Mutige Frauen, mutige Wendegeschichten Carmen Niebergall: Wie eine Genthinerin mit über die Wiedervereinigung entschied

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Sie haben dem System getrotzt, haben sich aufgelehnt und für ihre Sache gekämpft. MDR SACHSEN-ANHALT erzählt zum Tag der Deutschen Einheit die Geschichten von vier mutigen Frauen. Carmen Niebergall ist eine von ihnen. In Genthin organisiert sie Ende der 1980er Jahre Demonstrationen der Bürgerbewegung, dann wird sie in die letzte Volkskammer der DDR gewählt, trifft Helmut Kohl – und entscheidet mit über den Einigungsvertrag.

Es ist kurz nach 18 Uhr am 18. März 1990, als Carmen Niebergall vor Schreck fast gegen einen Baum fährt. Gerade hat sie von einer Entscheidung erfahren, die ihr Leben und das der Bürgerinnen und Bürger in der DDR in den nächsten Monaten und Jahren nachhaltig prägen wird. Niebergall, die damals 34 Jahre alt ist und noch Carmen Stange heißt, ist mit ihrem Lada auf dem Weg in die Magdeburger CDU-Zentrale. Da hört sie im Radio die Hochrechnungen der gerade beendeten Wahl zur Volkskammer der DDR.

Während die Ost-CDU bei der ersten demokratischen Volkskammerwahl auf über 40 Prozent der Stimmen kommt, erreicht die im Vorfeld als Favorit geltende Ost-SPD kaum mehr als 20 Prozent. Niebergall steht damals auf Listenplatz 3 der CDU und weiß in diesem Moment: Künftig wird sie in der Volkskammer sitzen.

Absehbares Ende

Keine vier Monate ist es zu diesem Zeitpunkt her, dass die Mauer gefallen ist. Dass es mit der DDR nicht mehr lange gut gehen wird, ahnt Carmen Niebergall allerdings schon länger. Erst als Planungsleiterin, später als ökonomische Direktorin im Kreisbaubetrieb Genthin bekommt sie in den 1980er Jahren tiefe Einblicke in die Wirtschaft der DDR.

Ich habe viel lügen und Zahlen verändern müssen, damit in der sozialistischen Planwirtschaft der Plan erfüllt worden ist.

Carmen Niebergall

"Man hat gemerkt, dass die wirtschaftliche Situation immer angespannter wurde", sagt Niebergall. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, als sie 1987 Verwandte in Westdeutschland besucht und den Kontrast zwischen BRD und DDR mit eigenen Augen sieht.

Niebergall, die bereits seit 1979 Mitglied der CDU ist, will etwas verändern. Am 3. Oktober 1989 gehört sie zu den Gründerinnen und Gründern der Genthiner Ortsgruppe des Neuen Forums, einer DDR-Bürgerbewegung, die kurz zuvor entstanden war. Einen Monat später folgen rund 2.000 Menschen dem Aufruf von Niebergall und ihrer Ortsgruppe und demonstrieren in Genthin für eine gesellschaftliche Erneuerung in der DDR.

Kandidatur für die Volkskammer

Demo in Genthin am 4. November 1989
Carmen Niebergall, damals noch Stange (in der Bildmitte), demonstriert am 4. November 1989 mit rund 2000 anderen Menschen in Genthin. Bildrechte: Carmen Niebergall

Den Mauerfall am Abend des 9. November 1989 erlebt Niebergall bei einer Feier in Genthin. "Der halbe Saal war plötzlich weg und machte sich auf den Weg nach Berlin", erinnert sich Niebergall. Sie hofft damals nicht nur auf eine schnelle und friedliche Wiedervereinigung, sondern will sich selbst dafür einsetzen – und kandidiert deshalb für die Volkskammer.

Die folgenden elf Monate bis zur Wiedervereinigung sind für Carmen Niebergall turbulenter und ereignisreicher als manch komplette Politikerbiografie. "Es war eine kurze, heftige und total verrückte Zeit", erinnert sie sich fast 32 Jahre später. Im Schnelldurchlauf lernt sie, wie Demokratie funktioniert und wie man einen Wahlkampf organisiert.

Volles Programm in der Volkskammer

Und nach der Wahl am 18. März 1990 geht die Arbeit erst richtig los: "Ich war überrascht, dass die westdeutsche Regierung keinen vorbereiteten Plan für die Wiedervereinigung in der Schublade hatte", sagt Niebergall. Stattdessen muss dieser Plan nun innerhalb weniger Monate aufgestellt werden. Für die Volkskammerabgeordneten bedeutet das eine Sondersitzung nach der anderen, ihre Berliner Unterkunft betritt Niebergall nur zum Schlafen.

DDR-Volkskammer beschließt Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland
Zwischen 1976 und 1990 tagte die Volkskammer im Palast der Republik, wo am 23. August 1990 der Beitritt der DDR zur BRD beschlossen wurde. Bildrechte: dpa

Die Volkskammer der DDR Die Volkskammer war das Parlament der DDR. Sie existierte vom 7. Oktober 1949 bis zum 2. Oktober 1990 und war das nominell höchste Verfassungsorgan des Staates. Faktisch hatte sie jedoch bis zum Fall der Mauer nur wenig Einfluss auf das politische Geschehen in der DDR. Lediglich die letzte Wahl zur Volkskammer am 18. März 1990 war frei. Die Volkskammer tagte in Berlin.

