Medizin Lässt sich eine Lunge reparieren?

12. November 2022, 07:00 Uhr

Streikt die Lunge, spüren wir sofort Atemnot oder haben im schlimmsten Fall das Gefühl zu ersticken. Till Plönes gilt als Experte für robotergestützte Lungenoperationen und übernimmt jetzt am Uniklinikum Dresden die Thoraxchirurgie - Operationen am Brustkorb also. Seine chirurgische Abteilung ist Teil des Ostdeutschen Lungenzentrums. Im Interview mit MDR SACHSEN erklärt er, wie sich Lungen reparieren lassen und wie Ärzte kleinste Tumore und Metastasen mithilfe eines Roboters herausschneiden.

Frage: Herr Plönes, seit Corona ist die Lunge noch stärker in den Fokus gerückt. Kann man eine Lunge reparieren?

Till Plönes: Ja, die Lunge lässt sich reparieren - unter anderem, indem man sie operiert. Die Zahl der Lungenerkrankungen steigt kontinuierlich, wir haben sehr vielfältige Krankheitsbilder. Eine Hauptaufgabe für uns ist es, Lungenkrebs zu behandeln. Hier hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Vor allem durch minimalinvasive Verfahren müssen wir keine großen Schnitte mehr machen. Neue Medikamente und Biomarker ermöglichen nun Kombinationstherapien, die Überlebenschancen sind besser.

Das Problem ist ja, dass der Krebs immer wiederkommen kann. Die drei klassischen Säulen von Chemotherapie, Strahlentherapie und Operationen werden zunehmend kombiniert. Neu sind auch Immuntherapien, die zunehmend in den Frühstadien eingesetzt werden und dem Körper helfen, den Krebs selber zu bekämpfen.

Die Zahl der Lungenerkrankungen steigt?

Lungenerkrankungen sind ja ein Sammelsurium verschiedener Erkrankungen. Die Zahl der chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen (COPD) nimmt zu, auch Lungenkrebs häuft sich. Durch verändertes Rauchverhalten sind auch zunehmend Frauen betroffen. Doch auch bei Schäden an der Lunge durch Infektionserkrankungen - wie wir es bei Corona-Infektionen gesehen haben - stehen wir Torax-Chirurgen mit Rat und Tat zur Seite und können viel für die Patienten bewirken. Oft gibt es hier viele Fragen - zum Beispiel, wenn die Lunge zusammenklappt oder, anders formuliert, kollabiert.

Was macht man denn, wenn die Lunge zusammenklappt?

Im medizinischen Fachchinesisch heißt das Pneumothorax. Dann versuchen wir mit einem Schlauch die Lunge wieder zur Entfaltung zu bringen. Ist ein Loch in der Lunge, versuchen wir es mit einer Operation wieder zu verschließen, beziehungsweise dichtes Lungengewebe herzustellen.

Sie sprachen von mehr Lungenkrebs bei Frauen durch anderes Rauchverhalten? Was meinen Sie damit?

Früher waren die Frauen eher zurückhaltend beim Rauchen. Das hat sich geändert, immer mehr Frauen rauchen heute. Das führt dazu, dass sich die Fälle von Lungenkrebs auch zunehmend bei Frauen häufen. Wobei man sagen muss, dass Rauchen nicht automatisch zu Lungenkrebs führt. Man kann auch nicht garantieren, dass Nichtraucher keinen Lungenkrebs bekommen. Doch wer raucht, erhöht das Erkrankungsrisiko deutlich. Diese Erkrankungen können dann auch zu einer starken Einschränkung der Lebensqualität führen.

Grafik Lungenkrebs
Rauchen erhöht das Risiko von Lungenkrebs enorm. Bildrechte: MDR Wissen

Streikt die Lunge, schlägt sich das direkt auf den Atem nieder. Wie filigran sind die Lungenbläschen und wie kann man sie operieren?

Das ist gar nicht so einfach. Die Lunge ist ein feines Organ. Das beginnt bei der Vorstellung der Patienten, dem genauen Zuhören und den vorbereitenden Untersuchungen zur Operation und der Wertung der Lungenfunktion. Es muss vorher genau klar sein, wie viel Lunge weggenommen werden kann, dass der Patient nach der Operation nicht mit Atemnot zurückbleibt. Die Einschätzung vorher ist das eine, der zweite Teil ist immer die Durchführung der Operation. Dabei muss man sich klarmachen, dass man immer an zentralen Strukturen wie dem Herzen und den großen Gefäßen operiert. Misserfolge in der OP verzeiht die Lunge nicht. Dies ist eine hochpräzise Arbeit.

Sie meinen damit, was Sie wirklich während der Operationen im Körper sehen?

