Bücher der Sportlerin Lilli Henoch stehen auf einem Tisch. 1 min
Die Mendelssohn-Gesellschaft aus Halberstadt forscht zur Herkunft historischer Bücher von Deportierten. Zuletzt wurden Bucher an einen Nachfahren der Spitzensportlerin Lilli Henoch zurückgegeben, Pia Uffelmann berichtet. Bildrechte: picture alliance/dpa | Soeren Stache

Provenienzforschung Bücher jüdischer Spitzensportlerin an Nachfahren zurückgegeben

30. Oktober 2024, 11:01 Uhr

Lilli Henoch war in den 1920er-Jahren Spitzensportlerin und wurde später von den Nazis ermordet. Nachfahren erhalten nun einige Bücher zurück, die Dank eines Forschungsprojektes der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt Henoch zugeordnet werden konnten. Sie stammen aus einem bedeutsamen Bücherfund in einer Berliner Synagoge.

Die Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt hat am Dienstagabend Bücher an die Nachfahren der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Weltrekord-Sportlerin Lilli Henoch übergeben.

Die Bücher waren im Rahmen eines Forschungsprojektes der Mendelssohn-Akademie Lilli Henoch zugeordnet worden. Projektinitiatorin Irena Strelow sagte MDR KULTUR, die Rückgabe sei von immensem Wert: "Für die Nachfahren von deportierten und ermordeten Menschen sind diese Bücher von einer unersetzbaren Bedeutung, weil sie identitätsstiftend sind."

Drei Personen schauen sich zusammen Bücher an und reden darüber.
Die Historikerin und Provenienzforscherin Irena Strelow (l.) zeigt Marc Mendelson (m.), Nachfahre der Sportlerin Lilli Henoch, und dessen Ehefrau Sybille Knobloch (r.) historische Bücher der Sportlerin. Bildrechte: picture alliance/dpa | Soeren Stache

Besonders Bücher mit selbst notierten Namen oder Widmungen seien etwas ganz Persönliches. Für Nachfahren sei es durch die Beschlagnahme sämtlicher Habseligkeiten der Deportierten durch die Nazis schwer, etwas zu finden, was den Vorfahren gehöre, erklärte Strelow.

Spitzensportlerin der 20er-Jahre

Anlass für die Rückgabe war der 125. Geburtstag der jüdischen Sportlerin Lili Henoch in diesem Jahr. Henoch wurde am 26. Oktober 1899 in Königsberg geboren und lebte später in Berlin. Sie stellte mehrfach Weltrekorde in verschiedenen Leichtathletik-Disziplinen auf.

Zwischen 1919 und 1926 wurde Henoch zehnmal Deutsche Meisterin in den Disziplinen Kugelstoßen, Diskuswurf, Weitsprung und mit der 4-mal-100-Meter-Staffel. Ab 1933 wurden ihre Tätigkeiten als Spitzensportlerin und Trainerin immer mehr vom nationalsozialistischen Regime eingeschränkt, bis sie 1942 mit ihrer Mutter nach Riga deportiert und ermordet wurde.

Kistenweise historische Bücher

Die restituierten Bücher stammen aus einem Buchbestand, der in der Nachkriegszeit in der Synagoge am Fraenkelufer in Berlin gefunden worden war.

Das Forschungsprojekt an der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt soll alle Bücher mit ihren Namenseinträgen zunächst listen, um die Provenienz, also Herkunft, der Bücher zu klären. In einem Folgeprojekt wollen Fachleute dann die Nachfahren recherchieren.

Im aktuellen Fall handelt es sich um etwa zehn Fach- und Sachbücher, die der Sportlerin Lili Henoch zugeordnet werden konnten. Einer ihrer Nachkommen habe sich aktiv gemeldet, damit Bücher zurückgegeben werden können, erklärte Projektinitiatorin Irena Strelow.

Portrait eines Mannes an einem Tisch mit historischen Büchern
Marc Mendelson ist ein Nachfahre der Sportlerin Lilli Henoch und erhielt am Dienstagabend einige ihrer Bücher zurück. Bildrechte: picture alliance/dpa | Soeren Stache

Bücher zeigen Machenschaften der Nazis

Strelow betonte, wie einzigartig der Bücherfund aus der Berliner Synagoge ist: "Denn er ist in seiner Konzentration ein Beweis für die systematische Vernichtung der deutschen Intellektuellen." Zahlreiche Bücher verwiesen auf Verbindungen zu Literaten wie Gertrud Kolmar, Tom Freud oder Walter Benjamin.

Drei flache,  ca. einen Meter lange und 40 cm breite, schwarze Kisten stehen geöffnet an einer Wand, darin befinden sich zahlreiche historische Bücher.
Zahlreiche historische Bücher von Deportierten wurden in der Nachkriegszeit in Munitionskisten in einer Berliner Synagoge gefunden und werden nun nach und nach zugeordnet und an Nachfahren zurückgegeben. Bildrechte: Irina Strelow

Das Forschungsprojekt der Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt wird unter anderem vom Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert.

Quellen: MDR KULTUR (Pia Uffelmann), dpa, Landesvertretung Sachsen-Anhalt
Redaktionelle Bearbeitung: hro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2024 | 13:30 Uhr

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