Teil zwei Überleben in der Ferne: Der Alltag geflüchteter Ukrainer in Weimar

Vor drei Monaten haben wir über zwei ukrainische Familien berichtet, die aus der kriegsgebeutelten Heimat geflohen und in Weimar angekommen sind: Nikita fuhr mit seinen drei Kindern direkt am ersten Kriegstag aus der Ostukraine los - Olexandra erreichte Thüringen mit den beiden Kindern ein wenig später. Sie vereint die Herausforderung eines neuen Alltags und die Bewältigung der Kriegserfahrungen.

Ein Mann und eine Frau stehen vor der Weimarer Tafel.
In Weimar wieder vereint: Nikita und seine Frau Katya. Bildrechte: MDR/ David Straub

Als Olexandra aus dem Jobcenter in Weimar kommt, trägt sie einen großen Aktenordner unter dem Arm. Den habe man ihr gegeben, damit sie alle Formulare und Dokumente darin ordnen könne. "Das ist typisch deutsch", lacht sie. Es ist das zweite Mal, dass Olexandra sich mit dem MDR trifft, um von ihrer Flucht und dem Ankommen in Thüringen zu erzählen. Im März war sie mit dem 14-jährigen Sohn und der 16-jährigen Tochter aus einem Kiewer Vorort geflohen und in Weimar gestrandet.

Eine Frau steht mit Ordner unter dem Arm vor einer Kirche.
In den vergangenen Wochen hat Olexandra das Leben ihrer Familie neu organisiert. Bildrechte: MDR/ David Straub

Ruhigeres Fahrwasser für Olexandra

"Wir sind ruhiger geworden", sagt sie, "und vertrauter mit vielem. Wir wissen, wo wir uns wie helfen können und haben ein Netzwerk an Leuten um uns herum aufgebaut." Die Angst wegen des Krieges, sagt die gelernte Psychotherapeutin, die sei immer noch da und komme in Wellen. Aber je mehr sie über die Gesellschaft in Deutschland wisse und die Sprache beherrsche, desto einfacher falle ihr das Leben nach der Flucht.

Olexandra hat schnell erreicht, dass ihre beiden Kinder in Weimar die Schule besuchen können und in der normalen Klasse mitlernen. Zwar verstünden sie nicht alles, aber die Unterstützung komme von allen Seiten, sagt sie. "Meine Tochter hat zum Beispiel in ihrer Klasse eine Freundin von früher wiedergetroffen, die nur bis zur Grundschule in der Ukraine zur Schule ging und dann wegzog. Das hilft ihr."

Wenig Rückkehrer aus Weimar

In den vergangenen Wochen sind immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer in ihr vom Krieg gebeuteltes Land zurückgekehrt. Obgleich das Thüringer Landesverwaltungsamt die Zahlen der geflüchteten Menschen in den einzelnen Landkreisen kennt, gibt es zu den Rückkehrern bisher noch keine genauen Zahlen. Die Stadt Weimar schätzt, dass von den gut 800 geflüchteten Ukrainerinnen und Ukrainern maximal 40 zurückgekehrt sind, also ein recht kleiner Anteil.

Wären die Kinder nicht, würde ich wahrscheinlich direkt zurückfahren.

Olexandra Aus der Nähe von Kiew geflohen

Auch Olexandra wollte nach ihrer Ankunft in Weimar so bald wie möglich in die Heimat zurückkehren. Ihr Mann ist noch dort und lebt, genau wie seine Mutter, in ständiger Gefahr. Mittlerweile sagt Olexandra: "Wenn die Kinder nicht wären, würde ich wahrscheinlich direkt zurückfahren. Aber es wäre ihnen gegenüber nicht fair, während sie noch in der Schule sind. Ihr Schuljahr wurde schon einmal unterbrochen und es soll nicht noch einmal passieren."

Falls das Schuljahr vorbeigehen und es sich tatsächlich abzeichnen sollte, dass die russischen Angriffe abebbten, könne sie es sich vorstellen. Realistisch scheint das nicht.

Körperlich Behinderte können kaum fliehen

Die Sorge um ihren Mann und dessen Mutter treibt Olexandra um. Die Mutter ist körperlich nicht mehr mobil und könnte sich - wenn es wieder einen Bombenalarm und gar einen Einschlag in der Nähe gebe - aus der Wohnung nicht in Sicherheit bringen. In den vergangenen Wochen hat Olexandras Mann deshalb versucht, seine Mutter ebenfalls in Richtung Deutschland in Sicherheit zu bringen.

Er wäre dabei aber auf einen Transport angewiesen, so Olexandra, der auf die Bedürfnisse Behinderter Rücksicht nimmt. "Sie haben meinem Mann aber irgendwann gesagt, dass die Busse, die solche Leute mitnehmen, nicht mehr fahren können."

Ich liebe das Geräusch der Vögel, und der Kirchenglocken - wow!

Olexandra Über das Leben in Weimar

Es seien tägliche Routinen erzählt Olexandra, die die Familie zusammenhalten. "Wir telefonieren jeden Abend, tauschen uns aus und beten zusammen." Außerdem helfe es ihr, nicht mehr so weit im Voraus zu planen, sondern nur im Rahmen der nächsten zwei, drei Tage zu denken - alles andere mache sie nur unruhig.

