Provenienzforschung Bücher jüdischer Spitzensportlerin an Nachfahren zurückgegeben
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30. Oktober 2024, 11:01 Uhr
Lilli Henoch war in den 1920er-Jahren Spitzensportlerin und wurde später von den Nazis ermordet. Nachfahren erhalten nun einige Bücher zurück, die Dank eines Forschungsprojektes der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt Henoch zugeordnet werden konnten. Sie stammen aus einem bedeutsamen Bücherfund in einer Berliner Synagoge.
- Nachfahren von Lilli Henoch haben Bücher der von den Nazis ermordeten jüdischen Spitzensportlerin zurück erhalten.
- Lilli Henoch wurde zwischen 1919 und 1926 mehrfach Deutsche Meisterin und stellte Weltrekorde auf in verschiedenen Disziplinen der Leichathletik.
- Die Bücher stammen aus einem bedeutenden Bestand, der in einer Berliner Synagoge gefunden wurde.
Die Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt hat am Dienstagabend Bücher an die Nachfahren der von den Nationalsozialisten ermordeten jüdischen Weltrekord-Sportlerin Lilli Henoch übergeben.
Die Bücher waren im Rahmen eines Forschungsprojektes der Mendelssohn-Akademie Lilli Henoch zugeordnet worden. Projektinitiatorin Irena Strelow sagte MDR KULTUR, die Rückgabe sei von immensem Wert: "Für die Nachfahren von deportierten und ermordeten Menschen sind diese Bücher von einer unersetzbaren Bedeutung, weil sie identitätsstiftend sind."
Besonders Bücher mit selbst notierten Namen oder Widmungen seien etwas ganz Persönliches. Für Nachfahren sei es durch die Beschlagnahme sämtlicher Habseligkeiten der Deportierten durch die Nazis schwer, etwas zu finden, was den Vorfahren gehöre, erklärte Strelow.
Spitzensportlerin der 20er-Jahre
Anlass für die Rückgabe war der 125. Geburtstag der jüdischen Sportlerin Lili Henoch in diesem Jahr. Henoch wurde am 26. Oktober 1899 in Königsberg geboren und lebte später in Berlin. Sie stellte mehrfach Weltrekorde in verschiedenen Leichtathletik-Disziplinen auf.
Zwischen 1919 und 1926 wurde Henoch zehnmal Deutsche Meisterin in den Disziplinen Kugelstoßen, Diskuswurf, Weitsprung und mit der 4-mal-100-Meter-Staffel. Ab 1933 wurden ihre Tätigkeiten als Spitzensportlerin und Trainerin immer mehr vom nationalsozialistischen Regime eingeschränkt, bis sie 1942 mit ihrer Mutter nach Riga deportiert und ermordet wurde.
Kistenweise historische Bücher
Die restituierten Bücher stammen aus einem Buchbestand, der in der Nachkriegszeit in der Synagoge am Fraenkelufer in Berlin gefunden worden war.
Das Forschungsprojekt an der Moses-Mendelssohn-Akademie in Halberstadt soll alle Bücher mit ihren Namenseinträgen zunächst listen, um die Provenienz, also Herkunft, der Bücher zu klären. In einem Folgeprojekt wollen Fachleute dann die Nachfahren recherchieren.
Im aktuellen Fall handelt es sich um etwa zehn Fach- und Sachbücher, die der Sportlerin Lili Henoch zugeordnet werden konnten. Einer ihrer Nachkommen habe sich aktiv gemeldet, damit Bücher zurückgegeben werden können, erklärte Projektinitiatorin Irena Strelow.
Bücher zeigen Machenschaften der Nazis
Strelow betonte, wie einzigartig der Bücherfund aus der Berliner Synagoge ist: "Denn er ist in seiner Konzentration ein Beweis für die systematische Vernichtung der deutschen Intellektuellen." Zahlreiche Bücher verwiesen auf Verbindungen zu Literaten wie Gertrud Kolmar, Tom Freud oder Walter Benjamin.
Das Forschungsprojekt der Moses-Mendelssohn-Akademie Halberstadt wird unter anderem vom Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg gefördert.
Quellen: MDR KULTUR (Pia Uffelmann), dpa, Landesvertretung Sachsen-Anhalt
Redaktionelle Bearbeitung: hro
Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. Oktober 2024 | 13:30 Uhr