Energiewende Mittelsachsen wollen Strom selbst erzeugen und davon profitieren

Genossenschaften kennen viele aus DDR-Zeiten. Es gibt sie auch heute noch und immer häufiger: Diese Zusammenschlüsse mehrerer, die durch gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb den Einzelnen wirtschaftlich fördern. In Mittelsachsen gründet sich gerade eine Bürgerenergiegenossenschaft. Die Initiatoren haben viel vor und finden, dass zuerst die Menschen am Ort von erneuerbaren Energien profitieren sollten.

Eine Kuh steht auf einer Weide bei Penzberg (Oberbayern) vor einem Stall mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach.
Statt Solarparks und Profite aus erneuerbaren Energie großen Playern zu überlassen, sollten die Menschen auf dem Land selbst handeln und profitieren, verlangen zehn Mittelsachsen und gründen gerade eine Genossenschaft. Bildrechte: dpa

Warum profitieren große Projektierungsbüros, Hersteller und Energiekonzerne von Solar- oder Windkraftanlagen, aber nicht die Menschen in den Dörfern, die jeden Tag da drauf schauen müssen? Das haben sich Kristina Wittig und ihr Ehemann in Hermsdorf bei Rossau immer wieder gefragt. Sie verfolgten den Streit in der Nachbargemeinde Kriebstein um einen Solarpark, der vom Gemeinderat abgelehnt wurde. "Da kommen Projektierer in die Sitzungen, suchen große Flächen. Die Menschen sehen fruchtbare Äcker und Natur in Gefahr, es gibt auch Neid und am Ende lehnen sie das Projekt ab. Es fehlt die Bürgerbeteiligung. Die Gewinne aus dem Stromverkauf müssen hier in Mittelsachsen bleiben", verlangt Wittig.

Energiewende unterstützen, wenn man selbst profitiert?

Sie und ihr Mann finden, "dass sich die Zeichen der Zeit geändert haben. Wenn die Menschen von erneuerbarer Energie profitieren, werden viele vielleicht umdenken und die Energiewende unterstützen." Mit Freunden und Kollegen, insgesamt zehn Gründungsmitgliedern, wirbt die 37-Jährige für eine Bürgerenergiegenossenschaft, die sich gerade gründet.

An jeder von vier Ecken eines Solarpaneels steht ein Mensch, der es festhält. Die vier Leute, jeweils zwei Frauen und zwei Männer, sind Initiatoren eines energiegenossenschafsprojektes in Mittelsachsen.
Kristina Wittig (rechts unten im Bild) und drei von insgesamt zehn Mitstreitern wollen die Energiewende selbst in die Hände nehmen. Bildrechte: privat

Genossenschaftsmodell für viele

Der Name lautet: "WirMachenEnergie - Plattform für Bürgerenergie in Mittelsachsen". Geplant ist, dass Bürger, Kommunen und Vereine Mitglied werden und Genossenschaftsanteile kaufen. Die sollen nicht mehr als 250 Euro kosten. "Eher weniger. Wir wollen breit wirken und viele ansprechen, auch Menschen, die selbst keine Dächer für Solaranlagen haben, können Mitglied werden", erklärt Kristina Wittig. Jeder habe ein Stimmrecht in der Genossenschaft, egal, wie viele Anteile er oder sie kaufe.

Zudem sei man mit mehreren Hausbesitzern im Gespräch, um auf deren Dächern Photovoltaikanlagen aufzubauen. "Aktuell suchen wir Dachflächen, deren Eigentümer die Idee der Bürgerenergie unterstützen und uns ihr Dach für eine unserer ersten Anlagen zur Verfügung stellen", sagt Mitinitator Georg Rudolph aus Grünlichtenberg. Ideal seien stabile Blechdächer mit einer Größe von mehr als 400 Quadratmetern. Als Gegenleistung sei eine Dachmiete möglich und man könne - wie jeder andere auch - Genossenschaftsmitglied werden und vom Ertrag der Anlage profitieren.

Aktuell suchen wir Dachflächen, deren Eigentümer die Idee der Bürgerenergie unterstützen und uns ihr Dach für eine unserer ersten Anlagen zur Verfügung stellen.

Georg Rudolph Mitinitiator aus Grünlichtenberg

Gewinne für die Region

Die Erlöse aus der Solarstrom-Einspeisung sollen als Rendite an die Genossenschaftsmitglieder ausgezahlt werden. "Man könnte auch einen Teil davon in Dinge investieren, die den Mitgliedern wichtig sind. Darüber müsste man diskutieren. Wichtig ist, dass die regionale Wertschöpfung in Mittelsachsen bleibt," so Initiatorin Wittig. Sie versteht das Projekt als Beitrag zur Energiewende, aber auch als Teilhabe für die Menschen. "Dem Gefühl des Abgehängtseins oder Ausgliefertseins können wir etwas entgegensetzen, indem wir aktiv werden und sagen: Wir schaffen es selbst."

Das haben sich in Kodersdorf in der Lausitz Bürger und die Gemeinde auch gesagt und bereits im Sommer 2022 eine Energiegenossenschaft gegründet. Bereits 2014 starteten engagierte Bürger mit der Energiegenossenschaft Drebach im Erzgebirge, die mittlerweile 92 Mitglieder hat. Die Genossenschaft hat für sich vier Bereiche erschlossen: Photovoltaik, Elektromobilität, Bürgerstrom und Ökogas. Auf solche Vielfalt hofft langfristig auch Kristina Wittig in Mittelsachsen. Aber erst gilt es, bürokratische Hürden zu nehmen. Noch vor Weihnachten soll die Gründungsversammlung stattfinden und dann der Eintrag ins Genossenschaftsregister folgen. "Das hängt vom Amtsgericht ab, wie schnell das dort bearbeitet wird."

Dem Gefühl des Abgehängtseins und Ausgliefertseins können wir etwas entgegensetzen, indem wir aktiv werden und sagen: Wir schaffen es selbst.

Kristina Wittig Initiatorin einer Bürgerenergiegenossenschaft

"Alter Hut" aus dem 19. Jahrhundert

Bürgerenergiegenossenschaften seien "im Grunde nichts Innovatives, sie sind nur noch nicht verbreitet", meint die Hermsdorferin Wittig. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden in vielen ländlichen Regionen Deutschlands Elektrizitätsgenossenschaften gegründet, die Stromnetze aufbauten und betrieben. Von ursprünglich fast 6.000 Genossenschaften waren bis Ende der 1990er-Jahre nur 46 übrig geblieben, die meisten davon in Bayern, analysierte der Volkswirtschaftler Lars Holstenkamp, Doktor an der Uni Lüneburg.

Seit Anfang der 2000er-Jahre gebe es wieder mehr Neugründungen. In den vergangenen zehn Jahren wurden 800 Bürgerenergiegenossenschaften gegründet, informierte die Bundesgeschäftsstelle der Energiegenossenschaften. Die 847 Vereinigungen haben rund 220.000 Mitglieder und erwirtschafteten 2021 rund eine Milliarde Euro.

MDR (kk)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | SACHSENSPIEGEL | 04. November 2022 | 19:24 Uhr

Mehr aus Flöha und Hainichen

Mehr aus Sachsen