Geschichte des Menschen Enthüllung: Persische Hochebene entscheidender Knotenpunkt menschlicher Migration

31. März 2024, 15:59 Uhr

Die Vorfahren aller lebenden Eurasier scheinen aus dem Gebiet des Persischen Plateaus, also der iranischen Hochebene, zu stammen. Forschenden identifizierten mittels genetischen, paleoökologischen und archäologischen Beweisen dieses Gebiet als Schlüsselregion während der Ausbreitung des Menschen von Afrika nach Eurasien.

Junge Frau mit Brille und seitlich geflochtenem Zopf lächelt.
Autorinnenfoto von Jennifer Schollbach Bildrechte: goldinefotografie/JenniferSchollbach

Afrika - die Wiege der Menschheit. Diesen Satz hat wohl beinahe jeder schon einmal gehört. Aber wie ging es dann eigentlich weiter? Da kommen dann doch die Meisten ins Stottern. Und nicht nur wir, sondern tatsächlich auch Archäologen, denn vieles ist noch immer unklar.

Welchen Weg ging die Menschheit von Afrika aus weiter?

Eines der Rätsel, das die Wissenschaft bisher nicht lösen konnte: Die vollständige Ausbreitung des Menschen von Afrika nach Eurasien. Wir wissen, dass sie stattfand. Wie genau sie ablief, ist noch lückenhaft. Was die Fachwelt annimmt: Die Ausbreitung von Homo sapiens von Afrika nach Eurasien erfolgte in mehreren Wellen.

Die Welle, von der alle heutigen Nicht-Afrikaner abstammen, erfolgte vor 70.000 bis 60.000 Jahren. Die stabile Besiedlung Eurasiens scheint aber erst vor rund 45.000 Jahren erfolgt zu sein. Es klafft also eine gewaltige chronologische Lücke von rund 20.000 Jahren in diesem Kapitel der Menschheitsgeschichte. Was ist da passiert? Wo hat Homo sapiens so lange verweilt? Forschende der Griffith University in Australien haben eine Theorie.

Die Entstehung einer Knotenpunkt-Population

In der Fachwelt wurde auf Grund genetischer und archäologischer Beweise vorgeschlagen, dass die eurasische Bevölkerung, die nach 70.000 bis 60.000 Jahren die erste stabile Deme (Subpopulation) bildete, als Hub-Population (Knotenpunkt-Population) charakterisiert werden kann, von der mehrere Bevölkerungswellen ausgingen, um Eurasien zu kolonisieren.

Blick auf grüne hügel mit sandigen Felskanten.
Peripherie des iranischen Zentralplateaus, wo sich die Menschen möglicherweise über Zehntausende von Jahren konzentriert haben, bevor sie sich in andere Teile Asiens ausbreiteten. Bildrechte: Mohammad Javad Shoaee

Diese Hub-Population konnte aber nicht einfach nur als Stamm angesehen werden, von dem sich Ost- und Westeurasier abspalteten. Vielmehr war es ein komplexes Szenario, das mehrere Expansionen und lokale Auslöschungen umfasste. Diese Hub-Population schien über einen sehr langen Zeitraum in einem bestimmten Gebiet verweilt und sich entwickelt zu haben, bevor sie sich weiter ausbreitete. Vereinfacht gesagt: Homo sapiens hat einen ziemlich langen Zwischenstopp eingelegt. Wo sich dieses Gebiet allerdings befand, konnte bisher nicht festgelegt werden.

Kombination genetischer Beweise und paleoökologischer Modelle

Weil sich aus direkten fossilen Überresten nicht auf die Heimat dieser Hub-Population schließen lässt, haben die Forschenden der Griffith University verfügbare genetische Beweise und paleoökologische Modelle miteinander kombiniert.

"Unsere multidisziplinäre Studie bietet ein kohärenteres Bild der antiken Vergangenheit und ermöglicht Einblicke in den kritischen Zeitraum zwischen der Ausbreitung aus Afrika und der Differenzierung der eurasischen Populationen", sagt Professor Petraglia, Direktor des australischen Forschungszentrums für menschliche Evolution an der Griffith University.

