Schulen in Sachsen-Anhalt Deutschunterricht bleibt auf der Strecke: Lehrer für ukrainische Kinder fehlen

Ein Mann steht vor einem Bücherregal
Bildrechte: MDR/Hannah Singer

In den Schulen Sachsen-Anhalts werden derzeit rund 5.400 Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine unterrichtet – das sind rund 2.000 mehr als vor den Sommerferien. Angesichts immer größer werdender Lehrerknappheit bringt die zusätzliche Aufgabe einige Schulen an den Rand der Belastbarkeit. Der Deutschunterricht bleibt dabei weitgehend auf der Strecke.

Zwei aus der Ukraine geflüchtete Schüler sitzen an einem Tisch.
Um ukrainische Schüler in Sachsen-Anhalt angemessen unterrichten zu können, fehlen die Fachkräfte. (Symbolbild) Bildrechte: dpa

Es ist 11:20 Uhr. Die Glocke hat das Ende der Pause an der Sekundarschule "Wladimir Komarow" in Stendal eingeläutet. 17 Kinder flitzen in einen Klassenraum in der erste Etage. Sie setzen sich ihre Kopfhörer auf und arbeiten weiter an ihren Aufgaben – jeder für sich.

Nataliia Boiko geht durch die Reihen und gibt Hilfestellung, wo es nötig ist. Auf Ukrainisch selbstverständlich. Die junge Ukrainerin ist seit August Lehrerin an der Schule. Sie ist selbst im März aus Charkiw nach Stendal geflüchtet, wohnte in der Notunterkunft in einer ehemaligen Kinder- und Frauenklinik.

Nataliia Boiko ist eine von 175 ukrainischen Lehrkräften, die das Land bisher eingestellt hat. "Sie kann sich nicht alleine um alle ukrainischen Kinder kümmern", sagt Schulleiterin Christiane Bloch. 35 sind es an der Komarow-Schule – rund ein Drittel aller ukrainischen Sekundarschüler, die es im Landkreis Stendal gibt. Eine Ankunftsklasse konnte bisher trotzdem nicht gebildet werden. "Wir warten dringend auf eine Fachkraft für Deutsch als Zielsprache (DaZ)", sagt die Schulleiterin. Man habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, aber bisher sei nichts passiert.

Für Deutschunterricht fehlen Fachkräfte

Es fehlt an Fachkräften zur Vermittlung der deutschen Sprache. Nichtsdestotrotz gibt es landesweit mittlerweile 106 Ankunftsklassen in den Schulen, in denen rund 2.400 ukrainische Schülerinnen und Schüler betreut werde – zumeist auf Ukrainisch. Das Land hat bisher aber auch 55 sogenannte DaZ-Lehrer eingestellt. Im Haushalt seien Mittel für weitere 100 Pädagogen vorhanden, sagt Tobias Kühne vom Landesschulamt in Halle. Mehr Stellen konnte noch nicht besetzt werden – so muss auch die Stendaler Schule warten.

Entgegen ursprünglicher Planungen des Landes wird in den Ankunftsklassen verstärkt auf ukrainische Lerninhalte gesetzt. Wie sollte es auch anders gehen, bei einer Betreuung durch vorwiegend ukrainische Lehrkräfte. Gerade erst hat das Land bei den Schulen den Bedarf an Schulbüchern und Lernmaterial abgefragt – wohlgemerkt ukrainisches Lernmaterial. Und auch die ukrainischen Lernplattformen werden im Unterricht weiter eingesetzt. Noch kurz nach den Sommerferien hatte Bildungsministerin Eva Feußner (CDU) gegenüber MDR SACHSEN-ANHALT geäußert, dass die Kinder die Plattformen künftig "in ihrer Freizeit" nutzen könnten, nicht aber in der Schule.  

Teilweise wird in Schichten unterrichtet

"Wir arbeiten Online mit ukrainischem Material", sagt Neu-Lehrerin Nataliia Boiko, die ausgebildete Biologielehrerin ist. Die Schüler, die jahrgangsübergreifend zu ihr kommen, wählen sich die Fächer aus, die sie bearbeiten wollen. Nataliia Boiko muss in zwei Schichten arbeiten. Zunächst kümmert sie sich drei Stunden lang um die älteren Kinder aus der 8. bis 10. Jahrgangsstufe. In der vierten und fünften Stunde sind dann die Schülerinnen und Schüler aus den 5. bis 7. Klassen dran. In der übrigen Zeit sind die Schülerinnen und Schüler auf die Regelklassen verteilt.

