Unterrichtsausfall Lehrermangel in Sachsen-Anhalt: Im Notfall können sogar Eltern einspringen

In Sachsen-Anhalt ist zu Beginn des aktuellen Schuljahres fast jede zehnte Unterrichtsstunde ausgefallen. An einigen Schulen waren es sogar noch mehr. Damit die Schülerinnen und Schüler überhaupt unterrichtet werden, können notfalls sogar Eltern einspringen. Gegen den Lehrermangel hilft das aber nicht. Denn der wird laut Gewerkschaften durch strukturelle Probleme verursacht, zum Beispiel bei der Ausbildung und Bezahlung der Lehrkräfte.

Eine Schülerin einer Grundschule meldet sich im Untericht.
Eltern können einspringen, um Unterrichtsstunden abzusichern. Bisher passiert das in Sachsen-Anhalt aber kaum. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

An den Schulen in Sachsen-Anhalt ist zu Beginn des Schuljahres etwa jede zehnte Unterrichtsstunde ausgefallen. Das teilte das Bildungsministerium MDR SACHSEN-ANHALT mit. Besonders betroffen waren demnach ländliche Regionen sowie Sekundar- und Gemeinschaftsschulen. Die Unterrichtsversorgung im Land liegt bei 92 Prozent.

Was eine Unterrichtsversorgung von 92 Prozent bedeutet

92 Prozent Unterrichtsversorgung bedeuten, dass 92 Prozent der Lehrerwochenstunden, die für den Unterricht benötigt werden, abgedeckt sind, beziehungsweise, dass mit acht Prozent etwa eine von zwölf Lehrerwochenstunden ausfällt. Zu Lehrerwochenstunden zählen nicht nur die Unterrichtsstunden, sondern beispielsweise auch Zeit für Förder- oder Ganztagsangebote. Um abzudecken, dass Lehrkräfte beispielsweise wegen Krankheit kurzfristig ausfallen, strebt die Regierungskoalition eigentlich eine Unterrichtsversorgung von 103 Prozent an.

Wie viel Unterricht seither ausgefallen ist, konnte das Ministerium auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT nicht beziffern. Die Daten seien noch nicht ausgewertet. Laut einem Bericht der "Volksstimme" konnten die Lehrkräfte an einigen Schulen im Land zum Herbstbeginn deutlich weniger Unterrichtsstunden abdecken. An einer Gemeinschaftsschule in Magdeburg fehlte demnach wegen Krankheit zeitweise fast die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer.

Eltern könnten als Vertretung einspringen

In Sachsen hatte Bildungsminister Christian Piwarz (CDU) kürzlich in einem Interview mit der "Leipziger Volkszeitung" gesagt, es sei nicht ungewöhnlich, dass Schulen in derartigen Fällen fragten, ob Eltern kurzfristig einspringen könnten. Eine Leipziger Oberschule hatte sich demnach zuvor mit einem "Hilferuf" an Eltern gewandt.

Grundsätzlich sei das auch in Sachsen-Anhalt möglich, erklärte das Bildungsministerium. Die Schulen könnten "individuell und in enger Absprache mit den Elternhäusern agieren", auf diese zugehen und deren Netzwerke nutzen, um externe Honorarkräfte zu finden. Unter diesen könnten dann auch Eltern sein.

Aus Unterstützern könnten Seiteneinsteiger werden

Ob bereits Eltern bei Unterrichtsausfall einspringen, beantwortete das Ministerium nicht. Der Vorsitzende des Landeselternrates, Matthias Rose, sagte MDR SACHSEN-ANHALT, er habe bislang nur von einem Fall gehört. Angesichts der Engpässe bei der Unterrichtsversorgung werde man nicht auf die Hilfe verzichten können. "Allerdings sollten wir dabei trotzdem nicht alle Qualitätsansprüche aufgeben", erklärte Rose. Dazu gehöre auch ein polizeiliches Führungszeugnis. Viele Fragen seien zudem noch ungeklärt, beispielsweise, welche Kompetenzen Eltern mitbringen und ob sie ihre eigenen Kinder unterrichten sollten.

