Soziokultur Von Bonn nach Ostthüringen: Ein Kultur-Späti in Altenburg

MDR THÜRINGEN-Reporter Marian Riedel
Bildrechte: MDR/Daniela Dufft

Damit hat in Altenburg wohl niemand gerechnet: Vor einem Jahr eröffnete eine Gruppe junger Leute den Kultur-Späti. Vor Ort gibt es unverpackte Nahrungsmittel und Getränke zu kaufen. Im Keller kann man Klamotten und Platten durchstöbern. Außerdem leben und arbeiten zeitweise im alten Casino Künstler. Die Gruppe hofft, in Altenburg mit eigentlich gehobener Altersstruktur weiterhin Fuß zu fassen.

Großstadt-Idee trifft auf Kreisstadt-Milieu. So lässt sich der Reiz eines Projektes beschreiben, das nun bald sein einjähriges Jubiläum erleben wird. In Altenburg, im Osten Thüringens. Dort gibt es nun auch, was es in Berlin, Leipzig oder Hamburg gibt: einen "Kultur-Späti". Einen Unterschied zu den Metropolen gibt es allerdings: In Altenburg ist der Laden für Laufkundschaft bisher nur mittwochs geöffnet, von 10 bis 21 Uhr.

Im Angebot: Regionales, Unverpacktes und Unerwartetes

"Aber es gibt die Chance, bei uns jeden Tag einkaufen zu können", sagt Jan Ole Sierck. "Wer Mitglied in unserem Späti-Verein ist, der hat einen Transponder und kann zu jeder Zeit in den Laden." Der hat am Altenburger Roßplan vor knapp einem Jahr seine Türen erstmals geöffnet. Da war alles noch sehr spartanisch eingerichtet. Inzwischen ist die Ausstattung mit dem Einkaufssortiment gewachsen.

Ein junger Mann steht in einem Ladden.
Jan Ole Sierck erklärt die Mitgliedschaft im Verein. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In Kühlsäulen stehen Limonaden und andere Getränke. 70 Sorten - da gibt es also nicht nur längst bekannte Angebote, sondern auch Unerwartetes aus fernen Gefilden. In einer Gefriertruhe wartet unter anderem leckeres Eis auf Kunden. Insgesamt sind im Späti-Sortiment etwa 300 Waren - vom Lebensmittel bis zur Seife. In mehreren Regalen stehen auch kleine Tonnen mit losen Lebensmitteln. Wie Dinkel, Roggen, Reis, Hafenflocken und Linsen - alles unverpackt.

Mitmachen im Späti-Verein sichert Rabatt

Wer ein Behältnis mitbringt - oder im Laden mietet - muss sich zunächst nur die Hände desinfizieren, dann seine Wunschware mit einem großen Löffel einladen, die Waage benutzen und Menge und Preis vom Warensticker scannen - schon kann an der Kasse bezahlt werden. "Vereinsmitglieder bekommen 30 Prozent Rabatt", erklärt Jan Ole Sierck, der Vorstand des Kulturspäti Altenburg w.V. des wirtschaftlichen Vereins.

Der hat inzwischen mehr als 35 zahlende Mitglieder, die aber zum Teil auch ihre Familien oder Wohngemeinschaften aus dem Späti mitversorgen. Ob das Projekt überhaupt angenommen würde, das war zum Start 2021 nicht absehbar. Und ja, wenn die Umsätze und Erlöse höher wären, dann könnte der Laden auch für die Laufkundschaft nicht nur an einem Tag öffnen. Aber das kann ja noch werden.

Ein Mann stellt ein Metallfass auf einen Tisch.
Um Verpackungsmüll zu sparen, gibt es viele Lebensmittel unverpackt aus großen Behältern zu kaufen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Laden und die Kultur

Aber, wo bleibt eigentlich das, was auch noch im Namen des Ladens steckt, die Kultur? Die Antwort heißt: "Kleiner Laden + urbane Soziokultur + Gemeinschaft = Kulturspäti". So steht es auf der Internetseite des Vereins, auf der es auch Kulturempfehlungen gibt. Dazu gehören Büchertipps, Hinweise auf Museumsführungen oder Film-Empfehlungen.

