Eine junge Frau in einem Rollstuhl
Franziska Lisker kümmert sich nicht nur um die Büroarbeit. Sie ist auch im Werkstattrat in Altengesees aktiv. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Inklusion Weit mehr als "Bastelstuben" - Werkstätten für behinderte Menschen

24. Juni 2023, 14:00 Uhr

Die UN-Behindertenrechtskonvention fordert einen inklusiven Arbeitsmarkt. Deshalb fordern Kritiker immer wieder, Werkstätten für Menschen mit Behinderung abzuschaffen. Außerdem wird den Werkstätten vorgeworfen, die Menschen vom ersten Arbeitsmarkt fernzuhalten. Dazu kommt die Diskussion um das zu niedrige Arbeitsentgelt. Wir haben vor Ort nachgefragt:

Autorenbild Grit Hasselmann
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Seit fast 20 Jahren arbeitet Ronny Mantei in der Werkstatt für behinderte Menschen der Diakonie in Altengesees in Ostthüringen, vor allem mit Holz. "Ich bin in der Einwegpaletten-Produktion und bei Bedarf auch in der Tischlerei. Bei uns in unserer Gruppe ist jeder in der Lage, jede Tätigkeit durchzuführen", erzählt er.

Die verschiedenen Werkstätten in Altengesees

Ein Mann mit Lärmschutzkopfhörern
Jan-Kurt Rosenkranz arbeitet in der Holzwerkstatt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Mann mit Lärmschutzkopfhörern
Jan-Kurt Rosenkranz arbeitet in der Holzwerkstatt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Blick in eine Behinderten-Werkstatt
Blick in die Palettenproduktion. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Gespräch auf einem Hof
Das Holzlager. Hier führt Ronny Mantei gern Gespräche. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Mann in einer Behinderten-Werkstatt
Bernd Huschka freut sich besonders auf seine Kollegen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
In diesen Formen wird Brot gebacken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Die Stifte werden hier zusammengebaut und verpackt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das Gelände der Behinderten-Werkstatt der Diakonie
Der Pizza-Ofen ist selbstgebaut und wird gern genutzt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
In der Töpferei braucht es viele Arbeitsschritte. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Der Ofen ist nie leer. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Eine junge Frau in einem Rollstuhl
Franziska Lisker engagiert sich auch im Werkstattrat. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Stoffreste um Stangen gewickelt
Hier ensteht ein Flickenteppich. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Eine Person an einer Werkbank
Die Vorrichtung zum Flechten haben die Kollegen extra angefertigt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Webstuhl
Altes Handwerkswissen wird hier weitergegeben. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Frauen an Nähmaschinen
Kathrin Albrecht hat Spaß am Nähen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
an einer Nähmaschine
Und sie legt großen Wert auf Qualität. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Mantei schätzt es sehr, dass hier in der Werkstatt dazu auch die Möglichkeit besteht. "Man kann sich ausprobieren, kann herausfinden und auch zeigen, was in jedem Einzelnen steckt."

Keine Abstriche bei der Qualität

Möglichkeiten dafür haben sie viele bei der Diakonie: Allein in Altengesees wird gewebt, getöpfert, es gibt außer der Holzwerkstatt beispielsweise eine Bäckerei, eine Molkerei und auch einen Laden mit Café.

Bettina Schmidt ist bei der Diakoniestiftung unter anderem für die Werkstätten zuständig und arbeitet seit mehr als 25 Jahren mit behinderten Menschen. "Alles, was wir herstellen, wird verkauft. Und bei der Qualität akzeptieren unsere Auftraggeber keine Abstriche. Wir selbst natürlich auch nicht."

Bei der Qualität akzeptieren unsere Auftraggeber keine Abstriche. Wir selbst natürlich auch nicht.

