Trauerkultur Junge Bestatter drängen auf mehr Freiheit beim Thema Beerdigung

Wie sie bestattet werden, können Menschen in Thüringen vor ihrem Tod oder ihre Angehörigen danach nur eingeschränkt bestimmen. Junge Bestatter zeigen, was möglich ist - und drängen auf mehr Freiheit.

Alternative Bestatter aus Nordhausen und Berlin versuchen, mehr Zeit für trauernde Angehörige zu finden. Denn Zeit bedeutet, den Tod besser zu begreifen.
Alternative Bestatter aus Nordhausen und Berlin versuchen, mehr Zeit für trauernde Angehörige zu finden. Denn Zeit bedeutet, den Tod besser zu begreifen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist erst früher Morgen. Trotzdem ist auf dem Nordhäuser Friedhof schon Betrieb. Angehörige schmücken Gräber, es wird Laub gefegt. Auch Vincent Hirschfeld ist schon seit einiger Zeit auf den Beinen. Der 23-Jährige ist Bestatter und richtet gerade die Trauerhalle ein.

"Wir nehmen uns für die Gespräche deutlich mehr Zeit mit den Angehörigen, machen die Trauergespräche nicht in einem, sondern zwei oder drei Gesprächen - je nachdem, wie viel Zeit die Angehörigen brauchen", so Hirschfeld. "Außerdem machen wir Hausaufbahrungen möglich, die Familie kann selbst den Sarg oder die Urne gestalten oder sie kann beim Einkleiden dabei sein. Und wir stellen fest, dass es immer mehr Menschen gibt, die dieses Konzept gut finden."

Vincent Hirschfeld, 23-jähriger Bestatter in Nordhausen
Bestatter Vincent Hirschfeld auf dem Friedhof. Bildrechte: MDR

Nicht erlaubt: Asche aus Urnen zu entnehmen

Tatsächlich trifft Hirschfeld damit einen Nerv. Denn rund zehn Prozent der Thüringer wünscht sich alternative Bestattungsmöglichkeiten. Dabei geht es nicht vordergründig um fehlende Zeit. Sondern um die Frage: Was darf ich von Verstorbenen bei mir behalten? Der Freistaat hat bundesweit mit die strengsten Auflagen und Asche aus Urnen zu entnehmen, ist zum Beispiel nicht erlaubt.

Aus diesem Grund möchten die Grünen in Thüringen das Bestattungsgesetz im Freistaat genau an diesem Punkt neu regeln. Madeleine Henfling, die grüne Innenexpertin im Thüringer Landtag, sagt dazu: "Es gibt Angehörige, die wünschen sich, einen Teil der Asche mit nach Hause nehmen zu dürfen - und das geht in Thüringen nicht."

Henfling ist sich bewusst, dass die Debatte darüber sehr sensibel geführt werden muss. Es gäbe eine Menge Fragen zu klären: Soll nur der Wunsch der Verstorbenen gelten? Welche Rechte haben die Angehörigen? Inwieweit soll man das Verbot der Ascheteilung generell lockern? Und: Ist eine Debatte zur gesetzlichen Liberalisierung nicht vielleicht auch auf Bundesebene nötig?

Madeleine Henfling (Bündnis 90/Die Grünen) möchte das Verbot der Ascheteilung neu debattieren.
Madeleine Henfling, innenpolitische Sprecherin der Grünen in Thüringen. Bildrechte: MDR/Dian Zetkow

Das ist erlaubt: Sarg anmalen, Lieblingssocken mitgeben

Junge Bestatter wie Vincent Hirschfeld begrüßen solche politischen Ansätze. Er würde aber noch etwas ändern wollen. "Ich würde die Friedhofspflicht lockern. Zumindest bei Urnen. Warum sollte man die Asche nicht am Lieblingsort des Verstorbenen verstreuen - irgendwo im Wald." Oder warum sollte man einen Sarg nicht anmalen dürfen? Ein Päckchen Kaffee oder die Lieblingssocken mitgeben auf die letzte Reise?

Sarah Benz klärt im Netz über Rechte von Angehörigen von Verstorbenen auf
Einen Sarg anmalen ist erlaubt als Abschiedsritual. Bildrechte: Sarah Benz

Was noch alles erlaubt ist rund um die Totenfürsorge, darüber klärt Bestatterin Sarah Benz aus Berlin auf. Unter dem Namen Sarah von den Sarggeschichten regt sie auf Plattformen wie Twitter oder YouTube zum Nachdenken an. "Die Sarggeschichten sind ein Projekt, um Mut zu machen, das sind so Mutmachfilme", so Benz. "Wenn mich jemand fragen würde und ich müsste es in zwei Worten erklären, würde ich sagen, dass ist die Sendung mit der Maus für Sterben, Tod und Trauer."

Alle Menschen sollen wissen, dass sie zu ihren Toten gehen können. Es darf niemand einem zugehörigen Menschen verbieten, einen toten Menschen zu sehen.

Sarah Benz Bestatterin aus Berlin

Sarah von den Sarggeschichten informiert im Netz zu alternativer Bestattung, Trauer und Umgang mit dem Tod.
Sarah von den Sarggeschichten informiert im Netz zu alternativer Bestattung, Trauer und Umgang mit dem Tod. Bildrechte: Sarah Benz

Mehr Zeit zum Trauern einräumen

Für Vincent Hirschfeld war Sarah Benz unter anderem Vorbild, als er in der Ausbildung war. Ihren Ansatz, sich viel Zeit zu nehmen und die Angehörigen eng mit einzubinden, will er als sein Profil in Nordhausen anbieten. Er ist der Meinung, dass mehr Zeit zum Trauern, mehr Zeit zum Abschiednehmen haben, auch bedeutet, den Verlust eines Menschen besser zu verstehen. "Mir ist es wichtig, dass sich Angehörige mit ihrer Trauer beschäftigen", so Hirschfeld.

Er hat nun die Trauerhalle auf dem Nordhäuser Friedhof fertig geschmückt. Rote Rosenblätter liegen um die Urne aus Kirschholz. Kerzen sind angezündet. Von dem emsigen Treiben draußen bekommt man hier nichts mit. Es ist still - und friedlich.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 20. November 2022 | 19:00 Uhr

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