Draußen vor dem Kulturspäti sitzen zwischen Hochbeetkästen mit Kräutern, Tomaten und Gurken junge Leute. Ja, ein Treff für zum Quatschen, den habe die Altersgruppe zwischen 17 und 25 hier gefunden, erzählt Loreena Rauschenbach. Sie ist in Altenburg zur Schule gegangen, hat gerade ihr Abitur gemacht und will ab Herbst Soziologie studieren. Loreena findet es gut, dass der Laden junge Leute aus der Stadt mit Wahl-Altenburgern zusammenbringt.

Eine Frau erklärt etwas zu einem Interviewer.
Loreena Rauschenbach ist froh über den Treffpunkt im Späti. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Denn es waren fünf Absolventen der Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfer bei Bonn, die den Anfang machten für den Kulturspäti. Sie zogen mit dem Laden in ein seit langer Zeit leerstehendes Geschäft ein. Inzwischen haben sie nur ein paar Schritte entfernt noch ein altes Gebäude neubelebt: das Casino am Roßplan.

Künstlerprojekt findet Anklang und Unterstützung

Dort starteten sie ein Projekt, das Künstler aus ganz Deutschland für jeweils vier bis sechs Wochen nach Altenburg holt. Kilian Wiest ist froh, dass diese Projektidee von der Kulturstiftung des Landes, von der Sparkassen-Kulturstiftung und von Privaten unterstützt wird. Als sie an allen Kunsthochschulen in Deutschlands darauf aufmerksam machten, kamen ganz schnell mehr als 70 Bewerbungen in Altenburg an.

Ein Mann läuft durch einen Raum.
Temporär können vor Ort Künstlerinnen und Künstler residieren und werken. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Chef der Altenburger Museen unterstützte dann die Auswahl der Stipendiaten, die jeweils 200 Euro pro Woche bekommen und während des Arbeitsaufenthaltes kostenlos logieren dürfen. Eine Theaterautorin war schon da, ein Bildhauer und Tonkünstler auch. Am Ende soll es mal eine Schau mit Arbeiten der Gastkünstler geben. Wieder so eine Sache, mit der in Altenburg wohl niemand gerechnet hatte.

Wenig junge Menschen in Altenburg

Kilian Wiest, der den Alfter Pilotstudiengang für Kunst, Philosophie und Gesellschaft absolviert hat, sagt: In ein paar Wochen werden wir mal für uns selbst Bilanz ziehen. So hatten es die Wahl-Altenburger bei ihrer Ankunft hier vereinbart. Er meint, um Projekte zum Erfolg zu bringen, müsse man sich Zeit gönnen. Das klingt nicht nach schnell wieder verschwinden.

Ein Mann sitzt in einem Stuhl auf einem Platz.
Kilian Wiest hat das Projekt mit aufgezogen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aber Kilian sagt auch, es sei nicht leicht, Freundschaften in Altenburg zu gründen, weil einfach die Leute in seiner Altersgruppe nicht da sind.

Auch der Kieler Jan Ole Sierck hat festgestellt, dass Altenburg zu den Städten mit der ältesten Bevölkerung gehört. Es wäre einfach gut, wenn es ein Bildungsangebot in der Stadt gäbe, das junge Leute lockt und hält, sind sich die Zugereisten einig. Zustimmung findet das auch bei jungen Altenburgern wie Loreena, die zum Studium weggehen.

Eine junge Frau steht vor einem Schuhregal in einem Zimmer.
Loreena Rauschenbach durchstöbert im Keller das Sortiment. Bildrechte: MDR/Marian Riedel

Ganz ohne Freunde vor Ort sind sie natürlich nicht geblieben: Einer heißt Tobias Scheibner, ist studierter Industriekaufmann und arbeitet inzwischen als Personaler bei einer Pflegefirma. Jetzt ist er Mitbetreiber für den "Laden im Keller".

Dort, unter dem Späti, gibt es Schallplatten und Spielsachen, Schuhe und auch Kleidung aus zweiter Hand. Oben, versorgt sich Tobias als Späti-Vereinsmitglied mit den Waren des täglichen Bedarfs aus dem Sortiment des für Altenburg noch ungewöhnlichen Ladens.

Eine Gruppe sitzt vor einem Haus.
Auch einfach mal Abhängen geht gut vor dem Späti. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR (dst)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 30. Juli 2022 | 19:00 Uhr

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