Prozess Der MDR und der Fall Foht: Wer wusste was?

Manche sprechen von einem Schneeballsystem, das der ehemalige Unterhaltungschef des MDR, Udo Foht, betrieben haben soll. Er soll sich immer wieder Geld geliehen haben, auch um Darlehen von anderen zurückzuzahlen. Es geht angeblich um mehrere Hunderttausend Euro. Mitte November sagte ein wichtiger Zeuge im Betrugsprozess gegen Udo Foht aus: der frühere Geschäftsführer einer Produktionsfirma. Es geht um die Frage, wer eigentlich was wusste im MDR und zu welchem Zeitpunkt.

Die Zentrale des Mitteldeutschen Rundfunks MDR in Leipzig
Im Prozess gegen den Ex-Unterhaltungschef des MDR, Udo Foht, ist am Freitag die MDR-Intendantin Karola Wille als Zeugin geladen. Prozessbeobachter fragen sich: Wer wusste was und ab wann in der MDR-Zentrale? Bildrechte: dpa

Die Stellungnahme vom Dienstag, dem 14. Juni 2011, hat es in sich. Denn der Verfasser ist zu diesem Zeitpunkt der Unterhaltungschef des MDR, Udo Foht. Wer heute mit Menschen spricht, die das Papier von damals kennen, kann zu dem Eindruck kommen, dass Fohts Schreiben eine Beichte ist. Andere sehen in dem Schreiben im Gegenteil eine weitere Täuschung.

Beschrieben wird, wer wem Geld geliehen hat und wer dann wieder für die Zurückzahlung angepumpt wurde und in welcher Höhe das geschehen sein soll. Es geht um ein Darlehen. Ursprünglich wurde eine Summe von 30.000 Euro geliehen. Das sollte als Vorschuss für die Produktion des Fernsehformats "Wir sind überall" dienen. Empfänger, der Moderator Carsten Weidling, bzw. die Firma "Just for Fun", die das Geld dann an Carsten Weidling ausgezahlt haben soll. Und nicht immer ist in dieser ganzen Geschichte klar, wofür "Just for Fun" bzw. Weidling Geld bekommen hat. Die Zeitung "Welt" hatte im Jahre 2011 bereits darüber berichtet.

Foht, die Produktionsfirma Neoproductions, Multiart und der MDR

Fohts Stellungnahme leitet zwar noch nicht das Ende des großen Unterhaltungschefs ein. Das passiert erst, als ein betroffener Produzent mit Hinweisen auf den MDR zugeht, dass hier möglicherweise Straftaten vorliegen. Einen Tag später stellt der MDR Strafanzeige. Dennoch ist das Verhältnis zur Fernsehproduktionsfirma "Neoproductions" und dessen Geschäftsführer Stefan Hoge bereits zu diesem Zeitpunkt interessant. Weil "Neoproductions" mit Carsten Weidling eine mehrteilige Sendung für den MDR gefertigt hat, eben jene Sendung "Wir sind überall".

Bei seinen Schuldenverstrickungen leiht sich Udo Foht offensichtlich auch Geld von der TV-Produktionsfirma "Multiart". Diese Firma hat vor Gericht Forderungen für ein Darlehen an Foht in Höhe von 38.500 Euro geltend gemacht. Dieses Geld will "Multiart" – nebst Zinsen und Anwaltskosten – nun vom MDR zurückbekommen. Ein Mahnschreiben geht an den MDR, eine gerichtliche Auseinandersetzung droht. Es war im Mai 2011, als klar wird im MDR, da sind zumindest Auffälligkeiten.

Foht wird angesprochen und soll erklären

Immer wieder wird der damalige Unterhaltungschef nach Zeugenaussagen von damals darauf hingewiesen, dass er diese Forderungen erklären möge. Fohts Erklärungen machen deutlich, dass das Konstrukt des Geldleihens auf mündlichen Absprachen beruht. Und es wird deutlich, dass die Firma "Neoproductions" nun das Darlehen der Firma Multiart bezahlen wolle – so hat es Foht in seiner Stellungnahme dargestellt.

Die Juristische Direktion des MDR, deren Chefin damals Karola Wille war, drängt mit Blick auf das Mahnverfahren, dass die ganze Sache, auch die Übernahme der Forderungen durch "Neoproductions", der schriftlichen Form bedürfe.

