Russland und Afghanistan Kreml flirtet mit Taliban

Fotomontage Mann vor Fahne
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Anders als der Westen reagiert Russland gelassen auf den Umsturz in Afghanistan und hofiert die Taliban. Eine andere Wahl bleibt Moskau nicht.

Russische Truppen während Aufstellung neben russischer Fahne, im Hintergrund stehen Panzer.
Angesichts der verschlechterten Sicherheitslage in Afghanistan hat Russland seine Militärbasis in Zentralasien wie hier in Tadschikistan verstärkt. Bildrechte: dpa

Die Bilder des Abzugs der amerikanischen Armee aus Kabul sorgten in Russland nur für einen kurzen Schock. Während anderswo darüber diskutiert wird, wie nun eine humanitäre Katastrophe in Afghanistan verhindert werden kann und welche Möglichkeiten für die Evakuierung von Menschen noch bleiben, haben sich Russlands Offizielle mit der neuen Realität in Afghanistan scheinbar längst arrangiert.

Schon am Montag gab Russlands Außenministerium bekannt, dass die russische Botschaft in der afghanischen Hauptstadt weiter in Betrieb bleibt, während Kräfte der Taliban-Bewegung das Gebäude in Absprache mit den Diplomaten bewachten. Am Dienstag meldete sich bereits Russlands Botschafter in Afghanistan Dmitrij Zhirow mit erstem Lob an die neuen "Herren" des krisengebeutelten Landes zu Wort. "Nach den ersten 24 Stunden haben ich einen guten Eindruck", erklärte der Diplomat. Die Sicherheitslage habe sich im Vergleich zur Herrschaft des geflohenen Präsidenten Aschraf Ghani sogar verbessert. Eine Ausgangssperre habe Plünderungen verhindert.

Russland: "Fiasko für die Außenpolitik der USA"

Währenddessen konzentrierte sich Moskaus politische Elite darauf, den Abzug der US-Streitkräfte als ein außenpolitisches Debakel für Washington darzustellen. "Was hätte man nach Jugoslawien und Libyen erwarten können", ätzte der stellvertretende Außenminister Alexander Gruschko. Der Sprecher des russischen Parlaments Wjatscheslaw Wolodin von der Kremlpartei Einiges Russland bezeichnete das Ende des US-Einsatzes als ein "Fiasko für die Außenpolitik der USA". Es sei schwierig überhaupt ein Land zu benennen, das von einer Einmischung der USA profitiert hätte.

Diese scharfe Reaktion kommt wenig überraschend, schließlich hat der Kreml schon seit Jahren die Politik der USA im Nahen Osten und im arabischen Raum kritisiert. Der hastige Afghanistan-Abzug unterstreicht aus der Sicht des Kremls ein Dahinschwinden des amerikanischen Einflusses. Zugleich spielt auch der immense Imageschaden für die USA Moskaus Propaganda in die Hände. Nicht zuletzt weil auch das Scheitern der Sowjetunion in Afghanistan vor 30 Jahren dadurch relativiert wird.

Tatsächlich dürfte der Jubel hinter den Kulissen in Moskau jedoch deutlich verhaltener ausfallen. Zwar pries Putins Afghanistan-Bevollmächtigter Samir Kabulow die Taliban als "deutlich verhandlungsfähiger" im Vergleich zur US-gestützten Regierung von Ex-Präsident Ghani. Gleichzeitig hat sich aber vor allem Russlands Militär wegen der sich überstürzenden Ereignisse in Afghanistan besorgt gezeigt. Anfang der vergangenen Woche übten russische Truppen zusammen mit Militärs aus Tadschikistan und Uzbekistan unweit der Grenze zu Afghanistan. Zudem kündigte Russland weitere Waffenlieferungen an die einstigen Sowjetrepubliken Zentralasiens an. Dies zeigt in gewisser Weise, dass es doch Bedenken gegenüber den Taliban auch von russischer Seite gibt, auch wenn man sie in Afghanistan selbst nicht fürchtet.

Chaos in Afghanistan kann Zentralasien destabilisieren

Noch keine sieben Jahre ist es her als Russland selber den US-Amerikanern beim Afghanistan-Einsatz half und einen Transitpunkt zur Verfügung stellte. Diese Hilfe wurde erst 2015 eingestellt, nachdem sich Russland im Zuge der Krim-Annexion vollends mit den USA überworfen hatte. In den Jahren davor verwies Putin mehrere Male darauf, dass eine Stabilität in Afghanistan in russischem Interesse sei, selbst wenn sie von den Amerikanern sichergestellt werde. Ein Chaos in Afghanistan könnte aus russischer Sicht auch Zentralasien destabilisieren und dort islamistischen Kräften zum Aufstieg verhelfen, die am Ende auch in Russland aktiv werden könnten. Zudem ist Afghanistan einer der größten Drogenlieferanten für das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.

Sergej Lawrow
Der russische Außenminister Sergej Lawrow bezeichnete die Taliban als "vernünftige Kraft". Bildrechte: dpa

Vor diesem Hintergrund scheint aus russischer Sicht eine stabile Herrschaft der Taliban das kleinere Übel gegenüber einem andauernden Bürgerkrieg zu sein. Zumal Russlands eigene Ressourcen kaum ausreichen, um auf die Situation in Afghanistan vor Ort Einfluss nehmen zu können. Eine realistische Chance den Aufstieg der Taliban zu verhindern, hatte Moskau nie. Nun bleibt Putin nur der Versuch einer friedlichen Koexistenz.

Russland und Taliban schon öfter am Verhandlungstisch

Schon in der Vergangenheit hatte Russland einige Versuche unternommen, um die nun gestürzte Regierung in Kabul mit den Taliban an einen Tisch zu bringen, zuletzt vor zwei Jahren. Damals lud Russlands Außenministerium Vertreter beider Seiten zu einer Konferenz nach Moskau, die jedoch ohne Ergebnisse blieb. Zuletzt weilten Vertreter der Taliban vor einigen Wochen in Moskau und trafen sich mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow, der die Organisation als "vernünftige Kraft" bezeichnete.

Dabei spielt aus russischer Sicht weniger eine Rolle, welche Politik die Taliban im Inland betreiben. Selbst auf eigenem Territorium ist der Kreml bereit muslimische Autokraten wie Ramsan Kadyrow zu dulden und zu stützen, während einige Teilrepubliken wie Tschetschenien und Dagestan kulturell von Moskau immer weiter abdriften. Aus Moskaus Sicht würde es genügen, wenn die neuen Herrscher Afghanistans versprechen, ihre Tätigkeit nicht auf benachbarte Länder wie Tadschikistan und Usbekistan auszuweiten. Das freundliche Auftreten gegenüber den neuen Machthabern in Kabul scheint dabei die Taktik der Wahl zu sein.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. August 2021 | 06:00 Uhr

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