Kultur in der Altmark Warum die Künstlerstadt Kalbe dringend wieder Vollzeitkräfte braucht

26. März 2023, 15:12 Uhr

Der Verein Künstlerstadt Kalbe hat jahrelang Kunst und Kultur in den Altmarkkreis Salzwedel gebracht – allein fünf Festivals und mehr als 20 Konzerte im vergangenen Jahr. Ein so großes und lebendiges Pensum zu bewerkstelligen, das geht nur mit Vollzeitkräften. Doch die sind nicht mehr da. Die Förderung durch die Europäische Union ist ausgelaufen. Vom Land Sachsen-Anhalt sind derzeit keine Gelder in Aussicht, die der Künstlerstadt langfristige Planung ermöglichen.

Eine blonde Frau mit Brille
Bildrechte: Carina Emig

Sie will zurück in ihren alten Job. Zwei Jahre lang arbeitete Brit Cordes als Projektkoordinatorin beim Verein "Künstlerstadt Kalbe". Für Cordes, gebürtig aus der Lüneburger Heide, ist es ihr Traumjob, den sie mit Leidenschaft betreibt und in Vollzeit. "Ich bin extra wegen der Künstlerstadt wieder hierhergezogen, weil mir die Arbeit so viel Spaß gemacht hat und mich das so erfüllt hat, gerne auch nach Feierabend", berichtet Cordes.

Ich bin extra wegen der Künstlerstadt wieder hierhergezogen, weil mir die Arbeit so viel Spaß gemacht hat und mich das so erfüllt hat, gerne auch nach Feierabend.

Brit Cordes, Kulturwissenschaftlerin in Kalbe

Doch dann läuft Mitte 2022 die Förderung des Europäischen Sozialfonds, kurz EFS, für ihre und vier weitere hauptamtliche Stellen beim Verein Künstlerstadt Kalbe aus. Seither hält sich Brit Cordes mit einem Kunstprojekt im Kalbenser Kurpark über Wasser.

Brit Cordes und ihr Kunstprojekt "Erzähl mir vom Kurpark"

Im Rahmen ihres Master-Studiums "Kunst im öffentlichen Raum" sammelt Brit Cordes Geschichten und Erinnerungen, Fotos, Zeitungsartikel, Gefundenes, Verschwundenes über den Kurpark in Kalbe, der vor Kurzem abgeholzt wurde. Das Vorhaben wird von der Stadt Kalbe unterstützt. Das Sammelsurium will sie mit Kalbenser Kindern in ein Kartenspiel verwandeln und so die Erinnerungen an den Kurpark am Leben erhalten. Wer mitmachen will, findet Brit im Bauwagen im Kurpark. "Erzähl mir vom Kurpark" ist ein Projekt der Kunst im öffentlichen Raum, auch als Public Art bezeichnet. Kunst im öffentlichen Raum gilt als ein Sammelbegriff für Kunstwerke unterschiedlicher Epochen und Stile, die im kommunalen öffentlichen Raum, also in den städtischen Parks, auf Straßen oder Plätzen von jedermann zu erleben sind.

Nur noch Ehrenamtliche stemmen die Künstlerstadt

Bis zum Aus im August 2022 stellt die 27-jährige Kulturwissenschaftlerin mit großer Freude und viel Engagement für die Künstlerstadt Förderanträge, die sie auch abrechnet. Zudem organisiert und realisiert sie Veranstaltungen und Festivals, schmeißt auch mal die Bar. Wichtig ist ihr, dass die vielen internationalen Künstler, allein 180 in 2022, gut in Kalbe ankommen und betreut werden.

Doch nun ist das Büro in der Gerichtsstraße 26A, in dem auch Brit Cordes zwei Jahre lang den Großteil ihrer Zeit verbracht hat, verwaist. Vier Schreibtische mit Computer und Telefon sind unbesetzt. Der Verein funktioniert nur noch ehrenamtlich. Fünf gut ausgebildete Vollzeit-Arbeitskräfte, vier Bürokräfte und einen Hausmeister kann auch das enorme ehrenamtliche Engagement rund um die Künstlerstadt nicht ersetzen.

Im Moment sieht es sehr schlecht aus, wir haben momentan keine festen Angestellten und es läuft die gesamte Organisation ehrenamtlich.

