Ausspähen für Russland? Spionage-Drohnen über Bundeswehrplätzen in Sachsen-Anhalt – ein Verdächtiger ermittelt

28. Februar 2024, 16:20 Uhr

Seit in Deutschland ukrainische Soldaten ausgebildet werden, sichten Soldaten vermehrt Mini-Drohen über Bundeswehr-Plätzen. Die Angst: Russland spioniert aus der Luft. Unternehmen kann die Truppe dagegen kaum etwas.

MDR AKTUELL Mitarbeiter Lucas Grothe
Bildrechte: MDR/punctum.Fotografie/Alexander Schmidt

  • Über Übungsplätzen der Bundeswehr tauchen immer wieder Mini-Drohnen auf.
  • Diese sind vermutlich im Auftrag Russlands unterwegs, um die Ausbildung ukrainischer Soldaten auszuspionieren.
  • In Sachsen-Anhalt konnte ein Verdächtiger ermittelt werden.

Sie schweben fast lautlos in der Luft – und spionieren mutmaßlich über Bundeswehr-Standorten. Die Bundeswehr hat seit dem vergangenen Jahr ein massives Problem mit Mini-Drohnen. "Seit in Deutschland die Ausbildung ukrainischer Soldaten läuft, gibt es mehr Drohnen-Sichtungen über Bundeswehrplätzen", bestätigte ein Sprecher des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr MDR Investigativ. Der Verdacht liegt nahe, dass die Mini-Drohnen im Auftrag von Russland über den Übungsplätzen der Bundeswehr unterwegs sind. Auch wenn die Bundeswehr dies auf Anfrage nicht offiziell bestätigen möchte.

Auch genaue Zahlen zu registrierten, unerlaubten Drohnenflügen über Bundeswehrplätzen möchte die Bundeswehr nicht nennen. NDR und WDR hatten kürzlich aber berichtet, dass im Jahr 2023 insgesamt 446 Drohnensichtungen gemeldet wurden – nach lediglich 172 im Jahr zuvor.

Tausende ukrainische Soldaten ausgebildet

Das Thema ist auch deshalb so brisant, weil Deutschland einer der Drehpunkte für die westliche Ausbildung ukrainischer Soldaten ist. Alleine im vergangenen Jahr wurden hier über 10.000 ukrainische Soldaten ausgebildet – unter anderem an der Panzerhaubitze 2000, dem Flugabwehrsystem Patriot, dem Schützenpanzer Marder und dem Kampfpanzer Leopard. Auch in Sachsen-Anhalt läuft oder lief die Ausbildung, unter anderem auf dem Truppenübungsplatz Klietz in der Nähe von Stendal.

Im Norden des Bundeslandes liegen mehrere Truppenübungsplätze – neben Klietz die Truppenübungsplätze Altmark und Altengrabow. Am Truppenübungsplatz Altengrabow – auch dort wurden ukrainische Soldaten ausgebildet – war das Drohnen-Problem im vergangenem Jahr offenbar so groß, dass die Polizeiinspektion Stendal Ende Juni und Anfang Juli in Absprache mit der Bundeswehr zwei Wochen lang systematisch nach aufgestiegenen Drohnen und deren Piloten am Boden suchte. Das teilte eine Sprecherin der Polizeiinspektion MDR Investigativ mit.

Der Personalaufwand damals war enorm: 30 bis 40 Einsatzkräfte waren pro Tag im Einsatz – Polizisten aus zwei Bundesländern, Polizei-Hubschrauber, Feldjäger und Luftraumbeobachter der Bundeswehr. Allerdings: "Relevante Feststellungen wurden in diesem Zusammenhang nicht getroffen", heißt es im Nachhinein.

Sachsen-Anhalt: Ein Beschuldigter ermittelt

Die Bundeswehr hat der Polizeiinspektion Stendal bislang 29 Drohnensichtungen gemeldet. Interessant: In einem dieser Verfahren habe ein Beschuldigter namhaft gemacht werden können, heißt es von der Polizei. Um wen es sich handelt und wie die Polizei ihn ermittelt konnte, möchte diese mit Verweis auf laufende Ermittlungen nicht sagen. 28 weitere Fälle wurden demnach an die Staatsanwaltschaft weitergegeben. Dort wurden die Fälle inzwischen eingestellt oder an das Landesverwaltungsamt abgegeben, heißt es von der Staatsanwaltschaft. Denn letztlich gehe es erst einmal nur um Ordnungswidrigkeiten.

