Menschen arbeiten in einer Werkstatt.
In Sachsen-Anhalt arbeiten rund 11.000 Frauen und Männer in Werkstätten für Menschen mit Behinderung. Viele wünschen sich eine bessere Bezahlung, etwa nach Mindestlohn. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Inklusiver Arbeitsmarkt Darum wäre ein Mindestlohn in Behindertenwerkstätten wichtig

26. Juni 2023, 15:24 Uhr

Mitarbeiter von Werkstätten für Menschen mit Behinderung fordern einen Mindestlohn. Sie können sich von dem wenigen Lohn kaum etwas leisten. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Wertschätzung für die Arbeit der Menschen in den Werkstätten. Doch die Werkstätten stehen vor einem Problem: Zahlen sie Mindestlohn, müssen die Kosten für die Aufträge erhöht werden.

Es ist laut. In schrillen Tönen schlägt Metall auf Metall. Langsam fährt Denise Schmidt in ihrem Rollstuhl an riesigen Maschinen vorbei. Fast zwölf Jahre hat sie hier selbst gearbeitet – in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung der Lebenshilfe in Tangerhütte. Hier arbeiten Menschen mit Behinderung nicht nur in der Metall- sondern auch Holzverarbeitung, im Bereich Verpackung und der Montage.

Eine Frau schaut auf Metallteile in einer Werkstatt.
Denise Schmidt arbeitet seit zwei Jahren auf dem ersten Arbeitsmarkt. Sie hat allerdings nur einen befristeten Vertrag. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Doch heute ist die 32-Jährige nur zu Besuch vor Ort. Schmidt arbeitet seit zwei Jahren auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt und doziert an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Damals hing in der Werkstatt eine Stellenausschreibung aus. Nach langem Hadern mit sich selbst, gab sie dann die Bewerbung sogar persönlich ab.

In der Hochschule am Standort Stendal spricht sie nun über das Leben als Mensch mit Behinderung und das Thema Inklusion. Durch ihre Lernbehinderung war der Einstieg in den Job nicht ganz einfach, denn Druck und Umfang der Arbeit sind, verglichen mit der Werkstatt, gestiegen. In der Werkstatt hat die 32-Jährige eher für sich selbst gearbeitet. Und jetzt: "Ich bereite Seminare vor und nach und ich führe die Seminare durch. Man muss immer im Dialog sein", sagt sie.

Bessere Bezahlung in Gesetzen verankert

Dennoch: Ein Wunsch ging für sie in Erfüllung und vor allem verdient Schmidt nun ein eigenes richtiges Gehalt von rund 1.600 Euro monatlich – bei 30 Stunden die Woche. Zum Vergleich: Zusätzliche Hilfen herausgerechnet, liegt der Werkstattlohn aktuell bei durchschnittlich 250 Euro. Schmidt erinnert sich: "Man war in der Werkstatt acht Stunden am Tag arbeiten, aber die Entlohnung war gering. Da war man sehr stark von Ämtern abhängig."

Man war in der Werkstatt acht Stunden am Tag arbeiten, aber die Entlohnung war gering. Da war man sehr stark von Ämtern abhängig.

Denise Schmidt Dozentin Hochschule Magdeburg-Stendal

Die Abhängigkeit von Ämtern sei mit ihrem jetzigen Gehalt Geschichte, sagt sie. Ende gut, alles gut – zumindest für Denise Schmidt. Von den 11.000 Menschen in 33 Werkstätten in Sachsen-Anhalt ist sie aber eine der wenigen, die den Sprung auf den allgemeinen Arbeitsmarkt geschafft haben. Laut Sozialministerium Sachsen-Anhalt arbeiten aktuell weniger als ein Prozent der Menschen aus den Werkstätten in der freien Wirtschaft.

Menschen arbeiten in einer Werkstatt. Ein Mann ordnet Metallstreifen.
Unter einem Prozent schafft es aus den Werkstätten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Dabei sollte der Fall von Denise Schmidt kein Einzelfall sein. Der Bundestag hat mehrere Gesetze verabschiedetet, die einen inklusiven Arbeitsmarkt und mehr Lohn längst hätten möglich machen sollen. Im Juni 2023 etwa trat das Gesetz zur Förderung eines inklusiven Arbeitsmarkts in Kraft. Ziel ist, ein gleichberechtigtes und selbstbestimmtes Arbeitsleben für Menschen mit Behinderung zu schaffen. Allen voran geht aber die auch von Deutschland unterzeichnete UN-Behindertenrechtskonvention aus dem Jahr 2009. Darin heißt es in Artikel 27, dass Menschen mit Behinderung eine "selbst gewählte Teilhabe an der Gesellschaft und das Erarbeiten eines Lebensunterhalts" zusteht.

Werkstatt-Lohn reicht nicht zum Leben

Das sieht auch Sabrina Feindt so. Die 38-Jährige ist seit 17 Jahren in der Werkstatt in Tangerhütte beschäftigt – aktuell als Assistenz einer der Gruppenleiter, außerdem hilft sie Kollegen in der Verpackungsabteilung. Ihre posttraumatische Belastungsstörung schränkt sie im Alltag so sehr ein, dass es schwer für sie ist, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Aktuell bekommt sie 351 Euro Lohn von der Lebenshilfe, eine Grundsicherung vom Sozialamt und Kindergeld für ihre Kinder.

