In Eutzsch haben sie schon 2011 auf den drohenden Mangel an Nachwuchs reagiert und ihre Kinderfeuerwehr gegründet, einige Jahre später kam die Jugendfeuerwehr dazu. "Es geht nur mit Eigeninitiative", sagt Jugendwart Fabian Vosmer und erzählt von einem Imagevideo, mit dem sie noch mehr Kinder und Jugendliche in die Wehr holen wollen.

Heute kommen sogar Kinder und Jugendlichen aus anderen Orten zur Feuerwehr nach Eutzsch. "Unser Erfolgsrezept ist vielleicht, dass wir ein relativ junges Team in der Kinder- und Jugendausbildung haben", sagt Fabian Vosmer.

Über die Reihe: Was der "Bürger-Auftrag" zeigen soll

Am 6. Juni ist Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Schon vorher will MDR SACHSEN-ANHALT wissen, was die Menschen im Land bewegt – und was sie von der neuen Regierung erwarten. Frauen und Männer aus sechs Wahlkreisen formulieren in dieser Reihe ihren Wunsch an die neue Landesregierung – den "Bürger-Auftrag". Die sechsteilige Serie erscheint bis Sonnabend jeden Tag.

Damit diese Entwicklung weitergeht, braucht es Nachwuchs. Und es braucht die Möglichkeit, die eigenen Leute auszubilden. Wegen der Pandemie fällt zumindest Letzteres seit Monaten flach. Das stört auch den Landesfeuerwehrverband in Sachsen-Anhalt, der darauf verweist, dass keine digitale Ausbildung je die handwerkliche Fortbildung am Feuerwehrfahrzeug wird ersetzen können.

Mein Bürgerauftrag

Ein junger Mann steht vor einem bemalten Tor einer freiwilligen Feuerwehr und schaut in die Kamera.
Bildrechte: MDR/Luca Deutschländer

Ich wünsche mir von der neuen Landesregierung, dass wir zeitnah unsere Führungskräfte an der Landesfeuerwehschule ausgebildet bekommen, um den jetzt schon entstandenen Ausbildungsstau wieder einzuholen.

Fabian Vosmer Jugendwart und stellvertretender Ortswehrleiter der Feuerwehr Eutzsch

Am Gerätehaus der Feuerwehr in Eutzsch hat Fabian Vosmer inzwischen Besuch bekommen. Die Elfjährige Hanny aus der Nachbarschaft ist da. Auch sie gehört zur Kinder- und Jugendfeuerwehr, ist seit ihrem fünften Lebensjahr dabei. Warum? "Weil es ein guter Zeitvertreib und man etwas lernt", erzählt sie. Dass ihr Hobby in Corona-Zeiten keines sein kann, findet Hanny schade. Oft langweilt sie sich.

Doch bei aller Leidenschaft zur Feuerwehr: Wer Hanny fragt, ob auch sie wie ihr Jugendwart später mal zur Berufsfeuerwehr will, schüttelt sie mit dem Kopf. Damit aber kann Fabian Vosmer umgehen. Schmunzelnd streckt er den Daumen nach oben. Viel wichtiger für ihn ist ohnehin, dass die 11-Jährige möglichst lange der freiwilligen Feuerwehr erhalten bleibt.

Hintergründe und Aktuelles zur Landtagswahl – unser multimediales Update

In unserem Update zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt geben unsere Redakteure einen Überblick über die wichtigsten politischen Entwicklungen – und ordnen sie ein.

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MDR/Marc Burgemeister, Manuel Mohr, David Muschenich, Luca Deutschländer

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 30. April 2021 | 19:00 Uhr

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