Neues Buch "Ein Clan auf Beutezug" zeigt Sicherheitsversagen rings um Grünes Gewölbe Dresden

25. Oktober 2023, 15:56 Uhr

Über den Einbruch berichtete die ganze Welt: Am 25. November 2019 stehlen mehrere Männer historische Schmuckstücke im Wert von 118,6 Millionen Euro aus dem Grünen Gewölbe in Dresden. Zudem verursachen sie mehr als eine Million Euro Sachschaden. Über die Hintergründe des Einbruchs ist in dieser Woche das Buch "Der Jahrhundertcoup: Ein Clan auf Beutezug und die Jagd nach den Juwelen aus dem Grünen Gewölbe" erschienen. Kulturredakteur Andreas Berger hat für MDR SACHSEN mit den Autoren gesprochen.

Hätte der Einbruch ins Grüne Gewölbe verhindert werden können? Eindeutig ja, sagen die beiden SPIEGEL-Journalisten und Autoren des Buches "Der Jahrhundertcoup: Ein Clan auf Beutezug und die Jagd nach den Juwelen aus dem Grünen Gewölbe", Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer. Sie begründen das nach Auswertung von 70.000 Seiten Ermittlungsakten und haben für ihre Recherchen Videos aus Kameraüberwachungen gegenüber dem Grünen Gewölbe analysiert.

Hier wurde Sicherheitsversagen deutlich: Vor dem Einbruch

In mehreren Nächten vor dem Einbruch am 25. November 2019 waren darauf Männer zu sehen. Offenbar sind die Aufnahmen vom Sicherheitspersonal nicht angesehen worden. "Es hätte auffallen müssen, dass hinter der Einstiegsmauer etwas Komisches passiert, dass da mitten in der Nacht dunkel gekleidete Gestalten am Schloss zu Gange sind und auch nicht nur zwei Minuten lang, sondern eine sehr, sehr lange Zeit", sagt Autor Claas Meyer-Heuer im Gespräch mit MDR SACHSEN.

Dass das so lange unentdeckt geblieben ist, ist ein Teil des ganz großen Sicherheitsversagens.

Claas Meyer-Heuer Journalist und Buchautor

In mehreren Nächten vor der Tatnacht hatten die Täter den Einbruch vorbereitet und die Gitter angesägt. Dazu sagt Meyer-Heuer: "Dass das so lange unentdeckt geblieben ist, ist ein Teil des ganz großen Sicherheitsversagens."

Sicherheitsversagen in der Tatnacht

In der Tatnacht hatten zwei Wachleute des Zwingers auf der gegenüberliegenden Seite des Schlosses ihre Runde gedreht. Die gaben später zu Protokoll, zwei dunkle Gestalten gesehen zu haben. Die Buchautoren gehen davon aus, dass sie wahrscheinlich die beiden Mittäter sahen, die draußen Schmiere standen. "Man hätte sich gewünscht, dass diese Wachmänner die Polizei informieren. Das haben sie aber nicht getan." Die Einbrecher hätten "enormes Glück" gehabt, dass die Sicherheitsmechanismen nicht griffen.

Zu diesen Mechanismen, die nicht griffen, zählt laut Heise und Meyer-Heuer auch das Handeln der Sicherheitsmitarbeiter im Grünen Gewölbe während des Einbruchs. Sie sagen: "Hätten die Wachleute nicht die Polizei unter der 110 gerufen, sondern zuerst den Notfallknopf gedrückt, wäre die Polizei eher da gewesen." Die Wache liegt nur 700 Meter vom Schloss entfernt. Zudem habe das Wachpersonal bestimmte Handlungsroutinen zu absolvieren. "Eine war, das Licht anzuschalten und den Notfallknopf zu drücken, der eine Direktleitung zur Polizei garantiert", so Claas Meyer-Heuer. Videoaufnahmen zeigten, dass es dunkel blieb.

Gab es Insider im Museum?