In dem halben Jahr, in dem die letzte Volkskammer der DDR existiert, entscheiden die Abgeordneten über 104 Gesetze und 93 Beschlüsse. Manchmal nimmt Niebergall sogar ihren Sohn, damals acht Jahre alt, mit in die Volkskammer und zu politischen Terminen. Einmal sitzt er auf dem Schoß von Helmut Kohl und unterhält sich mit dem damaligen Bundeskanzler. "Was Kohl ihm ins Ohr geflüstert hat, hat mir mein Sohn bis heute nicht verraten", sagt die Genthinerin und lächelt.

Einsatz für Frauenrechte

Als Volkskammerabgeordnete macht sich Carmen Niebergall besonders für die Rechte der Frauen im zu vereinenden Deutschland stark. So setzt sie sich etwa für ein Recht auf selbstbestimmte Schwangerschaft ein. Ihr Engagement fällt auch einem Mann aus der CDU auf: Gerd Gies aus Stendal wird kurz nach der Wiedervereinigung zum ersten Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt gewählt und fragt Niebergall, ob sie Staatssekretärin für Frauen- und Gleichstellungsfragen in seiner Regierung werden will. Niebergall will – und so geht ihre politische Laufbahn auch nach der letzten Tagung der DDR-Volkskammer am 2. Oktober 1990 weiter.

"Frauen waren durch das Ende der DDR besonders stark getroffen", sagt Niebergall. "Sie verloren überdurchschnittlich oft ihre Jobs, weswegen Frauen im gebärfähigen Alter in Massen aus den neuen Bundesländern abwanderten." Dazu sei das Thema häusliche Gewalt gekommen, das in der DDR totgeschwiegen worden und nach der Wende umso stärker zu Tage getreten sei, erinnert sich Niebergall. Sie versucht, diese Probleme zu lösen – so gut es eben geht in einer Phase des kompletten Umbruchs.

Rückblick auf bewegende Zeiten

1994 endet Niebergalls Zeit als Staatssekretärin, anschließend sitzt sie noch bis zum Jahr 2002 als Abgeordnete für die CDU im Magdeburger Landtag. Heute betreibt sie eine Agentur für Kultur- und Architekturreisen in der Landeshauptstadt.

Wenn sie an die Wendezeit zurückdenke, löse das viele Emotionen in ihr aus, sagt sie. Vor allem aber: Stolz. Sie ist stolz, ihren kleinen Teil zur deutschen Einheit beigetragen zu haben, und sie ist stolz auf die Bürgerinnen und Bürger der neuen Länder, die das geschafft und all die Veränderungen mitgemacht haben, sagt Niebergall.

Ist die Einheit abgeschlossen?

"Natürlich haben wir damals Fehler gemacht, aber es wäre auch ein Wunder, wenn keine Fehler passiert wären", so Niebergall. "Vor 15 Jahren hätte ich daher vielleicht etwas Anderes gesagt, aber mit dem nötigen Abstand bin ich heute zufrieden mit dem, was ich politisch erreichen konnte." Sie habe immer gehofft, dass das wiedervereinigte Deutschland eines Tages ein starkes Land werde. "Diese Hoffnung hat sich erfüllt", sagt Niebergall.

Doch noch immer seien die Unterschiede zwischen Ost und West spürbar, etwa bei den Löhnen. Gerade für die Bundespolitik sei es daher weiterhin eine große Aufgabe, den Ausgleich zwischen Ost und West zu gestalten, so Carmen Niebergall. Wenn das eines Tages geschafft ist, dann hätte der Weg, den die Genthinerin und andere vor mehr als 30 Jahren geebnet haben, endlich ein Ende.

Ist die Grenze noch in den Köpfen?

Carmen Niebergall
Carmen Niebergall Bildrechte: Carmen Niebergall

Carmen Niebergall engagierte sich vor der Wende in der DDR-Bürgerbewegung und war Mitglied der letzten Volkskammer der DDR. Nach der Wende kümmerte sie sich als Staatssekretärin in Sachsen-Anhalt um Frauen- und Gleichstellungsfragen und saß bis 2002 im Landtag. Das sind ihre Gedanken zur Wiedervereinigung.

Niebergall: "Dass Ost und West in unserer Gesellschaft nach wie vor eine Rolle spielen, merke ich in meinem Alltag als Reiseveranstalterin. Viele der Gruppen, denen ich Mitteldeutschland zeige, kommen aus Westdeutschland. Oft höre und erlebe ich dabei Vorurteile und Klischees über 'den Osten'. Deswegen empfehle ich allen, die es noch nicht getan haben, hierher zu kommen, sich die schöne Gegend anzusehen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Außerdem hoffe ich, dass in Zukunft jungen Menschen aus dem Osten mehr Vertrauen geschenkt wird – damit sie die Möglichkeit haben, in verantwortungsvolle Positionen in Politik, Wirtschaft und Medien zu kommen."

MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Lucas Riemer
Bildrechte: Magnus Wiedenmann

Über den Autor Lucas Riemer arbeitet seit Juni 2021 bei MDR SACHSEN-ANHALT. Der gebürtige Wittenberger hat Medien- und Kommunikationswissenschaft in Ilmenau sowie Journalismus in Mainz studiert und anschließend mehrere Jahre als Redakteur in Hamburg gearbeitet, unter anderem für das Magazin GEOlino.

Bei MDR SACHSEN-ANHALT berichtet er vor allem über kleine und große Geschichten aus den Regionen des Landes.

MDR/Lucas Riemer

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