"Ich liebe das Geräusch der Vögel, und der Kirchenglocken - wow! Den Geruch der Linden hier. Das hilft mir, hier in Weimar im Moment zu sein, nicht in der Vergangenheit oder in der Angst über die Zukunft." Vieles in Weimar erinnert Olexandra an ihre Heimatstadt.

Nikita aus Tschernihiw

Während die gelernte Psychotherapeutin Olexandra wöchentlich eine Trauma- und Selbsthilfegruppe im Café International der Caritas in Weimar für andere Geflüchtete leitet, arbeitet sich Nikita an seinen eigenen Erfahrungen seit Kriegsbeginn ab. Der Familienvater war direkt am 24. Februar mit den drei Kindern von Tschernihiw im Osten der Ukraine geflohen und hat ebenfalls schon einmal MDR THÜRINGEN von seinen Erlebnissen erzählt.

Ein Mann und eine Frau stehen an vor einem Fahrrad.
Beim ersten Interview für MDR THÜRINGEN noch allein - jetzt hat Nikita seine Frau Katya an seiner Seite. Bildrechte: MDR/ David Straub

"Ab Mai habe ich angefangen, regelmäßig mit einem befreundeten Psychotherapeuten zu telefonieren. Ich hatte mich so verändert und brauchte vor allem zu Beginn Hilfe. Manchmal kann ich die Gefühle nicht kontrollieren", sagt Nikita. Anfang Mai ging es dann schnell: Er, der mit den Kindern zu den ersten Flüchtlingen in Weimar zählte, schrieb eines Morgens eine Nachricht an seine Frau, die seit einigen Monaten schon in Dubai arbeitete.

"Die Welt der Kinder ist mit dem Krieg auf einmal zusammengebrochen, von Beginn an war die Familie die einzige Basis und ich konnte es am Ende nicht mehr alles zusammenhalten - sie brauchten ihre Mutter." Katya brach den Job ab und kam. Sie wolle sich eigentlich nicht an die Zeit erinnern, sagt sie, in der sie aus der Ferne mitverfolgen musste, wie erst Chaos ausbrach und Nikita versuchte, so schnell wie möglich aus dem gefährlichen Osten der Heimat zu fliehen: "Ich habe nur am Handy geklebt. Als Nikita endlich auch die älteste Tochter im Auto auf dem Weg in den Westen hatte, konnte ich wieder ruhiger schlafen."

Mein Sohn ist ein anderer Junge geworden. Er übernimmt so viel Verantwortung.

Katya Über das Wiedersehen mit ihrer Familie

Es waren nur wenige Monate, in denen sie ihre Kinder nicht gesehen hat, doch die Auswirkungen seien deutlich. Jetzt, vor der Tafel in Weimar, wo die Familie wie viele andere Ukrainer wöchentlich Essen bekommt, kann Katya vergleichen: "Mein achtjähriger Sohn ist ein anderer Junge. Dieser Junge kümmert sich um alles: um seine Schwestern, die Unterkunft, um sich selbst. Er hat Verantwortung übernommen, und - vom Alter vollkommen abgesehen - er übernimmt Verantwortung als zukünftiger Mann."

Gleichzeitig sei es für sie schwierig, bemerkt Katya, einen Zugang zur jüngeren Tochter zu finden. Sie sei verschlossener geworden: "Sie sagt mir immer, dass sie ok ist, aber ich sehe, dass da mehr in ihr ist, über das sie nicht reden will." Allein die 17-jährige Tochter komme ganz gut zurecht und habe schon überall Kontakte geknüpft. "Sie ist so erwachsen geworden, hat sich in Deutschland verliebt und ist in so eine Punk-Rock-Community reingewachsen", schmunzelt Nikita.

Schulsuche in Weimar: Wenig freie Plätze

Gerade setzen die Eltern alles daran, dass alle drei Kinder einen regulären Schulplatz bekommen - lediglich der Sohn hat einen. Nikita bedauert, dass sich die beiden anderen auf diese Weise ausschließlich in der Geflüchteten-Gruppe bewegen würden: "Katya und ich schließen bis Dezember den Integrationskurs ab und gewöhnen uns an das Leben hier. Aber wenn die Kids nicht zur Schule gehen, lernen sie diese ganzen lokalen Skills hier nicht so gut."

Theoretisch muss der Freistaat Thüringen nach drei Monaten Aufenthalt einem Kind einen Schulplatz anbieten - so sehe es die Rechtslage vor, wie ein Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums auf Anfrage erklärte. Generell könne es durchaus sein, dass in Familien Kinder einen Schulplatz hätten, während Kinder anderen Alters noch warteten.

Es hänge, so das Bildungsministerium, immer vom Einzelfall und den Kapazitäten vor Ort ab. Gerade die Weimarer Schulen seien aber schon an der Belastungsgrenze. Die Thüringer Landesregierung verfolge nach wie vor die Politik, migrantische Kinder in regulären Klassen unterzubringen und ihre Ausbildung durch gezielte Sprachförderung zu ergänzen.

