Prof. Dr. Andreas Stallmach, Klinikdirektor Innere Medizin, Universität Jena
Professor Dr. Andreas Stallmach: "Wir können den Patienten helfen, wenn auch nicht allen Patienten." (Archivbild) Bildrechte: MDR/ Universitätsklinikum Jena

Corona Hilfe bei Long Covid: "Wir machen kleine Schritte in die richtige Richtung"

08. Juli 2022, 05:00 Uhr

Professor Dr. Andreas Stallmach leitet das Post-Covid-Zentrum am Universitätsklinikum Jena. Wir sprachen mit ihm über Fortschritte in der Erforschung von Long Covid und neue Behandlungsmöglichkeiten.

Herr Professor Stallmach, gibt es inzwischen neue Behandlungsmöglichkeiten bei Long Covid?

Professor Dr. Andreas Stallmach: Da müssen wir zwischen den verschiedenen Unterformen von Long Covid unterscheiden. Es gibt viele Studien zu diesem Thema, aber noch nicht für jeden Patienten einen Behandlungsansatz. Beispielsweise gibt es derzeit keine einzige Studie, die belegt, dass der Einsatz von Medikamenten ursächlich bei Long Covid hilft.

Aber es gibt mittlerweile Studien, die zeigen, dass eine physikalische Therapie, also eine Bewegungs- und Atemtherapie hilft, die körperliche Leistungsfähigkeit und die Lungenfunktion der Patienten signifikant zu verbessern.

Was wurde in diesen Studien genau gemessen?

Andreas Stallmach: Die Studien haben überprüft, wie weit Patienten mit chronischem Erschöpfungssyndrom, Patienten, die unter einer eingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeit leiden, auf einem Laufband belastet werden können, ohne sie zu überfordern. Ziel der Studien war die Verbesserung der Leistungsfähigkeit. Diese Studien wurden über acht bis zwölf Wochen durchgeführt.

Was wurde herausgefunden?

Andreas Stallmach: Die Studien haben nachgewiesen, dass ein niedrigintensives, aber regelmäßiges körperliches Training den Patienten wirklich nützt. Die körperliche Belastung sollte da bei 50 bis 60 Prozent der maximalen Belastung liegen. Maximale Belastung heißt: Eine Herzfrequenz von 220 minus Lebensalter. Davon circa 60 Prozent ist eine optimale Belastung für Long-Covid-Patienten, um allmählich die körperliche Leistungsfähigkeit zu steigern.

Wann spüren die Patienten eine Verbesserung?

Andreas Stallmach: All diesen Verfahren ist gemeinsam, dass sie Zeit brauchen, viel Zeit. Drei bis vier halbstündige Interventionen pro Woche über einige Wochen sind notwendig. Mit Interventionen sind Trainings- oder Bewegungseinheiten gemeint. Das kann ein langsames Spazierengehen, ein schnelleres Spazierengehen oder auch ein moderates Laufen sein. Dann werden die Patienten feststellen, dass ihre Beschwerden tatsächlich besser werden. Wichtig ist, dass das Training nicht hochintensiv ist, denn eine Überlastung kann zu einer Verschlimmerung der Beschwerden führen.

Können Patienten diese Therapie in Eigenregie durchführen?

Andreas Stallmach: Selbermachen ist nicht gut, denn bestimmte Herz- und Lungenkrankheiten müssen ausgeschlossen sein. Ich empfehle die Zusammenarbeit mit dem Hausarzt und einem Physiotherapeuten. Außerdem ist ein Fitnessarmband hilfreich. So kann der Patient die Fortschritte, die, weil sie langsam erfolgen, schwierig zu erkennen sind, tatsächlich auch registrieren. Man muss sich das aufschreiben, um die Fortschritte zu sehen.

Das Gute an dieser Therapie ist: Nicht nur die Leistungsfähigkeit und die Lungenfunktion verbessern sich, sondern auch die Lebensqualität vieler Betroffenen insgesamt. Die Stimmung wird besser, wenn die Patienten merken, dass es ihnen hilft.

Stehend aufgereihte, abgebrannteStreichhölzer. Linkes Streichholz brennt noch etwas, rechte Streichhölzer biegen sich deutlich immer weiter nach rechts.
Professor Dr. Andreas Stallmach: "Überlastung kann zu einer Verschlimmerung der Beschwerden führen." Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Rechnen Sie demnächst mit weiteren Therapieansätzen?

Andreas Stallmach: Zu Long Covid wird derzeit ganz intensiv geforscht. Ich bin sicher, dass mit jedem Monat unser Wissensstand ansteigt. Klar ist aber auch: Es gibt noch keine Langzeitstudien zu Post Covid, es kann keine geben, denn dafür gibt es die Erkrankung noch nicht lange genug.

Was kann Patienten helfen, die unter Konzentrationsproblemen leiden?

Andreas Stallmach: Es gibt Apps, mit denen man seine Konzentrationsfähigkeit verbessern kann. Unsere Vermutung ist, dass die Konzentrationsfähigkeit verbessert wird, wenn man die Übungen in den Apps drei- bis viermal pro Woche macht. Das ist aber nur eine Hypothese, deshalb kann ich da noch keine Empfehlung geben. Auch hierzu werden Studien durchgeführt.