Corinna Koebele, Vorstandsvorsitzende der Künstlerstadt Kalbe

Auch die Psychologin und Künstlerstadt-Chefin Corinna Köbele bekommt für ihre Arbeit kein Geld. "Im Moment sieht es sehr schlecht aus", sagt Köbele, "Wir haben momentan keine festen Angestellten und es läuft die gesamte Organisation ehrenamtlich." Das hieße: Hauptsächlich über sie selbst, manchmal mit Unterstützung von Brit Cordes. Im Grunde sei das ein Vollzeitjob oder sogar mehr. Köbele stehe jeden Tag um 6:30 Uhr auf und gehe erst gegen Mitternacht ins Bett.

Künstlerstadt Kalbe ausgezeichnet – aber nicht gefördert

Wie lange Corinna Köbele das durchhält, weiß sie nicht. Auf jeden Fall muss sie für dieses Jahr das beliebte "Potentiale-Festival" ausfallen lassen, weil sie es nicht schafft und ihr die Angestellten fehlen. Damit ihr die Arbeit nicht noch mehr über den Kopf wächst und sie weitere Veranstaltungen absagen muss, braucht sie dringend Vollzeitkräfte – am besten finanziert über eine institutionelle Förderung des Landes Sachsen-Anhalt. Schließlich garantiert so eine institutionelle Förderung Planungssicherheit über Jahre.

Grundsätzlich vergibt Sachsen-Anhalt institutionelle Förderungen an Vereine, die im Landesinteresse arbeiten, was für die Künstlerstadt durchaus zutrifft. Von Staatsminister Rainer Robra selbst gab es dafür kürzlich die Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt und auch die passende Begründung: "Der Verein schafft soziale Orte, ein gemeinschaftliches Miteinander sowie Begegnung und Austausch", erklärte Robra im Rahmen der Ehrung, "Sein Wirken trägt maßgeblich zu einer zukunftsweisenden Stadt- und Regionalentwicklung bei, indem Konzepte für die Beseitigung von Leerstand entwickelt und umgesetzt werden."

Land sieht nur Projektförderung für die Künstlerstadt vor

Auch Kulturstaatssekretär Sebastian Putz ist von der Künstlerstadt begeistert. Er ist im Rahmen des Wintercampus 2023 kürzlich vor Ort gewesen, redete mit den Künstlern, die aus aller Welt nach Kalbe gekommen sind. Corinna Köbele nutzt seinen Besuch und bittet dringend um Unterstützung für die Künstlerstadt durch das Kultusministerium.

Drei Personen schauen in ein Buch
Brit Cordes (Mitte) und Corinna Koebele unterhalten sich mit dem Künstler Sebastian Mayrle. Bildrechte: MDR/Carina Emig

Der Wintercampus 2023 in der Künstlerstadt Kalbe Die zwölf Künstlerinnen und Künstler beim diesjährigen Wintercampus in der Künstlerstadt Kalbe kommen aus Armenien, Südafrika, China, Südkorea, Serbien und Deutschland. Innerhalb von vier Wochen entstehen Skulpturen, Malereien, Fotografien oder Musikstücke. Insgesamt betreute die Künstlerstadt in den letzten Jahren mehr als als 180 Künstler im Rahmen des Sommer- und Wintercampus.

Leider hat Putz keine Soforthilfe mitgebracht. "Der Haushalt 2023 wird vom Landtag jetzt beschlossen und dann gehen wir in das Haushaltaufstellungsverfahren für 2024", erklärte er. Dann würde es vielleicht gelingen, eine überjährige Förderung auf den Weg zu bringen. Allerdings sei für die Künstlerstadt keine institutionelle, sondern eine Projektförderung der richtige Weg.

Künstlerstadt will langfristig planen können

Mit finanzieller Hilfe vom Land, die vielleicht im übernächsten Haushalt als Projektförderung kommt, kann die Künstlerstadt jedoch nicht planen. Gebraucht werden finanzielle Mittel, mit denen man Struktur und Personal auf Jahre planen kann. Und zwar am besten sofort. Das würde Bleibeperspektiven für junge Akademikerinnen wie Brit Cordes schaffen und einen echten Gewinn für den ländlichen Raum im Norden Sachsen-Anhalts.