Bettina Schmidt

Das, so sagt sie, hat auch für die Mitarbeitenden eine große Bedeutung. Immer wieder sind die deshalb auch bei Auslieferungen dabei. "Dann sehen sie selber die große Wertschätzung für ihre Arbeit" sagt Schmidt.

Eine Frau mit kurzen Haaren im Hofladen 10 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
10 min

Das Wichtigste für Britta Schmidt ist die Verbindung zwischen Teilhabe am Arbeitsleben und Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben in den Werkstätten.

MDR FERNSEHEN Do 15.06.2023 20:05Uhr 10:01 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/saale-orla/diakonie-schmidt-behinderten-werkstaetten100.html

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Gemeinschaft spielt große Rolle

Wichtig ist auch, sagt Ronny Mantei, dass jeder einbezogen wird. "Es gibt ja hier auch Menschen, die sehr schwer behindert sind", erzählt er. "Und auch die wollen gebraucht werden."

So haben die Kollegen in Altengesees beispielsweise eine Konstruktion entworfen und gebaut, die es einer Schwerbehinderten Frau ermöglicht, Teppiche zu knüpfen. "Sie braucht zwar länger, freut sich aber, etwas Schönes schaffen zu können", sagt Bettina Schmidt.

Ein Webstuhl
Dieser besondere Webstuhl ist extra für eine schwerbehinderte Kollegin gebaut worden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Und genau das, kritisiert Ronny Mantei, ist in normalen Betrieben nicht der Fall. Wenn überhaupt behinderte Menschen eingestellt werden, bekämen sie eher simple, eintönige Arbeiten übertragen, sagt er. "In den Kollegenkreis wird man auch nicht integriert. Das erzählen mir alle, die es versucht haben und zurückgekommen sind." Und als Werkstattrat redet er viel mit den Menschen, die hier arbeiten.

Deshalb kann er auch die Kritik nicht nachvollziehen, dass die Werkstätten zu wenig Menschen in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. "Das wird hier schon unterstützt. Aber alleine der Stress in den normalen Betrieben ist für viele von uns nicht durchzuhalten."

Der weite Weg zur Inklusion

Für Bettina Schmidt ist die Arbeitswelt einfach noch nicht bereit für echte Inklusion. "Da gibt es noch viele Vorurteile. Ich würde mir wünschen, dass Werkstätten wirklich als Teil der Inklusion gesehen werden, als inklusiven Ort der Bildung und Kommunikation."

Sie macht immer wieder die Erfahrung, dass es schwer ist, geeignete Aufträge zu bekommen, weil Firmen beispielsweise lieber im Ausland produzieren lassen als in Werkstätten für behinderte Menschen.

Was alles in in der Werkstatt Altengesees entsteht

Das Gelände der Behinderten-Werkstatt der Diakonie
Hier kann man alles kaufen, was produziert wird und auch Kaffee trinken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Das Gelände der Behinderten-Werkstatt der Diakonie
Hier kann man alles kaufen, was produziert wird und auch Kaffee trinken. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Egal, ob als Geschenk ... Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
oder für die eigene Küche, Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
die Becher und Körbe gibt es im Hofladen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Auch die Leckereien hier sind selbstgemacht. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Auch Museen und Firmen bestellen hier. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Verschiedene Stoffe finden Verwendung. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Auch auf besondere Designwünsche ... Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
stellt man sich hier gern ein. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Produkte, die alle in der Werstatt für Behinderte der Diakonie entstanden sind. (Töpferarbeiten, Näharbeiten und Joghurt)
Diese Becher sind schon mehrfach nachbestellt worden. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
Ein Webstuhl
Auch Teppiche werden gefertigt. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
gestapelte Bretter
Diese Bretter warten auf frisch gebackenen Kuchen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
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Diese Erfahrung teilt sie mit Britta Rietz, die für die Werkstätten der Lebenshilfe Gera verantwortlich ist: "Es wird immer schwerer, geeignete Aufträge an Land zu ziehen". Die Arbeiten sollten abwechslungsreich sein, aber auch für Schwerbehinderte zu bewältigen. "Aber es müssen über diese Arbeitsaufträge auch die Entgelte für die Mitarbeiter erwirtschaftet werden. Und zwar für alle, auch für die weniger leistungsstarken."