Wenn es diese Werkstatt nicht geben würde und irgendjemand anderes unsere Arbeit machen müsste, dann würden die bestimmt mehr Geld dafür bekommen.

Sabrina Feindt Werkstattmitarbeiterin

Feindt findet das ungerecht: "Ich leiste qualitativ hochwertige Arbeit und kann nicht mal davon einen ganzen Monat einkaufen gehen, geschweige denn meine Kinder ernähren. Wenn es diese Werkstatt nicht geben würde und irgendjemand anderes unsere Arbeit machen müsste, dann würden die bestimmt mehr Geld dafür bekommen."

Über Inklusion in den Arbeitsmarkt hat MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE am 22. Juni am Beispiel Wolmirstedt berichtet.

Was Feindt allerdings am meisten ärgert, ist, dass sie sich keine kleinen "Extras" für sich und ihre Kinder leisten kann. "Natürlich kommt dann auch öfter die Frage: 'Mama, können wir mal einen Eisbecher essen gehen?' oder 'Können wir ins Schwimmbad gehen?'. Es dauert lange, bis man das zusammengespart hat", erklärt sie. Geht es um größere Summen, wie etwa für Klassenfahrten, muss sie das erst beim Amt beantragen, damit die Kosten übernommen werden.

Zwei Kolleginnen sprechen sich miteinander ab. Sie halten einen Handschuh.
Sabrina Feindt assistiert ihrer Gruppenleiterin in der "Verpackung". Sie hilft den schwächeren bei ihrer Arbeit. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Mindestlohn wegen Inflation und teurer Lebensmittel

Dass es anderen Mitarbeitern der Werkstatt ähnlich geht, weiß sie allzu gut, denn Feindt ist auch im Werkstattrat tätig. Das Thema Lohn ist hier Dauerthema, sagt die 38-Jährige. "Alle Mitarbeiter sind mit dem Lohn unzufrieden, weil die Lebensmittel teurer geworden sind. Nur der Lohn ist nicht mehr geworden. Da muss sich etwas ändern."

Menschen arbeiten in einer Werkstatt.
Feindt fordert einen Mindestlohn. Ihr geht es nicht nur um Geld, sondern auch um Wertschätzung ihrer Arbeit. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Die Werkstatträtin würde sich daher über die Einführung eines Mindestlohns an Werkstätten freuen. Für sie bedeutet das nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Wertschätzung. "Wir haben Stressaufträge, die innerhalb einer bestimmten Zeit abgearbeitet werden müssen. Wir leisten das, aber wir bekommen dafür nichts zurück. Dass wir aus vielen kleinen Sachen ein Endprodukt fertigen, weiß keiner. Und weil das keiner weiß, wird es nicht wertgeschätzt", erklärt Feindt.

Werkstatt: Können uns Mindestlohn aktuell nicht leisten

Ein Mann lächelt in die Kamera.
Martin Schreiber ist der Leiter der Werkstatt in Tangerhütte. Er befürwortet einen Mindestlohn. Dann müsse sich aber die Politik ändern, sagt er. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Doch auch, wenn mit einem Mindestlohn mehr für eine selbstbestimmte Teilhabe an den Werkstätten gemacht werden kann, ist eine Umsetzung alles andere als einfach, erklärt Martin Schreiber. Der Geschäftsführer der Werkstatt in Tangerhütte hat für die Forderung volles Verständnis, jedoch würden mit einer Einführung eines Mindestlohns viele soziale Hilfen wegfallen, sagt er. "Dann kommen die Mitarbeiter in die Grenzen rein, wo dann der Staat wieder kassiert. Mindestlohn ja, dann müssen aber grundsätzlich unsere Gesetze geändert werden", sagt er.

Aktuell seien die Werkstattarbeiter in einem arbeitnehmerähnlichen Status beschäftigt, erklärt Schreiber. Ihmzufolge treffen Rechte und Pflichten, die normale Arbeitnehmer haben, bei den Werkstattbeschäftigten nicht zu. So können sie zum Beispiel nicht gekündigt werden. Mit einem Mindestlohn würde auch das wahrscheinlich anders geregelt sein, mutmaßt der Leiter.

Wenn wir jetzt Mindestlohn bezahlen, bedeutet das, dass wir die Preise so hochtreiben würden, dass die Werkstätten gar keine Aufträge mehr kriegen oder sehr viel weniger.

Martin Schreiber Leiter Werkstatt Lebenshilfe Tangerhütte

Das größte Problem, das Schreiber in der Debatte sieht, ist, dass sich eine Werkstatt den Mindestlohn gar nicht leisten könne. Eine Werkstatt sei eine Mischung aus sozialer Einrichtung, mit Pflegesätzen, die der Staat bezahle und einem wirtschaftlichem Betrieb, der Gewinne erziele, aus denen die Löhne gezahlt würden. "Auftraggeber geben uns Aufträge, die erledigen wir und dafür bekommen wir Geld", so Schreiber, "wenn wir jetzt Mindestlohn bezahlen, bedeutet das, dass wir die Preise so hochtreiben würden, dass die Werkstätten gar keine Aufträge mehr bekommen oder sehr viel weniger." Das System der Werkstätten könnte dann nicht mehr aufrecht erhalten werden.