Bevor es an einer Schule gar keinen Chemieunterricht gibt, sollte man doch die Chemikerin neben der Schule, die gerade in Rente gehen will und Chemikanten ausgebildet hat, fragen, ob sie nicht helfen kann.

Matthias Rose Landeselternrat Sachsen-Anhalt

Eine Chance sieht Rose darin, dass aus Aushilfskräften neue Seiteneinsteiger werden könnten. Dabei solle man sich aber nicht auf Eltern fokussieren: "Bevor es an einer Schule gar keinen Chemieunterricht gibt, sollte man doch die Chemikerin neben der Schule, die gerade in Rente gehen will und Chemikanten ausgebildet hat, fragen, ob sie nicht helfen kann." Diese Unterstützung sollte allerdings von erfahrenen Lehrkräften begleitet werden.

Hunderte Lehrerstellen bleiben ohne Bewerbung

Das Land Sachsen-Anhalt ist derweil weiterhin bemüht, neue Lehrkräfte einzustellen. Mitte September waren erneut fast 1.000 Stellen ausgeschrieben worden. Auf diese hat es nach Angaben des Bildungsministeriums knapp 360 Bewerbungen gegeben.

Dass es bei einer so großen Ausschreibung wie dieser nicht besonders viele Bewerbungen gebe, ist laut Ministerium nachvollziehbar, da die Einstellung von Lehrkräften ein kontinuierlicher Prozess sei. Es seien dauerhaft Stellen ausgeschrieben und Interessierte hätten jederzeit die Möglichkeit, sich zu bewerben. Das Landesschulamt stelle jährlich rund 1.000 neue Lehrkräfte ein.

Gewerkschaft: Unterrichtsausfall verringert Bildungschancen

Wie dringend neue Lehrer gebraucht werden, erklärte der Landesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung, Torsten Wahl, auf Anfrage von MDR SACHSEN-ANHALT. Wahl bestätigte die Aussage des Bildungsministeriums, dass vor allem an Sekundar- und Gemeinschaftsschulen viel Unterricht ausfalle: "Hier wären die besagten 92 Prozent Unterrichtsversorgung ein Traum. In Wahrheit hat man an manchen Schulen eine Versorgung von 67 Prozent und weniger." Das bedeute, dass für ein Drittel der Unterrichtszeit das Personal fehle – und das wiederum, dass sogar ganze Unterrichtsfächer ausfallen könnten.

In Wahrheit hat man an manchen Schulen eine Versorgung von 67 Prozent und weniger.

Torsten Wahl Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung

Bei Lehrkräften führt der Personalmangel Wahl zufolge zu Überlastung, Stress und Gereiztheit bis hin zu Krankheit. Die Schülerinnen und Schüler hätten durch den Unterrichtsausfall geringere Bildungschancen. Darum müsse sofort gehandelt werde. Eine sofortige Verbesserung der Unterrichtsversorgung werde es aber auch dann "sicher nicht geben".

Ein Kind meldet sich und ein Traktor fährt übers Feld. 35 min
Bildrechte: MDR/dpa

Probleme an Unis und fehlende Anreize

Grund dafür ist laut Wahl, dass eine der Ursachen für den Lehrermangel strukturelle Probleme bei der Ausbildung von Lehrkräften sind: Fast die Hälfte der Lehramtsstudierenden würden ihr Studium nicht beenden. Die Universitäten müssten daher die Ausbildung reformieren. Dazu gehöre, Zugangsbegrenzungen wie den Numerus Clausus für das Lehramtsstudium aufzuheben, gezielt Studierende für die "MINT-Fächer" (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) anzuwerben und die Studienseminare, an denen die praktische Ausbildung von Lehrkräften stattfindet, nicht nur auf die Großstädte Magdeburg und Halle, sondern weitere Standorte zu verteilen.