"Wir könnten es uns einfach machen und alle ukrainischen Kinder auf die vorhandenen Klassen aufteilen", sagt Schulleiterin Christiane Bloch, das sei dann aber nur eine Verwahrung der Schülerinnen und Schüler. Die Schule im Plattenbauviertel der Stadt, die seit dem Bau der Schule Mitte der 1970er Jahre von Innen nicht mehr saniert wurde, hat seit den Sommerferien insgesamt 35 ukrainische Schülerinnen und Schüler zu betreuen. Die meisten ukrainischen Kinder haben so gut wie keine Deutschkenntnisse. "Wir wollen sie aber integrieren", sagt Bloch. Die Kinder sollen die neue Sprache lernen und die Regelklassen besuchen können. Das sei der Anspruch an die Aufgabe.

Verteilung wird als ungerecht empfunden

Die Grenzen des Möglichen sind erreicht und auch überschritten, sagt auch Schulleiterin Monika Teichert von der benachbarten Grundschule "Juri Gagarin". Dort sind mittlerweile 29 ukrainische Kinder angekommen, mehr als die Hälfte aller Grundschulen in Stendal – und ein Drittel aus dem gesamten Landkreis. "Wir fühlen uns in unserer Rolle nicht mehr wohl", sagt die erfahrene Schulleiterin. In den vergangenen 30 Jahren habe sie es immer geschafft, den hohen Migrationsanteil an der Schule zu händeln.

"Wir sind eine weltoffene Schule und stehen ein für Chancengleichheit", sagt sie. Derzeit haben 157 der 270 Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund. Es gibt Kinder aus 17 Herkunftsländern. Dass nun aber auch noch der Löwenanteil bei den ukrainischen Kindern dazu komme, ist aus ihrer Sicht nicht verständlich. Dass sie nun drei ukrainische Lehrkräfte hat, löse das Problem nicht. Da müsse oft mit Händen und Füßen kommuniziert werden.  

Engagierte Kollegen opfern sich auf

"Die Zuteilung der Grundschulen richtet sich nach den Schuleinzugsbereichen. Dementsprechend haben einige Schulen mehr Kinder ukrainischer Herkunft, andere weniger", sagt Stadtsprecherin Susanne Hellmuth. Die Schulbezirkssatzung in Verbindung mit dem Schulgesetz sehe dies so vor – und genau das wird auch umgesetzt. Resultat: Die Gagarin-Grundschule hat 29 Kinder und die gerade für 7,3 Millionen Euro neu gebaute Grundschule Hafterbreite im besser situierten nördlichen Bereich der Stadt muss gar kein Kind aufnehmen. In der Grundschule Nord ist es ein Kind. In der zweiten Grundschule in Stadtsee, der Europaschule, sind es weitere zwölf ukrainische Kinder.  

Dasselbe Ungleichgewicht herrscht bei den Sekundarschulen. Da muss die bei weitem am schlechtesten ausgestattete Komarow-Schule in Stadtsee mit 35 ukrainischen Schülerinnen und Schülern fast die Hälfte aller Kinder aus dem Landkreis (77) aufnehmen. Andere Schulen haben bereits vorzeitig die Hände gehoben und gesagt, dass sie nicht weiter aufnehmen können – und so kommen auch noch Kinder aus den Randbereichen dazu. Und: Eine längst priorisierte Sanierung der Schule wurde im Übrigen vom Landkreis unlängst weiter nach hinten geschoben.

"Ich muss meinen Kolleginnen und Kollegen Respekt zollen, dass sie sich alle Mühen geben, um die Kinder zu integrieren und nicht einfach abzuschreiben", sagt Schulleiterin Bloch. Und die ukrainischen Kinder sind nicht die einzige Herausforderung. "Es kommen auch wieder mehr aus Syrien und Afghanistan und anderen Ländern", sagt sie. Diese Kinder kommen erst einmal in eine Integrationsklasse, sie haben einen Anspruch auf anderthalb Jahre Deutsch-Unterricht, um dann in die Regelklassen zu gehen.

MDR (Bernd-Volker Brahms)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 27. September 2022 | 16:30 Uhr

17 Kommentare

Denkschnecke vor 8 Wochen

Also, ich kann auf Fotos fremde ukrainische Kleinkinder nicht von deutschen unterscheiden.
Aber wieso fehlen jetzt die Lehrer nur für die hiesigen Kinder, die wie die Müllers aus sehen, nicht wie die "kleinen Chinesen"?
Sie merken, wo das Konzept absurd wird?

dimehl vor 8 Wochen

Erklärung:
Hr. und Fr. Mueller sind vor einigen Jahren von Deutschland nach China ausgewandert. Sie leben und arbeiten dort. Sie haben die chinesische Sprache gelernt und Vieles der chinesischen Lebensweise übernommen. Dann bekommen Sie ein Kind. Wie viele Menschen würden beim Anblick eines Fotos dieses Kindes sagen: "Oh, ein kleiner Chinese." ?

dimehl vor 8 Wochen

Das stimmt so nicht:
nicht Alle werden zurückkehren, vor allem wahrscheinlich Jene nicht, die vorher in Gebieten der Ukraine gelebt haben, die nun auf lange Sicht durch Russland besetzt sein werden.

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