Menschen arbeiten in einer Werkstatt.
Bis es zu einem Mindestlohn in Werkstätten kommt, muss das System der Werkstätten umgestellt werden. Das dauert laut Martin Schreiber (Mitte) fünf bis zehn Jahre. Bildrechte: MDR/Maximilian Fürstenberg

Vorschläge für neue Entgeltsysteme

Damit ein Mindestlohn funktioniert, braucht es also Regelungen und eine staatliche Finanzierung. Darum haben die Landesarbeitsgemeinschaften und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten für Menschen mit Behinderung Reformvorschläge ausgearbeitet. Sie sollen am 4. Juli 2023 mit dem Bundessozialministerium diskutiert werden.

Für die Arbeitnehmer wäre das ein großer Vorteil, weil sie dann gefühlt aber auch tatsächlich selbständiger sein können. Sie bekommen mehr Lohn und können ihr eigenes Leben besser bestreiten.

Martin Schreiber Leiter Werkstatt Lebenshilfe Tangerhütte

Vorgeschlagen wird: Ein Grundeinkommen, bei dem die Werkstattarbeiter im arbeitnehmerähnlichen Status bleiben – sie behalten dann alle Schutzrechte. Der zweite Vorschlag ist die Einführung eines Mindestlohns in einem sozialversicherungspflichtigen Verhältnis. Beides muss aber vom Staat mitfinanziert werden, so Schreiber. Beide Vorschläge sind für Schreiber gleichwertig, denn: "Für die Arbeitnehmer wäre das ein großer Vorteil, weil sie dann gefühlt aber auch tatsächlich selbständiger sein können. Sie bekommen mehr Lohn und können ihr eigenes Leben besser bestreiten."

Mehr zum Thema: Werkstätten für Menschen mit Behinderung

MDR (Maximilian Fürstenberg)

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 25. Juni 2023 | 19:00 Uhr

8 Kommentare

Mediator vor 42 Wochen

@Reuter4774
Ich muss sie in einem Punkt korrigieren:
Den Auftraggebern ist völlig egal, wo sie ihre Sachen produzieren lassen. Da gibt es keinen Behindertenbonus, sondern es müssen die identischen Standards wie bei jedem Industriezulieferer eingehalten werden. Damit dies gelingt muss das Betreuungspersonal in den Werkstätten massiv im Bereich QM acht geben.

Nur so am Rande:
In manchen Werkstätten verdienen gute Mitarbeiter mit Prämien so gut, dass sie in den Bereich der Sozialversicherungspflicht gelangen. Die machen dann immer Augen, wenn sie nach einer Höherstufung plötzlich weniger haben als vorher.

Mediator vor 42 Wochen

@Ost-Handwerker
Ich kenne eine Behindertenwerkstätte, da würde der Kunde einen guten Lohn zahlen, aber die Arbeit beim externen Kunden ist vielen Mitarbeitern zu unattraktiv. Nicht weil die Arbeit dreckig oder körperlich anstrengend ist, sondern weil es in der eigenen Werkstat was Kantine, Pausenzeiten, Ruheraum zum Nickerchen machen usw. einfach viel bequemer ist.
Viele behinderte Menschen in einer Werkstatt haben sich schlicht und ergreifen daran gewöhnt nur eine sehr geringe Leistung zu bringen, von Entscheidungen oftmals ganz abgesehen. Was soll ihnen auch passieren? Wenn ihnen etwas nicht passt geht es zum Arzt und der schreibt einen mit der entsprechendne Vorgeschichte ohne mit der Wimper zu zucken 2 Wochen krank. Dafür Mindestlohn? Sicher nicht!

Mediator vor 42 Wochen

Mindestlohn und Behindertenwerkstätten beissen sich leider. Beschäftigte die in der Lage sind einen Mindestlohn zu erarbeiten können gerne in einem Inklussionsbetrieb oder auf dem ersten Arbeitsmarkt gehen. Das schaffen aber nur die wenigsten und vor wollen tun es noch weniger, weil die Anforderungen dort massiv höher und die soziale Absicherung deutlich geringer ist.

Man sollte nicht immer so tun als entspräche der durchschnittliche Behinderte in einer WfbM den heraus gestellten leistungsfähigen und vor allem leistungswilligen Mitarbeitern, die mit ein wenig Hilfe ganz normal im Berufsleben funktionieren. Die Konzentration von schwachen und kranken Mitarbeitern zieht die meisten in einer WfbM leistungstechnisch meist nach unten. In der Regel wird sich am Schwächsten und Bequemsten orientiert.

Es ist Ok schwachen behinderteb Menschen Beschäftigung zu geben und sie auch rententechnisch gut abzusichern, aber warum sollte man diese Menschen deutlich besser stellen als Andere?


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