Landkreis Greiz Polter-Hochzeit im Elstertal: Wünschendorf und Berga wollen fusionieren

Die geplante Gemeindefusion von Wünschendorf und Berga im Landkreis Greiz hat bei drei Einwohnerversammlungen in dieser Woche zu hitzigen Diskussionen geführt. So fühlten sich viele Besucher bei der Versammlung am Donnerstagabend in Wünschendorf zu spät über die Pläne informiert. Sie forderten einen Bürgerentscheid über die Fusion.

Personen an einem Konferenztisch
Der Wünschendorfer Bürgermeister Marco Geelhaar (parteilos, mit Mikrofon) spricht zu den Fusionsplänen seiner Gemeinde. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Der Tanzsaal der "Elsterperle" in Wünschendorf ist gut gefüllt, kurz vor 7 Uhr werden noch Stühle hereingetragen. Etwa 200 Menschen wollen hören, was geplant ist: Wünschendorf und Berga planen zu fusionieren. Der vierte Vertragsentwurf liegt bereits vor, Kommunalaufsicht und Landesverwaltungsamt haben Zustimmung signalisiert. Doch Wünschendorfs parteiloser Bürgermeister Marco Geelhaar betont gleich zu Beginn der Sitzung: "Entschieden ist noch nichts." Er wird es schwer haben, die Fusionspläne an diesem gewittrigen Donnerstagabend seiner Gemeinde schmackhaft zu machen.

Der Ort Wünschendorf an der Elster von oben.
Wünschendorf an der Elster. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Alle gegen Wünschendorf?

Die Gemeinde Wünschendorf fühlt sich nicht wohl in ihrer derzeitigen Verwaltungsgemeinschaft - mit zehn weiteren Orten von Seelingstädt bis Teichwitz. Immer wieder seien Vorhaben durch die anderen Gemeinden überstimmt worden, als größter Geldgeber habe man trotzdem nur eine Stimme in der VG, jeder Ort wirtschafte für sich, berichten Geelhaar und einige Gemeinderäte von den Problemen. "Wir hatten gehofft, dass die anderen so 'dörflich' denken wie wir und wir gut zusammenarbeiten, nach dem Motto: Jeder für Jeden", erzählt Gemeinderat Günther Müller (BGW). Doch die VG sei nicht mehr Mutter der Wünschendorfer Gedanken.

Beim Beitritt 2012 war festgeschrieben worden, dass der Verwaltungssitz Wünschendorf ist. Trotzdem wurde der Standort in Seelingstädt für eine Dreiviertel Million Euro ausgebaut. Und nun ziehen auch noch die vier Mitarbeiter der VG aus dem mietfreien Wünschendorfer Rathaus in die kostenpflichtige benachbarte leere Sparkasse um. "Das hat das volle Fass zum Überlaufen gebracht", erklärt ein sichtlich empörter Gemeinderat Müller.

Sorge vor dem Statusverlust in Berga

Ein neuer Partner muss her. Nachdem in der Vergangenheit Gespräche mit Berga schon scheiterten, sind dieses Mal die Voraussetzungen andere. Denn Berga gehen die Einwohner verloren, es benötigt dringend einen Partner. Dem Städtchen droht, was Wünschendorf schon passiert ist: In drei, vier Jahren hat Berga weniger als 3.000 Einwohner, aktuell sind es gerade mal 3.224. Damit geht bald der Status als Grundzentrum verloren. "Wer kein Grundzentrum ist, ist für das Land Thüringen im Grunde nicht existent", erklärt Wünschendorfs Bürgermeister Geelhaar die Misere.

Hauptamtlicher Bürgermeister, eigene Verwaltung, mehr Geld vom Land plus Hochzeitsprämie, eigene Schulen und Kindergärten, die Ausweisung neuer Wohn- und Gewerbeflächen, mehr Arztpraxen und Einkaufsmöglichkeiten - all das steht einem Grundzentrum zu. Genau wie mehr Entscheidungsbefugnis in Gremien. Wünschendorf hat aktuell 2.755 Bewohner. Der ehrenamtliche Bürgermeister Geelhaar hat damit fast so viele Schäfchen zu hüten wie sein hauptamtlicher Kollege Peter Beyer in Berga - nur eben im "Nebenjob" nach Feierabend.