Ohnehin, ergänzt Katja Heinrich, Geschäftsführerin des Lebenshilfe Thüringen, sei Inklusion für jeden etwas Anderes: "Für uns heißt das, uneingeschränkt teilhaben zu können, dass alle ganz selbstverständlich dabei sind. Das heißt aber nicht, dass es keine Werkstätten mehr geben soll. Es gibt einfach Menschen die so stark eingeschränkt sind, dass sie in bestimmten Bereichen einen geschützten Raum brauchen."

Menschen vor dem Gebäude der Lebenshilfe in Gera. 17 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Elternvertreter sind sauer

Das sieht auch Claudia Geiken als wichtigen Punkt. Sie hat eine schwerstbehinderte Tochter und engagiert sich im Elternverein des Lebenshilfewerks: "Dass unsere Kinder in diesen Werkstätten sind, hat ja einen Grund. Und ohne die Werkstätten fehlt völlig die Tagesstruktur, das hat die Corona-Zeit gezeigt. Da kamen die Familien an ihre Grenzen."

Ihre Tochter besucht den Förderbereich, trifft da ihre Freunde, sieht mal etwas Anderes. "Aber auch für die Pflegenden ist das mal so ein so ein kleines Fenster, wo man einfach mal durchatmen kann", sagt Claudia Geiken.

Die Diskussion um die Schließung von Werkstätten macht sie ziemlich sauer. "Wenn ich solche Aussagen höre, denke ich mir immer, die Leute müssten einfach mal eine Woche in so einer Werkstatt verbringen. Ich würde denen unterstellen, dass sie einfach keine Ahnung haben."

Eine blonde Frau
Claudia Geiken ist Vorsitzende des Vereins "Lebenshilfe Ortsvereinigung Weimar e. V." Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Denn die Werkstätten, da sind sich alle einig, sind wesentlich mehr als Arbeitsorte, sie sind auch ein wichtiger Sozialraum für die behinderten Menschen. Man wird akzeptiert, schließt Freundschaften, fährt gemeinsam in den Urlaub. Es gibt Weiterbildungen, in Saalfeld gibt es eine Trommelgruppe, die Schachgruppe aus Altengesees war schon bei Turnieren, auch für die Special Olympics wird trainiert.

All das passiert auch in der Arbeitszeit. Ebenso wie Therapieangebote. Und, so Ronny Mantei, wenn es jemandem nicht so gut geht, kann er jederzeit die Arbeit auch mal einfach so unterbrechen. 

Ein Mann in rot-schwarzer Arbeitskleidung auf dem Hof der Holzwerkstatt. 4 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
4 min

Ronny Mantei arbeitet in der Holzwerkstatt und engagiert sich im Werkstattrat. So weiß er gut, was die Kolleginnen und Kollegen bewegt.

MDR FERNSEHEN Do 15.06.2023 20:06Uhr 04:03 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/saale-orla/ronny-mantei-werkstattrat100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Verschiedene Wege zu anderen Jobs

Menschen, die sich zutrauen, in den ersten Arbeitsmarkt zu wechseln, werden laut Diakonie und Lebenshilfe auch dabei unterstützt. Ein Weg sind die sogenannten Außenarbeitsplätze.

Das bedeutet, dass Menschen mit Behinderungen in normalen Betrieben arbeiten, aber noch nicht angestellt sind, sondern weiter von der Werkstatt betreut werden. Für Bettina Schmidt funktioniert das zum Teil schon gut, "weil die Unternehmen wissen, sie haben uns als Partner. Wenn es Probleme oder Herausforderungen gibt, die sie selbst nicht angehen können, können die in den Werkstätten anrufen und eine Fachkraft ist sofort da."

