Energie aus dem Underground In Bad Lauchstädt entsteht der weltweit erste Wasserstoffspeicher unter Tage

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Wer abends in den Himmel schaut, der blickt auf riesige Mengen Wasserstoff. Denn Sterne bestehen überwiegend aus diesem Element. Und ohne Wasserstoff wäre unsere Sonne nicht einmal eine trübe Funzel. Doch wenn es um die Energiewende geht, blickt man in Sachsen-Anhalt nicht in den Himmel, sondern ins Unterirdische. Was man da sehen kann.

Eine Collage, die eine Wasserstofffabrik im Hintergrund zeigt und im Vordergrund das chemische Zeichen für Wasserstoff.
Der weltweit erste Wasserstoffspeicher unter Tage wird zukünftig in Bad Lauchstädt stehen. Bildrechte: MDR/Collage/Linde Gas AG

Manchmal braucht es Zeit, bis Dinge sich ändern. Dominik Härle ist Wasserstoff-Experte am Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS) in Halle und kann das bestätigen. Er erinnert sich noch gut an seine Studienzeit: "Ich hatte eine Vorlesung zum Thema Energiespeicher und da habe ich den Professor gefragt, warum er denn den Wasserstoff nicht erwähnt. Die knappe Antwort hieß: Wasserstoff ist kein Energiespeicher. Und als ich dann auch noch wagte, nachzufragen, war der Professor nicht gerade erfreut."

Seitdem ist einige Zeit vergangen. Inzwischen gilt Wasserstoff als ein wichtiger Baustein für die Energiewende. Denn Wasserstoff ist vielfältig einsetzbar, sowohl in der Industrie wie auch bei der Stromerzeugung oder im Verkehr. Das ist seit vielen Jahren bekannt. Bereits im Jahr 2002 veröffentlichte der US-Ökonom Jeremy Rifkin ein Buch unter dem Titel "Die H2 Revolution".

Ohne politischen Druck ändert die Wirtschaft nichts

Geschehen ist seit der Veröffentlichung vor knapp 20 Jahren nur wenig. An der Wissenschaft liege das aber nicht, sagt Dominik Härle: "Wenn man sich zum Beispiel die Automobilbauer anschaut, die hatten keinen Druck, bislang etwas zu ändern. Da muss die Politik die Weichenstellungen so ändern, dass neue Technologien auch eine Chance haben. Also wenn die Hersteller kein CO2 einsparen müssen, dann ändern sich auch nichts."

Doch inzwischen hat die Bundesregierung eine CO2-Steuer auf den Weg gebracht. Und nun gewinnt das Thema Wasserstoff an wirtschaftlicher Bedeutung. Im BMW-Werk Leipzig fahren inzwischen die Gabelstapler mit Wasserstoff, ein erster Schritt, so Dominik Härle. Doch der Wasserstoff muss natürlich klimaneutral hergestellt sein, also aus erneuerbaren Energien. Das soll in einem Großprojekt in Bad Lauchstädt getestet werden.

Bad Lauchstädt – Goethe und Wasserstoff

Im 18. Jahrhundert war Bad Lauchstädt eine Kurstadt mit großer Ausstrahlung und eigenem Theater, dessen Bau der Dichterfürst Goethe höchstselbst in Auftrag gegeben hatte. Nun gibt es wieder Baupläne für Bad Lauchstädt, deren Umsetzung man aber zu großen Teilen nicht sehen wird. Denn der Speicher für den Wasserstoff entsteht in einer Tiefe von 700 bis 900 Metern, umschlossen von einer Salzschicht. Erdgas unterirdisch auf diese Art zu speichern, ist ein bekanntes Verfahren, die Firma VNG Gasspeicher betreibt bereits jetzt mehrere solcher sogenannten Kavernen in Bad Lauchstädt.

Nun soll ein unterirdischer Wasserstoffspeicher hinzukommen, von beträchtlichem Ausmaß: einen halben Kilometer lang, 100 Meter hoch. Hier können bis zu 3.800 Tonnen Wasserstoff gespeichert werden, was reicht, um 40.000 Haushalte ein Jahr lang mit Strom zu versorgen. Oder anders gerechnet, der Speicher könnte mit einer Füllung fünf Jahre lang Bad Lauchstädt mit Strom versorgen. Allerdings nur theoretisch, denn praktisch ist der Wasserstoff vor allem zur Nutzung in den Chemieparks der Region gedacht.

