"Fakt ist!" aus Dresden Sergej Lochthofen: Ostdeutsche sollten endlich erwachsen werden

"Der wählerische Bürger - wie ist die politische Stimmung im Osten?" Darüber diskutierte Moderator Andreas F. Rook am Montagabend mit der Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz, der "Zeit"-Journalistin Anne Hähnig, dem ehemaligen Chefredakteur der "Thüringer Allgemeine" Sergej Lochthofen und dem Kommunikationsberater Udo Röbel.

von Katrin Tominski

Fakt ist Sergej Lochthofen
Sergej Lochthofen Bildrechte: Katrin Tominski

AfD und Grüne sind die Gewinner der Europa-Wahl. Doch wie wirken sich die Wahlergebnisse auf die Stimmung im Osten aus? Warum wählen die Menschen im Osten so anders als im Westen? Was treibt sie um? Der ehemalige Chefredakteur der "Thüringer Allgemeine" Sergej Lochthofen fällt sein Urteil gnadenlos. "Selten war die Europawahl so spannend. Ich kann mich nur bei den westdeutschen Wählern bedanken, dass sie die Ehre des Landes gerettet haben", erklärte er gleich zu Beginn der Sendung mit Verweis auf die hohen Wahlergebnisse der AfD. Es gebe immer noch ein mentales Problem der Ostdeutschen. Viele seien noch immer nicht in der Bundesrepublik angekommen. Lochthofen kritisierte die Opfer-Rolle vieler Ostdeutscher. "Ich will abschaffen, dass sich viele Ossis nur als Opfer sehen und sich dann wieder nur betrogen fühlen."

Hähnig: Der Osten tickt anders

Anne Hähnig
Anne Hähnig Bildrechte: Katrin Tominski

Damit ruft er die "Zeit"-Journalistin Anne Hähnig auf den Plan. "Ich finde es falsch, eine Wahl immer gleich abzuwerten", entgegnet sie Lochthofen. "Ja, der Osten tickt anders. Viele Ostdeutsche wählen anders. Wir haben es mit einer Partei zu tun, die zum zweiten Mal in Folge stärkste Kraft geworden sind." Nicht die Grünen seien in Ostdeutschland die neue Volkspartei, sondern die AfD. "Man sollte die Wähler beim Wort nehmen und versuchen zu verstehen, was die AfD will." Doch was will die AfD? Was wollen die Wähler von der AfD?

Keine Pauschalisierung von Ostdeutschen

Diese Frage zu beantworten, ist derzeit sicher eines der schwierigsten Unterfangen. Schwierig, weil in diesem Phänomen so viele Aspekte einwirken. Ein ländlicher Raum mit schwindender Infrastruktur sowie vielen älteren und wenig jüngeren Menschen, ein in vielen Regionen nach 1989 nicht bewältigter Zusammenbruch gesellschaftlicher und kultureller Organisationen, Migration, Altersarmut, abgewanderte Generationen und in deren Folge wenig Rückkopplung zwischen Alt und Jung im Alltag  - und das alles vor einem gewaltigen technologischen und digitalen Wandel, der alle relevanten Lebensbereiche umfasst. Innerhalb dieser Problemzonen gibt es Gruppen, die verschieden mit den einzelnen Phänomenen umgehen. Gegen die Pauschalisierung von Ostdeutschen wehrt sich die Politikwissenschaftlerin Astrid Lorenz.

Lorenz: Glaube, sich nicht beteiligen zu können

"Der Osten ist nicht so einheitlich, wie immer behauptet wird", sagt Lorenz. Junge und Ältere wählten anders, ebenso wie Menschen aus Großstädten und dem ländlichen Raum. "Man sollte auch über strukturschwache Regionen in Grenznähe sprechen", forderte Lorenz. Ein großes Problem sei die Partizipationsschwäche vieler Ostdeutscher und Sachsen. Kurzum: Auch 30 Jahre nach der Wende falle es Vielen schwer, sich selbst aktiv einzubringen, politisch und gesellschaftlich. Diese Unterschiede zeigten sich schon allein in den sächsischen Großstädten und seien nicht allein an das Einkommen gekoppelt. Obwohl die Menschen in Leipzig weniger als in Chemnitz verdienten, werde die Stadt als positiver empfunden.