Britta Rietz weiß aber auch, dass es große Hemmschwellen gibt, die Leute dann auch tatsächlich einzustellen: "Ein besonders krasses Beispiel ist ein Mitarbeiter von uns, der seit zehn Jahren auf einem solchen Außenarbeitsplatz tätig ist und noch immer nicht übernommen wurde."

Ein besonders krasses Beispiel ist ein Mitarbeiter von uns, der seit zehn Jahren auf einem solchen Außenarbeitsplatz tätig ist und noch immer nicht übernommen wurde.

Britta Rietz Lebenshilfe Gera

Katja Heinrich verweist auf das Bundesteilhabegesetz. Das bietet jetzt die Möglichkeit, dass Menschen in die Werkstatt zurückkehren können, wenn es auf dem ersten Arbeitsmarkt doch nicht funktioniert.

Eine andere Möglichkeit, außerhalb der Werkstatt zu arbeiten, sind die Inklusionsfirmen, die sowohl die Lebenshilfe als auch die Diakonie betreiben. Dort arbeiten behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen, jüngstes Beispiel ist das Café "Samocca" in Weimar.

Zwei Menschen in einem Besprechungsraum. 17 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Claudia Geiken findet das auch gut und richtig. "Da gibt es viele tolle Angebote. Aber das funktioniert halt alles nur für die Fittesten. Die Leute aber, die die Werkstätten und deren Förderbereiche kritisieren, sprechen nicht für Menschen wie meine Tochter. Und wer diese Gruppe vom Menschen mit Behinderung außer Acht lässt, hat in so einer Diskussion nichts zu suchen."

Bezahlung der Menschen in der Kritik

Ein anderer Kritikpunkt ist das Arbeitsentgelt. Das Recht von Menschen mit Behinderung auf selbstbestimmte Arbeit, von der sie leben könnten, werde in Deutschland nicht ausreichend umgesetzt, so die Kritiker. Sie fordern deshalb, in den Werkstätten Mindestlohn zu zahlen.

Peter Schachtschneider vom Behindertenbeirat der Stadt Gera sieht das anders. Er sitzt im Rollstuhl, arbeitet in der Metallwerkstatt der Lebenshilfe Gera. Ausgenutzt fühlt er sich nicht. "Dass es solche Meinungen gibt, liegt vielleicht daran, dass die Leute nicht wissen, wie das funktioniert bei uns."

Menschen vor dem Gebäude der Lebenshilfe in Gera.
Für Peter Schachtschneider müssten sich viel mehr Menschen die Werkstätten überhaupt erstmal anschauen. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Gerade weil die Menschen in den Werkstätten so verschieden sind, sind es eben auch ihre Leistungen, erklärt er. Und keiner lebt ja nur von seinem Werkstattentgelt. "Der eine bekommt Rente, der andere Grundsicherung, manche leben noch zu Hause - das muss man ja alles auch sehen." Und, das dürfe man nicht vergessen, "für viele Arbeiten brauchen die Menschen hier deutlich länger als andere."

Von allem, was die Werkstätten in den einzelnen Bereichen erwirtschaften, müssen in Thüringen mindestens 75 Prozent an Lohn für die Beschäftigten ausgezahlt werden. Im Audio erklärt Bettina Schmidt, wie sich das Entgelt für ihre Mitarbeitenden zusammensetzt und was am Ende ausgezahlt wird.

Eine Frau mit kurzen Haaren im Hofladen 5 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
5 min

Wie setzt sich der Lohn in den Werkstätten zusammen und was haben die Menschen, die hier arbeiten, am Ende auf ihrem Konto?

