Verbraucherzentrale warnt Vorsicht beim Einkaufen bei Temu

02. Februar 2024, 11:55 Uhr

Kleidung, Küchenutensilien, Schulmaterial – und das alles zu Spottpreisen von wenigen Euro. Das ist das Angebot auf der chinesischen Onlineplattform Temu. Und die Liste ließe sich lang fortsetzen. Jedoch bringt der billige Einkauf einige Risiken mit sich und ist alles andere als nachhaltig.

Der Online-Marktplatz Temu lockt mit einer Reduzierung nach der anderen – "bis zu 90 Prozent Rabatt" heißt es zum Beispiel. Zudem gibt es auch verschiedenste Aktionen zum Geldsparen. So kann man zum Beispiel an einem virtuellen Glücksrad drehen für einen zusätzlichen Rabatt. Außerdem sollen auch Versand und Retouren kostenlos sein. Begleitet wird das Ganze von einer massiven Werbewelle im Internet.

Verbraucherzentrale mahnt zur Vorsicht

Kaputte Waren, fehlende oder gefälschte Sicherheitskennzeichnungen wie das CE-Zeichen, Betriebsanleitungen sind nicht auf deutscher Sprache oder werden vergebens gesucht: Temu wirft viele Kritikpunkte auf, weshalb auch die Verbraucherzentrale vor einem Einkauf warnt. Wer direkt in China bestellt, muss bei einem Schaden mit Konsequenzen rechnen. Denn die Produkthaftung greift dann nicht. "Die Liste von Produktfehlern ist lang. Jeder Fehler kann zu tragischen Folgen führen. Das Gesetz ordnet an: Der Hersteller haftet. Er muss bei Verletzungen oder Erkrankungen für Arzt und Krankenhaus und Verdienstausfall sowie ein Schmerzensgeld zahlen und Sachschäden über 500 Euro ausgleichen. Ein Verschulden muss ihn nicht treffen. Kommt die Ware aus dem Ausland jenseits der EU, steht der Importeur dafür gerade", schreibt Stiftung Warentest auf ihrer Webseite. Bei Bestellungen bei Temu ist der Kunde der Importeur, da direkt beim Händler eingekauft wird.

Beispiel: Sie bestellen einen Akku-Staubsauger bei Temu und leihen diesen an Ihren Nachbarn aus. Dort fängt der Akku an zu brennen und zieht umliegende Gegenstände in Mitleidenschaft. Dann können Sie dafür verantwortlich gemacht werden.

Update, 20.10.2023 Ein Leser hat sich bei uns gemeldet und gefragt, inwiefern es sein kann, dass er als Endverbraucher als Importeur für einen Schaden aufkommen muss.

Darüber haben wir mit Ralf Reichertz, dem Referatsleiter für Verbraucherrecht bei der Verbraucherzentrale Thüringen, gesprochen. "Wenn ein Produkt außerhalb der EU erworben wurde, kann der Importeur theoretisch auch der Endverbraucher sein. Allerdings nur dann, wenn er das Produkt weitergibt. Das heißt, wenn er es in Deutschland in den sogenannten allgemeinen Bereich, den 'Markt', bringt. Darunter fällt zum Beispiel, wenn er es vermietet, verkauft oder eben ausleiht", sagt er. Entstehe dann ein Schaden, so wie im angeführten Beispiel mit dem Staubsauger beim Nachbarn, kann es sein, dass der Endverbraucher als Importeur für den Schaden aufkommen muss.

Die gesetzliche Grundlage dafür ist das Produkthaftungsgesetz Paragraph 4 Absatz 2. Dieses könne auch mal auf den Endverbraucher ausgelegt werden. Dort heißt es: "Als Hersteller gilt ferner, wer ein Produkt zum Zweck des Verkaufs, der Vermietung, des Mietkaufs oder einer anderen Form des Vertriebs mit wirtschaftlichem Zweck im Rahmen seiner geschäftlichen Tätigkeit in den Geltungsbereich des Abkommens über den Europäischen Wirtschaftsraum einführt oder verbringt." Dabei muss der wirtschaftliche Zweck nicht zwingend gewinnbringend sein, bestätigt Ralf Reichertz.

"Das Problem ist, dass es bisher keine Rechtssprechung gibt. Aber es gibt eben die Regelung, dass ich als Importeur in Haftung genommen werden kann, wenn ich ein Produkt direkt bei einem Händler außerhalb der EU gekauft und in den Markt gebracht habe", erklärt der Jurist.

"Das Ergebnis ist, dass es sein kann, dass der Verbraucher haftet und das gefällt uns als Verbraucherzentralen natürlich nicht so", sagt Ralf Reichertz.

Abschließend rät er, besonders bei Produkten mit Akkus vorsichtig zu sein: "Überlegen Sie sich sehr genau, ob Sie bei einem Händler in China oder irgendwo anders ein Gerät mit einem Akku bestellen, bei dem Sie sich nicht sicher sein können, dass er den EU-Standards entspricht. Denn das Versenden von Akkus ist heikel."

App-Einstellungen checken

Die App fragt nach vielen Berechtigungen. Darunter den Zugriff auf Fotos und Videos. Die österreichische Watchlist Internet weist zudem darauf hin, dass "das Einkaufen bei Temu auf Social Media Plattformen häufig als eine Art Glücksspiel oder Gambling-Erlebnis dargestellt" wird.

Eingepackt in viel Plastik legen die Waren einen weiten Weg bis zum Kunden zurück. Wenn dann das Kleidungsstück nicht passt oder das Produkt defekt ist, wird es entweder zurückgeschickt oder landet direkt im Müll. "Weit gelieferte (und eventuell zurückgeschickte) Produkte aus China belasten die Umwelt. Die Mentalität 'Billig-Produkte neu kaufen' anstatt sie wiederzuverwenden, zu reparieren oder Secondhand zu kaufen, geht zu Lasten der endlichen Ressourcen unserer Welt", schreibt die Verbraucherzentrale NRW e.V..

Bisher sind bei den Verbraucherzentralen in Mitteldeutschland keine bis wenige Beschwerden eingegangen. "Bei uns ging es – wenn überhaupt – um lange Lieferzeiten in Verbindung mit dem Paketdienst. Aber die Beschwerdezahl ist sehr gering", antwortet Gordon Oslislo, Referent im Team Kommunikation der Verbraucherzentrale Sachsen e.V., auf eine Anfrage der MDR Wirtschaftsredaktion.

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Wie funktioniert Temu?

Temu ist ein Online-Marktplatz, über den Händler ihre Ware direkt an den Endkunden verkaufen können. Dadurch werden keine Zwischenhändler benötigt und ein niedriger Preis ermöglicht. Ein neues Paar Sneakers für acht Euro, USB-Ladekabel für etwa zwei Euro oder ein Rucksack für unter zehn Euro – natürlich überwiegend No-Name und in der Regel direkt aus China.

Seit April diesen Jahres versucht Temu mit vor allem viel Werbung im Internet und auf sozialen Netzwerken sich am deutschen Markt zu platzieren. "Shoppen wie ein Milliardär" – so das Werbeversprechen. Die App gehört zur PDD Holdings, wie auch der 2015 gegründete E-Commerce-Gigant Pinduoduo. Ein Unternehmen, das über 100 Milliarden US-Dollar schwer ist.

MDR (jvo) Erstmals erschienen am 28.08.2023.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 29. August 2023 | 20:15 Uhr

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