Zwei Fahrradfahrer fahren im Morgenlicht auf einem Weg.
Arneburg ist hochfrequentiert bei Radtouristen – ihr Nachtlager schlagen die Touristen oft aber woanders auf. Bildrechte: dpa

Kritik am Stadtratsbeschluss Stadtrat von Arneburg will Hotel – doch niemand braucht's

Von Katharina Häckl, MDR SACHSEN-ANHALT

02. Dezember 2023, 08:34 Uhr

Arneburg will nicht nur bekannt sein als Standort von Zellstoffwerk und Papierfabrik. Das altmärkische Städtchen an der Elbe will sein touristisches Potential noch mehr ausschöpfen. Der Stadtrat hat deshalb schon vor Jahren eine Fläche angekauft ausschließlich für einen Hotel-Neubau. Bislang gibt es keinen Investor. Jetzt lehnen sich auch noch die Bürger gegen die Idee auf.

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Es ist ein wahres Sahne-Grundstück, das der Stadtrat von Arneburg vor 16 Jahren angekauft hat: direkt am Elberadweg gelegen, dicht an der Elbe, etwas abschüssig am Stadtrand. Sina Heinecke hat es jeden Tag im Blick, wenn sie aus ihrem Wohnzimmer schaut. Sie würde es natürlich wegen dieser Aussicht bedauern, wenn tatsächlich ein Hotel auf dem Areal gebaut würde. Vor allem aber verstehen sie und etliche andere Arneburger nicht, warum die Stadt überhaupt ein Hotel braucht.

Eine Frau schaut in die Kameram hinter ihr ein Pferd auf einer Wiese im Nebel.
Sina Heinecke versteht nicht, warum es in Arneburg überhaupt ein Hotel brauchen sollte. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Im Gegensatz zum Stadtrat, der den Beschluss zum entsprechenden Flächennutzungsplan vor 16 Jahren prinzipiell fasste, haben sich Sina Heinecke und ihre Mitstreiter erkundigt: beim Altmärkischen Regional- und Tourismusverband, bei Betreibern von Pensionen – davon gibt es allein in Arneburg elf –, bei Bürgermeistern, beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC). Daraus erwuchs eine Statistik, die aus Sicht der Initiatoren ergibt: Ein Hotel ist in Arneburg derzeit und auf längere Sicht nicht nötig.

Etwa 45 bis 85 Radtouristen täglich in Arneburg

Etwa 30.000 Radtouristen zählt das Elbstädtchen jedes Jahr. Anhand der Ergebnisse der Zählstelle im benachbarten Storkau hat Sina Meinecke das mal hochgerechnet. Saison für Radtouristen ist demnach von Mitte April bis Mitte September. Dann kommen pro Woche zwischen 600 und 1.200 Radfahrer nach Arneburg.

Das sind 85 bis 170 Radfahrer pro Tag. Davon ziehe ich die ab, die Tagestouristen sind, also in Arneburg nicht übernachten, und diejenigen, die beruflich mit dem Rad hin- und herfahren. Dann sind wir nur noch bei 45 bis 85 Radlern pro Tag, die hier durchkommen und irgendwie übernachten müssen.

Sina Heinecke Spricht sich gegen ein Hotel in Arneburg aus

Die Zahlen beträfen jedoch nicht nur Arneburg, sondern den Streckenabschnitt des Elberadwegs zwischen Wittenberge und Tangermünde. Wer aber nicht nur Idylle und Natur genießen, sondern auch gut essen gehen wolle, der bleibe mangels Gastronomie nicht in Arneburg, sagen Sina Heinecke und ihre Mitstreiter. Die Stadt verfügt über eine Pizzeria und ein Bürgercafé sowie ein Lokal direkt an der Elbe.

Einziger Investor hat sich wieder zurückgezogen

Nachfragen bei den Pensionsbetreibern ergaben, dass die Zimmer zwar im Sommer gut gebucht sind, zwischen Oktober und Ostern aber Ebbe herrscht. Das kennt auch Max Heckel. Er hat im vergangenen Jahr das einstige Hotel "Goldener Anker" gekauft, das wegen Gästemangels aufgegeben wurde. Jetzt bietet Heckel noch drei Pensionszimmer an. Zwischen Oktober und Ostern hält er sich mit dem Vermieten der Zimmer an Montage-Arbeiter über Wasser.

Ein geschecktes Pferd steht im Nebel auf einer Wiese, im Hintergrund Bäume.
In Arneburg gibt es vor allem eines: Ruhe. Bildrechte: MDR SACHSEN-ANHALT

Das alles haben Sina Heinecke und ihre Verbündeten in eine Studie gepackt und dem Stadtrat jetzt vorgelegt. Der hat zwar nicht sofort den Flächennutzungsplan annulliert, aber dennoch einen wichtigen Beschluss gefasst: Jeder, der sich jetzt als Hotel-Investor in Arneburg bewirbt, bekommt die Unterlagen, erarbeitet von den Arneburger Bürgern, ausgehändigt und muss Stellung nehmen: Welche Pläne hat er genau? Wie will er sie umsetzen? Wie übersteht er den Herbst und den Winter?

Ein einziger Interessent hatte sich gemeldet, in Arneburg auf dem Sahne-Grundstück ein Hotel zu errichten: ein Haupthaus mit Fahrradreparaturwerkstatt, dazu ein "Germanisches Dorf" mit hölzernen Chalets, insgesamt 150 Betten. Der Investor hat sich jetzt auch offiziell zurückgezogen. Die Preise in der Baubranche seien momentan zu hoch.

MDR (Alisa Sonntag)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 27. November 2023 | 17:00 Uhr

4 Kommentare

pwsksk vor 12 Wochen

Halle wird ewig Wiedergutmachung für die verlorene Wahl als Landeshauptstadt fordern. Am Besten sind die Aussagen der dort stationierten NGOs zu Politik und Wirtschaft in Sachsen-Anhalt.
Wir haben es ja.

astrodon vor 12 Wochen

Nicht zu vergessen gibt es weniger als 10km vor Arneburg, in Storkau, auch direkt am Elbe-Radweg, ein Hotel der "gehobenen" Kategorie. Lohnt(e) sich so sehr, dass der Betrieb zur Zeit zu ruhen scheint ...

Shantuma vor 12 Wochen

Wenn es kein Investor interessiert, dann ist ein Hotel auch nicht lukrativ.

Erst wenn Investoren Interesse zeigen kann man über solche Maßnahmen nachdenken.

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