Studierende der TU Dresden paddeln im Kanu auf der Elbe.
Studierende der TU Dresden wollen die politischen Debatten entschärfen helfen. Fünf Tage lang paddeln sie entlang der Elbe zu Bürgerdialogen an fünf Stationen. Bildrechte: MDR/Wiebke Müller

Gesprächskultur Kanu statt Hörsaal: Studierende der TU Dresden paddeln zum Bürgerdialog

05. Juni 2024, 05:00 Uhr

Wenn es um kontroverse Themen geht wie Migration, Klimawandel oder Krieg, kochen häufig die Emotionen hoch, nicht selten bis zur Gewalt gegen Andersdenkende. Studierende der TU Dresden üben nun die Debattenkultur mit einem Projekt namens "Querverbindung". Im Kanu paddeln die angehenden Ethiklehrerinnen und -lehrer auf der Elbe an fünf Tagen zu fünf Orten: Dort laden sie Bürgerinnen und Bürger zum Dialog ein. Die Themen sind nicht einfach.

Die zehn Studierenden der TU Dresden, die sich am Montagfrüh in Königstein am Elbufer einfinden, vertauschen für fünf Tage den Stift mit dem Paddel. Nach einem Seminar, das im Umgang mit radikalen Diskutierenden schulte, wollen sich die angehenden Ethiklehrerinnen und -lehrer Debatten mit Bürgern stellen. Im Gepäck haben sie neben Campingsachen kontroverse Themen wie Migration, gerechter Krieg und Klimaschutz. Die erste von fünf Etappen führt sie nach Pirna. Auch eine Reporterin von MDR SACHSEN steigt in eines der wackligen Kanus.

Studierende der TU Dresden mit Kanus an der Elbe.
Wie umschiffe ich Bojen und Fähren richtig: Kanuverleiher Andreas weist für die Kanutour ein. Die Strömung der Elbe von bis zu fünf Kilometern pro Stunde sei nicht zu unterschätzen, sagt er. Bildrechte: MDR/Wiebke Müller

Interessierte können Mitpaddeln

"Verpackt eure Schlafsäcke wasserdicht", ruft Markus Tiedemann. Das klingt etwas bedrohlich. Der Ethik-Professor an der TU Dresden leitet das Projekt "Querverbindung" und besitzt einen Kanu-Schein. Mit Schwimmwesten und nach einer Belehrung des Verleihers geht es die Elbe hinunter. "Die Kanus sind die Symbolik, dass man in einem Boot sitzen möge", erklärt Tiedemann MDR SACHSEN.

Man biete deshalb pro Abend zwei Interessierten an, eine Station mitzupaddeln. Mit einer Bedingung: "Wenn sie bereit sind, mit jemandem in einem Boot zu fahren, der eine andere Meinung vertritt." Das ist nicht ganz einfach, wenn man jede Menge verschiedenfarbige Bojen mal rechts und mal links umfahren oder auf die Vorfahrt von Schiffen achten muss. Auch das Boot mit der Reporterin prallt mitten in einer Diskussion gegen eine plötzlich auftauchende Boje. Zum Glück werden nur die Füße nass.

Interessierte Gäste müssen bereit sein, mit jemandem in einem Boot zu fahren, der dezidiert eine andere Meinung vertritt.

Markus Tiedemann Professor für Didaktik der Philosophie und für Ethik an der TU Dresden

Professor Tiedemann schaut in die Kamera.
Professor Markus Tiedemann bietet in seiner Lehrveranstaltung besonders praktische Bezüge zu seinem Fach an. Bildrechte: MDR/Wiebke Müller

Grenzerfahrung wichtig im Studium

Studentin Madeleine sagt, sie sei froh über das Lehrangebot. Es sei wichtig, im Studium solche Grenzerfahrungen wahrzunehmen. Es helfe, später in der Schule mit radikalem Gedankengut bei Schülern, Kollegen oder Eltern umzugehen. Etwa wenn eines der Kinder den Hitlergruß zeige. Unvorbereitet könne einen das überfordern.

Falk möchte Lehrer für Ethik und Geografie werden. Er sei in das Seminar reingerutscht. Ihm sei wichtig, dass die Menschen wieder miteinander reden. Die Diskussionskultur sollte wiederbelebt, gestärkt und trainiert werden.

Das Programm soll uns dabei helfen, eines Tages in der Schule mit gewissem, auch radikalem Gedankengut besser umgehen zu können. Habe ich da bei meinen Kindern gerade den Hitlergruß gesehen. Was tue ich dagegen, was wirklich hilft?

Madeleine Wiltzsch Lehramtsstudentin für Ethik und Geografie TU Dresden

Studierende der TU Dresden paddeln im Kanu auf der Elbe.
Entlang der Paddelstrecke auf der ersten Etappe von Königstein bis Pirna ziehen die bekannten Landschaften der Sächsischen Schweiz vorbei. Da ist auch einmal Zeit für eine kleine Pause oder für Gespräche im Boot. Bildrechte: MDR/Wiebke Müller

Nach mehr als zwei Stunden Fahrt bis Pirna sind 16 Kilometer von insgesamt 140 Kilometern der Kanutour geschafft. Die nächsten Stationen sind Dresden, Meißen, Riesa und Torgau. Student Janek-Joel lobt den Auftakt. "Man kann draußen sein, Gespräche mit Kommilitonen führen und hat Sport." Markus Tiedemann berichtet von einem entlang der Strecke angebrachten Plakat, das radikal die Wahl einer Ampel-Partei mit Deutschlands Untergang verbindet. Ein Vorgeschmack auf den kommenden Abend?

Bauernverband mit im Boot

Denn am Zielort in Pirna wartet die nächste Bewährungsprobe für die angehenden Pädagoginnen und Pädagogen. Dort wollen die Studierenden mit Pirnaer Bürgern in einer offenen Runde über das Thema Migration sprechen. Partner ist unter anderen die Stadtverwaltung, sagt Student und Organisator Christoph Schmidt. Zum Finale am Freitagabend in Arzberg bei Torgau im Versuchsgut Köllitsch sei der Landesbauernverband sprichwörtlich mit im Boot.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR SACHSENSPIEGEL | 04. Juni 2024 | 19:00 Uhr

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