Ein Bus hält in einem Dorf an der Haltestelle
Bisher halten Busse im Saale-Orla-Kreis nur nach Fahrplan. Doch das soll sich mit einer App ändern. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Kombus Bus per App bestellen: Wie der Nahverkehr im Saale-Orla-Kreis attraktiver werden soll

26. November 2023, 12:01 Uhr

Das 49-Euro-Ticket führt vor allem in den Städten zu höheren Fahrgastzahlen. Auf dem flachen Land dagegen fehlt meist das Angebot. Im Saale-Orla-Kreis soll ein neuer Bedarfsverkehr jetzt das Busfahren attraktiver machen.

Um 12:46 Uhr fährt der letzte Bus des Tages durch das kleine Gräfendorf im Saale-Orla-Kreis. Zwei ältere Frauen steigen ein in Richtung Pößneck. Dreimal täglich wird die Haltestelle vom kommunalen Busunternehmen Kombus angefahren - allerdings nur wochentags und außerhalb der Ferien. Wer hier wohnt, ist vor allem abends und am Wochenende auf das eigene Auto angewiesen.

Mobilitätsanalyse zeigt: Wunsch nach besserer Anbindung groß

Das ist auch das Ergebnis einer Mobilitätsanalyse, die vom Landratsamt in Schleiz in Auftrag gegeben wurde. Vor allem Jugendliche und ältere Menschen wurden befragt. Beide Altersgruppen wünschen sich mehr Verbindungen im ÖPNV und flexiblere Angebote. Außerdem sollen diese barrierefrei, einfach verständlich und sicher sein.

Wann und wo sind die Befragten unterwegs? Aus der Mobilitätsanalyse geht hervor:

60 Prozent der Jugendlichen beginnen ihre Freizeitaktivitäten zwischen 14 und 18 Uhr.

40 Prozent der Jugendlichen beenden ihre Freizeitaktivitäten nach 20 Uhr.

70 Prozent der Jugendlichen haben ihr Wegeziel außerhalb des Heimatortes.

70 Prozent der Senioren haben ihre Freizeitziele im Heimatort.

Als große Schwäche sehen die Befragten, dass sich das Busangebot abseits der Städte im Wesentlichen auf den Schülerverkehr konzentriert und die Fahrten nicht miteinander vertaktet sind. Das macht das Umsteigen schwieriger und Fahrzeiten länger. Zum Teil kommen Reisende gar nicht wieder zu Hause an - oder erst am nächsten Tag.

Per App den Bus bei Bedarf anfordern

Eine Lösung sieht das Landratsamt in der Einführung eines sogenannten Bedarfsverkehrs. Das ist nicht neu und wurde bisher schon in verschiedenen Regionen getestet, mit mehr oder weniger Erfolg.

Drei Männer unterhalten sich. Auf dem Tisch liegen Netzfahrpläne.
Kombus plant eine App, die den regulären Fahrplan um ein Bedarfsangebot erweitert. Nutzer sollen per App einen Bus anfordern können. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Auch bei Kombus in Saalfeld laufen derzeit Planungen für ein solches Angebot. Allerdings setzen die Saalfelder dabei auf eine intelligente Vernetzung und die Nutzung einer speziellen Software. Während bei bisherigen Angeboten die Kosten irgendwann aus dem Ruder liefen, will Kombus mit möglichst wenig finanziellem Aufwand mehr Busverkehr auf die Fläche bringen.

Dafür überarbeitet das Saalfelder Unternehmen Batix derzeit die hauseigene Kombus-App. In Zukunft sollen die Nutzer in entlegenen Dörfern der Landkreise Saalfeld-Rudolstadt oder Saale-Orla über das Smartphone einen Bus bestellen können. Zu einer festen Uhrzeit oder im Abo für den täglichen Weg zur Arbeit. Im Mai soll der Testbetrieb mit vier neuen Kleinbussen starten. Alle sind barrierefrei nutzbar - für Rollstuhl oder Kinderwagen. Im Idealfall sollen die Kleinbusse die Reisenden zum nächsten Bus- oder Bahnknoten bringen. Oder gleich direkt zum Ziel. Sollte das Deutschlandticket auch im kommenden Jahr Bestand haben, soll es auch für dieses Angebot gelten.

App soll für jeden leicht verständlich sein

"Die App braucht eine einfache Benutzeroberfläche für Zielgruppen jeglichen Alters", sagt Batix-Geschäftsführer Jörg Flügge. "Die dürfen gar nicht spüren, was an Komplexität dahintersteckt." Denn die neue App soll nicht nur den Nutzern das Busfahren so angenehm wie möglich machen, sie muss auch im Hintergrund viele Rädchen in Bewegung setzen.

Ein Mann steht an einem Computer, auf dem ein Software-Code zu sehen ist.
Die Software hinter der App ist kompliziert, weil sie im Hintergrund viele Prozesse koordinieren muss. Auf dem Handybildschirm soll die App hingegen leicht verständlich sein. Bildrechte: MDR/Andreas Dreißel

Die Software prüft, welche Fahrer in der Nähe und welche Busse verfügbar sind. Außerdem sorgt sie für die Abrechnung nach der Fahrt. Fahrer in Bereitschaft dürfen erst dann in Bewegung gesetzt werden, wenn klar ist, dass sie später ihre reguläre Fahrt ohne Probleme antreten können. Aufgaben, die früher Disponenten erledigten. Die Saalfelder setzen dabei auf den Test ab Mai, um die App später noch verbessern zu können.

Testbetrieb startet im Mai mit vier Kleinbussen

Mit zunächst vier Bussen will Kombus den Testbetrieb starten, mit Standorten in Oettersdorf, Bad Lobenstein, Neustadt an der Orla und Pößneck. Vor allem am späten Vormittag und abends können die Kleinbusse dann bestellt werden. Im Erfolgsfall soll die Flotte auf 15 Fahrzeuge ausgebaut werden und damit mehr Mobilität auf die kleinen Dörfer bringen.

ÖPNV auf dem Land

MDR (ask)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | THÜRINGEN JOURNAL | 26. November 2023 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

martin vor 13 Wochen

In der von Ihnen formulierten Schärfe teile ich die Einschätzung nicht. Allerdings wird in der Tat ein Teil der älteren Dorfbewohner die App nicht selbst nutzen. Sie sollten allerdings die "dörfliche Hilfsbereitschaft untereinander" nicht unterschätzen. Und es wohnen ja nicht nur Ü70 im ländlichen Raum.

Harka2 vor 13 Wochen

Vollkommen weltfremd. Als ob die betroffenen älteren Menschen mit einer App umgehen könnten. Da wird nur wieder ein Haufen Geld in einer Alibilösung verbraten, die von vornherein keine echte Lösung sein kann.

Jan Will vor 13 Wochen

Ein gutes Ansinnen...
Doch wenn ich lese, es wird getestet, dann bedeutet das letztlich wie immer: Es kann sich niemand drauf verlassen.
Eine Umstellung der Mobilität, beispielsweise weg vom Auto, wird nie klappen, wenn ÖPNV nicht garantiert wird. Niemand verkauft sein Auto für ein Test- oder Pilotprojekt. Vielmehr müssten Angebote 20 Jahre garantiert werden.

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