Eine S-Bahn fährt in den Haltepunkt Gröbers zwischen Halle/Saale und Leipzig.
Von den netzbedingten Zugausfällen sind unter anderem viele Verbindungen von und nach Halle betroffen. Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Hendrik Schmidt

Anstieg "netzbedingter" Ausfälle Personalmangel und veraltete Stellwerke: Immer mehr Zugausfälle in Sachsen-Anhalt

06. Juli 2023, 14:01 Uhr

Bahnfahrer und Pendler in Sachsen-Anhalt kennen die Nachricht: Zugausfall wegen unbesetzter Stellwerke. Daten zeigen jetzt, dass es keine Einzelfälle sind und immer mehr Züge ausfallen – betroffen ist vor allem der Süden des Landes. Hinter den Ausfällen stecken grundlegende Probleme bei der Bahn.

In Sachsen-Anhalt und den angrenzenden Bundesländern fallen immer mehr Zugfahrten "netzbedingt" aus. Das geht aus Daten des Infrastrukturministeriums in Magdeburg hervor. Demnach hat sich der Anteil netzbedingter Ausfälle innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt. Im Jahr 2022 kam es bei über 414.000 Fahrten zu knapp 3.300 netzbedingten Ausfällen – insgesamt fuhren knapp 0,8 Prozent der Züge nicht. In den ersten fünf Monaten des Jahres 2023 lag der Anteil schon bei über 1,6 Prozent.

Viele Verbindungen von und nach Halle betroffen

Vor allem Strecken im Süden Sachsen-Anhalts sind den Daten zufolge betroffen. So kam es 2022 auf der S-Bahn-Verbindung S3 von Halle über Leipzig nach Wurzen bei knapp 32.000 Fahrten zu über 1.400 Ausfällen – das entspricht einem Anteil von 4,5 Prozent. In den ersten Monaten des laufenden Jahres 2023 lag der Anteil sogar bei über acht Prozent. Häufig betroffen ist auch die Zugstrecke von Halle über Eisleben und Sangerhausen bis nach Kassel. Auch hier fielen auf der Linie RE9 im Jahr 2022 rund 4,5 Prozent der Verbindungen netzbedingt aus. Die Strecke hatte in den vergangenen Wochen und Monaten immer wieder für Schlagzeilen gesorgt, weil Stellwerks-Personal fehlt.

Etwas weniger Ausfälle gab es im vergangenen Jahr auf den Zugstrecken von und nach Magdeburg. Auf der Verbindung RE10 von Magdeburg über Sangerhausen bis nach Erfurt fielen rund zwei Prozent der Fahrten aus. Die Regionalzüge zwischen Magdeburg und Halle verkehrten dagegen vergleichsweise zuverlässig: Hier fielen von 14.740 Fahrten 54 aus – das entspricht einem Anteil von 0,37 Prozent.

Bahn verweist auf Bauarbeiten, alte Technik und Personalnot

Der Blick in die Statistik zeigt auch: Die Zahl der netzbedingten Ausfälle hat sich in den vergangenen Jahren drastisch erhöht. Vor zehn Jahren lag der Anteil bei nahezu 0 Prozent. Von mehr als einer halben Million Fahrten fielen 2013 gerade einmal 17 netzbedingt aus.

Unser Netz ist in Teilen zu alt, zu überlastet und zu störanfällig.

Sprecherin der Deutschen Bahn

Verantwortlich für den Betrieb ist die DB Netz AG, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn. Und die kämpft mit zwei großen Problemen: Veralteter Technik und Personal. "Unser Netz ist in Teilen zu alt, zu überlastet und zu störanfällig", sagte eine Sprecherin der Bahn. In Sachsen-Anhalt kämen neben Bauarbeiten vor allem Mitarbeiterengpässe in den Stellwerken hinzu.

Stellwerke müssen von spezialisiertem Personal bedient werden

Kritik kommt daher von privaten Bahnunternehmen wie Abellio, die unter anderem wegen nicht besetzter Stellwerke Fahrten ausfallen lassen müssen. Aber auch vom Verkehrsministerium Sachsen-Anhalt. Die Bahn müsse schnellstmöglich die völlig veraltete Stellwerkstechnik ersetzen, sagte Ministerin Lydia Hüskens (FDP). "Fehlendes Personal ist heute schon eine der häufigsten Gründe für Zugausfälle. Die Bedeutung des Bahnverkehrs wird weiter zunehmen, dafür ist ein funktionierendes Netz essenzielle Grundlage."

Nach Bahnangaben gibt es in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 844 Stellwerke. Die Bahn selbst spricht dabei von einer alten und personalintensiven Stellwerkstechnik. Viele Stellwerke müssen noch von spezialisierten Fahrdienstleitern besetzt werden.

Bahn: Keine schnelle Lösung in Sicht

Dabei macht die Bahn wenig Hoffnung, dass sich kurzfristig etwas an den Problemen ändert. Jeweils durchgeführte Bauprojekte, wie etwa der Austausch von Bahnschwellen oder die Modernisierung von Strecken nach europäischem Standard, endeten frühestens 2025 oder 2027, so die Bahn-Sprecherin.

In rund vier Jahren sollen auch neue, digitale Stellwerke unter anderem in Eisleben und Sangerhausen in Betrieb gehen. Neues Personal lasse sich durch Aus- und Fortbildung auch nur mittelfristig gewinnen.

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dpa, MDR (Felix Fahnert, Johanna Daher)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 06. Juli 2023 | 11:30 Uhr

10 Kommentare

steka vor 49 Wochen

Und ich hatte mal durch einen Telfonvermittlungsfehler unseren letzten DDR-Verkehrsminister an der Strippe gehabt, der hat mich ausgequtscht wie eine Zitrone, nichts mit schönen Worten und floskeln. Hinterher habe ich rausgekriegt, er hat seine Diplomarbeit über Halle Hbf geschrieben.
ich glaube nicht, daß unsere heutigen Bahnvorstände dazu fähig wären.

Muko vor 49 Wochen

Das System Eisenbahn hat mal Super funktioniert bei Wind und Wetter, dann kam irgendein super Politiker auf die Idee die Bahn zu Privatisieren und Wettbewerb auf die Schiene zu bringen und seitdem geht es bergab.
Aber das haben die Politiker bis heute nicht begriffen.
Wettbewerb schädigt den Bahnmarkt weil überall gespart werden muss.
Sowas gehört in staatliche Hand.
Das wird noch schlimmer, wartet es ab 😉
Aktuelles Beispiel: der zvnl will ab 2026 das Angebot ausdünnen, warum? Kosten sparen...
Die running Gag S10 kommt sie oder nicht? Warum? Entweder kein Personal ( DB Konzern entlohnt evtl nicht Gut genug - Streik und somit kein neues Personal bzw genügend ) oder aber keine Fahrzeuge ( steht nix als Reserve auf der Seite wenn was kaputt geht , auch hier - kein Geld von zvnl).
Alles in allem hausgemachte Probleme.
Die Verbünde gehören abgeschafft, da ist zu viel kleinstaaterei dabei die ebenfalls kosten verursachen. Mann sollte mal gegen Rechnen wenn die Verbünde wegfallen

Troll vor 49 Wochen

Hauptsache immer neue Gewerbegebiete ansiedeln und mit gutem Geld zupflastern aber die eigentlichen Aufgaben des Staates werden mit den Füßen getreten. Bildung, Infrastruktur, medizinische Versorgung. Aber da wird sich lieber auf dem Weltmarkt in Aktiengesellschaften eingemischt und der Mittelstand wird für doof verkauft.

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