Truppenübungsplätze sind sogenannte Flugbeschränkungsgebiete – im Normalfall verstoßen Drohnenüberflüge über solchen Gebieten deshalb gegen das Luftverkehrsgesetz. Die Piloten rund um die weitläufigen Übungsplätze, die oft von Wald und Feldern umgeben sind, zu ermitteln, ist schwierig. Dort kann zudem nur die Polizei aktiv werden, die Bundeswehr hat dort keine Befugnisse.

Bundeswehr bei Drohnenabwehr weit zurück

Ein mobiler Drohnenabwehrtrupp trainiert in der Nacht den Abschuss russischer Drohnen
In der Ukraine gehört die Abwehr von Drohnen zum Kriegsalltag – bei der Bundeswehr fehlen Fähigkeiten dazu weitestgehend. Bildrechte: picture alliance/dpa/Kay Nietfeld

Bisher fehlen der Bundeswehr offenbar auch schlicht genug funktionsfähige Systeme zur Abwehr von Drohnen. Zwar besitzt die Bundeswehr mehrere Systeme, um kleinere Drohnen abzuwehren. Geeignet wäre für die mobilen Übungen auf den weitläufigen Bundeswehrplätzen wohl vor allem das Antidrohnen-Gewehr HP 47. Dieses Gerät kann von einem einzelnen Soldaten getragen und bedient werden. Per Störsignal kann damit eine Drohne zur Landung gebracht oder zumindest das Signal zum Piloten gestört werden. Wie viele Geräte die Bundeswehr besitzt, ist allerdings nicht bekannt. Ausreichend ist ihre Zahl offenbar bei weitem nicht.

Seit November vergangenen Jahres gibt es in der Bundeswehr zumindest eine Taskforce Drohne. Dort soll geklärt werden, wie handelsübliche Minidrohnen in die Bundeswehr integriert werden können – und wie die Bundeswehr solche Fluggeräte abwehren kann. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Marcus Faber sagte MDR Investigativ, dass die Taskforce bis Jahresmitte Ergebnisse vorlegen wolle. Faber hat seinen Wahlkreis in der Altmark und ist Mitglied im Verteidigungsausschuss. Laut ihm hat die Bundeswehr allerdings auch einen enormen Rückstand in dem Bereich. "Was wir derzeit in dem Bereich in der Bundeswehr haben, reicht definitiv nicht", sagte Faber.

Unklar ist zudem auch, was genau die mutmaßlich von Russland beauftragten Drohnenflüge bezwecken sollen. Möglich ist theoretisch, Ausbildungsinhalte zu filmen und diese Erkenntnisse dann später an der Front in der Ukraine anzuwenden. Doch Verteidigungspolitiker Faber ist skeptisch. Die Drohnenflüge seien zwar ein Problem, aber wahrscheinlicher sei, dass Russland einschüchtern und zeigen wolle, dass man sich nicht sicher fühlen könne. Konkrete Ausbildungsinhalte werde man wohl eher nicht abgreifen können. "Dennoch ist es ärgerlich und man sollte auch in Richtung Moskau das Signal setzen, dass man diese Drohnen abwehren kann. Das können wir aber derzeit nicht und daran muss die Bundeswehr arbeiten."

Bundeswehr verlegt Ausbildung in überdachte Bereiche

Ähnlich sieht das der Landtagsabgeordnete und innenpolitische Sprecher der SPD in Sachsen-Anhalt, Rüdiger Erben. "Ich glaube nicht, dass Russland sich dafür interessiert, wie Ukrainer in Altengrabow oder Klietz am Leopard-Panzer oder grundlegenden militärischen Fähigkeiten ausgebildet werden. Interessant dürfte für die russischen Nachrichtendienste eher sein, wie viele Soldaten dort sind und wohin sie später in die Ukraine verlegt werden", sagte Erben MDR Investigativ.

Die Bundeswehr hat nach eigenen Angaben auf die Spionage-Drohnen reagiert: Bundeswehrangehörige seien für das Thema sensibilisiert worden. Und Ausbildungen würden zudem beispielsweise in überdachten Bereichen stattfinden, die nicht von Drohnen einsehbar seien.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 28. Februar 2024 | 16:30 Uhr

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