Weltweit erster Großversuch

Experten sprechen von "Power to Gas", also der Umwandlung von klimaneutralem Windstrom in Wasserstoff. Und deshalb bekommt Bad Lauchstädt, zusätzlich zum Kurpark, der gerade für die Landesgartenschau saniert wird, einen Energiepark. Den Strom liefern Windräder, mit dem dann der Wasserstoff hergestellt werden soll und zwar mit Hilfe der Elektrolyse, also der Aufspaltung von Wasser zu Sauerstoff und Wasserstoff.

Das ist eigentlich ein bekanntes Verfahren, so Härle vom Fraunhofer Institut IMWS, doch für eine industrielle Anwendung gibt es noch einiges zu klären: "Das Projekt heißt ja nicht zufällig Forschungskaverne. Wir werden unterschiedliche Technologien nutzen, um zu schauen, welches Verfahren für welche Anwendung geeignet ist." 

Weltweit ist dies der erste Versuch, Wasserstoff in dieser Größenordnung aus Windstrom herzustellen, diesen zu speichern und dann weiter zu verarbeiten. Eine Herausforderung für die Ingenieure, das bestätigt Dominik Härle: "Das Problem ist der Wind. Mal haben wir Volllast, plötzlich zuckelt es nur oder es gibt eine Flaute. Das ist für technische Anlagen ein Problem. Aber ein lösbares."

Chemiestandorte wollen ihre CO2-Belastung senken

Seit dem vergangenem Jahr laufen die konkreten Planungen und bei dem Umfang des Projektes ist klar, dass sich hier die Großen der Branche engagieren. Möglich ist dies durch zwei Voraussetzungen, zum einen aufgrund der jahrzehntelangen Zusammenarbeit in den Chemieparks der Region – man kennt sich also. Zum anderen aber auch wegen der Aktivitäten des Vereins Hypos, ein Zusammenschluss von Forschungseinrichtungen und Firmen.

Unter der Überschrift "GreenHydroChem" sollen die Chemiestandorte in Mitteldeutschland ihre CO2-Belastung deutlich senken. Damit nicht das passiert, was derzeit die Autobauer gerade erleben – ein hektisches Umsteuern, weil sich plötzlich die Bedingungen geändert haben.

Portrait-Bild von Uli Wittstock
Bildrechte: Uli Wittstock/Matthias Piekacz

Über den Autor Geboren ist Uli Wittstock 1962 in Lutherstadt Wittenberg, aufgewachsen in Magdeburg. Nach dem Abitur hat er einen dreijährigen Ausflug ins Herz des Proletariats unternommen: Arbeit als Stahlschmelzer im VEB Schwermaschinenbaukombinat Ernst Thälmann. Anschließend studierte er evangelische Theologie. Nach der Wende hat er sich dem Journalismus zugewendet und ist seit 1992 beim MDR-Hörfunk. 2016 erschien sein Roman "Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf" im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Quelle: MDR/uw

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 15. Februar 2020 | 12:00 Uhr

2 Kommentare

Strafrechts-Profit-eur vor 30 Wochen

Zitat:
"Wenn man sich zum Beispiel die Automobilbauer anschaut, die hatten keinen Druck, bislang etwas zu ändern. Da muss die Politik die Weichenstellungen so ändern, dass neue Technologien auch eine Chance haben. Also wenn die Hersteller kein CO2 einsparen müssen, dann ändern sich auch nichts."

Genau die Strategie, die das Land in die Steinzeit zurück befördert:

Technologien, die von den Unternehmen nicht eingesetzt werden, weil unwirtschaftlich und enorm Ressourcenverschlingend, poltisch fördern.

Das Fördern in Form der großflächigen Einführung der Technologien beginnt nicht etwa dann, wenn in Modellprojekten der ökonomische Nutzen bewiesen wurde.
Nein, der erfolgt ins Blaue hinein mit Geld, dass den Bürgern vorher mit allen möglichen Gebühren und Steuern abgeknöpft wurde.

Das zeigt mehr als deutlich, wie völlig unfähig die Politiker sind, wenn nicht sogar Absicht dahinter steckt, die Fortsetzung des Kriegs gegen Deutschland im Sinne eines Morgenthau-Plans.

Burgfalke vor 30 Wochen

An dieser Stelle kann ich nur hoffen, daß das gut gelingt und daraus möglichst schnell die Nutzung erfolgen wird!

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