Manchmal gibt es Patienten, die sind auf dem Papier nicht stark eingeschränkt, aber in der Realität sehen wir, dass die Lunge viel weniger funktional ist, als auf dem Papier. Oder andersherum: Wir erwarten eine sehr eingeschränkte Lunge und sehen dann während der Operation, dass vieles besser funktioniert, als wir dachten. Um diese ganzen Faktoren einfließen zu lassen, braucht es viel Expertise und Erfahrung. Die Beurteilung der Operationsfähigkeit und die Auswirkungen danach vorauszusehen, sind nur mit viel Erfahrung möglich. Fehler verzeiht die Lunge nicht!

Sie schneiden von der Lunge einfach etwas weg?

Wenn es nötig ist, entfernen wir eine anatomische Teileinheit der Lunge. Für diese genaue Einschätzung ist die enge Zusammenarbeit mit Pneumologen und Onkologen absolut gewinnbringend und für die Patienten von Mehrwert. Eine erfolgreiche thoraxchirurgische Arbeit ist immer Teamarbeit mit dem Schwesternfach der Pneumologie und anderen Teildisziplinen. Schließlich geht es hier um eines der zentralen und lebenswichtigsten Organe.

Die Leber kann zum Teil nachwachsen, die Lunge auch?

Nein, das ist nicht möglich. Bei der Lunge ist es eher so, dass die Restlunge dehnbar ist. Die Lunge ist eigentlich auf mehr Volumen ausgelegt, als wir brauchen. Sie passt sich nach einer Operation an und dehnt sich aus.

Wann entscheiden Sie sich für eine Operation?

Bei den Krebspatienten entscheidet nicht ein Arzt allein. In einer Tumorkonferenz besprechen Ärzte verschiedener verwandter Disziplinen jeden Fall und entscheiden gemeinsam. So wird sichergestellt, dass der Patient die richtige Therapie bekommt, bei der die beste Aussicht auf Erfolg besteht.

Was wäre ein Indikator, über eine OP nachzudenken?

Bei einem lokal begrenzten Tumor zum Beispiel ist der Goldstandard eine Operation mit der Entfernung der Lymphknoten im Abflussgebiet des Tumors. Dies sichert am besten das Langzeitüberleben.

Sie gelten als Experte für robotergestützte Lungen-OPs. Wie kann man sich das vorstellen?

Es ist nicht so, dass der Roboter operiert, sondern der Chirurg, der am Roboter sitzt. Man sitzt an einer Konsole und blickt durch eine Kamera auf ein dreidimensionales Bild. Teilweise sieht man mit der Kamera besser als mit dem bloßen Auge. Mit der Konsole steuere ich die Instrumente. Dabei filtert der Roboter die natürlichen Hand-Mikrobewegungen komplett heraus. Somit ist präzises Operieren möglich. Zunehmend können Sie auch Farbstoffe benutzen, um sich anatomische Grenzen aufzeigen zu lassen. Damit sehen Sie noch besser. Das alles sind enorme Vorteile. Diese Art der OPs nennen sich Schlüsselloch-Operationen. Sie sparen sich also auch den großen Schnitt an der Seite und der Patient hat weniger Schmerzen.

Sie brauchen also nur einen kleinen Schnitt?

Ja, zwischen den Rippen öffnen wir den Thorax und schieben in Hülsen die Kamera und die Instrumente an die zu operierende Stelle. Wir können so viel genauer operieren. Oft reicht es, bestimmte Lungensegmente zu entfernen und nicht wie vorher ganze Lungenlappen. Bald, das gilt weitestgehend als sicher, kommt auch das Lungenkrebsscreening. Dann sehen wir den Krebs noch eher und werden zunehmend kleinere Befunde operieren. Gut für die Patienten, weil wir mehr Lungengewebe und damit auch Lebensqualität erhalten können.

Weil die Lunge so gut durchblutet ist, lagern sich hier gern Metastasen an. Können Sie die auch operieren?

Ja. Doch das ist noch einmal ein komplett anderes Feld. Es bestehen auf alle Fälle gute Möglichkeiten, Metastasen zu entfernen. Dabei können wir mit Laser die Herde lokal entfernen und so fast das ganze Lungengewebe erhalten.

Lassen sich die Metastasen überhaupt erkennen?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt auch von der Krebsart ab. Wenn wir sie auf den CT-Schichtbildern sehen, können wir sie aus der Lunge herausbringen.

Sie starten jetzt am Uniklinikum Dresden und am Ostdeutschen Lungenzentrum. Was haben Sie sich vorgenommen?

Im Grunde möchte ich die Kompetenz der zwei Standorte zum Wohle der Patienten zusammenführen und hier eine möglichst gute Behandlung gewährleisten. Ich wünsche mir, dass wir für die Patienten das Beste herausholen. Durch die gebündelten Kompetenzen und die große Erfahrung haben wir eine hohe Expertise und gute Möglichkeiten, den Patienten neueste Therapien anzubieten. Wir sind am Puls der Zeit, wir haben enorm gute Technologie, die gibt es schon deswegen nicht überall, weil sie sehr teuer ist.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache gesund | 13. Oktober 2022 | 21:00 Uhr

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