MDR FERNSEHEN Do 15.06.2023 20:05Uhr 04:35 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/saale-orla/lohn-behinderten-werkstaetten-diakonie100.html

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Und man müsse auch an später denken, findet Jürgen Borchert. Seine geistig behinderte Tochter arbeitet in einer Werkstatt der Lebenshilfe. "Wenn jemand 20 Jahre in die Werkstatt gegangen ist, bekommt er EU-Rente und die ist recht ordentlich. Bei Mindestlohn zahlt man selber die Rentenversicherung und bekommt dann irgendwann um die 300 Euro Rente. Wie soll das im Alter funktionieren?"

Rentenbeiträge höher als bei Mindestlohn

Werkstattbeschäftigte müssen von ihrem Arbeitsentgelt nämlich in aller Regel keine Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung leisten. Dies übernimmt der Träger der Werkstatt.

Die Berechnungsgrundlage für die Beiträge ist auch nicht der tatsächliche Verdienst, sondern 80 Prozent vom an alle Arbeitnehmer gezahlten Durchschnittsentgelt im vorletzten Kalenderjahr. Diese sogenannte Bezugsgröße ist in § 18 Sozialgesetzbuch Viertes Buch (SGB IV) geregel und liegt derzeit bei 2.632 Euro. Das bedeutet, dass die Altersrente später deutlich höher ist, als wenn vom Mindestlohn Beiträge gezahlt würden.

Bund arbeitet an Neuregelung

Das Bundesarbeitsministerium hat inzwischen aufgrund der Kritik eine "Studie zu einem transparenten, nachhaltigen und zukunftsfähigen Entgeltsystem für Menschen mit Behinderungen in Werkstätten" in Auftrag gegeben. In den Werkstätten und bei den Trägern werden die Ergebnisse mit Spannung erwartet, bisher gibt es allerdings nur einen Zwischenbericht.

Zum Aufklappen: Welche Modelle die Studie untersucht

• Deckelung des Grundbetrags auf 80 Euro und statt der Anhebung des Grundbetrags eine Koppelung des steuerfinanzierten Arbeitsförderungsgelds an das Ausbildungsgeld
• Einführung eines Basisgelds in Höhe von 70% des Durchschnittsentgelts für dauerhaft voll erwerbsgeminderte Personen, das mit Ansprüchen auf eine Erwerbsminderungsrente verrechnet werden soll, während das Werkstattentgelt hinzukommen soll
• Bemessung des Werkstattentgelts am gesetzlichen Mindestlohn oder einem Teil davon

Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Gesamtes System müsste diskutiert werden

Grundsätzlich finden die Träger der Werkstätten die Diskussion um die Entlohnung in der Werkstatt gut, sagt Katja Heinrich. Sie gehöre zum Thema Inklusion einfach dazu. "Insbesondere, wenn man in Werkstätten unterwegs ist und sieht, was für eine hochwertige Arbeit dort gemacht wird, ist das, was am Ende des Monats ein Mensch mit Beeinträchtigungen auf dem Konto erhält, wenig. Das muss man einfach sagen."

Menschen vor dem Gebäude der Lebenshilfe in Gera.
Katja Heinrich bedauert es, dass ihr immer noch so viele Vorurteile begegnen, wenn es um Werkstätten und Inklusion geht. Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann

Allerdings dürfe man dabei nicht vergessen, dass ein Drehen am kleinen Rad "Werkstattentgelt" ein ganzes Zahnradgetriebe in Gang gesetzt würde. "Das System der Sozialleistungen und der Leistungen der Eingliederungshilfe ist einfach hochkomplex." Damit entstünden auch enorme Kosten, über deren Refinanzierung man nachdenken müsse.

"Wie verändere ich Werkstattarbeit als solche? Das gehört für mich mit dazu. Und wie schaffe ich auch ein anderes Verständnis von Unternehmen am ersten Arbeitsmarkt, die Dienstleistungsaufträge oder Arbeitsaufträge in Werkstätten geben? Auch da müssen wir über eine adäquate Finanzierung sprechen."