Sie sind Leiter des Post-Covid-Zentrums am Universitätsklinikum Jena. Können Sie all Ihren Patienten helfen?

Andreas Stallmach: Es gibt einige Patienten, die sagen, dass es ihnen besser geht. Das macht mir Mut und damit kann ich anderen Patienten Mut machen. Aber ich sehe auch einige Patienten, bei denen die Beschwerden nicht besser werden. Verzweiflung darf aber nicht dazu führen, dass man irgendetwas ausprobiert, in der Hoffnung, dass es hilft.

Es gibt ja positive Einzelberichte in den sozialen Medien über alternative Handlungsansätze, die die Patienten aber meist selbst bezahlen müssen. Klar ist: Das darf man nicht generalisieren und sagen, das hilft allen. Das, was im Einzelfall funktioniert, ist eben nur ein Einzelfall, vergleichbar mit einem Lottogewinn des Einzelnen, aber viele verlieren eben auch. Die Frage ist immer: Nützen diese teuren Therapien wirklich den Patienten? Somit sind kontrollierte Studien wichtig.

Auf einem Krankenschein steht die Diagnose Long Covid
Long Covid ist für die Betroffenen sehr belastend und führt oftmals dazu, dass sie nicht arbeitsfähig sind. (Symbolbild) Bildrechte: imago images/Steinach

Long Covid betrifft viele Menschen, das RKI gibt an, dass je nach Studie 7,5 bis 41 Prozent der Erwachsenen nach einer Sars-Cov-2-Infektion unter Long Covid leiden. Können Sie derzeit überhaupt neue Patienten aufnehmen?

Andreas Stallmach: Leider nicht. Alle Termine unserer Long-Covid-Ambulanz sind für dieses Jahr schon vergeben und dabei haben wir gerade mal Juni. Wir haben eine lange Warteliste. Sehen Sie, Long Covid ist seit noch nicht einmal zweieinhalb Jahren in Deutschland bekannt. Es braucht auch Zeit, um Strukturen zu schaffen. So ein Gesundheitssystem kann nicht von Null auf Hundert hochgeschaltet werden, aber alle Beteiligten arbeiten intensiv daran.

Was hat sich seit den ersten Long-Covid-Fällen getan?

Andreas Stallmach: Es geht voran. Wir machen kleine Schritte in die richtige Richtung. Wir lernen immer mehr über die Erkrankung, der Wissensstand steigt stetig an. Wir können den Patienten helfen, wenn auch nicht allen Patienten.

Das Gute ist: Es gibt zunehmend Konzepte, die tatsächlich den Patienten nützen. Aber die Patienten brauchen Zeit und Geduld, um sie umzusetzen.

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MDR (caf)

3 Kommentare

Christian Z. am 09.07.2022

Die Behauptung, dass Training gegen das Chronic-Fatigue-Syndrom ME/CFS helfe, ist leider Unsinn. Prof. Stallmach scheint überhaupt nicht klar zu sein, was das ist. Chronische Erschöpfung ist etwas ganz anderes als ME/CFS, einer vermutlich autoimmunen Krankheit, bei der die Energieproduktion auf zellulärer Ebene stark beeinträchtigt ist. Bei ME/CFS-Patienten verschlechtert sich der Zustand durch körperliches Aufbautraining oftmals dauerhaft und viele Betroffene sind erst durch diese Fehlbehandlung bettlägerig geworden bzw. auf einen Rollstuhl angewiesen. Da schwere Formen von Long/Post Covid ebenfalls das Krankheitsbild ME/CFS erfüllen, gilt für diese Fälle dasselbe.

Freies Moria am 08.07.2022

Bewegung hilft jedem, der dazu in der Lage ist. Das liegt daran, daß Bewegung die körpereigenen Vorgänge aktiviert, insbesondere auch Regenerations- und Wachstumsprozesse.
Wenn das als einziges Ergebnis herausgekommen ist, dann ist das dürftig, denn das wusste man in der allgemeinen Form ja schon vorher.
Im Schweizer Fernsehen lief neulich eine Doku zu Long Covid und dort war man der Auffassung daß diese Gruppe von Folgekrankheiten nicht Corona-spezifisch ist, sondern schon lange als seltene Folge von schweren Virenerkankungen bekannt ist.
Dazu hier kein Wort, auch das könnte besser sein.
Für die betroffenen Patienten fehlt die ehrliche Ansage: Im Moment gibt es keine aussagekräftigen Studien, deshalb muss man jeden Einzelfall durchprobieren, und dazu braucht es einen willigen und fähigen Arzt Ihres Vertrauens und extrem viel Geduld und auch eigene Mitwirkung.

Ralf G am 08.07.2022

Für die Betroffenen ist das alles wenig ermutigend. Interessant wäre gewesen zu erfahren, welche Untersuchungen in der Ambulanz vorgenommen werden.

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