Zu große Gefahr in Tschernihiw

Trotz aller Behördengänge und des teils schwierigen Prozesses, sich in Deutschland zurechtzufinden, will die Familie dennoch weiter in Weimar bleiben. Auch für sie hängt das mit dem Wohl der Kinder zusammen, sagt Nikita: "Tschernihiw ist so nah an der Grenze und wir haben keine Ahnung, wie schnell die Bomben wieder da sind. Wir wollen hier bleiben, bis sich alles beruhigt hat, und ich hoffe, hier nützlich sein zu können."

Eigentlich wollte Katya im Winter noch einmal studieren: Maschinenbau in Charkiw. Jetzt träumt sie davon, ihr vor Jahren begonnenes Architekturstudium vielleicht in Weimar weiterzuführen. Und auch Nikitas Plan, als Stadtführer Touristen durch Weimar zu leiten, ist noch aktuell. "Vielleicht dauert es aber doch ein bisschen länger, als ich am Anfang gedacht habe", lacht er.

Keine Wohnung in Weimar

Kurz nach dem Interview hat Olexandra wieder einen Termin, diesmal beim Sozialamt. Viele Dinge hat sie bereits organisiert - auch zum Beispiel eine Krankenversicherung für ihre Tochter, die an einer Skoliose leidet. Doch jetzt muss dringend eine eigene Wohnung her, da sie bereits seit Monaten bei einer Familie leben.

Doch bei diesem Termin erfährt sie, dass es aktuell keine Wohnung gebe, die man ihr vonseiten der Stadt vermitteln könne. Damit gehört sie zu den rund drei Viertel der gut 800 Geflüchteten aus der Ukraine in Weimar, die immer noch bei Privatleuten untergebracht sind und nun weitgehend auf eigene Faust mühsam nach Wohnraum suchen müssen.

Nicht nur in den gößeren Städten in Thüringen sieht die Wonhraum-Situation für Geflüchtete schlecht aus. Auch in den Landkreisen Saalfeld-Rudolstadt oder dem Saale-Orla-Kreis beispielsweise werden nach wie vor Unterkünfte gesucht.

Wie ein Sprecher MDR THÜRINGEN auf Anfrage sagte, versuche die Stadt Weimar weiterhin, Wohnungen am Markt zu bekommen und grundhaft zu möblieren. Aber: Dies sei aufgrund des "sehr geringen Wohnungsleerstandes und der Lieferzeiten bei Möbeln sehr schwierig". Wohnraum in Großunterkünften oder Sporthallen versuche man zu vermeiden - Informationen gebe es außerdem auf der Homepage der Stadt. Für die selbstständige Suche nach Wohnraum rät die Stadt Weimar den Geflüchteten hingegen weiterhin eines: Geduld.

MDR

5 Kommentare

Hobby-Viruloge007 vor 1 Wochen

Die Ukrainer finden keine Wohnung, das sie aus Vermietersicht ein schlechtes Risiko sind. Flüchtlinge verziehen gerne mal unabgemeldet. Der Vermieter ist frühstens nach sechs Monaten wieder in der Wohnung, wenn keine Miete mehr kommt.Der Saat versucht die Kosten der Flüchtlingsunterbringung teilweise zu privatisieren was nicht funktionieren wird).

Warum man das sinnvolle alte Verfahren (Zentrale Landeserstaufnahme, dann Heim im Landkreis-, daraus heraus Wohnungssuche ) aufgegeben hat, wissen nur die Verantwortlichen. Gute gewollt ist halt nicht gut gemacht.

martin vor 1 Wochen

Ich schätze das auch so ein, dass das für einen Teil der geflüchteten Familien noch zu einem ernsthaften Problem werden kann.

Ich gehe jedoch davon aus, dass nicht alle Erwachsenen zurück wollen. Wenn die Heimat zerstört ist, es keine realistische Perspektive gibt, der Ehemann oder die Eltern nach D kommen konnten oder die Region unter russischer Kontrolle verbleibt und sich die Menschen hier integriert haben, dann wird sich die Frage anders stellen. Eine realistische Prognose über den Anteil der dauerhaft hier bleibenden Menschen halte ich derzeit aufgrund der vielen Ungewissheiten für nicht möglich.

martin vor 1 Wochen

Auch Väter im 'wehrfähigen Alter' durften legal gemeinsam mit der Familie ins Ausland flüchten, wenn sie entweder mind. 3 minderjährige Kinder oder ein anerkannt behindertes Kind haben - auch wenn die Umsetzung nicht zu jeder Zeit an allen Übergängen tatsächlich funktioniert habe.

Ihre Forderung nach einer diplomatischen Lösung des Konflikts ist sicher richtig - allein dafür scheint es derzeit keine Ansätze zu geben.

Zum völkerrechtlichen Status der vom Staat zur Landesverteidigung mit Waffen ausgerüsteten und kurzausgebildeten ukrainischen Staatsbürger kann ich keine Auskunft geben. Allerdings scheint der russischen Armee dererlei Dinge völlig egal zu sein.

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