Persien könnte lange Heimat der Post-Afrikaner gewesen sein

Eine sehr verpixelte Karte von Europa, Afrika und Asien. Grüngefärbte Kartenteile zeigen die Gebiete an, in denen menschliche Besiedlung möglich war.
Die Karte zeigt die Anzahl der Zeitintervalle zwischen 70.000 und 30.00 Jahren, in denen jedes Gebiet nach dem Modell der Forschenden als für die menschliche Besiedlung geeignet vorhergesagt wird. Der schwarze Rahmen zeigt das Gebiet, das auf Grund genetischer Nachweise als Standort der Hub-Population vermutet wird. Bildrechte: Griffith University

Die Forschenden stellten fest, dass der Gürtel des Persischen Plateaus während der gesamten Zeit von 60.000 bis 40.000 Jahre ein geeigneter Lebensraum für die menschliche Besiedlung war. Im Vergleich zu anderen Gebieten in Westasien konnte er eine größere Bevölkerung aufnehmen. Dieser Gürtel umgibt die zentraliranische Wüste und die südliche kaspische Küste, das Zagros-Gebirge, den Persischen Golf und Mesopotamien.

Die Forschenden schließen aber auch den nordöstlichen Teil der arabischen Halbinsel als südlichen Rand des Gebiets nicht aus.

Eine Landkarte auf der die Flächen von Europa, Afrika und ein Teil Asiens zu sehen ist. In einem Farbverlauf, der gelb in Afrikabeginnt, sich nach Asien sieht und dann nach Europa hin in einem Bogen von orange bis in satte Rottöne mündet. Kleine schwarze Dreiecke markieren wann und wo Menschen gesiedelt haben.
Die hellgelben Töne zeigen die wahrscheinlichsten Standorte der Hub-Population aus genetischer Sicht Bildrechte: Griffith University

Außerdem ermittelten sie, dass die genetische Komponente, die der Hub-Population am nächsten kommt, in alten und modernen Populationen auf dem Persischen Plateau vertreten sind.

Vorfahren aller lebenden Eurasier kommen vom Persischen Plateau

Laut der Forschenden sprechen Informationen aus archäologischen Funden dafür, dass der moderne Mensch sehr lange in dieser Region anwesend war. Außerdem stützt die nachgewiesene Anwesenheit von Neantertalern im Zagros-Gebirge bis mindestens vor 40.000 Jahren die Vorstellung, dass die Vorfahren aller lebenden Eurasier rund 20.000 Jahre in diesem Knotenpunkt-Gebiet verbracht haben, sich mit unseren archaischen Verwandten vermischten und sich schließlich in die Populationen differenzierten, die zur Kolonisierung Eurasiens, Ozeaniens und Amerikas führten.

Ausgrabung der Pebdeh-Höhle im südlichen Zagros-Gebirge.  Pebdeh wurde bereits vor 42.000 Jahren von Jägern und Sammlern bewohnt.
Ausgrabung der Pebdeh-Höhle im südlichen Zagros-Gebirge. Pebdeh wurde bereits vor 42.000 Jahren von Jägern und Sammlern bewohnt. Bildrechte: Mohammad Javad Shoaee

"Die Entdeckung des Persischen Plateaus als Drehscheibe für die frühe menschliche Migration öffnet neue Türen für die archäologische Erforschung, bereichert unser Verständnis der Reise unserer Spezies über die Kontinente hinweg und unterstreicht die zentrale Rolle dieser Region bei der Gestaltung der Menschheitsgeschichte."

Die Forschenden kommen zu dem Schluss, dass das Gebiet für zukünftige archäologische Untersuchungen eine Schlüsselregion darstellen sollte.

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Planet Schule: Die außergewöhnliche Reise der Menschheit | 02. Juli 2022 | 10:00 Uhr

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