Für die Künstlerstadt Kalbe und ähnliche Kunst- und Kulturvereine stellt sich die Frage, ob die Förderpolitik des Landes nicht an den Bedarfen Kunst- und Kulturvereine vorbei agiert. Sie wünschen sich weniger bürokratische Hürden und schnelleres, flexibleres Handeln.

Künstlerstadtchefin Corinna Köbele kritisiert, dass die Förderpolitik der europäischen Union nicht mit weiterführenden Förderungen des Landes verzahnt sei. "Dabei sollte sie innovative Projekte doch beflügeln, das heißt mehr Struktur und Personal ermöglichen, und nicht versanden lassen", meint sie. Die Förderung über den Europäischen Sozialfonds würde gut funktionieren. "Aber es gibt dann einfach keine Anschlussfinanzierung und somit müssen tolle Initiativen wieder einpacken."

Unsichere Zukunft nach zwei Jahren Regionalentwicklung in Kalbe

Zudem ist die Chance des Vereins Künstlerstadt Kalbe auf institutionelle Förderung sehr gering. Die vergibt das Land nämlich nach dem Omnibusprinzip. Das heißt: Ein anderer Verein müsste aussteigen, damit die Künstlerstadt einsteigen kann. Weil natürlich keiner aussteigt, haben innovative Vereine wie die Künstlerstadt Kalbe kaum eine Chance.

Die Kulturwissenschaftlerin Brit Cordes würde gerne in Kalbe bleiben. "Aber ohne echte mehrjährige Perspektive geht das nicht", meint sie. Dass Förderung fehlt, betreffe letztlich die gesamte Stadt: "Wenn es keine Hauptamtlichen mehr gibt, dann ist die Künstlerstadt nicht mehr als ein nettes Nachbarschaftsprojekt. Dabei haben wir hier zwei Jahre lang Regionalentwicklung betrieben und ich habe erlebt, was alles geht und möglich ist, wenn Vollzeitarbeitskräfte da sind."

Wenn es keine Hauptamtlichen mehr gibt, dann ist die Künstlerstadt nicht mehr als ein nettes Nachbarschaftsprojekt.

Brit Cordes, Kulturwissenschaftlerin in Kalbe

Bis zum Jahresende will Cordes mit ihrem eigenen Kunstprojekt im Kurpark noch irgendwie durchhalten. Gerade junge Akademikerinnen wie sie haben auf dem Land noch immer kaum eine Bleibeperspektive, obwohl ihr Know How und Input dringend gebraucht werden. Sollte Brit Cordes in den nächsten Monaten keine neue Stelle finden, dann wird sie Kalbe wohl oder übel verlassen müssen.

MDR (Carina Emig, Maren Wilczek)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 24. März 2023 | 19:00 Uhr

3 Kommentare

FMAN am 26.03.2023

Ich bin mit meiner Familie wegen der Künstlerstadt nach Kalbe gezogen, meine Schwägerin vor uns und ohne monetäre Absichten, im Gegenteil, wir helfen ehrenamtlich soweit möglich und da sind wir nicht die einzigen.
Zuvor habe ich mich wohlgemerkt kaum mit Kunst beschäftigt.
Die Künstlerstadt bringt Veränderung und einen frischen Wind, das mögen nicht alle Altmärker gut finden, diese hilfreichen Kommentare unter diesem Beitrag geben hier bereits einen Einblick.
Es ziehen Leute in die Stadt oder lernen diese zumindest kennen, sie bringt Kunst und Künstler in die Altmark, es gibt zahlreiche tolle Events, der Leerstand wird genutzt und alte Grundstücke und Gebäude werden wieder hergerichtet, für den Wohl der Allgemeinheit.
Die Forderung nach bezahlten Arbeitsplätzen ist doch auch verständlich, wer kann es sich schon leisten, ohne Lohn einer Vollzeittätigkeit nachzugehen.
Ich würde mich übrigens auch über einen Box Gym freuen, es ist ein vielseitiger und ehrenvoller Sport.

0nix am 26.03.2023

„ Ich bin extra wegen der Künstlerstadt wieder hierhergezogen, weil mir die Arbeit so viel Spaß gemacht hat und mich das so erfüllt hat, gerne auch nach Feierabend “ Man sollte eben nicht immer den Geldströmen folgen. Aha, die Künstler brauchen „Personal“

ElBuffo am 26.03.2023

Fünf Vollzeitstellen? Nicht schlecht.

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