Lorenz sieht an dieser Stelle ein ähnliches Problem wie Lochthofen. "Das Muster mit dem Glauben, sich nicht beteiligen zu können, setzt sich jetzt fort", sagt sie. "Die AfD macht was - das ist der Glaube. Und nicht wir machen etwas. Das wird wieder zu neuen Enttäuschungen führen."

Wer die AfD wählt, wählt Extremisten - das muss man mal ganz klar sagen. Ich erwarte von den Ostdeutschen, dass sie endlich erwachsen werden und nicht immer auf den großen Onkel warten, der ihnen hilft.

Sergej Lochthofen ehemaliger Chefredakteur "Thüringer Allgemeine"

Röbel: Arroganz gegenüber Schülern

Fakt ist Udo Röbel
Udo Röbel Bildrechte: Katrin Tominski

Kommunikationsberater Udo Röbel betonte, Ossi sei nicht gleich Ossi. Es gebe ja auch noch die vielen tausend Schüler, die lange nach dem Zerfall der DDR geboren sind, in Ostdeutschland leben und seit Monaten auf den Friday-for-Future-Demonstrationen für die Einhaltung der Klimaziele auf die Straße gehen. "Friday-for-Future wird arroganterweise von der Politik abgebügelt", so Röbel, der 2014 den sächsischen SPD-Spitzenkandidaten Martin Dulig beriet. "Den Schülern zu sagen: 'Werdet erstmal mal groß, verdient erstmal Euer Geld' - was ist das denn für ein Stil? Wie weit habt Ihr euch entfernt?", appelliert er an die Parteien. "Ich bin 69 Jahre alt, in meiner Zeit gab es noch die APO, die musste sich die gleichen Argumente anhören."

Hähnig: Zwei große Protestbewegungen im Osten

Die Journalistin Hähnig erklärte: "In den letzten Jahren haben wir zwei große Protestgruppen im Osten erlebt. Im Wesentlichen waren es bei Pegida die älteren Leute, die forderten: Wir wollen eine radikale Änderung der Bundespolitik. Jetzt haben wir die Fridays-for-future-Demonstranten, die fordern: Wir wollen eine radikale Änderung der Bundespolitik", sagte Hänig. " Diese zwei Protestgruppen finden wir jetzt in den Wahlergebnissen wieder, die AfD und die Grünen."

Röbel: Wenig Wahrnehmung im Westen

Röbel erklärt im Hinblick auf die Wahlergebnisse in der bundesdeutschen Wahrnehmung: "Im Westen wurde die ostdeutschen Bevölkerung in der Wahlnacht komplett ausgeblendet." Nur einmal sei kurz aufgepoppt, dass das da "in Sachsen etwas anderes passiere". Das sei falsch und werfe die Frage auf, ob da nicht öfter ausgeblendet werde.

Astrid Lorenz bei Fakt ist
Astrid Lorenz Bildrechte: Katrin Tominski

Wir alle müssen verstehen, dass wir Teil des Ganzen sind. Wir müssen miteinander ins Gespräch kommen und darüber sprechen, wo wir als Gesellschaft hinkommen wollen. Natürlich haben die Menschen die Verantwortung, doch sie bleiben trotzdem Mensch. Wir brauchen Stabilität und eine Gesellschaft, in der man sich zuhört. In der es nicht nur darum geht, wieder Mehrheiten für die nächste Wahl zu sammeln.

Astrid Lorenz Politikwissenschaftlerin

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR FERNSEHEN| Fakt ist! | 27.05.2019 | 22:00 Uhr

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