Lehrermangel in Sachsen-Anhalt Schulen suchen händeringend nach Lehrkräften

Hunderte Lehrerinnen und Lehrer fehlen derzeit in Sachsen-Anhalt – schulformübergreifend. An einigen Schulen ist die Not so groß, dass Unterrichtsausfälle drohen. Weil schnelle Lösungen nicht in Sicht sind, mehren sich nun die Hilferufe der Schulen.

Mathematikunterricht an einer Schule
Viele Schulen in Sachsen-Anhalt suchen derzeit Lehrerinnen und Lehrer – oft vergeblich. (Symbolbild) Bildrechte: imago/epd

Der Lehrermangel ist eines der größten Probleme für Sachsen-Anhalt. Daran hat sich auch in den vergangenen fünf Jahren kaum etwas geändert. Zwar verweist die Landesregierung auf aufgestockte Lehramtsstudiengänge. Doch bis neu auszubildende Lehrkräfte ihr Studium erfolgreich abgeschlossen haben, vergehen Jahre.

Mathematikunterricht droht auszufallen

Das ist auch für die Gemeinschaftsschulen Seehausen und Tangerhütte im Norden Sachsen-Anhalts ein Problem. Sie suchen bereits jetzt händeringend nach Lehrern. Seehausens Schulleiter Axel Griebe veröffentlichte im Internet einen Hilferuf. Demnach droht an seiner Schule der Mathematikunterricht für die fünften und sechsten Klassen im kommenden Schuljahr komplett auszufallen.

Auch für Physik, Technik und Wirtschaft fehlen laut Griebe Lehrkräfte. Für die Tangerhütter Gemeinschaftsschule werden Lehrer für Mathe, Sport und Ethik gesucht. Beide Schulen hatten im vergangenen Schuljahr die Stellen mehrfach ausgeschrieben, aber ohne Erfolg

Den landesweiten Lehrermangel bekommt auch die Grundschule in Nonnewitz bei Zeitz im Süden Sachsen-Anhalts besonders hart zu spüren. Dort ist die Sorge groß, dass für rund 80 Schülerinnen und Schüler im neuen Schuljahr von derzeit fünf Lehrerinnen nur eine einzige übrig bleiben könnte. Dieser Personalmangel kommt den Eltern zufolge deshalb zustande, weil zwei Lehrerinnen in den Schwangerschafts-Urlaub gehen und sich zwei weitere Lehrerinnen in den Ruhestand verabschieden.

Bereits vor einer Woche haben die besorgten Eltern deshalb einen Brief an das Bildungsministerium geschrieben. Nach Informationen von MDR SACHSEN-ANHALT beklagen sie darin, dass es an der Schule zu wenige Lehrer und seit vier Jahren keinen Direktor gibt. In dem Brief heißt es, gute Bildung sei nur mit ausreichend pädagogischem Personal möglich. Die Unterbesetzung führe zu Überlastung. Ein Abzug von Personal aus anderen Schulen verlagere das Problem nur und sei daher keine Lösung. Man fordere eine Stellungnahme der zuständigen Ämter und Behörden mit Lösungsansätzen.

Demonstration für mehr Lehrkräfte

Daraufhin hatten vergangene Woche in Zeitz rund 250 Menschen gegen den Lehrermangel protestiert und sich für neue Lehrerinnen und Lehrer für die Grundschule in Nonnewitz stark gemacht. Am Montag gab es deshalb eine Krisensitzung mit dem Landesschulamt. Wie die Stadtelternrats-Vorsitzende Evelyn Dölz MDR SACHSEN-ANHALT mitteilte, soll die Grundschule Nonnewitz nun eine neue Direktorin bekommen, die sie sich allerdings mit einer anderen Schule teilt.

Eine weitere Lehrerin möchte wiederum von einer anderen Schule nach Nonnewitz wechseln. Die beiden wegen Schwangerschaft ausfallenden Lehrerinnen sollen nun von Studentinnen vertreten werden. Die wollen eigentlich ans Gymnasium – bis sie dort eine Stelle antreten können, überbrücken sie auf der Grundschule die Wartezeit.

Um den aktuellen landesweiten Bedarf an Lehrern und damit 100 Prozent der nötigen Unterrichtsstunden zu gewährleisten, sind dem Bildungsministerium zufolge aber weiterhin mehr als 500 Vollzeitlehrkräfte nötig. Gegenwärtig und voraussichtlich auch in den kommenden fünf Jahren sei es nicht möglich, neue und bereits bestehende fehlende Stellen durch ausgebildete Lehrkräfte zu decken.

Land setzt auf Seiteneinsteiger

Um offene Stellen besetzen zu können, setzte Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) in den vergangenen Monaten vor allem auf Seiteneinsteiger. Tullner sagte MDR SACHSEN-ANHALT, diese müssten sich neben einer Einstiegsqualifikation aber auch berufsbegleitend weiterbilden. Als Seiteneinsteiger werden die Lehrkräfte bezeichnet, die im Anschluss an ihr Studium in der Regel ein Unterrichtsfach anerkannt bekommen haben. Voraussetzung ist laut Bildungsministerium ein Diplom oder ein gleichwertiger Abschluss.

Bereits im März hatte die Lehrergewerkschaft GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) angesichts möglicher Lernrückstände durch die Corona-Pandemie zudem auf mehr Personal und individuelle Hilfe beim Nachholen gedrängt. Die Vorsitzende der Gewerkschaft, Eva Gerth, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, man brauche Leute, die die Teams der Schulen unterstützen. "Lehrkräfte, die fördern können, ohne vielleicht richtige Lehrkräfte zu sein. Vielleicht auch Erzieherinnen, die uns helfen. Ich glaube, dass diese Lernrückstände sehr individuell sind und dass man individuell auf jede Schülerin und jeden Schüler eingehen muss."

Quelle: MDR/Thomas Tasler, Katharina Häckl

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 19. Juli 2021 | 06:30 Uhr

7 Kommentare

Tacitus vor 8 Wochen

Ich versuche es ein zweites Mal: Die Unis sind voll von Studenten in Gesellschaftswissenschaften, die niemand braucht. Warum stoppt man das nicht und lenkt in Lehrerstudium um?

Jana...N. vor 8 Wochen

Fragt doch mal die wenigen Bewerber wie das in Sachsen-Anhalt abläuft... Während man in Sachsen-Anhalt die Bewerber zum Vorstellungsgespräch einlädt, unterschreiben sie in Berlin schon den Vertrag für die neue Wohnung... So groß wie der Lehrermangel ist sollte man nicht warten bis 2 Wochen vor schuljahresbeginn...

maheba vor 8 Wochen

Seiteneinsteiger werden die Lücken nicht füllen können. Vereinzelt lassen sich welche finden aber flächendeckend nicht in ausreichender Anzahl.
Einzig über die Entlohnung/Besoldung bzw. Einstufung der Lehrer als Anreiz für Neueinstellungen kann hier was geregelt werden.
Für eine bessere Besoldung wird auch schon mal das Heimatland verlassen. Soll heißen der Anteil der wegziehenden ausgebildeten Lehrkräfte ist viel zu hoch. Hier muss eingegriffen und Anreize geschaffen werden. Nicht mit dem System "Neulehrer" wie nach dem Weltkrieg.
Solange Nachbarländer höher Eingruppieren, besser besolden und weitere Vergünstigungen anbieten wird das hier nix.

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