Blick in ein Tal
Das Elstertal bei Berga. Bildrechte: MDR / Heike Neuhaus

Zukunftssicher im Elstertal?

Eine Weiterentwicklung sei in der VG mit zehn weiteren Gemeinden derzeit nicht möglich, so Geelhaar. In Gesprächen mit Berga dagegen wurden gemeinsame Schnittpunkte entdeckt, die Gemeinden wollen sich zukunftssicher aufstellen. Für die Bürger soll sich nicht viel ändern. Kommunale Einrichtungen wie Kindergarten und Jugendclubs sollen erhalten bleiben, genau wie die Feuerwehren und lokales Brauchtum. Grund- und Regelschule besuchen die Wünschendorfer bereits jetzt in Berga, viele nutzen die dortigen Vereine. Auch am Stadtwappen werde sich nichts ändern, räumt Geelhaar Bedenken aus. Die Orte sind durch Weiße Elster und Bahnstrecke verbunden und könnten nun näher zusammenrücken.

Die Befürworter der Fusion bleiben in der Versammlung eher still, die Gegner und Zweifler fragen und diskutieren. "Wünschendorf hat Geschichte, Berga nichts.", "Gibt es denn keine andere möglichen Partner?", "Berga hat doch nur Schulden". Die Frage nach der künftigen Höhe von Kindergartenbeiträgen und Grund- oder Gewerbesteuern kann Geelhaar nicht beantworten. Das werde erst nach der Fusion angepasst, darüber müsse der künftige Stadtrat entscheiden, erklärt er.

Blick in einen Sitzungssaal
Viele Bewohner fordern eine Bürgerbeteiligung und stehen den Fusionsplänen kritisch gegenüber. Bildrechte: MDR/Franziska Heymann

Fusionsgegner bleiben skeptisch

Besucher der Einwohnerversammlung fürchten um die Identität des Ortes, kritisieren die späte Information und mangelnde Transparenz, finden die Idee furchtbar, einen neuen Namen wie beispielsweise "Elstertal" für die künftige Einheitsgemeinde zu suchen. Den Argumenten und Erklärungen von Geelhaar und seinen Gemeinderäten trauen sie nicht. Stadtwappen und Einrichtungen bleiben erhalten? "Das glaub ich nicht", sagt ein Mann nach der Versammlung.

Auch die Tatsache, dass Berga nach Jahren der Haushaltskonsolidierung bis zur geplanten Fusion 2024 fast schuldenfrei sein wird (und die auch Bergas Bürgermeister Beyer im Gespräch mit MDR THÜRINGEN bestätigte), stößt auf taube Ohren. Wünschendorfs Bürgermeister Geelhaar erklärt sogar, dass durch geplante Investitionen in den Kindergarten erst einmal Wünschendorf die höheren Schulden hat.

Der Ort Berga an der Elster in Thüringen von oben.
Berga an der Elster. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Fusion 2023 - Bürgerbeteiligung nicht vorgesehen

Geplant ist die Elstertal-Hochzeit für den 1. Januar 2024. Noch in diesem Sommer sollen die Gemeinderäte zustimmen, damit bestenfalls noch in diesem Jahr der Landtag über die Fusion entscheiden kann. Immer wieder wird nach alternativen Partnern und einer Bürgerbeteiligung gefragt. Gera und Weida sind für das kleine Wünschendorf keine Option. Seelingstädt und die anderen Orte aus der bestehenden VG wollen nicht, heißt es vom Podium. Bleibt nur Berga. Eine Bürgerbeteiligung in Form von Umfrage, Abstimmung oder gar Entscheid ist im Verfahren nicht vorgesehen und rechtlich nicht notwendig, erklärt Geelhaar. Deutlich wird in der Versammlung aber: Ohne weitere Aufklärungsarbeit dürfte es schwer werden, mehr Menschen von der Fusionsidee zu überzeugen.

MDR (ls)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 18. Mai 2022 | 19:00 Uhr

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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