"Wir beide gehen ganz stark davon aus, dass es einen Insider gegeben hat, einen Sicherheitsmann, der den Remmos dieses Wissen verkauft hat, wo man ins Grüne Gewölbe reinkommt", sagt Thomas Heise. Es habe ja nur dieses eine Fenster gegeben, das nicht Alarm gesichert war. "Und durch genau das sind sie reingekommen."

Grünes Gewölbe Dresden Außenansicht, repariertes Gitter, Schließschild
An diesem Gitterfenster hantierten die Einbrecher Tage vor dem Einbruch und sägten die Stäbe an. Woher wussten sie, dass nur dieses Fenster im Erdgeschoss als einziges nicht alarmgesichert ist? (Archivbild) Bildrechte: xcitepress

Wo sind die wertvollen Diamanten, die nicht zurückgegeben wurden?

Wo der Rest der Beute ist, wollen die beiden Journalisten auch wissen. Der Versicherungswert der Beute betrug 118,6 Millionen Euro. Nach einer Verständigung zwischen Staatsanwaltschaft, Gericht und Verteidigung wurden während des Prozesses 31 teils stark beschädigte Beutestücke zurückgegeben - Versicherungswert 55,6 Millionen Euro. Die Epaulette mit dem sogenannten Sächsischen Weißen fehlt aber. Der Brillant hat fast 50 Karat und gilt unter Experten als einer der weltweit wichtigsten Diamanten.

"Der Versicherungswert sagt gar nichts. Jedes dieser Stücke ist unbezahlbar", urteilt Journalist Thomas Heise. Er fragt sich: "An wen haben die es vertickt? Wer kauft das?" Eine gängige Arbeitsthese lautet: "Vielleicht haben sie auf Anweisung gehandelt? Haben die im Auftrag gearbeitet und sind zielgerichtet hingegangen, um genau die Stücke für einen Sammler zu holen?"

Schmuckstücke aus dem Juwelenzimmer der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD)
Dieses Schmuckstück wurde gestohlen und auch nicht wieder zurückgegeben. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

Die Urteile und Reaktion der Remmos

Im Prozess um den Juwelendiebstahl aus dem Grünen Gewölbe in Dresden sind fünf der sechs Angeklagten zu mehrjährigen Haft- oder Jugendstrafen verurteilt worden. Das Landgericht Dresden verhängte gegen sie Freiheitsstrafen von bis zu sechs Jahren und drei Monaten. Der sechste Angeklagte wurde freigesprochen, weil er ein Alibi für die Tatnacht hatte. Gegen die Urteile hatten die fünf Männer Revision eingelegt.

Vor Gefängnis haben die keine Angst.

Claas Meyer-Heuer Journalist und Buchautor

Zum Umgang mit den Urteilen sagt der Journalist Claas Meyer-Heuer: "Vor Gefängnis haben die keine Angst. Die Familien sind gut strukturiert. Die Verurteilten werden von ihren Familien auch nicht fallen gelassen." Das habe man auch daran gesehen, dass Clan-Mitglieder versucht hätten, Handys über den Gefängniszaun zu werfen. Und weiter: "Als die Täter in U-Haft gekommen sind, war das einzige, wovor sie wirklich Angst hatten, dass sie aus dem Clan ausgeschlossen werden."

MDR (kk)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | AUFGEFALLEN - Das Kulturmagazin | 23. Oktober 2023 | 20:00 Uhr

1 Kommentar

DasIstEinDing vor 33 Wochen

Noch absurder ist, dass das Wachschutzunternehmen, welches eine ganze Reihe derart eklatanter Fehler begangen hat, die neue Ausschreibung gewonnen hat. Entweder war man nicht willens oder nicht in der Lage, diese Firma wegen des schwerwiegenden Fehlverhalten von der Ausschreibung auszuschließen. Beide Gründe sind inakzeptabel und lassen eigentlich nur die Schlussfolgerung zu, dass hier weiterhin Inkompetenz am Werk ist.

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