Um mehr Lehrkräfte für Grundschulen zu gewinnen, sollten sie laut Wahl künftig in eine höhere Tarifgruppe fallen, also mehr Geld bekommen. Im Sommer hatte Sachsen-Anhalts Regierungskoalition bereits diskutiert, die Besoldungsstufe für Grundschullehrkräfte von A12 auf A13 anzuheben. Dadurch würden diese monatlich rund 600 Euro mehr bekommen als bisher.

Gewerkschaft will vor dem Landtag demonstrieren

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert, Lehrerinnen und Lehrer an Grundschulen besser zu bezahlen. Laut Sprecherin Christiane Rex ruft die GEW noch in diesem Monat zu einer Kundgebung vor dem Magdeburger Landtag auf, um sich dafür einzusetzen, dass der Landtag einen entsprechenden Gesetzentwurf der Fraktion "Die Linke" beschließt.

Darüber hinaus fordere die Gewerkschaft Maßnahmen, um die Lehrerinnen und Lehrer zu entlasten. Dazu gehören laut Rex unter anderem die Möglichkeit, zusätzlich übertragene Aufgaben anzurechnen, freiwillige Arbeitszeitkonten, weniger Stunden für ältere Lehrkräfte sowie Unterstützung durch Fachkräfte in Bereichen wie Sozialarbeit, Schulpsychologie oder Pädagogik. Denn: Der Lehrerberuf müsse wieder attraktiv werden.

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MDR (Maren Wilczek)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Oktober 2022 | 07:00 Uhr

42 Kommentare

Gernot vor 7 Wochen

Thomas H, im Bezug auf Stabü gebe ich Ihnen Recht. Es gab aber auch Pavel Kortschagin und andere " Helden" des Kommunismus, mit welche wir ewig beschäftigt waren . Zudem der einseitige und verklärende Geschichtsunterricht , gerade was das 20 Jahrhundert betrifft. Da kommt schon einiges zusammen. Trotzdem, wir haben ,im Vergleich zu heute, einiges beigebracht bekommen.

THOMAS H vor 7 Wochen

Gernot: Es geht ja aus "etc" nicht hervor, welche Fächer Sie noch meinen, aber nach 40 Jahren, die es dieses Jahr sind, als ich die Schule beendet habe, kann ich mich schwach erinnern, das wir 1 mal in der Woche 45 Minuten Stabü hatten, wobei ja Stabü erst ab der 7. Klasse unterrichtet wurde. Also soviel vergeudete Zeit ist das m. M. n. nicht. Vor allem, wenn man gute Lehrer hatte, wie ich es schon geschrieben habe.

Meine Meinung vor 7 Wochen

Die Bildungsministerin sollte jetzt endlich ihren Platz räumen. Was für Schaden will sie unseren Kindern noch antun !!!!!
Es ist unfassbar solche Vorschläge zu machen. Es ist ja mittlerweile „ direkte Körperverletzung“ was in allen Bereichen von den Politikern kommt. Eltern einsetzen das ich nicht lache. Die müssen schließlich Überstunden schieben um den Stromheizung und das Benzin für die zentralisierten Schulen zu bezahlen.
Das andere Kind muss auch noch in die Kita am anderen Ende der Stadt da dort nur ein Platz frei war. Nicht zu vergessen der Große muss in ein anderes Bundesland zur Berufsschule und wiederum in ein anderes zur Lehrbetrieb…. Weil man da auch spart.
Bleiben nur noch die „staatlich geförderten Mutti“ zum Einspringen aber da gibt es statt MINT Fächer eben Hauswirtschaft und Influencerworkshops. Ich denke da ist die Kaderschmiede von Intel voll zufrieden mit der Zusage des Landes das Fachkräfte vorhanden sind bis zum Produktionstart.

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