Genauer hinschauen und nachfragen

Für Bettina Schmidt wäre es ein erster Schritt, dass mehr Leute, die über Werkstätten sprechen, sich tatsächlich anschauen, wie heute dort gearbeitet wird. "Das sind ja keine Bastelstuben mit Beschäftigungstherapie" sagt sie."Ich wünsche mir, dass der Mensch mit Behinderungen seinen Bedürfnissen entsprechend ein Angebot bekommt und wir nicht von einem Extrem ins andere verfallen."

Menschen vor dem Gebäude der Lebenshilfe in Gera. 9 min
Bildrechte: MDR/Grit Hasselmann
9 min

Enrico Daßler und Peter Schachtschneider arbeiten in Werkstätten der Lebenshilfe Gera. Sie erzählen, was ihnen und ihren Kollegen und Kolleginnen dort gefällt und was nicht.

MDR FERNSEHEN Do 15.06.2023 20:06Uhr 09:29 min

https://www.mdr.de/nachrichten/thueringen/ost-thueringen/gera/werkstattrat-gera-lebenshilfe100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Dazu passt, wenn Enrico Daßler von einer Solidargemeinschaft spricht, von einer großen Familie: "Keiner wird bei uns gemobbt oder kritisiert, wenn er zu langsam ist oder etwas nicht kann, wie auf dem freien Arbeitsmarkt, wo dann behinderte Mitarbeiter gelegentlich schon gemobbt werden, weil sie ihre Leistungen vielleicht nicht so erfüllen können wie andere."

Als Werkstattrat hört er leider viel zu oft solche Geschichten. Und fast alle, die in die Werkstatt zurückkommen, waren vor allem dem Stress, dem Arbeitstempo nicht gewachsen, erzählt er. In der Werkstatt dagegen bekommt jeder die Zeit, die er braucht. "Dadurch versuchen wir auch immer, so gut es geht, mitzuarbeiten oder auch kompliziertere Sachen zu probieren."

Und das Beste ist, sagt Daßler, dass auch Rückschläge kein Problem sind. "Keiner kann schließlich alles gleich auf Anhieb."

Mehr zur Debatte um die Werkstätten

MDR (gh)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 14. Mai 2023 | 08:00 Uhr

14 Kommentare

WegWeiser vor 34 Wochen

Derzeit ist eine Studie in Arbeit, die der Frage nachgehen soll, weshalb die Integration behinderter Menschen in den Ländern, in denen es keine Werkstätten gibt, besser klappt als in Deutschland.

Ines W. vor 34 Wochen

@modern_menetekel
Also erst mal sollte man klären, ob es sich da um Arbeit handelt die hauptsächlich dazu dient den Lebensunterhalt sicher zu stellen, oder doch mehr um eine Beschäftigungstherapie, damit behinderte Menschen das Gefühl haben am Arbeitsleben teilzunehmen. Den Mindestlohn erwirtschaften da die wenigsten. Woher soll also das Geld kommen? In Inklusionsbetrieben wird Mindestlohn bezahlt, aber dort sind die Menschen nicht unbedingt besser gestellt was ihre finanzielle Lage angeht. Denn wer glaubt "normal" arbeiten zu können und es tut, der verliert manchmal seine Erwerbsminderungsrente und Mindestlohn bei Teilzeitbeschäftigung ernährt einen auch nicht wirklich gut.



Anuk vor 34 Wochen

@Louis
Niemand nutzt diese MEnschen aus!
Es steht im Artikel, dass sie 75% des Gewinns ihrer Einrichtung als Lohn ausbezahlt bekommen. Das ist aber ein Gewinn, nachdem der Staat schon mal pro Person mindestens einen tausender hingelegt hat, damit diesem Mitarbeiter erst mal einer die Arbeit erklärt, mundgerecht vorbereitet, sie anschließend kontrolliert usw.

Diese Leute haben Geld wie jeder andere in unserer Gesellschaft. Steht auch im Artikel drinnen.

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