Am 15. Juni 2011 schreibt Karola Wille an Udo Foht eine E-Mail:

Lieber Herr Foht, wie gestern angekündigt, finden Sie in der Anlage die von Neo Productions TV und Film GmbH vor der zur veranlassenden Zahlung zu unterzeichnende Vereinbarung. Bekanntlich ist diese unter dem Gesichtspunkt der Rechtssicherheit für den MDR erforderlich. Ich bitte Sie, die Vereinbarung mit Neo Productions zu schließen und die Zahlung unverzüglich zu veranlassen.

Karola Wille

Es scheint deutlich: Der MDR will sich vor Rückzahlungsforderungen im Rechtsstreit mit "Multiart" schützen, zweifelt Geldforderungen an, will möglicherweise finanziellen Schaden abwenden. Denn zulässig sind und waren solche mündlichen Deals im MDR nicht.

MDR stellt im Juli 2011 Strafanzeige gegen Udo Foht

Mit der Stellungnahme des Udo Foht scheint im MDR am 14.6.2011 deutlich zu werden, dass Foht nicht entsprechend der Vorgaben des MDR agiert hat. Warum am Anfang der ganzen Transferkette Geld an Carsten Weidling geflossen ist, bleibt unklar.

Der MDR sieht sich heute wie damals in der Rolle des Aufklärers:

Der MDR hat durch eigene Recherchen und durch Hinweis eines anderen Produzenten das Strafverfahren gegen Herrn Foht durch Strafanzeige am 27.07.2011 in Gang gebracht und die Zusammenarbeit mit Foht im Juli 2011 beendet.

Mitteldeutscher Rundfunk

Anfragen an Stefan Hoge zum Thema bleiben ohne Antwort.

Der frühere MDR-Unterhaltungschef Udo Foht verlässt das Landgericht Leipzig.
Gegen den früheren Unterhaltungschef des MDR, Udo Foht, läuft am Landgericht Leipzig seit Anfang September 2022 der Prozess. Bildrechte: dpa

Produzent Stefan Hoge wendet sich an damalige Juristische Direktorin des MDR, Wille

Der mögliche Grund für die Zahlung durch "Neoproductions" und damit für die Schulden Fohts einzustehen, wird dann im Verlaufe des Sommers 2011 deutlich. Nachdem auch in der Öffentlichkeit klar wird, dass das System Foht zusammenbricht, wendet sich auch der Geschäftsführer der "Neoproductions", Stefan Hoge, an die Juristische Direktorin des MDR, Karola Wille, und gibt vor, dass er befürchtet habe, von Foht keine weiteren Aufträge mehr zu erhalten, wenn er nicht zahle.

So berichten es Kenner der Materie. Teile davon stehen in einer Gesprächsnotiz vom 1. August 2011 des MDR. Hoge musste später einen Strafbefehl zahlen wegen Bestechung. Diese Gesprächsnotiz ist auch Teil des Prozesses vor dem Landgericht Leipzig.

Es ist also kaum verwunderlich, dass die heutige Intendantin des MDR, Karola Wille, den Geschäftsführer von Neoproductions, Stefan Hoge, kannte. Ines Hoge-Lorenz, Ehefrau von Stefan Hoge, wird zehn Jahre nach diesen Vorgängen Funkhausdirektorin in Sachsen-Anhalt. Möglicherweise war nur wenigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im MDR diese Ehe-Konstellation bewusst.

Ines Hoge-Lorenz hatte kurz vor Beginn des Foht-Prozesses ihren Posten mit der Begründung abgegeben, sie hätte vor ihrem Amtsantritt in Magdeburg nicht ausreichend über die Verurteilung und die Rolle ihres Mannes im Falle Foht informiert.

Die Rolle Carsten Weidlings ist gerichtlich nicht geklärt. Er wird beschuldigt, zusammen mit einem Anwalt, Udo Foht erpresst zu haben. Vor Gericht hat Foht eine Erpressung aber bestritten.

Am Freitag ist die Intendantin des Mitteldeutschen Rundfunks, Karola Wille, als Zeugin im Betrugsprozess gegen Udo Foht vor dem Landgericht Leipzig geladen.

Mehr zum Prozess:

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | Nachrichten | 09. Dezember 2022 | 10:00 Uhr

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